Peter Brixius (17.01.2015, 12:57): Leichter ist es wohl, die Frage zu beantworten, was eine Oper ist, obwohl sich Form und Inhalt seit Monteverdi mehrfach tiefgreifend verändert haben. Auch da mag es Problemfälle geben, aber am Beispiel von Strauss: Der Rosenkavalier, ein Werk, das zum Spezialfall Literaturoper gehört, ist trotz der Gattungsbezeichnung "Komödie für Musik" die Zuordnung klar: Das ist eine Oper, keine Operette. Auf das "Warum" gibt es eine Anzahl von Antworten, am besten vergleicht man sie mit einer zeitgenössischen Operette, etwa der "Csárdásfürstin", dann wird die Antwort deutlich: in der "Csárdásfürstin" gibt es gesprochene Dialoge, im Rosenkavalier nicht. Auch wenn es Annäherungspunkte gibt, die "Csárdásfürstin" ist deutlich mehr von musikalischen Tanzformen bestimmt als "Der Rosenkavalier".
Reicht dieses Minimalpaar mit/ohne gesprochene Dialoge aus? Die Frage gebe ich erst einmal gerne weiter ...
Liebe Grüße Peter
stiffelio (17.01.2015, 21:26): Lieber Peter,
das kannst du nur als Einstiegsfrage meinen :wink. Es käme ja niemand auf die Idee, wegen der gesprochenen Dialoge den Fidelio oder den Freischütz als Operetten zu bezeichnen. Es muss also mindestens noch die zeitliche Grenze als Unterscheidungskriterium hinzu, ab wann gesprochene Dialoge eine Operette kennzeichnen. Ob man diese Grenze (irgendwann im 19. Jh.?) absolut scharf und für alle Länder ziehen kann, entzieht sich zwar meiner Kenntnis, aber du weißt das sicherlich. :D
VG, stiffelio
Peter Brixius (17.01.2015, 21:43): Liebe Stiffelio,
ich hätte auch gleich die zweite Bedingung angeben können, dass es sich um eine Komödie handelt, damit sind "Fidelio" und "Freischütz" raus (bei denen ist dann die Frage offen: Sind das eigentlich Singspiele oder Opern - und wenn Opern, warum?)
Klotz hat mit der Mitte des 19. Jahrhunderts insofern Recht, weil sich da die opéra comique formal gefestigt hat und damit die Weiterentwicklung zur Operette möglich ist.
Gut denn: gesprochene Dialoge und komödienhafter Stoff - reicht das aus?
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (17.01.2015, 21:44): Was "Operette" ist kann ich nicht sagen, schon deswegen, weil ich mich nie damit beschäftigt habe.
Meine erste Operette sah ich vergleichsweise spät, das war 1996 in Mörbisch, die Fledermaus (damals mit Teddy Podgorsky als Frosch und dem wesentlich jüngeren Sebastian Holecek).
Die zweite sah ich dann 2006 in der Volksoper, Die lustige Witwe. Und seitdem nie wieder eine.
Ich möchte zum musikalischen sagen, dass ich mir vorstellen kann, dass ein großer Unterschied darin zu finden ist, dass in der Operette wohl nie ein riesiges Orchester a la Wagner oder Strauss findet, und schon gar nicht "die Auftürmung der kompliziertesten und ausgetüfteltsten Harmonien", wie Tchaikovsky über Wagners Ring einmal sagte.
Vielleicht ist die Operette auch mehr auf Melodien, auf Ohrwürmer bedacht?
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (17.01.2015, 21:52): Hallo zusammen,
mir kam bei dem Thema "Abgrenzung zwischen Oper und Operette" spontan die Frage, ob es Fälle gibt, wo das nicht so richtig eindeutig zuzuordnen ist? Mir fällt da kein einziges Werk ein. Oder gibt es so etwas doch?
LG, Rk
Kleines OT: Habe gerade zum Spaß mal nach "Operette" gegoogelt und gestaunt: da kommt als erster Treffer die Wiki-Seite und als zweiter die Startseite der Staatsoperette Dresden :D, in der ich, muss ich zugeben, bisher nur ein einziges Mal war -- und was habe ich da wohl gesehen: eine Oper (Carmen) :P.
