Weber: Der Freischütz

Peter Brixius (02.12.2009, 12:08):
Liebe Opernfreunde,

ich möchte in einer lockeren Folge Einspielungen von Webers Freischütz vorstellen und kommentieren und diese Diskographie mit einer Reihe von Anmerkungen zur Rezeption und zum Gehalt der Oper begleiten.

Anfangen möchte ich mit einer Rarität, die auf vier Schellack-Platten aufgenommen wurde:

http://schwanzer.at/Der-Freischuetz.gif
Polydor 95234-37

Diese Einspielungen gehört zu den Versuchen, ganze Opern auf einer erträglichen Anzahl von Platten zu veröffentlichen, indem man von ihnen eine Kurzform herstellte. Hier waren Hermann Weigert und Hand Maeder am Werke, die den Freischütz "für die Heimbühne" einrichteten. Weigert selbst spielte auch die Aufnahme 1929 mit Mitgliedern des Chors und des Orchesters der Staatsbühne Berlin ein (Grammophon 95234-95237 gibt mir eine andere Quelle an).

Über 38 Minuten wird uns die ganze Oper ausgebreitet, doch dabei bleibt einiges auf der Strecke. Gleich die Ouvertüre ist gestrichen und so sind wir gleich in Nr. 1 Introduktion. Außerdem ist nur die Nr. 11 gestrichen, der Entreakt zum dritten Aufzug. Der wird uns auch noch in der einen oder anderen Aufnahme fehlen. Die Frage darf ich gleich weitergeben: Warum hält man dies schöne Stück für streichenswert?

Wenn nun so wenig gestrichen wurde, wie erreichen Weigert und Maeder nun ihr Ziel. An Stücken ist wenig gestrichen worden, wohl wahr, aber in den Stücken doch viel. So werden aus meist um die 5:45 Minuten sag und schreibe 1:07. dem Eingangchor "Victoria, der Meister soll leben" wird ein Großteil der Introduktion genommen, dann geht der bis T. 30 und überspringt dann alles andere bis T. 50, wonach er zu einem schnellen Ende kommt. Gerade einmal um die 30 Sekunden braucht man da. Und das ist das Grundprinzip der Kürzungen: jede Wiederholung, wie immer variiert sie ist, wird gestrichen, geschickt des Schluss angeführt und schon ist man im nächsten Stück.

Wenn man sich auf diese "Kurzoper" eine Art von "Reader's Digest" einlässt, so hört man eine engagierte und gutgesungene Aufführung mit einer durchweg guten Besetzung:

Ottokar - Armin Weltner
Max - Fritz Soot
Kaspar - Eduard Kandl
Agathe - Elfriede Marherr
Ännchen - Tilly de Garmo
Kuno - Deszö Ernster
Kilian - Albert Reiss
Eremit - Rudolf Watzke
1. Brautjungfer - Hertha Klust
Samiel - Waldemar Henke

Man hätte gerne das Line-up in einer vollständigen Aufnahme, denn die dauernd schnitzelnde Schere lässt die Sänger mehr nur Visitenkarten abgeben. Es gibt einige Dialogpassagen. Die Diktion ist für uns heute gewöhnungsbedürftig, aber auch gewöhnungswert. Alles wird mit einem ungeheuren Pathos (oder mit tiefer Innigkeit) gesprochen. Aber man nimmt einen guten Eindruck von der Art mit, in der um diese Zeit auf der Opernbühne gesprochen wurde, spätere Aufnahmen (1940-50) zeigen einen Rückgang im Pathos, aber leider auch in der Fähigkeit der Sänger, gesprochene Texte zu gestalten. Und so kam man in den 50ern auf die unglückliche Idee, bei Aufnahmen die Sänger durch Sprecher zu doubeln. Doch dazu am passenden Platz.

Für mich eine Aufnahme für Freischütz-Vernarrte (wie für mich) und für den Opernhistoriker, der einiges an Manier, an Möglichkeiten und Defiziten ablesen kann. Und doch: in all dem Geschnippselten gibt es Weber in Reinkultur ... leider immer nur wieder zu kurz.

Liebe Grüße Peter
Gerion (06.12.2009, 11:38):
Lieber Peter,

das ist ja interessant! Weißt Du, ob der Ansatz der Kürzung nach Fortfall der Schellackplatte weiter verfolgt wurde oder ob er durch die "Querschnittsidee" ersetzt wurde?
Peter Brixius (06.12.2009, 15:36):
Lieber Gerion,

Querschnittsplatten sind eigentlich eine andere Sache, sie versuchen die Highlights der Oper an den Mann bzw. die Frau zu bringen, diese Stücke sind aber in der Regel ungekürzt. Selbst bei Einrichtungen für Kinder kürzt man eher ganze Stücke aus der Oper, nicht aber die Stücke selbst.

Es scheint eine ganz eigene Art gewesen zu sein, deren Hauptvertreter eben dieser Weigert war. Ich bin leider kein Schelllack-Experte. Vielleicht findet sich jemand, der da mehr weiß.

Liebe Grüße Peter
Gerion (07.12.2009, 23:22):
Lieber Peter,

Danke für die Auskunft - der Unterschied war mir schon bewusst, weswegen ich die Frage interessant finde, ob beides parallel existierte oder diese "umgeschriebenen Kurzopern" durch bloße "Querschnittsselektionen" ersetzt wurden.

Kennst Du mehr solcher Kurzformen, von anderen Opern?

Herzliche Grüße
Gerion
Papageno (10.12.2009, 21:05):
Hallo, mein lieben Mitforianer!

Um noch einmal auf das eigentliche "Freischütz"-Thema zurückzukommen: Ich habe mir letztens diese Freischütz-Aufnahme unter dem Dirigat des Österreichers Karl Böhm gekauft. Auf der Verpackung der CD waren unter dem Punkt "Besetzung" lediglich vier Sänger mit diesen altbekannten und wohlklingenden Namen abgedruckt: "Eberhard Wächter" (Ottokar), "Manfred Jungwirth" (Kuno), "Gundula Janowitz" (Agathe) & "Renate Holm" (Ännnchen). Dass nicht das gesamte Ensemble genannt wurde, ließ mich doch recht stutzig werden, doch da ich gerade durch diese Unvollständigkeit neugierig gemacht worden war und diese Doppel-CD bei Woolworth aufgrund einer Rabattaktion auch nur 2,99 € kosten sollte, nahm ich sie mir einfach mal mit.

Im beigefügten Booklet der CD fand ich zu Hause heraus, dass die vorliegende Einspielung angeblich anno 1949 in Wien aufgenommen wurde. Na fabelhaft, dachte ich mir! Äquivalent dazu dürfte sich die Tonqualität dann auch sehr in Grenzen halten, was eine Hörprobe dann leider auch in Perfektion bestätigte. Sehr schlau von der No-Name-Firma "Power Station GmbH", das tatsächliche Alter der Aufnahme auf der Verpackung zu verschweigen ...

Bei längerem Hören stellte ich jedoch erstaunt fest, dass es sich bei dieser Einspielung um einen Live-Mitschnitt handeln muss, da fast kontinuierlich menschliche Störgeräusche, wie z. B. Husten und leises Plaudern, zu hören sind, ganz zu schweigen von mehrfachem Szenenapplaus seitens eines Publikums. Naja, dachte ich mir, aufgrund der drei Euro ärgerst du dich nicht über diese Doppel-CD und legst sie einfach in deinem geräumigen CD-Regal ab. Doch ich wollte wenigstens noch den Rest der Sängerbesetzung in Erfahrung bringen. Also googelte ich die mir bisher bekannten Informationen und machte eine interessante Entdeckung: Die besagte Aufnahme entstammt überhaupt nicht dem Jahr 1949, sondern wurde erst 1972 für den Rundfunk produzierte. Wien als Aufnahmeort stimmte allerdings. Ich hatte also gewissermaßen eine Art Mogelpackung erwischt! Aus der gleichen Quelle erfuhr ich zufälligerweise auch gleich den ersehnten Rest der Besetzung.

Mittlerweile habe ich sogar einigermaßen Gefallen an dieser Einspielung gefunden. Besonders die Chor-Introduktion "Viktoria! Viktoria!" und der Bauernmarsch "Schau der Herr mich an als König!" haben es mir angetan. Heinz Zednik ist hier der spöttischste Kilian, den ich in meinem Leben bislang gehört habe. Der ist kaum noch zu übertreffen! In keiner anderen Aufnahme, die ich von diesem Opus mein Eigen nenne (ich besitze u. a. noch die Matacic-Einspielung von 1967 mit Rudolf Schock/Max und Claire Watson/Agathe) gelingt eine derartige Farbigkeit und Lebhaftigkeit dieser Eingangsszene. Eventuell liegt es daran, dass meine übrigen Aufnahmen reine Studio-Produktionen sind und direktes Bühnengeschehen, wie bei Böhm, aufgrund der dem Publikum zu bietenden Anschaulichkeit wesentlich mehr packende Spielfreude enthält. Letztenends habe ich den Kauf dieser Aufnahme dann doch nicht bereut!!! :D

Kennt vielleicht noch jemand von euch diese Aufnahme und weiß noch Weiteres darüber zu berichten???

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51VkwePhQwL._SL500_SS160_.jpg

Ganz, ganz liebe Grüße, euer Jan! :)
Peter Brixius (02.01.2010, 22:50):
Nun eine weitere unvollständige Einspielung - eine allerdings, die außerordentlich beeindruckend ist

http://ecx.images-amazon.com/images/I/21ZEP11JCGL._SL500_AA130_.jpg

Der Querschnitt ist aus zwei Aufführungen zusammengesetzt, einmal mit Chor und Orchester des Reichsenders Berlin unter Heinrich Steiner (21.12.1936), dann mit Chor und Orchester der Wiener Staatsoper unter Hans Knappertsbusch (3.8.1939 in Salzburg (*))


Besetzung:

Ottokar - Gerhard Hüsch
Max - Marcel Wittrisch (*) Franz Völker
Kaspar - Michael Bohnen
Agathe - Tiana Lemnitz
Ännchen - Irma Beilke
Kuno - Dr. Carl Schlottmann
Kilian - Gerhard Witting
Eremit - Kurt Böhme

Steiners Dirigat erweist sich in der Ouvertüre als grundsolide mit einem Sinn für dramatische Effekte. Dass es eine Rundfunkproduktion ist, zeigt sich (wie auch in den vergleichbaren Produktionen) in den die Szene beschreibenden zusätzlichen Dialogpartien, die in gleich auch überdeutlich in das Drama einführen. Im weiteren wird auf solche deiktische Elemente verzichtet, es geht nur um die Verankerung der ersten Szene in der Vorstellung des Hörers. Auch musikalisch ist die erste Szene punktuell so überspitzt, dass sie für uns heute an den Rand der Parodie kommt, die Grenze aber nicht überschreitet. "O diese Sonne", das Terzett mit Chor" bringt den ersten Höhepunkt der Produktion, das ist nicht der gut artikulierende und sauber singende Marcel Wittrich, es ist der beste Kaspar, den ich kenne: Michael Bohnen, der seine mächtige Stimme in einer solchen Virtuosität zu formen versteht, dass man absolut fasziniert zuhört, hier wird nicht einfach ein Riesenmaterial vorgeführt, hier versteht es Bohnen filigran zu artikulieren, seine Stimmregister musikdramatisch überzeugend einzusetzen. Man hat bei Bohnen an Chaliapin erinnert (mit dem er befreundet war) - durchaus zu Recht. Allein schon wegen dieser Partie kann ich den Querschnitt wärmstens empfehlen.

