Was ist das Besondere an Brahms' Orchestermusik?

Jeremias (06.06.2006, 20:21):
Wenn es um gute Orchestermusik geht, so haben wir ja wirklich die Qual der Wahl! Aber war macht gerade die Musik von Brahms so einzigartig? Hängt es damit zusammen, dass er die Tradition eines Beethoven fortführte? Oder damit, dass er sich erst in einem reifen Alter "getraut" hat, Orchestermusik zu schreiben und es in dem Sinne keine Experimente mehr waren? Gewiss, die Themen sind schon einzigartig, aber bei Brahms kommt doch noch das gewisse "etwas" hinzu..... von daher höre ich gleich:

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heute per Post gekommen :leb
martin (15.06.2006, 00:43):
Lieber Jeremias,

ich glaube eigentlich nicht, daß es den Reiz von Brahms ausmacht, daß er die Tradition Beethovens fortführt. Ich glaube schon die Titulierung der ersten Sinfonie als "Beethovens 10." ( durch Hanslick glaube ich), war eigentlich ein Mißverständnis. Ich höre jedenfalls keinen Beethoven, wenn ich Brahms höre. Der Einfluß Beethovens ist sicher irgendwie da, aber völlig verarbeitet und diesen Eindruck habe ich eigentlich schon bei den frühsten Sachen von Brahms ( Klaviersonaten, später dann die Serenaden) und die Sinfonien, die ja später kommen, sind genuiner Brahms ohne eine Spur von Beethovenimitation.

Gruß Martin
Wotan (15.06.2006, 18:51):
Bei Brahms liebe ich vor allem die 4te unter Kleiber. Unnachahmlich. Auch die 4 Sinfonien unter Karajan sind gelungen.

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Jeff Klein (15.06.2006, 20:15):
Lieber Wotan!

Schön dass du die Aufnahme erwähnt hast!Das ist die vielleicht perfekteste Aufnahme für mich überhaupt.Die erste Klassik CD überhaupt die ich mir (blind) gekauft habe: was für ein Glücksgriff :down!Ich habe später noch einmal eine weitere Aufnahme von Kleiber(mit den Münchner Philharmonikern) im Fernsehen gesehen, selbst die war nicht so perfekt wie diese CD!Da fällt es einem schwer noch Worte zu finden!Meine CD ist ganz zerkratzt, es wird wohl bald eine neue fällig werden :D!

Ich habe die Sinfonie (und die Sinfonien und Klavierkonzerte im allgemeinen) immer als sehr melancholisch empfunden und kein Komponist vermittelt dieses Gefühl imo so schön wie Brahms.

Gruss,
Jeff
Jürgen (16.06.2006, 08:29):
Aber war macht gerade die Musik von Brahms so einzigartig?

Ich beantworte mal Deine Frage anders als erwartet.

Ich weis es auch nicht, weil zwischen Brahms und mir der Funke noch nicht gesprungen ist.

Ich kenne natürlich nicht alles von ihm, aber seine bekanntesten Werke schon. Das 2.KK, die Sinfonien, das Deutsche Requiem, die Ungarischen Tänze oder die Haydn Variationen, all das berührt mich nicht sonderlich.

Vielleicht kennt jemand eine überragende Interpretation mit einer "bei nichtgefallen Geld zurück"-Garantie, die mich kurieren könnte ?

Eventuell kommt's aber auch einfach mit der Zeit, ich probiere es ja auch erst seit 20 Jahren.

Grüße
Jürgen
martin (16.06.2006, 09:07):
Ja, ich glaube die eigentliche Frage dieses Threads ist wirklich schwer zu beantworten. Was die Musik von Brahms so einzigartig macht, dazu fiele mir vielleicht noch etwas ein, aber "was ist das Besondere an Brahms Orchestermusik?", das ist wirklich kniffelig. Also die Antwort: Weil der Brahms halt der Brahms war und so geniale Musik schreiben und konnte und so wunderbare Melodien schreiben konnte wäre ja wohl ein bißchen einfach. Aber an sich müßte man Fachmann sein und sich wirklich gut auskennen, um zu dem Thema was sagen zu können.

Ich finde, die Brahmsschen Orchesterwerke, mal abgesehen davon, daß sie einfach genial sind, klingen einfach wunderschön. Aber woran dies nun eigentlich liegt? Macht Brahms irgendwelche Dinge in der Harmonik, die über Schumann hinausgehen? Kein Ahnung. Er gilt ja als Konservativer, aber was sagt das schon.