Hosenrolle1 (17.01.2015, 21:56): Original von Peter Brixius Liebe Stiffelio,
ich hätte auch gleich die zweite Bedingung angeben können, dass es sich um eine Komödie handelt, damit sind "Fidelio" und "Freischütz" raus (bei denen ist dann die Frage offen: Sind das eigentlich Singspiele oder Opern - und wenn Opern, warum?)
Auszug aus der Wiki:
Das Singspiel ist ein Schauspiel mit musikalischen Einlagen (Lieder, Tänze, Instrumentalsätze) und meist heiterem Grundcharakter. Im Unterschied zur Opera buffa hat das Singspiel zwischen den Gesangsnummern keine Rezitative, sondern gesprochene Dialoge.
Dem ersten Satz würde m.E. der Freischütz (den Fidelio kenne ich zuwenig) schon mal nicht entsprechen, da es durchaus auch durchkomponierte Szenen gibt, etwa die Wolfsschlucht oder das Finale.
Ich verstehe den ersten Satz auch so, dass die musikalischen Einlagen eher dafür gedacht sind, dass es halt auch Musik gibt. Beim Freischütz aber ist die Musik viel subtiler, die synkopierten Rhythmen, die vielen Tremoli und Holzbläser im tiefsten Register, etc.
Für mich ist das mehr als eine "Nebenbei-Musik" zur Unterhaltung.
Im zweiten Satz ist die Rede von Rezitativen, doch die gibt es im Freischütz. Die ersten 16 Takte der Agathenarie sind als Rezitativ notiert, und auch das Meiste dieser Arie ist ein Rezitativ ("Oh wie hell die goldnen Sterne, mit wie reinem Glanz sie glühn" usw.)
LG, Hosenrolle1
palestrina (17.01.2015, 23:15): Zwei Antworten aus Lexikas ....
Brockhaus-Riemann-Musiklexikon. Herausgegeben von Carl Dahlhaus
Operette, ein Bühnenwerk vorwiegend heiteren Charakters mit gesprochenem Dialog, Gesang und Tanz. Die Szenenfolge findet ihre Höhepunkte in den jeweils aktuellen Tänzen der Zeit, durch die die musikalische Substanz der Operette wesentlich bestimmt wird.
Harald Haslinger, Operette
Rein terminologisch ist der Begriff Operette (ialienisch, englisch operetta; französisch opérette; spanisch opereta) ein Diminutiv von Opéra, *Opera oderOper und bezeichnet urspünglich ein musikalisches Bühnenwerk von kürzerer Dauer, in dem gesungene oder instrumental vorgetragene Musiknummern mit gesprochenem Dialog- oder Monologpassagen abwechseln. Bereits im jahr 1664 erschien am Wiener Hoftheater Leopolds II. eine Operetta per nascita dell´imperatrice Eleonora, eine musikalische Geburtagsfeier also. Historisch betrachtet häuft sich das Auftreten des Begriffs ab Mitte des 18. Jahrhunderts und seine Verwendung ist stes vollkommen unscharf, meist mit den BegriffenSingspiel, Komisches Singspiel oder Komische Operette einhergehend.
Habe noch etwas gefunden ... Aus dem Buch OPERETTE von Volker Klotz
Jaques Offenbach hat etwas in die Welt gesetzt, das vorher nicht da war, ohne ihn nicht da wäre und seitdem immer noch unverkennbar da ist.Auch der Sprachgebrauch besiegelt sie ; die Offenbachiade. was ist das nun, dieses Etwas , das seinen Namen trägt, selbst dort noch, wo er selber es gar nicht gemacht hat, sondern jemand anderes, aber eben nach der mustergültigen Art des Erfinders? Denn Offenbachiaden hießen alsbald, querweg durch Europa, auch Bühnenwerke div. Wiener Komponisten!
LG palestrina
Z.B.ist doch auch der Übergang zum Singspiel fließend (ZuZ, Waffenschmied usw.)
Peter Brixius (24.01.2015, 21:36): Original von Hosenrolle1 Original von Peter Brixius Liebe Stiffelio,
ich hätte auch gleich die zweite Bedingung angeben können, dass es sich um eine Komödie handelt, damit sind "Fidelio" und "Freischütz" raus (bei denen ist dann die Frage offen: Sind das eigentlich Singspiele oder Opern - und wenn Opern, warum?)
Auszug aus der Wiki:
Das Singspiel ist ein Schauspiel mit musikalischen Einlagen (Lieder, Tänze, Instrumentalsätze) und meist heiterem Grundcharakter. Im Unterschied zur Opera buffa hat das Singspiel zwischen den Gesangsnummern keine Rezitative, sondern gesprochene Dialoge.