Mit dem Track 5 beginnen die drei Tracks, die aus der Salzburger Aufführung unter Knappertsbusch übernommen worden sind. "Hier im irdischen Jammertal" ist ein weiteres begeisterndes Stück mit Bohnen, der nun Franz Völker, einen doch den entscheidenden Kick besseren Max an seiner Seite hat. Aber auch der hat gegen Michael Bohnen wenig anzusingen. Und dann kommt eines der Hauptstücke der Produktion, Kaspars "Schweig, dass dich niemand warnt" mit Knappertsbusch im Rücken. Ein unglaublicher Moment der Freischützrezeption, der einen die Nackenhaare sträuben lässt. Selbst wenn der effektsichere Bohnen am Ende fast outriert, er macht es mit einem sicheren Gefühl für den musikdramatischen Effekt - die Arie endet in rauschenden Beifall.

Aus dem zweiten Akt gibt es nur die Arie "Wie nahte mir der Schlummer", gesungen von einer intensiv singenden Tiana Lemnitz, begleitet von einem sich alle Zeit der Welt lassenden Knappertsusch. Das schafft magische Momente, die man erst wieder bei einer Grümmer in Höchstform (und begleitet vorzugsweise von Furtwängler) wieder finden wird. Riesenbögen werden hier mit traumwandlerischer Sicherheit gebaut und wunderbar nuanciert von Tiana Lemnitz artikuliert. Der ekstatische Ausbruch "Er ist's", bei dem die Spannung immer weiter noch aufgebaut wird, bis sich alles in "All meine Pulse schlagen" entladen könnte. Doch der Schluss der Arie wird uns leider in der Einspielung vorenthalten. Sei's darum, was bis dahin kam, war schon des Hörens wert und man kann (wie man es so oft als Freund historischer Aufnahmen tut) in seiner Phantasie den Bogen zu seinem Ende führen.

Der dritte Akt ist der vollständigste auf der CD. Wieder singt Tiana Lemnitz in inniger Konzentration "Und ob die Wolke sie verhülle". Die zurückhaltende Begleitung von Steiner macht, dass auch heute noch das Gebet auch nicht den Ansatz von Unehrlichkeit oder Kitsch hätte, geradezu meditativ versinkt das Ende, es dauert bis das Publikum Beifall spendet, so verzaubert saß es bei Lemnitz' Gesang. "Einst träumte meiner sel'gen Base" stellt uns nun endlich Irma Beilke als Ännchen vor, auch hier eine maßstäbliche Interpretation, schade dass Arie und Duett aus dem zweiten Akt fehlen. Mit welcher Zärtlichkeit dieses "Ach, kannst du wähnen, ich fühle nicht mit dir" kommt! Schade, dass nirgendwo angegeben wird, wer den einfühlsamen Violapart spielt. Es macht einen traurig, wenn man weiß, dass dies nur ein Torso ist, man hätte gerne eine vollständige Aufnahme des Freischütz mit diesem Ensemble zu diesem Zeitpunkt. Aber auch im unvollständigen Zustand ist diese Einspielung eine der examplarischen, vor allem wegen der sängerischen Leistungen, aber das einfühlsame Dirigat Steiners ist nicht zu überhören, es ermöglicht sie. Wobei eine Gesamteinspielung von Knappertsbusch mit diesem Ensemble ...

Der Chor darf im bekannten Jägerchor beweisen, dass er dieses populäre Stück auch nicht einfach routiniert wegsingt, klangschön und musikalisch konzentriert brint er sich ein, unterbrochen nun wieder von einem typisch für ein Rundfunkpublikum geschaffenen Dialogteil, Das Finale bringt noch einmal ein sängerisch und dramatisch überzeugendes Finale. Wo mir Max schon wieder etwas zu routiniert klingt, setzt Michael Bohnen mit "Du, Samiel, schon hier" noch einmal ein faszinierendes, jede Routine durchbrechendes Zeichen. Hier könnte man die These von Berghaus/Harnoncourt exemplifiziert sehen: Das eigentlich einander zugehörige Paar ist Kaspar/Agathe. Ja, wenn Harnoncourt einen Bohnen zur Verfügung gehabt hätte, hätte er das glaubhaft machen können.

Am Ende noch ein Blick in die Zukunft. Als Eremit tritt der junge Kurt Böhme auf, der einmal in Bohnens Fußstapfen als Kaspar treten wird. Er ist hier überzeugend, ruhig, ohne Mätzchen, mit souveräner Stimmführung singt er seinen Part.

Vielleicht fasziniert mich diese CD gerade wegen ihres fragmentarischen Charakters, der es erlaubt, die Lücken in der Phantasie zu füllen. Für mich zählt diese Produktion auf jeden Fall zu meinen Lieblings-CDs in Sachen "Freischütz"

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (03.01.2010, 21:58):
Eine außerordentliche Rarität, der Mitschnitt der als Funkoper 1939 erstgesendeten Einspielung des Freischütz unter Ernst Prade mit Chor und Orchester des Reichssenders Breslau. Es handelte sich um eine Livesendung.

Ottokar - Gerhard Bertermann
Max - Willy Treffner
Kaspar - Kurt Böhme
Agathe - Käthe Heidersbach
Ännchen - Maria Madlen Madsen
Kuno - Erich Kunz
Kilian - Ernst Kurz
Eremit - Sven Nilsson
Samiel - Hanns-Heinz Anderten

Die Sendung wurde damals auf 54 Schelllackplatten festgehalten, eine ist inzwischen leider verloren gegangen. Hier werden die Dialogpartien von Schauspielern gesprochen.

Prade nimmt das Adagio der Ouvertüre sehr langsam und lässt die Stimmen wunderbar aufblühen, im Folgenden zieht er das Tempo aber so an, dass er mit 9'36 unter den schnellen Dirigenten ist. Immerwieder gibt es Stellen, bei denen er mit Rubato das Tempo herausnimmt. Er gestaltet so eine sehr plastische Ouvertüre die mit einem ekstatischen Jubel endet.

Auch hier ist die Szene durch zusätzliche Dialoge erweitert, um für das Hörpublikum die Szene "schaubar" zu machen. Ein Bauer erklärt seinem Kind, was da abläuft. Man hört Rufe wie "Er muss gehänselt werden". Manchmal fällt das auch sehr hölzern aus. Die Doppelung durch die Schauspieler ist wie immer zwiespältig, der Schauspieler etwa, der Kaspar spricht, fällt Meilen hinter Bohnen in der Steiner-Einspielung zurück. Kein Fetzchen Dämonie geht von diesem 1. Jägerburschen gesprochen aus. Erst wenn gesungen wird, gewinnt Kaspar mit Böhme (der als seine Debutrolle in Dresden übrigens den Kaspar gesungen hatte) Profil und Charakter. Der Chor gefällt mir hier wie auch sonst sehr gut. Prade hatte Orchester und Chor aufgebaut

Willy Treffner als Max ist nicht so meine Sache, vor allem wegen seinem Dauertremolo. Die lyrischen Momente gelingen ihm. Dass die Nr. 3 der Partitur doch mehr als hörenswert ist, liegt an dem überzeugenden Dirigat von Prade.

In der Nr. 4 stört wieder die Stimme des Schauspielers, der Kaspar spricht. Böhme hätte das mE besser gemacht. Das Trinklied und dann die Arie (Nr. 5 "Schweig! Schweig!") bringen dann ein fulminantes Ende des ersten Aktes. Auch Outrieren an der einen oder anderen Stelle (wie e in zeitgenössischen Aufnahmen immer mal zu hören ist), kann nichts an dem Eindruck ändern, dass Böhme auf dem Weg zu einem idealen Kaspar ist.

Ich werde diese Aufnahme auch weiterhin so ausführlich besprechen, weil wohl nur wenige die Möglichkeit haben, sie selbst zu hören.

Damit schließe ich dieses Posting, werde aber den Artikel fortführen

Liebe Grüße Peter
uhlmann (01.05.2010, 07:25):
in der sehr interessanten sendereihe "diskothek im zwei" vom drs wurde kürzlich der freischütz behandelt. in kurzen ausschnitten wurden die aufnahmen mit keilberth, harnoncourt, weil und kleiber (carlos) verglichen. ergebnis: kleiber und harnoncourt meilenweit vor den anderen beiden, keilberth überholt, weil viel zu zahm. kleiber hatte am ende - wohl auch aus sentimentalen gründen der teilnehmenden - die nase ganz leicht vorne. mir persönlich gefiel - auch in den gewählten ausschnitten - harnoncourt mit abstand am besten.

hier der link zur sendung, die man als podcast auch downloaden kann: klick
Peter Brixius (08.07.2010, 14:34):
Original von uhlmann
in der sehr interessanten sendereihe "diskothek im zwei" vom drs wurde kürzlich der freischütz behandelt. in kurzen ausschnitten wurden die aufnahmen mit keilberth, harnoncourt, weil und kleiber (carlos) verglichen. ergebnis: kleiber und harnoncourt meilenweit vor den anderen beiden, keilberth überholt, weil viel zu zahm. kleiber hatte am ende - wohl auch aus sentimentalen gründen der teilnehmenden - die nase ganz leicht vorne. mir persönlich gefiel - auch in den gewählten ausschnitten - harnoncourt mit abstand am besten.

hier der link zur sendung, die man als podcast auch downloaden kann: klick

Lieber Uhlmann,

vielen Dank für den Hinweis, ich habe mir nun die Sendung auch auf meinen Ipod heruntergezogen und werde die dort vorgefundenen Gedanken miteinbeziehen und kommentieren. Beim Übertragen habe ich schon mal hineingehört - spannend!

Liebe Grüße Peter
Sfantu (08.07.2010, 19:25):
Hallo zusammen,

möchte auf diesem Seitenstrang des eigentlichen Themas nicht zu weit wandern, nur soviel: Habe "Diskothek im Zwei" ebenfalls sehr zu schätzen gelernt und halte mir, wann immer möglich, Montag abend zwischen acht und zehn dafür frei.
Im Unterschied zu vielen professionellen Kritikern oder Nur-Hörern wie mir kommen hier beim Interpretationsvergleich Könner ihres Fachs zu Wort, meist selbst musikalische Profis. Das jeweilige Werk wird im Laufe des Abends von Seiten beleuchtet, in die ich sonst nur begrenzten Einblick hätte (Aspekte des Notentextes, der Spielbarkeit, des Zusammenspiels, der Akustik usw.), oft steht etwas, das man gut zu kennen glaubte, danach in anderem Lichte dar - sehr erhellend, sehr lohnend und meist auch noch unterhaltsam.
Rideamus (17.07.2010, 14:53):
Anlässlich des betrüblichen Anlasses des Todes von Sir Charles Mackerras habe ich endlich mal eine Aufnahme angehört, die ich schon einige Zeit besitze aber noch nie durchgehört habe. Ich stelle fest, dass ich bislang eine echte Entdeckung verpasst habe. Hier die Besetzung:

Agathe............................Hillevi Martinpelto
Ännchen.........................Ailish Tynan
Max................................Jonas Kaufmann
Kaspar............................John Relyea
Ottokar...........................Christopher Maltman
Killian..............................Ronan Collett
Hermit.............................Matthew Rose (bass)
Samiel............................Siegfried Vogel (bass)

Sir Charles Mackerras dirigiert das Scottish Chamber Orchestra. Die Aufnahme stammt vom Edinburgh Festival 2004; man muss also einige Akzente bei den - ansonsten aber sehr gut gesprochenen - Dialogen in Kauf nehmen.