Beeindruckend finde ich, daß der Brahmssche Orchestersatz eigenlich nie leer klingt. Sondern eigentlich immer voll und schön. Und dabei eben doch nie dick. Diese Balance geht nie verloren.

Wie er sonst das Orchester einsetzt weiß ich nicht. Sicher er macht wunderbare Dinge mit den Streichern und Holzbläsern. Er setzt das Schlagzeug sparsam und nie lärmend ein. An massiven Blecheinsatz kann ich mich bei Brahms auch nicht erinnern. Sowas kennt man von Bruckner, von Brahms nicht. Was macht Brahms eigentlich mit den Trompeten? Also an ein Trompetensolo in einer Brahmssinfonie kann ich mich nicht erinnern. Aber ich habe die Brahmssinfonien und Werke auch lange nicht mehr gehört und dann auch nie so bewußt. Man muß sich ja damit auch nicht beschäftigen und kann die Musik einfach genießen.

Gruß Martin
Sarastro (21.12.2007, 20:01):
Was das besondere an Brahms´ Orchestermusik ist? Ich würde (etwas laienhaft, da ich kein Musikwissenschaftler bin) sagen - und teilweise ähnliche Antworten sind hier ja schon, wie ich sehe, von anderen gegeben worden - die Anknüpfung an die Tradition der Wiener Klassik in Aufbau und formaler Konzentration in Verbindung mit Ausgewogenheit der Instrumentation: ganz besonders etwa in der dritten Symphonie in F-Dur deutlich. Auch ist, wie ein Blick in die Partituren zeigt, aber auch beim aufmerksamen Hören erfahren werden kann, der Satz sehr dicht und kunstvoll; den Mittelstimmen wird verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. Freilich: melodisch und stilistisch ist der Unterschied zu Beethoven enorm, da hat Martin (am 15. 6. 2006) natürlich völlig recht (nebenbei fällt mir gerade ein: ich kenne Brahms´ Streichquartette leider nicht gut genug, aber sein c-moll Quartett ist mir in Erinnerung, und das klingt nun stellenweise tatsächlich ganz stark nach Wiener Klassik!).

Das Schwelgen in den für Schubert klischeetypischen „himmlischen Längen“ einerseits und die bei Bruckner häufigen statischen, durch aufgetürmte Bläsermassen charakteristierten Klangblöcke wird man bei Brahms, den eben diese Blöcke an Bruckners Musik erwiesenermaßen enorm störten, kaum finden (was nebenbei bemerkt keine persönliche Kritik an Bruckners Symphonik sein soll!).
In diesem Zusammenhang ein Buch, das ich mir vor vielen Jahren zugelegt und mit großem Interesse und Gewinn gelesen habe: Constantin Floros, Brahms und Bruckner. Studien zur musikalischen Exegetik, Wiesbaden 1980 (der Untertitel klingt viel hochtrabender als das Buch ist; es ist gut lesbar und hat viele Notenbeispiele).

Schöne Grüße,
Sarastro
Nicolas_Aine (09.01.2020, 20:27):
ich habe das inzwischen für mich recht klar beantwortet: Das Besondere ist die Verbindung von Formstrenge mit Emotionalität. Es kommt ja teils auch hier schon zur Sprache, wenn Brahms als konservativ oder an Beethoven anknüpfend bezeichnend wird. Das ist ja beides nicht völlig aus der Luft gegriffen, Brahms steht ja nicht unbedingt für eine Revolutionierung der Musiktheorie. Generell sind seine Kompositionen recht formstreng, insbesondere, wenn man das mit dem vergleicht, was es um ihn herum gab, vor allem als er schon älter war. Aber diese Formstrenge, die ja vielleicht eher noch in die Wiener Klassik gehört, verbindet er mit der Emotionalität und Schwelgerei der Romantik, und das ist für mich das besondere an Brahms.

(Wobei man natürlich auch sagen muss, dass er deutlich weniger konservativ ist, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Bspw. mischt er im Finalsatz der 4. Sinfonie mehrere Formen zusammen, im 1. Satz derselben ist nicht so ganz klar, wo eigentlich die Reprise beginnt. Oder noch deutlicher: Die alternierende Taktart im 3. Satz des 3. Klaviertrios).