Ich habe bei Koch ("Das deutsche Singspiel") folgende Deinition gefunden
- Wahl eines heiteren Stoffes, - ländlich-einfaches Milieu, - Aufführung durch singende Schauspieler, - Vorrang des gesprochenen Textes vor den Gesangseinlagen (nach Koch, S. 24)
Das "ländlich-einfache Milieu" ist ein klares Unterscheidungskriterium zur Operette, alle vier Punkte machen eine klare Zuordnung von "Fidelio" und "Freischütz" zur Oper möglich.
Aber eine Nähe von Operette zum Singspiel ist wohl nachvollziehbar; als sich die Operette entwickelt, ist das Singspiel ohnedies weitgehend von der Bühne verschwunden.
Ach ja, die Rezitative; das darf man wohl nicht zu eng nehmen, denn es kann ein Accompagnato (also ein orchesterbegleitetes Rezitativ) als Einleitung zu einer Arie oder Teil eines Finales geben. Bei zeitgenössischen Aufführungen des "Don Giovanni" wurden auf der anderen Seite oft die Rezitative durch gesprochene Dialoge ersetzt.
Liebe Grüße Peter
Amonasro (24.01.2015, 23:41): Hallo Peter,
was machen wir dann nur mit Mozart? Meines Wissens werden Die Entführung aus dem Serail und Die Zauberflöte in der Regel als Singspiele bezeichnet. Hier wäre das ländlich-einfache Milieu nicht vorhanden; inwiefern der gesprochene Text bei Mozart Vorrang vor dem Gesang hat, bleibt zumindest fraglich.
Ich muss zugeben, bei der genauen Definition der einzelnen Musiktheater-Gattungen ohnehin den Durchblick verloren zu haben. Auch frage ich mich, ob das Singspiel überhaupt der Gattung Oper oder eher der Operette zuzurechnen ist, oder steht es als vollständig eigene Gattung da? Strauss' Die Fledermaus wird teilweise auch der Oper zugerechnet (z.B. Wikipedias Liste populärer Opern), obwohl für mich immer ganz klar eine Operette. Fragen über Fragen.
Ich vermute, dass wie auch in der Literatur in vielen Fällen eine eindeutige Zuordnung nicht möglich sein wird, hoffe aber, dass sich doch noch eine zufriedenstellende Defintion finden lässt.
Gruß Amonasro :hello
Peter Brixius (25.01.2015, 00:06): Lieber Amonasro,
die angegebene Definition ist eine idealtypische, die die Singspiele von Hiller, Dittersdorf u.a. als Ausgangspunkte nimmt. Ich denke, dass aber das Kriterium "singende Schauspieler" da gut weiter hilft. Die Schauspielerin möchte ich erleben, die die "Marterarie" hinkriegt.
Ansonsten: in der Zeit Mozarts sind die Grenzen fließend. Typisch dafür ist La finta giardiniera - ein dramma giocoso (die gleiche Gattung wie der "Don Giovanni"), d.h. auf jeden Fall eine Oper mit Rezitativen und allem Drumherum.
Es existiert aber eine deutsche Fassung "Die Gärtnerin aus Liebe" - hier ohne Rezitative, statt dessen Dialoge - offensichtlich für eine Wanderbühne arrangiert (von Wolfgang Amadeus wahrscheinlich) und dort dann als Singspiel aufgeführt. Die ländliche Atmosphäre ist da, die komische Handlung ...
Und klar, das trifft bei der "Entführung" nicht zu. Und was die "Zaide" geworden wäre ... :D Nun gut, 100%ig ins Schema passt "Bastien und Bastienne"
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (25.01.2015, 11:35): Original von palestrina Zwei Antworten aus Lexikas ....
Brockhaus-Riemann-Musiklexikon. Herausgegeben von Carl Dahlhaus
Operette, ein Bühnenwerk vorwiegend heiteren Charakters mit gesprochenem Dialog, Gesang und Tanz. Die Szenenfolge findet ihre Höhepunkte in den jeweils aktuellen Tänzen der Zeit, durch die die musikalische Substanz der Operette wesentlich bestimmt wird.