Gespielt und gesungen ist das aber ganz hervorragend. Jonas Kaufmann, der sich damals noch am Anfang seiner Weltkarriere befand, demonstrierte, warum es dazu kommen konnte, John Relyea ist ein sehr beeindruckender Kaspar, und Hillevi Martinpelto reicht zwar nicht an Gundula Janowitz oder gar Elisabeth Grümmer heran, gibt aber eine mehr als überzeugende Agathe. Lediglich Ailish Tynan als Ännchen fällt etwas ab ohne jedoch den Gesamteindruck zu beeinträchtigen.

Die eigentliche Meisterleistung aber kommt vom Pult her. Wie schon bei seinen australischen MEISTERSINGERN mach Mackerras in völlig unspektakulärer Weise einfach fast alles goldrichtig. Jeder Akzent, jede Temporückung stimmt ohne die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich zu ziehen. Insofern ist Mackerras' FREISCHÜTZ so ziemlich das genaue Gegenteil von Carlos Kleibers spektakulärer Einspielung. Schade, dass er die Oper nie unter optimalen Bedingungen einspielen konnte.

Nun würde mich interessieren, was die Kenner der Oper wie Peter davon halten. Auf Wunsch gebe ich gerne Hinweise, wo man den englischen Rundfunkmitschnitt im Internet finden kann.

:hello Rideamus
Waldi (20.11.2010, 15:43):
Original von Papageno

Mittlerweile habe ich sogar einigermaßen Gefallen an dieser Einspielung gefunden. Besonders die Chor-Introduktion "Viktoria! Viktoria!" und der Bauernmarsch "Schau der Herr mich an als König!" haben es mir angetan. Heinz Zednik ist hier der spöttischste Kilian, den ich in meinem Leben bislang gehört habe. Der ist kaum noch zu übertreffen! In keiner anderen Aufnahme, die ich von diesem Opus mein Eigen nenne (ich besitze u. a. noch die Matacic-Einspielung von 1967 mit Rudolf Schock/Max und Claire Watson/Agathe) gelingt eine derartige Farbigkeit und Lebhaftigkeit dieser Eingangsszene.
Kennt vielleicht noch jemand von euch diese Aufnahme und weiß noch Weiteres darüber zu berichten???




Lieber Papageno,

Genau die gleiche Ausgabe habe ich mir seinerzeit auch zugelegt. Der fabelhaft günstige Preis ließ die billige, unvollständige und irreführende Textierung rasch vergessen. Man erhält die Aufnahme aber auch unter anderem Label mit richtigen Erläuterungen.

Wer für romantische Gefühle und Emotion nicht viel übrig hat, dem ist diese Einspielung sicher zu empfehlen. Karl Böhm betont mehr das Dramatische, läßt ein bißchen Wagner ahnen, und interpretiert auf verhältnismäßig klassischem Niveau - und das macht er ausgezeichnet. Auch die Sänger folgen deutlich diesem Ideal, sodaß die "lyrische" Komponente nicht sehr ausgeprägt ist. Nur die blendend disponierte Gundula Janowitz als Agathe schafft es, beides zu vereinen. Aber natürlich singt sie nicht wie ein Mädchen aus dem biederen Volk, sondern wie eine Aristokratin. Renate Holm als Ännchen stellt sich ganz darauf ein und singt wie eine Hofdame. Das ergibt jedoch ein stimmiges Paar.
James King, der Max, verkörpert stimmlich den herberen Typ. An und für sich ist er ja nicht ideal für diese Partie mit Rolle aber durchaus mit Anstand. Bei Matacic würde er zweifellos stören, aber hier paßt es letztlich nicht schlecht. Eberhard Wächter ist gegenüber dem weicheren Claudio Nicolai (bei Matacic) der richtige Fürst für die Böhmsche Auffassung. Karl Ridderbusch, angenehm wortdeutlich, gibt einen für meine Ohren sehr guten Kaspar. Heinz Zednik hast Du schon charakterisiert; ich kann mich da nur anschließen. Er zählt zu den besten Kiliandarstellern, die ich kenne. Franz Crass als Eremit ist gut, aber nicht absolute Spitze.

Als Live-Aufnahme sicher trotz der Einwände eine der besten, die derzeit zu kriegen sind. Als Gegenpol zu zu primär stimmungsvollen Wiedergaben des "Freischütz" wichtig und unverzichtbar.

Liebe Grüße

Waldi
Solitaire (16.12.2010, 18:29):
Am 23. Dezember hat die Kinofassung des Freischütz Premiere, leider habe ich bisher kein Kino in meiner Nähe gefunden, das den Film zeigt, also werde ich es wohl mal wieder in Düsseldorf versuchen müssen.

Die Besetzung:
Juliane Banse (Agathe)
Michael König (Max)
Regula Mühlemann (Ãnnchen)
Michael Volle (Kaspar),
Olaf Bär (Kilian)
Franz Grundheber (Ottokar)
Benno Schollum (Kuno)
außerdem gibt sich René Pape höchstpersönlich als Eremit die Ehre, und das allein reicht schon, mich neugierig zu machen.
Ich weiß ja, das Oper nirgendwo schöner ist als live im Opernhaus, aber ich will den Film trotzdem sehen.
Die Besprechung im aktuellen Fono Forum ist gar nicht mal soo schlecht. Für Freunde der kahlen Bühnen und bedeutungsschweren Metaphern ist er aber wohl nix wie diese Bilder zeigen:

http://www.hanniwall.de/wp-content/uploads/der-freisch%C3%BCtz-film.jpg

https://www.edition-peters.de/cms/upload/bilder/News/Bilder%20und%20Logos/ab_2009-01-29/210-12-13_Freischuetz/Freischtz_Hauptplakat495x700.jpg

Gedreht wurde in der Sächsischen Schweiz und in der Gegend um Dresden, was ja sehr passend ist.
Severina (16.12.2010, 18:59):
Grundheber und Volle sind tolle Singschauspieler, das kann spannend werden!! :down Eine Verfilmung gehorcht natürlich anderen Gesetzen als eine Opernaufführung, da stört mich dann ein realistisches Ambiente überhaupt nicht.
Vielleicht wandert der Film ja einmal ins Fernsehen oder es gibt eine DVD, da wäre ich schon alleine wegen der beiden Herren dabei!

lg Sevi
Fairy Queen (16.12.2010, 20:39):
Wisst ihr, wo man rausbekommen kann, in welchen Kinos das ziwschen den Jahren zu sehen ist? Ich würde da serh gerne mit meiner Mutter reingehen und ich finde die Vorschau keinesfalls abschreckend, im Gegenteil. Da ich den Freischïutz als Oper nciht besodners mag, kann es eigentlich nur besser werden. :haha
F.Q.
Heike (16.12.2010, 20:56):
Auf der Filmhomepage http://www.derfreischuetz.film.de/ sind unten die deutschen Kinos angegeben (nachdem sich der Vorhang geöffnet hat)
Heike
Maggie (16.12.2010, 21:56):
Hallo zusammen,

Hört sich wirklich interessant an. Ich hoffe jemand kann sich den Film im Kino ansehen und genauer Bericht erstatten.

LG

Maggie
Fairy Queen (17.12.2010, 08:55):
Liebe Heike danke! Bonn oder Köln sind für mich evtl môglich. Ich werde, falls ich hinkomme, erzählen, wie es war.
F.Q.
Karolus Minus (17.12.2010, 12:33):
Hallo Waldi,

ich habe diesen Böhm-Freischütz seinerseit mal als Rundfunkmitschnitt auf Tonband besessen.
Für alle, die eventuell auch noch diese - mir bisher nicht bekannte - merkwürdige CD-Version besitzen, hier die kompletten korrekten Angaben.

Ottokar: Eberhard Wächter
Kuno: Manfred Jungwirth
Agathe: Gundula janowitz
Ännchen: Renate Holm
Kaspar: Karl Ridderbusch
Max: James King
Eremit: Franz Crass
Kilian: Heinz Zednik
Samiel: Gustav Elger
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Karl Böhm
Mitschnitt der Premiere vom 28. Mai 1972

Liebe Grüße
Karolus -
Karolus Minus (17.12.2010, 12:42):
Original von Rideamus
Anlässlich des betrüblichen Anlasses des Todes von Sir Charles Mackerras habe ich endlich mal eine Aufnahme angehört, die ich schon einige Zeit besitze aber noch nie durchgehört habe. Ich stelle fest, dass ich bislang eine echte Entdeckung verpasst habe. Hier die Besetzung:

Agathe............................Hillevi Martinpelto
Ännchen.........................Ailish Tynan
Max................................Jonas Kaufmann
Kaspar............................John Relyea
Ottokar...........................Christopher Maltman
Killian..............................Ronan Collett
Hermit.............................Matthew Rose (bass)
Samiel............................Siegfried Vogel (bass)



Hallo Rideamus,

ich kann Dir in Deiner Beurteilung nur zustimmen, für mich eine der besten neueren Freischütz-Aufnahmen, die ich kenne. Laut meiner Besetzungsliste hat Siegfried Vogel neben der Sprechrolle des Samiel auch noch den Kuno gesungen, was bei einer konzertanten Aufführung ja weiter kein Problem war.

Liebe Grüße
Karolus -
Solitaire (17.12.2010, 14:42):
Hallo Heike!
Danke für den Link, leider kann ich die Freischütz-Seite nicht aufrufen, da Adobe bei mir nicht läuft, aber ich kriege schon noch raus, wo ich den Film sehen kann.
Zu Oper selber: ich mag den Freischütz sehr, kenne aber leider kaum eine brauchbare Fassung auf DVD. Irgendwas habe ich immer zu meckern... :I Am grausamsten fand ich die Inszenierung von Ruth Berghaus am Opernhaus Zürich. Ich habe sie auf DVD, aber bisher habe ich es noch nicht geschafft, das Ding bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Eigentlich hatte ich schon die Nase voll als Berghaus mitten in einer Generalpause („Lebt kein Gott???“) irgendeinen Statisten (oder war es gar Samiel persönlich?) mit Gepolter über die Bühne latschen ließ. Während des Duett Agathe-Ännchen hatte ich dann endlich genug und habe abgeschaltet. Aber vielleicht sollte ich mal einfach nur auf die Musik achten und das bild ignorieren, denn musikalsich hat es mir ganz gut gefallen.
Ich suche schon lange Loriots Freischütz, der bei mir zwar ein paar (kleinere) musikalische Wünsche offenläßt, mir aber szenisch gut gefallen hat. Leider gibt es ihn nicht auf DVd, aber immerhin hat unsere Bibliothek das video, das ich mir ab und zu ausleihe.

Der Freischütz meiner Jugend ist dieser hier:

http://g-ecx.images-amazon.com/images/G/03/ciu/81/c0/42a7017b42a00411a7cc3210.L._SL500_AA300_.jpg
Rudolf Schock, Elisabeth Grümmer, Lisa Otto etc.

