Was bleibt... Erinnerbarkeit ein Qualitätsindikator?

cellodil (22.02.2009, 10:17):
Ihr Lieben,

als ich gerade den Konzertbericht von Heike über einen "ganz netten", aber nicht wirklich in irgendeine Richtung spektakulären Abend gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob Erinnerbarkeit vielleicht eine Art Qualitätsindikator sein könnte... Oder auch, was das eigentlich für Abende oder Momente sind, die einem von einem Konzert gewärtig bleiben.

Liebe Grüße

Sabine
nikolaus (22.02.2009, 10:43):
Das ist eine gute Frage, die ich mir auch bisweilen schon gestellt habe.

Neulich habe ich einen Freund gefragt, welches seine schönsten - in diesem Falle - Tanzaufführungen gewesen sind. Er ist Bühnentänzer und hat eine Menge hochklassiger Stücke gesehen, aber es waren nur ganz wenige, die ihm einfielen.
Dann habe über meine eigenen Erlebnisse (Musik und Tanz) nachgedacht, und auch bei mir waren es nur wenige.

Ein reiner Qualitätsindikator scheint mir daher die Erinnerbarkeit nicht zu sein.
Dazu ist das Erleben viel zu komplex.
Ich glaube, die erinnerbaren Momente habe einen vor allem emotional berührt. Das hängt ja nicht nur von der Qualität der Künstler, sondern auch von der eigenen Verfassung/Offenheit für solch ein Erleben ab
Und: es kann ja auch ein negatives Erlebnis sein, an das man sich erinnert...

Was denkt ihr?

Gruß, Nikolaus.
Heike (22.02.2009, 14:32):
Hallo,
ob es ein Qualitätskriterium ist? Ich weiß nicht, bei einem Profi vielleicht, der nur von absoluten Sternstunden berührt wird.

Meine eigne Erinnerung ist da viel zu subjektiv. Allzeit gegenwärtig bleiben mir vor allem die Dinge, die mich entweder sehr überraschten, sehr berührten oder sehr verärgerten.
Heike
Gamaheh (22.02.2009, 19:21):
Da ich mich praktisch an alles erinnere (und Ihr sicher auch), ist die reine Erinnerbarkeit sicher kein Kriterium, höchstens vielleicht das Nicht-Erinnern eins für besonders schlimme Episoden, die man erfolgreich verdrängt (aber nicht vergessen) hat.

Aber wenn ich gerne und häufig an etwas zurückdenke oder gar davon erzähle, dann ist das sicherlich ein Hinweis darauf, daß solch ein Erlebnis für mich zumindest eine gute Qualität hatte. Aber auch das ist natürlich nur ein subjektives Kriterium.

Grüße,
Gamaheh
cellodil (23.02.2009, 18:37):
Ihr Lieben,

:thanks für die Antworten.

Erstaunt hat mich, dass Du dich an alles erinnerst, Gamaheh. Das ist bei mir definitiv nicht der Fall.

Am besten kann ich das Erinnern und Nicht-Erinnern bei Texten nachvollziehen, weil ich damit tagtäglich und in erheblichem Umfang umgehe; allerdings habe ich den Eindruck, dass es sich bei anderen "Kunstprodukten" ähnlich verhält (Theater, Film, Musik,...). Da fällt bei mir das Mittelmäßige definitiv aus dem Erinnerungsspeicher raus und zwar ziemlich schnell (bisweilen sogar innerhalb eines halben Tages). Ich denke, das ist so eine Art Überlastungsschutz, weil ich bei Nicht-Vergessen vermutlich schon komplett gaga geworden wäre (so hält sich's im großen Ganzen noch im Rahmen :wink ). Ganz und gar Grausiges oder außergewöhnlich gelungene oder besondere oder in irgendeiner Art originelle Texte kann ich mir hingegen verhältnismäßig lange merken.

Insofern gebe ich Nikolaus ganz recht: Auch Fürchterliches ist erinnerbar.

Und ich denke auch, dass die aktuelle Befindlichkeit des Rezipienten eine gewisse Rolle für die Erinnerbarkeit von Ereignissen spielen könnte. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass etwas Grandioses gänzlich an einem vorbeirauschen und damit der Vergessenheit anheim fallen würde, nur weil man ein bisschen müde ist (es sei denn, man ist so müde, dass man einschläft). Oder???

Wichtig scheint mir auch der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen emotionalem Berührtsein (positiv oder negativ) und Erinnerbarkeit.

Alles in allem würde ich Erinnerbarkeit vielleicht als einen Indikator (von mehreren) für etwas wie "Qualität" (was auch immer man im Einzelfall darunter verstehen mag), aber wohl nicht unbedingt als Kritierium für Qualität (und schon gar nicht als alleiniges).