Lieber palestrina,
Das ist eine Definition, die mir gefällt, auch wenn sie relativ unscharf aussieht. Was heißt "vorwiegend heiteren Charakters"? Wie Tragödien ihre grotesken Szenen zum Kontrast brauchen, so Kommödien die ernsten Züge. Wenn man die unterschiedlichen Längen beachtet, so bringen sie auch Anforderungen an die Handlung. Eine dreiaktige Kommödie kann man nun nicht in einer Tonart schreiben, da braucht es Entwicklungen, Spannungsbögen, Gegenbewegungen. Das fast veristische Ende des 1. Aktes der "Csárdásfürstin" ist dafür ein Beispiel: erst die gebrochen-verfremdete Aufname des "Die Mädels vom Chantant", dann Ferri, der Habitué, der die Nacht noch nicht so früh beenden möchte, aber ohne die Kameraden in einem eher nachdenklichen Andantino versickert. Endzeitstimmung (und da hat Klotz eben nicht Recht, doch dazu nächstens).
Aber eine solche Gattungsbestimmung soll das ganze Feld umreißen, nicht einen Typus als den bestimmenden festlegen. Und da ist mir obige Definition eben Recht.
Harald Haslinger, Operette
Rein terminologisch ist der Begriff Operette (ialienisch, englisch operetta; französisch opérette; spanisch opereta) ein Diminutiv von Opéra, *Opera oderOper und bezeichnet urspünglich ein musikalisches Bühnenwerk von kürzerer Dauer, in dem gesungene oder instrumental vorgetragene Musiknummern mit gesprochenem Dialog- oder Monologpassagen abwechseln. Bereits im jahr 1664 erschien am Wiener Hoftheater Leopolds II. eine Operetta per nascita dell´imperatrice Eleonora, eine musikalische Geburtagsfeier also. Historisch betrachtet häuft sich das Auftreten des Begriffs ab Mitte des 18. Jahrhunderts und seine Verwendung ist stes vollkommen unscharf, meist mit den BegriffenSingspiel, Komisches Singspiel oder Komische Operette einhergehend.
haslinger ist den schwierigeren Weg gegangen, er berücksichtigt den Gebrauch des Wortes - und das noch vor 1850. Ob man den Gebrauch nur auf die deutsche Operette beschränken sollte (sonst fehlen die Buffa und die Opéra comique), weiß ich nicht, denn die Einflüsse sind auch über die Alpen und den Rhein vorhanden. Insofern hilft diese Definition weniger weiter, meine ich.
Habe noch etwas gefunden ... Aus dem Buch OPERETTE von Volker Klotz
Jaques Offenbach hat etwas in die Welt gesetzt, das vorher nicht da war, ohne ihn nicht da wäre und seitdem immer noch unverkennbar da ist.Auch der Sprachgebrauch besiegelt sie ; die Offenbachiade. was ist das nun, dieses Etwas , das seinen Namen trägt, selbst dort noch, wo er selber es gar nicht gemacht hat, sondern jemand anderes, aber eben nach der mustergültigen Art des Erfinders? Denn Offenbachiaden hießen alsbald, querweg durch Europa, auch Bühnenwerke div. Wiener Komponisten!
Bei Klotz werde ich mit dem nächsten Beitrag ansetzen, er hat eine Idealform definiert, seine Idealform, da gibt es scharf konturierte Kriterien - und Urteile, die Offenbachs Operetten als "gute", Kálmáns aber als weniger gute klassifizieren. Das schauen wir uns auf jeden Fall etwas näher an.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (13.02.2015, 18:29): Bei Volker Klotz ("Operette. Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst") findet man eine sehr mutige Definition der Operette:
eine eigenwertige, eine fortschrittliche, eine vitale und vitalisierende Kunst.
Wenn man ein ganzes Genre als "fortschrittlich" bezeichnet (man überlege sich mal eine solche Äußerung zur Oper oder zum Singspiel), dann kommt es mir vor wie ein Pott, den man auf den Kopf setzt und alles wegschneidet, was noch sichtbar ist. Fortschritt in der Kunst ist schon ein umstrittener Begriff, den ich gerne einmal in einem eigenen Thread diskutieren möchte, "fortschrittlich" ist aber noch etwas Eigenes, man assoziiert gleich etwas Politisches. Und so ist es auch gemeint. Nach einem Seitenhieb gegen die "stumpf-sinnigen Verwerter" stellt Klotz fest:
Überlebt und gegenstandslos wäre die Operette erst dann, wenn ihre kecken Glücksforderungen eingelöst und die Objekte ihrer unartigen Angriffe verschwunden wären.