Ich habe vor einiger Zeit bei Amazon „Leise, leise...“ runtergeladen, es war ein Livemitschnitt mit Christine Schäfer als Agathe. Ihre Diktion hat mich schockiert, man versteht sie manchmal nur sehr schwer, und das als Muttersprachlerin, aber ihre Piani sind nicht von dieser Welt, und ihr Atem muß unendlich sein, denn ich habe die Arie nie so langsam und so schön gehört, abgesehen von der Textverständlichkeit die wie gesagt wirklich ein sehr herber Wehrmutstropfen ist.
Leider finde ich den Link nicht mehr.
Jürgen (17.12.2010, 16:54):
Original von Solitaire
Ich suche schon lange Loriots Freischütz, der bei mir zwar ein paar (kleinere) musikalische Wünsche offenläßt, mir aber szenisch gut gefallen hat. Leider gibt es ihn nicht auf DVd, aber immerhin hat unsere Bibliothek das video, das ich mir ab und zu ausleihe.


Den habe ich mal im TV gesehen. Beim Jägerchor bin ich vor Lachen fast vom Stuhl gefallen.

Den würde ich auch gerne mal wieder sehen.

Grüße
Jürgen
Waldi (17.12.2010, 16:59):
Liebe Solitaire,

Das kann nur die Harnoncourt-Aufnahme von 1995 sein - ein Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung mit Salminen, Wottrich etc.
Fairy Queen (17.12.2010, 17:11):
Liebe Solitaire, in Köln gibt es zwei Kinos wo er läuft!!! :hello
Solitaire (17.12.2010, 18:05):
Hallo Fairy, danke für den Hinweis mit Köln!

@Waldi
Ja, Harnoncourt könnte es gewesen sein, die extreme Langsamkeit der Arie spricht jedenfalls dafür. :D
Irritiert hat mich nur, daß ich mal irgendwo gelesen habe, Schäfer hätte unter Harnoncourt das Ännchen gesungen, aber vielleicht habe ich da auch irgendwas verwechselt.
Rideamus (17.12.2010, 20:33):
Liebe Solitaire, lieber Waldi,

nein, Harnoncourt dirigierte die Loriot-Aufführung nicht. Das war Wolfgang Gönnenwein, und die bekannte Übertragung stammt von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 1988. Ich habe sie gerade eingelegt, und sie hat folgende Besetzung:

Max - Uwe Heilmann
Agathe - Nancy Johnson
Ottokar - Michael Ebbecke
Kuno - Waldemar Wild
Ãnnchen - Ulrike Sonntag
Kaspar - Siegmund Nimsgern
Eremit - Carsten H. Stabell
Kilian - Thomas Mohr
Samiel - Albrecht C. Dennhardt

:hello
Solitaire (04.01.2011, 12:08):
Am Wochenende habe ich die aktuelle Freischütz-Verfilmung in einem Kino in Wuppertal gesehen.
Es ist, wie die Bilder und Ausschnitte ja auch zeigen, eine überaus naturalistische Umsetzung: wenn in der Ouvertüre der Wald beschrieben wird, sehen wir einen Wald, wenn es wild und dramatisch wird erleben wird Max und Kaspar im Schlachtgetümmel gegen Napoleons Truppen, wenn es dämonisch wird fährt die Kamera über verlassene Schlachtfelder und tote Soldaten, denn in dieser Verfilmung vermischen sich Krieg und Weltpolitik mit den privaten Geschicken von Max und Agathe. So wird zu den Klängen des Jägerchores der Friedensvertrag unterzeichnet und Europa am Kabinettstisch neu aufgeteilt, tote Soldaten liegen in der Wolfsschlucht ebenso rum wie vor Agathes Fasanen-Schlößchen und nach einer Weile geht mir der ewige Hinweis darauf daß Krieg schlimm ist offen gestanden gehörig auf die Nerven, denn trotz (oder wegen) einiger Horrorelemente (Greifvögel, die sich am Fleisch der Toten gütlich tun, Kriechtiere in Körperöffnungen in die sie nun wirklich nicht gehören etc.) sind die Bilder nicht schonungslos genug um wirklich zu vermitteln, was Krieg bedeutet und nicht eindringlich genug, die Seele zu berühren. Zumindest ging es mir so, all die toten Soldaten sehen aus wie das, was sie in Wahrheit sind: Komparsen die toter Mann spielen.
Wenn Kaspar dann in der Wolfsschlucht gar einem dieser Komparsen zwecks teuflischem Tun mit einem Fangmesser den Kopf abtrennt und das ganze von unappetitlichen Geräuschen begleitet wird, wirkt das fast schon unfreiwillig komisch...
Da wäre ich dann auch beim großen Schwachpunkt des Films: ich habe selten eine so aseptische, un-dämonische Wolfsschlucht-Szene gesehen und mich schmerzlich nach über die Bühne gezogenen Wildschweinen aus dem Hause Steiff gesehnt, denn die wären immer noch dämonischer als das, was uns hier geboten wurde: die Szene spielt nicht im Wald sondern in den Schluchten des Elbsandsteingebirges, was m.E. durchaus passend ist, denn ich habe mir die Wolfsschlucht immer als eine Felsenkluft vorgestellt und weniger als düstere Waldlichtung, aber leider wird hier viel zu viel mit Computeranimation, und noch dazu mit Schlechter, gearbeitet. Computeranimiertes Teufelsfeuer, computeranimierter Totenkopf, computeranimiertes was-auch-immer das zur Musik des Wilden Heers über den Himmel flattert etc. Das nimmt der Szene m.E. jede Schauerromantik, ist aber tricktechnisch auch nicht sooo grandios daß es wenigstens zu einem unpassenden aber begeisterten „Boah ey, Wahnsinn!“ reichen würde...
Wie gesagt: jedes Stadttheater kriegt das gruseliger und grausiger hin.
Die Idee, die Wolfsschlucht als verlassenes Schlachtfeld darzustellen ist nicht neu, aber meiner Meinung nach durchaus passend, nur gehört dazu mehr als ein paar Statisten mit Kunstblut einzusauen und in Uniformen zu stecken. Das Grauen dessen was hier einst geschehen ist und immer noch umgeht, ist leider in keiner Sekunde spürbar.
Auch Kaspar fällt in dieser Szene nicht viel mehr ein als laut rumschreien und sich am Boden wälzen wenn er mit Samiel verhandelt und den Gelassenen spielen sobald Max auftaucht. Schade, schade, schade.
Musikalisch hat mir die Szene jedoch recht gut gefallen, auch wenn es gewöhnungsbedürftig ist, diese Musik begleitet von allerlei Nebengräuschen und in wechselnder Lautstärke zu hören, aber da dies ein Opernfilm ist und keine abgefilmte Vorstellung gelten hier nun mal andere Gesetze.
Etwas Gutes gibt es dann aber auch in dieser Szene: Samiel kommt nicht mit dröhnender Donnerstimme daher, sondern spricht ganz leise, sein „Hier bin ich“ am Ende der Szene ist fast geflüstert und man spürt, den Pakt mit dem Teufel gehen Kaspar und Max in ihrer Seele ein,denn der Teufel ist in ihrer Seele, in diesem Momente ist dann doch etwas von dem Grauen zu spüren daß ich so bitter vermisst habe.

Zu den Pluspunkten der Verfilmung gehört m.E. die Charakterisierung von Max. Der Max meiner Jugend war Rudolf Schock, und das heißt: der Förster im Silberwald der dummerweise zur Zeit vom Jagdglück verlassen und im Übrigen enervierend brav, fromm und langweilig ist.
Michael Königs Max ist alles andere als ein Förster im Silberwald,
von Beginn an befindet er sich in einem psychischen Ausnahmezustand, der ihn für Kaspars Einflüsterungen erst empfänglich macht.
Dieser Max wird tatsächlich von düsteren Mächten umgarnt und er zerbricht fast an der Frage „Lebt kein Gott?“.
Sein Problem ist wohl auch nicht in erster Linie, daß er nicht trifft (obwohl das in seiner aktuellen Situation natürlich nicht gut ist), sein Problem dürfte darin liegen, daß er in den letzten Jahren viel zu oft und viel zu gut getroffen hat, und nicht nur, was vier Beine oder Flügel hat...
Max ist dem Wahnsinn nahe und Kaspar, der äußerlich hier eher Ruhige, Beherrschte und Vernünftige hat leichtes Spiel.
Ich fand Maxens Charakterisierung sehr eindrucksvoll und ich an Agathes Stelle würde mir ernsthaft überlegen, ob ich so einen heiraten würde...

Agathe und Ännchen erleben den Polterabend im Fasanenschlößchen Moritzburg, dessen Schlossgarten offenbar gleichzeitig als Heerlager und Behelfslazarett dient. Wenn Agathe am Hochzeitsmorgen davon singt, daß Gott „aller Wesen liebend wahr“ nimmt, sehen wir einen toten jungen Soldaten, der im Brunnen vor dem Schloß gewaschen und in ein Leichentuch gelegt wird. Das geht mehr zu Herzenals alle toten Komparsen vorher.
Agathe ist sehr typgerecht besetzt, und das heißt: sehr erwachsen und reichlich überspannt. Mehrfach sinkt sie in Ohnmacht, hat quälende Träume von einem sie erschießenden Max und beginnt fast zu hyperventilieren als Max sie kurz vor seinem Aufbruch zur Wolfsschlucht in die Arme schließt. Man weiß nicht genau, ist es Angst oder im Gegenteil die äh...Vorfreude auf kommende eheliche Genüsse... :engel
Agahte hat wunderschöne Musik zu singen (und wundershcön singen tut auch Juliane Banse), dennoch geht mir diese Person ziemlich auf die Nerven mit ihrer ewigen Unkerei und Miesepetrigkeit.
Da ist Ännchen eine wahre Erholung. Regula Mühlemann ist wunderbar in der Rolle: blutjung, sehr, sehr hübsch, charmant und lebhaft und dazu mit einer sehr schönen Stimme beschenkt.
Ich kann Max ja nicht verstehen... :ignore
Ännchen ist der fröhliche kleine Kobold dieser Verfilmung der zeigt, daß man tiefgründig, und dennoch heiter sein kann. Sie tut alles um Agathe aufzumuntern du benutzt dazu unter anderem ein Kasperle-Theater das neben einer Bühne sämtliche Figuren die im Freischütz vorkommen als Handpuppen enthält.
Mit diesen Figuren wird zu Beginn des Films, noch vor der Ouvertüre, auch die
Szene dargestellt in der Agathe vom Eremiten die geweihten Rosen erhält.
Ännchen symbolisiert die sprühende Lebensfreude in einer Welt voller gestörter und wohl auch traumatisierter Menschen und es ist eine wahre Freude und Erholung, ihr zuzusehen und zu hören.
Ich hoffe sehr, daß wir von ihr noch hören werden, ich glaube, sie könnte eines Tages eine ganz hinreißende Susanna sein.

Am Ende geht natürlich alles gut aus, dabei sieht es ja zunächst schlecht aus für Max und Agathe, aber dann: Auftritt René Pape.
Was soll ich über ihn sagen, er singt so wunderbar (und verströmt natürliche Autorität) daß man es ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann, daß er sich bereit erklärt hat, die kleine und doch so wichtige Rolle des Eremiten zu übernehmen.