Was meint Ihr?

Liebe Grüße

Sabine
nikolaus (23.02.2009, 18:58):
D'accord!
Gamaheh (23.02.2009, 19:55):
Original von cellodil
Erstaunt hat mich, dass Du dich an alles erinnerst, Gamaheh.

Liebe Sabine,

mit "erinnern" meine ich nicht unbedingt aktives Erinnern, sondern lediglich, daß es nicht vergessen ist und bei Bedarf oder auf den passenden Reiz hin aktiviert werden kann. Ich vergesse auch für mich irrelevante Dinge ganz schnell in dem Sinne, daß es aus meinem Bewußtsein verschwindet - aber da ist ohnehin nur für weniges auf einmal Platz. Auch die wunderbarsten Momente des Lebens können nicht ständig präsent sein, sonst würde es ja nicht weitergehen ...

weil ich bei Nicht-Vergessen vermutlich schon komplett gaga geworden wäre

Nun weißt Du bescheid ...

Ich glaube auch, daß Müdigkeit ganz schnell vergeht, wenn man etwas Grandioses (usw.) erlebt.

Viele Grüße,
Gamaheh
cellodil (23.02.2009, 20:40):
Original von Gamaheh
Original von cellodil
Erstaunt hat mich, dass Du dich an alles erinnerst, Gamaheh.

mit "erinnern" meine ich nicht unbedingt aktives Erinnern, sondern lediglich, daß es nicht vergessen ist und bei Bedarf oder auf den passenden Reiz hin aktiviert werden kann. Ich vergesse auch für mich irrelevante Dinge ganz schnell in dem Sinne, daß es aus meinem Bewußtsein verschwindet - aber da ist ohnehin nur für weniges auf einmal Platz. Auch die wunderbarsten Momente des Lebens können nicht ständig präsent sein, sonst würde es ja nicht weitergehen ...


Liebe Gamaheh,

jetzt bin ich beruhigt!!!!

Original von Gamaheh
Ich glaube auch, daß Müdigkeit ganz schnell vergeht, wenn man etwas Grandioses (usw.) erlebt.

.... und umgekehrt gibt es diese Veranstaltungen, zu denen man ausgeschlafen, frisch und munter geht und bei denen dann einen eine unabweisbare Schläfrigkeit und Müdigkeit befällt...

Liebe Grüße

Sabine
nikolaus (23.02.2009, 22:11):
Original von cellodil

.... und umgekehrt gibt es diese Veranstaltungen, zu denen man ausgeschlafen, frisch und munter geht und bei denen dann einen eine unabweisbare Schläfrigkeit und Müdigkeit befällt...

Liebe Grüße

Sabine

Oh ja, dazu gehören bei mir - sorry, etwas off topic - gewisse arg routinierte Vorlesungen und Vorträge in abgedunkelten Räumen. http://www.smilies.4-user.de/include/Schlafen/smilie_sleep_041.gif
Es sei denn, sie sind mit power-point-Effekten vollgestopft, da wird mir eher übel oder ich kriege einen epileptischen Anfall... http://www.smilies.4-user.de/include/Krank/smilie_krank_133.gif

Nikolaus
cellodil (24.02.2009, 22:12):
Lieber Nikolaus,

so wirklich attraktiv als Alternative scheint mir der Anfall nicht gerade....Da hilft wohl nur Beine in die Hand und nix wie weg... oder rausgehen und mal eben zum Zigarettenholen gehen...

Liebe Grüße

Sabine
nikolaus (24.02.2009, 22:42):
:J Da wird man glatt zum Raucher...
sterniwaf (07.03.2009, 08:58):
Erinnerung als Qualitätsindikator?
Auf jeden Fall. Vor zwei Jahren wurde "Tannhäuser" von Wagner in Münster aufgeführt. Ich hatte einen Spitzenplatz und wurde von dem Klangerlebnis der Overtüre aus dem Orchestergraben förmlich umgehauen. Der Schall eines großen Orchesters, gebündelt quasi aus einem großen Loch, verbunden mit einem idealen Hörerplatz.
Ich höre seit 30 Jahren Musik, von Spitzenanlagen über riesen Discoanlagen bis hin zu Popkonzerten habe ich alles mitgemacht.
Dann traut man sich in eine Wagneroper und hat das beste Klangerlebnis seines Lebens.
Jetzt kann ich über Hifi-Freaks nur noch müde lächeln, aber auch manches Konzert relativiert sich.
Ich meine nicht die Qualität der Darbietung, sondern das reine akustische Erlebnis, resultierend aus Standort des Orchesters und meines Platzes.
Dies Musikerinnerung hat mir bei der Suche nach einer neuen Musikanlage geholfen und ich konnte viel Geld sparen!