Starker Toback - keck soll sie ein (utopisches) Glück einfordern, das sie im Hier und Jetzt nicht finden kann. Anders formuliert: Glaubt sie an ein Glück im Hier und Jetzt ist sie rückschrittlich, erfüllt icht die geforderte Norm. Wie man sieht, ich werfe schon einen vorsichtigen Blick zur "Csardasfürstin" herüber. Man kann das Urteil von Klotz wohl schon erahnen.
Aber noch ein Charakteristikum: Unartig soll sie sein, aggressiv. Wo ist etwa der "Zigeunerbaron" unartig? Also ist er auch schon bei der Reihe der erlesenen Werke des Operette laut Klotz gestrichen?
Eine solche Definition macht es leicht zu diskriminieren. Meine nicht geringe Sorge ist die, dass da in dem Handbuch eigentlich nur wenige Seiten übrig bleiben dürften. Dabei hat es durchaus seinen Umfang - aber meist werden die Werke kritisch beäugt. "Der Zigeunerbaron" schließt Frieden mit der österreichischen Militärmacht, "die Csardasfürstin" gibt ihre Freiheit - und ihre künstlerische Tätigkeit - auf, um einem Edwin eine Perlen-Kette von putziger Nachkommenschaft zu schenken. Ihre künstlerische Person verschwindet hinter einem Titel wie bei der Frau Schwiegermama.
Ja, was bleibt da jenseits von Jacques Offenbach noch viel übrig? Noch einmal Klotz (alle Zitate S. 15)
Ein fernes Ziel bleibt immer noch der muntre Gleichklang von Liberté und Fraternité.
Hier schöpfe ich mal kurz Luft, um die Egalité dazuzufügen, die im rheinischen Karneval die närrische Zahl E-L-F vervollständigt. Operette und Karneval?
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (01.03.2015, 19:57): Man kann es auch noch ein wenig härter haben, bei Adorno liest man
Wie stets der Schwachsinn den erstaunlichsten Scharfsinn aufbringt, sobald ein schlechtes Bestehendes zu verteidigen ist, haben die Sprecher der leichten Musik sich angestrengt, solche Standardisierung, das Urphänomen musikalischer Verdinglichung, des nackten Warencharakters, ästhetish zu rechtfertigen und den Unterschied der gesteuerten Massenproduktion von der Kunst zu verwischen. (Adorno: Einleitung in die Musiksoziologie, Frankfurt 3. 1980, S. 40)
Einem solchen Anspruch gegenüber sich zu rechtfertigen, hat wohl Volker Klotz mit seinem Ansatz unternommen. Die Häkchen des oben Gesagten sollte man aber auch nicht übersehen.
Zunächst stellt sich die Frage, ob und wie weit man die Operette der "leichten Musik" zuordnen kann. Es gab u.a. mit Wolfgang Korngold ein Bestreben, die (klassische Wiener) Operette zu "retten", entsprechend ernsthaft hat er Strauß-Operetten bearbeitet. Die bleierne Last einer Bildungsoperette ist nicht zuletzt ihm zu verdanken, seine Fassungen wurden bis weit in die 50er gespielt. Das Tragische des Unternehmens, mit dem ich mich gesondert beschäftigen will, war, dass Korngold damit die ästhetischen Ideen ausgerechnet der nationalsozialistischen Kulturpolitik antizipierte. Operette, die letzlich der Oper gleichgestellt wurde, das war ja der Anfangspunkt der Diskussion hier mit dem Beispiel der Dresdener "Csárdásfürsten".
Das andere Häkchen ist die Frage, wie weit man der Adornoschen Abwertung der "leichten Musik" folgen kann und folgen sollte. Ist "leichte Musik" definitorisch minderwertig? Da setzt die Apologie von Klotz ein, ich denke, von daher ist sie zu verstehen.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 20:48): Original von Peter Brixius Ist "leichte Musik" definitorisch minderwertig?
Ich finde, nein.
Wenn Musik etwas mit Gefühlen zu tun hat, bzw. Gefühlsausdruck ist (davon gehe ich jetzt mal aus), gibt es dann "minderwertige" Gefühle, und "hochwertige"?
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 21:19): Lieber hosenrolle1,
so eine Frage stand mal vor langer Zeit am Beginn meiner Überlegungen, in deren Verlauf ich mich mehr und mehr den Adorno-Prämissen entwand. Gibt es "falsche" Gefühle? Wenn mich eine Musik froh stimmt, ist das ein falsches Gefühl?