Fazit: mir hat der Film gefallen und ich bin froh, ihn gesehen zu haben. Er hat neben den erwähnten Schwachpunkten viele schöne Bilder und ist, soweit ich das beurteilen kann, von guter musikalischer Qualität, auch wenn das Hörerlebnis sich manchmal gewaltig von einer Aufführung im Opernhaus unterscheidet.
Aber ich denke die Suche nach „meinem“ Freischütz geht wohl dennoch weiter. Ich werde wohl weder die DVD noch eine eventuell auf den Markt kommende Aufnahme kaufen und stelle fest, daß ich mal wieder sehr schwer zufrieden zu stellen bin.
Das ist aber nur meine persönliche Meinung und soll wahrlich niemanden davon abhalten,den Film grandios zu finden.

Ach ja: im Übrigen scheinen vor allem Max und Kaspar die Segnungen von Wasser, Seife und Shampoo nocht nicht entdeckt zu haben. das nur am Rande... :I :rofl
Severina (04.01.2011, 14:30):
Liebe Mina,

danke für diesen Bericht, der mich jetzt ziemlich unschlüssig macht: Soll ich, oder soll ich nicht???? Eigentlich dachte ich, gerade der "Freischütz" eignet sich ausgezeichnet für eine naturalistische Verfilmung, dass daher ausgerechnet die Wolfsschlucht nicht adäquat in Bilder umgesetzt wurde, spricht nicht eben für das Geschick des Regisseurs.
Mich würden ja in erster Linie Franz Grundheber und Michael Volle ins Kino locken, die ich beide als ungemein intensive Singschauspieler kenne. Wie hat Dir denn Volle gefallen? Der müsste eigentlich ein eindringlicher Kaspar sein.

lg Sevi :hello
Solitaire (04.01.2011, 15:20):
Hallo Severina!
Wie gesagt, es sind ja nur meine persönlichen Eindrücke, und der Film hat mir über weite Strecken auch gut gefallen, aber wenn die Wolfsschlucht daneben geht ist das m.E. schon ein großes Manko, und das ist sie für mich leider.
Volle ist ein beeindruckender Kaspar, der zu Beginn gar nicht so finster daherkommt wie man das manchmal gewohnt ist: wo Max außer sich ist, ist er gelassen, kühl und wirkt im Gegensatz zu Max wohltuend aufgeklärt wenn er von „Naturkräften“ spricht.
In seiner Arie macht er schon sehr eindrucksvoll deutlich daß die „Geister mit Dunkel beschwingt“ auch ihn schon längst umgeben haben, und er singt wirklich gut.
Was mir gefällt: wüsste man nicht, welch Geistes Kind er ist, käme er für Agathe als echte Alternative zu Max in Frage,
da er wirklich ruhiger wirkt als sein doch sehr desolater Jagdgenosse. Was ihn diese Ruhe kostet weiß nur er, und es ist schon eindrucksvoll zu sehen, wie Kaspar, der eben noch in der Wolfsschlucht Freikugeln gegossen und Grausiges getan hat, kurze Zeit später scheinbar gelassen und ruhig im Gefolge des Landesfürsten reitet.

Vielleicht ist ja auch mein Fehler, und vielleicht ist 15.15 Uhr auch einfach nicht die richtige Tageszeit für den Freischütz, aber mir persönlich hat trotz wirklich schöner Bilder manchmal etwas Atmosphäre gefehlt.
Ich weiß gar nicht wie ich es sagen soll, aber ein paar tote Soldaten weniger und ein bisschen mehr E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe hätten dem Film m.E. gut getan.

Ich habe mir aber zum Beispiel auch manche Szenen ohnein anders vorgestellt: das Sternschießen zu Beginn der Oper ist in meiner Vorstellung ein festliches Ereignis bei dem die ganze Dorfgesellschaft im schönsten Sonntagsstaat zuschaut und ihrem jeweiligen Favoriten die Daumen drückt. Hier ist es eine Gruppe zerlumpter, verdreckter Dörfler die in einer Art Hinterhof neben dem Schweinestall das Wettschießen veranstaltet.
Sehr schön ist der Ländler umgesetzt, der gespielt wird, als ein plötzlicher heftiger Landregen einsetzt und alles was Beine hat begeistert im strömenden Regen tsnzt. Hier weiß man das kühle Naß noch zu schätzen und meckert nicht über’s Wetter.
Auf keinen Fall solltest du dich von mir abhalten lassen, den Film zu sehen!!!
Schade ist übrigens daß im Lied vom Jungfernkranz die einzelnen Strophen nicht solistisch gesungen wurden sondern von der ganzen Gruppe und das, wenn ich mich nicht irre, auch noch gekürzt.

Grundheber als Ottokar hat mir gut gefallen, aber die Rolle ist m.E. zu klein als das ich mir wirklich ein Urteil bilden könnte. Immerhin : den strengen Fürsten, der sich dann doch vom Eremiten überzeugen läßt hat er glaubhaft gespielt.
Heike (04.01.2011, 17:02):
Ich hab den Film auch gesehen und letztes Jahr schon berichtet: -> hier im Filmethread
Aber vielleicht ist das hier der bessere Ort,um die Diskussion fortzusetzen.
Heike.
Solitaire (05.01.2011, 11:35):
Hallo Heike!
Danke für den Link zu deiner Besprechung!
Ich stelle fest, daß wir uns im Großen und ganzen einig sind was diesen film angeht.
Vor allem was Agathe betrifft stimme ich dir zu: optisch ist Juliane Banse eigentlich für die junge agathe schon ein paar Donnerstage zu alt, was im Film viel deutlicher zutage tritt als auf der Bühne.
Das sowas aber auch gut gehen kann hat Teresa Stratas in Zefirellis Traviata-Film bewiesen: wenn meine Rechenkünste mich nicht im Stich lassen war sie damals 45 Jahre alt, geht aber für mich absolut glaubhaft als ca. 25jährige durch. Aber sie war wohl ohnehin eher der mädchenhafte Typ und daher vielleicht eine Ausnahme.
Heike (05.01.2011, 20:09):
Hallo Solitaire,
Ich stelle fest, daß wir uns im Großen und ganzen einig sind was diesen film angeht.
Ja, stimmt. Auch mir fehlt diesem Film v.a. die Magie, das Spukige und auch ich fand diese eingebauten Effekte lächerlich. Was die Agathe angeht, sie wirkte einfach neben diesem blutjungen, frischen und bezaubernd singenden Ännchen im Kontrast nicht mehr jung. Auch dir ist ja diese Regula Mühlemann sehr positiv aufgefallen. Über die zwanghaft eingebauten Horrorelemente musste ich ehrlich gesagt fast lachen, so absurd unpassend fand ich das. Dämonisch war's jedenfalls gar nicht, eher albern. Positiv aufgefallen ist mir genau wie dir der Ländler, das war wirklich eine hinreißend schöne Szene!
Heike
Maria-Anna (06.01.2011, 21:43):
Ach menno! Jetzt war ich grad mal auf der Website von dem Kino, das den Film hier zeigt, weil ich am Wochenende gehen wollte, und jetzt ist der Freischütz schon vom Programm gestrichen .... X(
Peter Brixius (30.03.2011, 11:25):
Meinen Rundgang setze ich mit einer Einspielung fort, bei der ich immer wieder versucht war, das Hören abzubrechen. Es handelt sich um eine Studioaufnahme des NDR vom 10.3.1960.

Vor allem ärgert mich das oft tranige Dirigat von Wilhelm Brückner-Rüggeberg - am deutlichsten für mich im 1. Akt. Als Weill-Dirigent ist er mir in bester Erinnerung. Aber hier scheint mir eine Reihe von Nummern eine Minute zu lang. Die Protagonisten sind nicht schlecht, das langsame Dirigat lässt sie musikalisch schön formulieren, aber sie scheinen teilweise gelähmt zu sein. Sandor Konya fehlt da eine Ecke Verzweiflung, aber auch sonst ist er nicht durchweg überzeugend, James Pease wirkt nicht präsent, der Chor kann buchstabengenau singen, gerde bei den Chor-Nummer fällt einem auf, dass der Takt zu ruhig ist, der Walzer wird dadurch träge. Auch der gut singende Arnold von Mill brauchte einen Schuss Pfeffer bei seiner Rachearie. Beim zweiten Akt scheint es erst einmal so weiter zu gehen, Erna-Maria Duske fehlt mir ein wenig Munterheit, sie wirkt eher bieder. Bei Melitta Muszely hört man bewunderswerte weite Bögen, aber auch "Wie nahte mir der Schlommer". Aber dann gibt Brückner-Rüggeberg ein wenig Gas und das Terzett ist so,wie man es sich vorstellen kann.

Wir befinden uns noch in der Zeit, in der man für die Sänger bei den Dialogen Sprecher einsetzte. Da die Aufnahme nur fragmentarisch überliefert ist (es fehlen weitgehend nur Dialoge), ist es die Wolfsschlucht, bei der der Wechsel von Sprecher zu Sänger komische Wirkung erzielt, nicht gerade passend an der Stelle ... Dafür glänzt aber das Orchester, vor allem die Bläser, die die musikalische Szenerie eindrucksvoll gestalten.

Von da an geht es eigentlich anhörenswert weiter, bis dann ein geschmetterter Jägerchor zu behäbig gesungenn klingt. Dabei sind instrumentale Vor- und Nachspiele schwungvoll. Leider gibt das gewählte Tempo des Finales, Konya die Gelegenheit, die eine oder andere vokale Verfärbung vorzuführen. Ernst Wiemann als Eremit ist ein Erlebnis. Er weiß Raum und Zeit zu nutzen, disponiert klug und überzeugt.

Am Ende bin ich doch froh, nicht aufgegeben zu haben,auch wenn der Ausklang doch wieder ein wenig Schwung vermissen lässt - meiner Meinung nach, versteht sich

Liebe Grüße Peter
Solitaire (31.03.2011, 10:09):
Hallo Peter!
Danke für diese Schilderung!
Ich kenne diese Aufnahme nicht, mag aber Melitta Muszely sehr. Ihre Violetta 8die ich leider nur in Auszügen an der Seite von Schock und Metternich kenne) braucht sich m.E. keineswegs hinter anderen großen Interpretinnen dieser Rolle zu verstecken. Muszely ist einer der Gründe, warum ich ich derart nach der Felsenstein-Edition verzehre, hier singt sie nämlich im "Hoffmann" alle drei Frauenpartien.
Irgendwann haue ich 300 Europäische raus und gönne mir das Paket einfach.
Peter Brixius (31.03.2011, 12:27):
Wie bei jedem engagierten Liebhaber einer bestimmten Oper findet sich auch einiges Obskures in der Sammlung bei mir. Eigentlich kann man aus jeder Aufnahme lernen, Urteile überprüfen und revidieren, Zusammenhänge besser erkennen. Die Aufnahme unter Wilhelm Brückner-Rüggeberg beweist, dass er Assistent bei Knappertsbusch war. Die Anlage des Dirigats ist deutlich rückwärts gewandt, der Tendenz der Zeit, den Freischütz vom Tempo her immer zügiger zu nehmen, entgegen gesetzt. Aber um ein solches Tempo zu gestalten, muss man ein Genie wie Furtwängler sein. Er macht deutlich, dass eine Interpretationsrichtung wie immer noch umstritten sein kann, Musikalität, Gestaltungswille, Inspiration, Einfühlungsgabe in die Sänger und das Momentum der Aufführung weitaus wichtiger sind als eine mechanische Buchstabentreue.