Oder fragen wir mal bei dem "Zigeunerbaron". Wenn es so zutrifft, wie wir es bei Klotz lesen, dass diese Operette ein (menschenfeindliches) Regime unterstützt, quasi die Unterdrückung der Zigeuner noch veredelt - nehmen wir das mal als Prämisse hin - heißt das auch, dass "Das Lesen und das Schreiben" für uns heute auch noch verachtenswert ist? Müssen wir nicht beides sehen, die Funktion, die das Werk zu seiner Zeit hatte - und wie wir heute damit umgehen können?
Und - wird hier nicht mehr das Libretto gewertet als die Musik? Stiftet die Musik nicht eine andere Wirklichkeit?
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 21:38): Original von Peter Brixius Oder fragen wir mal bei dem "Zigeunerbaron". Wenn es so zutrifft, wie wir es bei Klotz lesen, dass diese Operette ein (menschenfeindliches) Regime unterstützt, quasi die Unterdrückung der Zigeuner noch veredelt - nehmen wir das mal als Prämisse hin - heißt das auch, dass "Das Lesen und das Schreiben" für uns heute auch noch verachtenswert ist? Müssen wir nicht beides sehen, die Funktion, die das Werk zu seiner Zeit hatte - und wie wir heute damit umgehen können?
Und - wird hier nicht mehr das Libretto gewertet als die Musik? Stiftet die Musik nicht eine andere Wirklichkeit?
Das wollte ich gerade auch fragen, bis ich bei deinem letzten Satz war :wink
Da gehts natürlich um Libretto und Musik, also um konkrete Inhalte. Die können durchaus verachtenswert sein!
Aber Musik, die ohne Text auskommt (also Sinfonie, etc.) kann m.E. nicht minderwertig sein, wenn es um die Gefühle dabei geht. Ich kann z.B. nicht nachvollziehen, wieso viele gegen Tchaikovskys Musik schimpfen, weil sie vielleicht zu viele "leichte" Melodien hat, zu eingängig ist, zu süßlich, oder was weiß ich was. Aber was spricht dagegen? Wenn der Komponist auf diese Weise Gefühle ausdrücken konnte, sehe ich da kein Problem darin. Ich muss es ja nicht mögen.
Rein technisch kann sie natürlich gut oder schlecht sein, wenig ausgereift, anfängerhaft instrumentiert, usw. usf.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 22:00): Lieber hohenrolle1,
ich werde das Thema gerne in einem anderen Tread aufnehmen. Bei der Operette haben wir es mir mit Libretti zu tun. Es ist eine Fortsetzung der komischen Oper, u.a. des dramma giocoso des Paisiello. Das Happy-end, das da so einige Sauertöpfe dem Gluckschen Orfeo vorwerfen (und wie komplex wird die Lösung erst bei Offenbachs Orphée), ist programmiert - der Zweifel daran allerdings auch, das sollte man nicht übersehen.
Wie sieht es mit dem Happy-end der Csárdáds-Fürstin aus? Ihre Schwiegermutter hat wohl einen ähnlichen Weg beeschritten, allerdings unter einer lebenslangen Verleugnung ihrer künstlerischen Existenz. Aber diese Zweifel werden bei Kálmán überhaupt nicht unter den Teppich gekehrt. Da hat es Strauß im "Zigeunerbaron" "einfacher" - hier geht es um Macht, um Herrschaft, um Reichtum - und dass der Mann der Frau mindestens ebenbürtig sein soll.
Dich darf ich es ja fragen: Ist "Purple Rose of Cairo" reaktionär? Oder ist der Film nicht so eine verzweifelte letzte Hoffnung auf Glück, die jemandem zu nehmen, menschenfeindlicher ist als jedes Regime?
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 22:40): Ich fand "Purple Rose of Cairo" ehrlich gesagt fürchterlich. Ein Werk eines Regisseurs, der seine Blütezeit Ende der 60er und in den 70er Jahren hatte - bis die 80er Jahre kamen.
Die Frau hat am Ende sogar selbst entschieden, dass sie lieber beim ihr unbekannten Schauspieler bleiben will, statt bei der Filmfigur.
Aber generell verstehe ich (auch bei Opern) nicht, warum man gerne Menschen scheitern sieht.