Wenn ich nun die Dokumentation einer Aufführung des "Freischütz" vom 11.4.1970 in Tokyo höre, stellen sich mir andere Fragen. Aufgenommen auf einer Gastspielreise der Deutschen Oper begegnen einem eine größere Anzahl an Besonderheiten. Natürlich beginnt das mit den japanischen Ansagen und Inhaltsangaben, es ist also offensichtlich eine Sendung, die aus dem japanischen Rundfunk mitgeschnitten worden ist. Zwischendurch meint man allerdings einen Mitschnitt vom Kassettenrekorder zu hören. Eingangs des 2. Aktes sind die Sprechstimmen erst weit entfernt, bevor sie in den Fokus der Aufnahme kommen. Auch wechselt immer wieder mal die Präsenz einer Stimme. Am Anfang gibt es einen kräftigen Schnitt, nach der Ouvertüre setzt die Handlung mitten in der Szene mit Kuno ein.

Um mit dem Positiven anzufangen, das Dirigat Eugen Jochums ist tadellos. Vielleicht ist diese Kopie ja von einem Freund dieser Dirigierkunst in den Umlauf gekommen. Das würde die Existenz immerhin rechtfertigen. Die Sänger zeigen unterschiedliches Niveau (die Informationen, die ich zu dieser Aufnahme habe, sind leider unvollständig, deshalb nur zu den genannten Namen). Karl-Josef Hering ist mir bei dieser Aufnahme zu unstet. Gut gestaltete Passagen wechseln mit weniger Gutem. Gerd Feldhoff ist für mich eine große Enttäuschung. Das liegt nicht nur daran, dass ich mir für Kaspar schwärzere Bässe wünsche (mein Lieblingssänger für diese Rolle ist immer noch Michael Bohnen), aber er wirkt so unbeweglich, dass er selbst mit dem von Jochum für ihn zurückgenommenen Tempo nicht zurecht zu kommen scheint. Dem "Schweig, damit dich niemand warnt" fehlt Bedrohlichkeit und Fulminanz.

Erfreulich ist das Damenduo: Catarina Ligendza bringt eine seelenvolle Interpretation der Agathe, Edith Mathis überzeugt als Ännchen.

Solche Mitschnitte sind immer eine Wundertüte. Recht zuraten kann ich niemandem, diese Aufnahme zu erwerben, sollte sie ihm angeboten werden. Jochum ist anderswo gut vertreten, die Einschränkungen und Weglassungen dieses Mitschnitts sind für mich eher nicht tolerabel. Aber wegen Jochum, Ligendza und Mathis kann man geneigt sein ...

Ach ja, der Chor: er ist vorzüglich, für mich auch immer ein wichtiges Kriterium, denn die unterschiedlichen Chöre spielen eine wichtige Rolle in der musikdramatischen Disposition des Stückes.

Liebe Grüße Peter
Heike (30.01.2012, 00:07):
Komische Oper Berlin, Premiere 29.1.12
Musikalische Leitung ... Patrick Lange
Inszenierung ... Calixto Bieito

Max ... Vincent Wolfsteiner
Kaspar ... Carsten Sabrowski
Agathe ... Ina Kringelborn
Ännchen ... Julia Giebel
Kuno ... Hans-Peter Scheidegger
Kilian ... Christoph Späth
Ottokar ... Günter Papendell
Eremit ... Alexey Tihomirov

"Samiel hilf!" Es gab keinen Samiel, also die Rolle kam nicht vor - stattdessen waren alle Männer teuflisch (und die Frauen auch nicht viel besser). Wie befürchtet war diese Inszenierung ein Bieito- typisches Spektakel um das Böse im Menschen. Das Ganze spielt im (sich wandelnden) Wald - alles. Quasi ist der Wald wohl als Abbild der dunklen Seiten unserer Seele gedacht. Folglich geht es da auch finster zu.

Am Anfang (zur Ouvertüre, vorher hatte schon Max ein Gedicht rezitiert) wandert ein (echtes) Wildschwein durch den Wald. Es wird danach als eine in Pelz gehüllte Frau erschossen, gehäutet, nackt "zerlegt" und vom Sieger weggetragen, die anderen trinken das Blut und feiern ..... und Max, der Versager wird verhöhnt. So weit so gut, ein recht starker Anfang mit verstörenden Bildern in einem kahlen Wald. Weil aber Max anschließend seine erste Arie dumm rumstehend, mit einem Beil in der Hand und dann sich wie ein Kleinkind mit Laub bewerfend, dahingesungen hat, wurde der erste gute Eindruck gleich wieder relativiert.

Schon in der nächsten Szene kam dann leider die für mich ärgerlichste Kürzung: es wurde weggelassen, wie Kaspar Max zum Trinken und dann zur Wolfsschlucht verführt und den Adler schießen lässt. Hier flößt Kaspar Max nur kurz den Schnaps ein und Max sagt dann einfach "ja" zu allem. Er ist quasi ein depperter Jammerlappen ohne jegliches Rückgrat von Anfang an und damit als Figur sterbenslangweilig.

Dann treten Ännchen und Agathe auf, mit Luftballons und Ahnenbild, beide im Pelz, Ännchen als billges Miss-Piggy-Imitat (Freiwild?), Agathe als grellbuntes Schönchen mit "Braut"Scherpe. Poesie findet nicht statt, es ist Partyzeit. Sie vergnügen und fürchten sich im Wald, was auch nicht sehr überzeugend dargestellt ist. Warum sind sie so sagenhaft hässlich gekleidet? Die Frauen sind nur Staffage in den Männerfantasien, geschmackloses Pack? Entsprechend unmotiviert schließt sich dann auch das Terzett an, man nimmt ihnen die Emotionen nicht ab, es langweilt mich. Interessanterweise küsst Max beim Abgehen Ännchen, was aber später nie weiter verfolgt wird.

Die Wolfschluchtszene dann ist als Konstruktion wiederum spannend erdacht: Agathes Phantasien von der getöteten Braut setzt Kaspar vorab schon mal real in die Tat um. Er tötet zu "Milch des Mondes" nicht nur Tiere, sondern auch Menschen, nämlich eine (andere) Braut im Wald. Deren Bräutigam muss gefesselt zusehen. Der Wald wankt. Natürlich zelebriert Kaspar das satanische Schlachtfest, zerreißt auch noch der Leiche das Kleid, begrapscht sie - und die Freikugeln werden durch vaginales Einführen mit der Hand erzeugt. Parallel dazu wird Max am Bühnenrand zum Tier, nachdem ihm vorher noch seine Mutter erschienen ist. D.h. Max zieht sich nackt aus, wälzt sich am Boden, nimmt animalische Bewegungen an. Schließlich kommt er dazu und tötet den Bräutigam und ist damit endgültig dem Bösen geweiht. Ekelhaft und abstoßend gemacht ist die ganze Szene (muss Kaspar nun wirklch noch in den Wald pinkeln?), dann kam die Pause und ich war halbwegs unentschlossen, wie ich das Ganze finden soll.

Der zweite Teil war dann leider für mich noch deutlich schwächer und glitt auch im Detail immer mehr in grobe Plattheiten ab, was sich v.a. bei den beiden Frauen schon vorher angedeutet hatte. Zur Einleitung (im nun abgeholzten Wald) trat wieder der splitternackte, affenähnlich agierende Max auf, dazu Agathe im Brautkleid, sie ohrfeigt Max, klopft sich wie Tarzan an die Brust. In einer Art Kreuzigungspose wurde dann der nackte Max als Opfer stilisiert, was er für mich überhaupt nicht nachvollziehbar war, dazu fehlte jegliche Hinleitung. In der folgenden Szene mit Ännchen (die auch noch in den Wald pinkeln muss) über die Phantasien gerät Agathe so in Wut, dass sie die weißen Rosen zerschmettert. Man ahnt daraufhin das böse Ende......

Die Jungfernkranzszene wurde umgedeutet, den Totenkranz hat hier, wohl mit Wissen der anderen Jungfern, Ännchen absichtlich ins Paket getan (ich hätte mich nicht gewundert, wenn ein weißes Kaninchen drin gewesen wäre, denn die Mädels waren alle entweder mit Schweinchenmaske oder Bunny-Ohren verkitscht, zudem in häßlichen rosa Kleidchen plus Pelz). Man ließ natürlich die moll-Reprise weg, statt dessen gab es nur heilloses Gelächter und Gekreische, nur Ännchen beklagt, dass sie keinen abkriegt. Das große Albern rundum. Dann der Jägerchor, quasi als Reaktion auf Ännchens Wunsch, auch mal in den Arm genommen zu werden, wieder Party. Agathe kriegt einen toten Hasen geschenkt.

Der showdown: Max kommt hinzu (immer noch splitternackt), schießt auf Kaspar und Agathe (zu ihr mit den Worten "ich liebe dich"). Ersterer lebt noch, erschießt sich aber alsbald selbst. Agathe blutet ewig lange am Boden langsam vor sich hin, getätschelt vom Ännchen. Nun ja, logischerweise hört am Ende niemand auf den hinzukommenden Eremiten, sondern er wird ausgelacht. Also nix mit Happyend, es wird gestorben, am Ende kriegt auch Max noch ne Kugel ab, nachdem Agathe tot ist.

Nicht das fehlende Happyend werfe ich der Inszenierung vor, sondern das Stückwerk und die billigen Plattheiten (auch nicht das Drastische in der Darstellung). Zudem war das psychologisch total langweilig und in der ganzen Entwicklung überhaupt nicht nachvollziehbar. Eher eine Aneinanderreihung von Etwas, was einem gerade so einfällt zum Text, ohne Verbindung zum Ganzen.

Sängerisch war der Eindruck gemischt. Vincent Wolfsteiner als Max war überangestrengt, in der Höhe überfordert und für mich ohne jeden Glanz. Um so besser Carsten Sabrowski als Kaspar - ein kräftiger, bitterböser Bass, nicht nur laut, sondern auch gruselig. Ina Kringelborn als Agathe gefiel mir gar nicht, ihre Stimme ist schrill, unsicher intonierend, zudem ohne Volumen, passte für mich gar nicht. Zudem sprach sie sehr schlecht. Julia Giebel als Ännchen mochte ich eher, sie sang einen eher leisen, aber schön klingenden Sopran und tat mir richtig leid, dass sie so ein dämliches Rollenporträt aufgedrückt kriegte. Viel mehr kann ich zu den Sängern gar nicht sagen, ehrlich gesagt ging das alles etwas unter bei der vielen action. Mich hat jedoch keine der großen Arien wirklich berührt und das Terzett schon gar nciht.

Musikalisch immerhin hatte ich einigermaßen Freude, das Orchester unter Pattrick Lange spielte am Anfang mit sehr viel drive, die solistischen Passagen (Hörner, Flöten, Cello) kamen überzeugend und an Spannung mangelte es mir nicht. Die Wolfsschluchtszene gruselte. Ich fand auch, dass Lange diesmal nicht allzu knallig aufgetrumpft hatte, sondern durchaus auch mal leise Momente gut rausgearbeitet hat. Im zweiten Teil kam mir das Orchester aber etwas lustloser vor.

Alles in allem die schwächste Inszenierung, die ich von Bielto gesehen habe - und sängerisch (Kaspar ausgenommen) allenfalls Mittelmaß.
Heike
Severina (30.01.2012, 00:25):
Liebe Heike,
hm, ich weiß nicht, wie ich das alles finden soll, das muss man wohl live sehen, um es beurteilen zu können. (Allerdings muss ich gestehen, dass ich mit dem "Freischütz" nicht sonderlich vertraut bin, also mir die Kürzungen zum Teil gar nicht aufgefallen wären.)
Meine Live-Erfahrungen mit Bieito beschränken sich auf seinen "Don Carlos" in Basel, den fand ich ziemlich überfrachtet mit Bildern/Einfällen (Daraus macht ein anderer Regisseur 10 Inszenierungen), auch drastisch, aber insgesamt spannend und nicht uninteressant.

Dass Dir der Max sängerisch nicht gefallen hat, wundert mich nicht, denn die erste Tenorgarde findet es vielleicht doch nicht so prickelnd, die meiste Zeit splitterfasernackt zu agieren, und dass sich dabei die Stimme ein bisserl verkrampft, kann ich mir gut vorstellen....

Bin ja neugierig, was Alviano schreibt, denn der war doch als Bieitofan sicher vor Ort!

lg Sevi :hello
Heike (30.01.2012, 07:43):
Moin Sevi,
ja, Alviano hat seinen Bericht schon in Cappriccio gestellt, wie ich eben gesehn hab. Er war begeisterter als ich. Mich hat dieses Sammelsurium von nicht oder halbherzig verfolgten Ideen nicht überzeugt, "Daraus macht ein anderer Regisseur 10 Inszenierungen" trifft es gut. Na, zumindest war es nicht langweilig!
Heike
Fairy Queen (30.01.2012, 11:25):
Bonjour, ich habe gerade den Freischütz-Bericht gelesen, danke Heike. Grundsätzlich kann ich es nur begrüssen, wenn diese Oper (die ich in ihrer konventionellen Form nicht sonderlich mag) gegen den deutschtümelnden Strich gebürstet wird und die Jagd als Metapher für allerlei böse Triebe gedeutet wird. Aber es hâtte wahrscheinlich zum Reflektieren und zum Provozieren gereicht, wenn Bieito sich ein Motiv herausgesucht und konsequent, profund und gründlich unter die Lupe genommen hâtte. Frauen als Jagdwild und Freiwild darzustellen leuchtet mir jedenfalls in einer romantischen Oper sehr ein :D und das reicht dann vielleicht auch schon? Wenn man vor lauter Bäumen als Zuschauer den Wald nciht mehr sieht.....
Da mcih in einer Oper immer noch vorrangig der Gesang interessiert (altmodisch wie ich nun mal bin....)
Hatte der Gesang überhaupt noch etwas mit der Inszenierung zu tun oder war das Nebensache? Dass die Sänger mâssig bis schlecht waren, kann ja verschiedene Gründe haben. Ein möglicher Grund: es kam nciht drauf an, Hauptsache, sie waren bereit, bei dieser Inszenierung mitzumachen und nackt durch den Wald zu rennen. Die richtig guten Sänger hatten dazu "keine Lust" (siehe Severina "1. Tenorriege"- und der Max ist immerhin eine ziemlcihe Môrderpartie!) Zum Anderen könnte es ja wirklich sein, dass die Sänger sich nicht sonderlich entspannt gefühlt haben und unter eigenem oder fremden Druck standen- damit singt es sich nciht immer optimal..... :A

Ich zumindest hab keine Lust auf Oper, in der, aus welchen Gründen auch immer, schlecht gesungen wird. Dann seh ich lieber gleich ein Theaterstück an, das gerne wenn es denn sinngebend ist, auch blut- und spermatriefend sein darf. Die Schauspieler müssen dabei ja gottseidank nciht auch noch mörderische Partien singen.......

F.Q.
Heike (30.01.2012, 13:51):
Hallo Fairy,
Aber es hâtte wahrscheinlich zum Reflektieren und zum Provozieren gereicht, wenn Bieito sich ein Motiv herausgesucht und konsequent, profund und gründlich unter die Lupe genommen hâtte.
Ja, das sehe ich auch so. Ich finde seine Ideen und Sichtweisen oftmals sehr gut erdacht und intelligent assoziiert, aber eher weniger gut umgesetzt. Nach dem Motto "guter Denker, schlechter Handwerker". Aber lieber so ein Freischütz als ein konservativer, da gebe ich dir recht.

Hatte der Gesang überhaupt noch etwas mit der Inszenierung zu tun oder war das Nebensache?
Also, man konnte der Handlung schon sehr gut folgen - WENN man die GEschichte kannte, sonst wäre ich mir da nicht so sicher. Fast alle Dialoge wurden gestrichen. Ob die Mängel bei Max z.B. an der Rolle lagen, das weiß ich nicht, der Mann war mir vorher unbekannt, dem gestehe ich sicherlich zu, in der Rolle nicht eben entspannt gewesen zuu sein. Er hat zumindest nicht falsch gesungen ;-) . Die Agathe allerdings hatte ich von früher schonmal sehr schlecht in Erinnerung, ich weiß jetzt nicht mehr, was die da gesungen hatte, aber wenn ich mir schon mal den Namen merke, weil er mir so negativ auffiel, dann war das wirklich nicht gut.
Allerdings war auch der Chor diesmal super , das hat dann doch einiges rausgerissen zusammen mit dem gut geführten Orchester.
Heike
Ingrid (30.01.2012, 20:09):
Original von Heike
Die Agathe allerdings hatte ich von früher schonmal sehr schlecht in Erinnerung, ich weiß jetzt nicht mehr, was die da gesungen hatte, aber wenn ich mir schon mal den Namen merke, weil er mir so negativ auffiel, dann war das wirklich nicht gut.
Allerdings war auch der Chor diesmal super , das hat dann doch einiges rausgerissen zusammen mit dem gut geführten Orchester.
Heike

Also ich habe sie als Micaela erlebt, aber sie singt auch noch die Gräfin Almaviva, die Eva, Rusalka... . So schlecht war sie da nicht, nur das Kostüm war fürchterlich.

Ich bin auf jeden Fall froh, diese Aufführung nicht gesehen zu haben. Die Armida hat mir schon voll und ganz gereicht und was Du so berichtest, ging es da gestern noch um einiges heftiger zur Sache. Da war der Fidelio in München ja beinahe kindertauglich dagegen. Ob Bieito immer nur in der KOB so voll und ganz die Wildsau :wink rauslassen kann/darf?

Der Freischütz war meine erste Oper und Pflichtprogramm der Schule, aber hat mich, mit einer bestimmt viel viel harmloseren Inszenierung so geschockt, dass ich viele Jahre nur noch in Operetten gegangen bin. Vor ca. 10 Jahren habe ich sie mir dann in München (Rose-Insz.) noch einmal angeschaut, aber die brauche ich einfach nicht ein drittes Mal. Es gibt natürlich musikalische Ohrwürmer, aber dafür reicht dann eine CD.

Auf jeden Fall vielen Dank für Deinen Bericht.
Herzliche Grüße
Ingrid
Heike (01.02.2012, 07:35):
Stimmt, ich habe sie als Micaela gesehen. Vielleicht hatte sie bei dir einen besseren Tag, ihch fand es grauselig.
Heike
Ingrid (01.02.2012, 11:06):
In dem Fall kam halt noch die deutsche Sprache dazu, die man (ich) eben gerade bei der Carmen nicht so gut aushalten kann und vielleicht auch problematisch für die Sängerin war. Im Gegensatz zu Frau Bengstsen (?), die ich immer sehr mochte, "obwohl" sie auch italienische Rollen deutsch sang und das sehr gut, habe ich IK mehr oder weniger über mich ergehen lassen.

Lg Ingrid
Hosenrolle1 (29.01.2015, 18:19):
Original von Peter Brixius
Querschnittsplatten sind eigentlich eine andere Sache, sie versuchen die Highlights der Oper an den Mann bzw. die Frau zu bringen

Ich las auch, dass es diese Querschnittsplatten v.a. auch deswegen gab, weil die Gesamtaufnahmen auf Schallplatten normalerweise sehr teuer waren, und man durch Querschnitte den Leuten doch die Möglichkeit geben wollte, dass sie etwas davon hören können, für weniger Geld.

Ich habe hier eine alte HUG-Box aus den späten 50ern, auf der Rückseite finden sich Werbungen und Preise für andere Gesamtaufnahmen.


Der Zigeunerbaron: 38 DM

Ariadne auf Naxos: 72 DM

Die Hochzeit des Figaro: 72 DM

Der Rosenkavalier: 96 DM

Der Bajazzo: 36 DM

Die Entführung aus dem Serail: 48 DM

Der Freischütz: 72 DM

Die Meistersinger von Nürnberg: 120 DM

Die Zauberflöte: 72 DM

(In noch früheren Zeiten gabs ja z.B. auch die Drehorgelspieler, die diejenigen, die sich den Eintritt nicht leisten konnten, mit den neuesten "Hits" aus den Opern und Konzerten versorgt hat. Heute ist die Drehorgel natürlich der modernen Zeit zum Opfer gefallen.)


Es scheint eine ganz eigene Art gewesen zu sein, deren Hauptvertreter eben dieser Weigert war. Ich bin leider kein Schelllack-Experte. Vielleicht findet sich jemand, der da mehr weiß.

Ich bin definitiv kein Experte, aber habe mich viel mit Schellackplatten beschäftigt und beschäftige mich noch damit.

Die Kurzopern auf Schellackplatten sind sehr beliebt gewesen damals, wobei das Problem natürlich war, dass auf eine Plattenseite nur etwa 3, oder 3einhalb Minuten Musik passte. Eine Gesamtaufnahme einer durchschnittlichen Oper hätte also massenweise Schellackplatten benötigt (bei Radiomitschnitten wurden auch massenweise Schellacks verwendet, obwohl es da auch ein spezielles, noch wesentlich größeres Plattenformat gab). Deswegen musste man die Opern so gut es geht stutzen.

Bei meiner Suche nach Kurzopern (die oft in sehr schönen, edlen Alben steckten, wobei die Gefahr groß war, dass die Platte durch das Schließen des Buches zerbrochen wurde) ist mir der Name Hermann Weigert öfter untergekommen. Ich weiß von einer Freischütz-, einer Lohengrin- und einer Hänsel und Gretel-Kurzoper unter seinem Dirigat.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.01.2015, 18:38):
Es ist eines meiner - mehrfach verschobenen - Großprojekte. Ich habe unter Weigert

Bizet: Carmen
Gounod: Faust (auch unter Wolff)
Humperdinck: Hänsel und Gretel
Millöcker: Der Bettelstudent (den habe ich auch unter Römer mit Tauber :engel)
Puccini: La bohème
Rossini: Der Barbier von Sevilla
Strauß: Die Fledermaus
Verdi: Il Trovatore
Wagner: Lohengrin
Flotow: Matha
Lortzing: Zar und Zimmermann (mit Domgraf-Fassbaender)
Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor

Der "Freischütz" liegt sicher noch in meinen "Freischütz"-Stapeln. Die Besetzungen sind hervorragend, Domgraf-Fassbaender gehört dazu und Völker.

Eine (zeigefingerträchtige) Besprechung habe ich in einem anderen Forum geschrieben.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (29.01.2015, 18:48):
Millöcker: Der Bettelstudent (den habe ich auch unter Römer mit Tauber engel )

Die Tauber-Platte, ist das eine ODEON mit rotem Etikett? Ich kenne sie zwar nicht, aber ich vermute es mal.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.01.2015, 19:01):
Liebe(r) Hosenrolle1,

ich habe sie digitalisiert, ein Bild findest Du hier


"https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/P2DJ65KOMSBCFUFNQSBB4ZTHBZC7KDUA"


Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (29.01.2015, 19:21):
Zurück zum "Freischütz". Um mal zu demonstrieren, was Kurzfassung heißt, hier die Nummern und die jeweilige Länge

Nr. 1 Introduktion 1:07
Nr. 2 Terzett mit Chor 3:19
Nr. 3 Walzer und Arie 2:39
Nr. 4 Lied 1:35
Nr. 5 Arie 0:57
2. Akt
Nr. 6 Duett 2:36
Nr. 7 Ariette 2:08
Nr. 8 Arie 3:03
Nr. 9 Terzett 1:53
Nr. 10 Finale (Wolfschlucht) 4:37
3. Akt
Nr. 12 Kavatine 1:29
Nr. 13 Romanze und Arie 1:53
Nr. 14 Volkslied 1:31
Nr. 15 Jägerchor 0:33
Nr. 16 Finale 8:33

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (29.01.2015, 19:24):
Ha!

Die roten und braunen Etiketten waren für teurere Aufnahmen mit den teureren Künstlern (Tauber, etc.), die blauen für die billigeren. Die braunen waren dabei die teuersten.


Arie 0:57

DAS ist wirklich mal eine kurze Arie :D



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.01.2015, 19:38):
Original von Hosenrolle1
Arie 0:57

DAS ist wirklich mal eine kurze Arie :D



LG,
Hosenrolle1

Ausgerechnet "Schweig, schweig, damit dich niemand warnt" (mein Lieblingsinterpret ist da übrigens Michael Bohnen)

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (29.01.2015, 19:56):
Mein Lieblingskaspar ist definitiv Karl-Christian Kohn, der nicht nur toll singt, sondern auch die Dialoge toll meistert, ohne dabei übertrieben herumzupoltern, wie etwa Kurt Böhme.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.03.2015, 08:51):
Ich habe mir heute Morgen eine TV-Sendung angesehen, die ich vor einiger Zeit aufgenommen habe. Ich habe mir ohnedies angewöhnt, das meiste als Konserve zu sehen.

Hier handelte es sich - wenn ich den Google-Angaben glauben darf - um eine 2014 in Großbritannien entstandene Einführung in Webers Oper, moderiert von Ramon Gener. Vielleicht kann mir einer der sängerinteressierten Forianer etwas zu diesem Spanisch sprechenden, dabei stets per Einrede übersetzten Opernkenner sagen. Auf mich hat er den schlechtesten aller Eindrücke in einer Sendung gemacht, die im wesentlichen nicht von Webers Musik bestimmt wurde. Selbst Agathes Arie, dargeboten auf einem Cello, nach Gener das typische romantische Instrument, wurde kurzerhand und relativ schnell von einem Marsch der aufspielenden Schützen (nicht aus dem Freischütz) brutal beendet.

Wenn bei einer Einführung etwas ärgert, dann Halbwahrheiten und Desinformation. Das fängt damit an, dass Gener behauptet, Max sei ein schlechter Schütze. Wäre er das, hätte er seinen Beruf verfehlt - und die Oper hätte einen anderen Verlauf. Nein, er ist ein guter Schütze, der beste weit und breit. Aber ...

Dafür wird uns das umstrittene Pfitzner-Zitat geliefert (selbstverständlich ohne Angabe des Autors), dass die Hauptperson des Freischützes der Wald sei. Immerhin wäre dies ein Ansatzpunkt, der aber ebenso gnadenlos in der Sendung verschenkt wird, wie alles andere auch. Statt dessen wird im Beginn der Ouvertüre die Erschöpfung der Welt entdeckt.

Die Rolle des Nationalen wird mehrfach betont, aber ich kann bei bestem Willen keinen Nationalismus im Freischütz erkennen. Und dann endet immer wieder schnell jede Argumentation beim Schützenverein einer kleinen bayrischen Stadt. Die Bauern, die das Wettschießen zu Beginn der Oper ausrichten, gehören aber keinem Schützenverein an. Wir sind in der Zeit nach dem 30jährigen Krieg - und die spanische Inquisition hat hier auch keinen Platz.

Halbwahrheiten, Unrichtigkeiten, wenig Musik aus dem "Freischütz", viele der Stichpunkte, die für mich die Oper ausmachen, fehlen in dieser Einführung.

Da "passt" am Ende, dass endlich mal ein Chor aus dem "Freischütz" zu hören ist, der Jägerchor, versteht sich. Aber bei so viel Mut zu Weber geht er geschwind in einen Klatschmarsch über - typisch deutsch. Passt schon. Ärgerlich und abzuraten diese Sendung.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (29.03.2015, 10:22):
Hier handelte es sich - wenn ich den Google-Angaben glauben darf - um eine 2014 in Großbritannien entstandene Einführung in Webers Oper, moderiert von Ramon Gener. Vielleicht kann mir einer der sängerinteressierten Forianer etwas zu diesem Spanisch sprechenden, dabei stets per Einrede übersetzten Opernkenner sagen. Auf mich hat er den schlechtesten aller Eindrücke in einer Sendung gemacht, die im wesentlichen nicht von Webers Musik bestimmt wurde. Selbst Agathes Arie, dargeboten auf einem Cello, nach Gener das typische romantische Instrument, wurde kurzerhand und relativ schnell von einem Marsch der aufspielenden Schützen (nicht aus dem Freischütz) brutal beendet.

Klingt fast so, als wollte man da das Publikum nicht mit Arien „langweilen“, sondern ihnen lieber das präsentieren, was sie hauptsächlich vom Freischütz kennen, oder glauben zu kennen.


Wenn bei einer Einführung etwas ärgert, dann Halbwahrheiten und Desinformation. Das fängt damit an, dass Gener behauptet, Max sei ein schlechter Schütze. Wäre er das, hätte er seinen Beruf verfehlt - und die Oper hätte einen anderen Verlauf. Nein, er ist ein guter Schütze, der beste weit und breit. Aber ...

… er durchleidet ödipale Konflikte, die er im Laufe der Oper zu bewältigen hat!


Dafür wird uns das umstrittene Pfitzner-Zitat geliefert (selbstverständlich ohne Angabe des Autors), dass die Hauptperson des Freischützes der Wald sei.

Eine interessante Diskussion … ich hatte und habe beim Freischütz immer das Gefühl, dass die Menschen nur kleine Figuren sind, die sich in dieser Natur bewegen, ihr mehr oder weniger ausgeliefert sind. Samiel wird am Ende ja auch nicht in irgendeiner Form besiegt, sondern wartet auf die nächsten, die ihm ihre Seele verkaufen.

Auffällig ist ja auch, dass das drohende Unheil, das von der Natur ausgeht, in manchen anderen Nummern zu hören ist, etwa in der Kavatine der Agathe im 3. Akt, wo die Hörner das Stück gleich mit einem Haufen Synkopen beginnen, als ob sie zeigen wollen, dass von der Natur, von den dunklen Mächten der Natur, eine Bedrohung ausgeht, und alles aus den Fugen geraten ist.

Aber generell halte ich von allen Figuren in dieser Oper nichts, Psychologie hin oder her. Am Interessantesten für mich sind da die Erscheinungen in der Wolfschlucht. Mit HUG kann ich Mitleid haben, mit einer Salome kann ich das, auch mit Siegmund und Sieglinde. Aber im Freischütz finde ich keine einzige sympathische Figur.


Immerhin wäre dies ein Ansatzpunkt, der aber ebenso gnadenlos in der Sendung verschenkt wird, wie alles andere auch. Statt dessen wird im Beginn der Ouvertüre die Erschöpfung der Welt entdeckt.

Was Oberhoff dazu sagen würde …

Offenbar haben die Verantwortlichen nicht mitbekommen, dass in der Ouvertüre Themen aus der Oper miteinander verwoben werden.
Fehlt nur noch, dass ein Regisseur auf die Idee kommt, einen Chor in der Generalpause „Und es ward Liiiiiicht“ singen zu lassen *gg*


Die Rolle des Nationalen wird mehrfach betont, aber ich kann bei bestem Willen keinen Nationalismus im Freischütz erkennen. Und dann endet immer wieder schnell jede Argumentation beim Schützenverein einer kleinen bayrischen Stadt. Die Bauern, die das Wettschießen zu Beginn der Oper ausrichten, gehören aber keinem Schützenverein an. Wir sind in der Zeit nach dem 30jährigen Krieg - und die spanische Inquisition hat hier auch keinen Platz.

Noooobody expects the spanish Inquisition!!!

Ich weiß einen Slogan für den Schützenverein: „Schießen lernen – Freunde treffen!“.


Halbwahrheiten, Unrichtigkeiten, wenig Musik aus dem "Freischütz", viele der Stichpunkte, die für mich die Oper ausmachen, fehlen in dieser Einführung.Da "passt" am Ende, dass endlich mal ein Chor aus dem "Freischütz" zu hören ist, der Jägerchor, versteht sich. Aber bei so viel Mut zu Weber geht er geschwind in einen Klatschmarsch über - typisch deutsch. Passt schon. Ärgerlich und abzuraten diese Sendung.

Klingt wirklich nach Musikantenstadl-Niveau, das Ganze. Wie kann man zum Jägerchor klatschen??




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.03.2015, 11:05):
Auf den Wald komme ich gerne noch zurück, aber ich gebe einmal zu bedenken, dass die Bauern eine nicht unerhebliche Rolle spielen, das Försterhaus sich nicht im Wald befindet (wo lebt der Eremit) - und was bezieht sich auf die Natur? Die Erscheinungen in der Wolfsschlucht finden doch meist am Himmel statt, das Gewitter inklusive. Die Bedrohung (Samiel) kommt außerhalb des Waldes - er ist kein waldgeist.

Wie weit ist der Wald schon unterworfene Natur? Ausgerechnet die Wolfsschlucht - hier könnte man ja an ein Überbleibsel freier Natur denken - bezieht ihre Abscheulichkeit vom Menschen und vom Krieg der Menschen.

In der Sendung stand das Violoncello für die Romantik, gerade nicht ein Vertreter des Waldes - das wären die Hörner gewesen, die ja ihre musikalische Rolle im "Freischütz" spielen.

Zu den Sympathiewerten der Protagonisten: Da werden wir wohl unterschiedliche Meinung haben. Nicht, dass ich Dich zu anderem überreden möchte, aber ich sehe sie halt anders (habe dann allerdings meine Probleme mit der Janowitz als Agathe).

Ach ja, der Klatschmarsch: Sogar einen Csárdás kann man zum Klatschmarsch machen - Barbaren!

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (29.03.2015, 12:01):
Auf den Wald komme ich gerne noch zurück, aber ich gebe einmal zu bedenken, dass die Bauern eine nicht unerhebliche Rolle spielen,

Wie meinst du das konkret? Meinst du, weil die „niederen“ Bauern Max verhöhnen etc. und er deswegen umso mehr bereit ist, sich auf das Gießen der Freikugeln einzulassen?


und was bezieht sich auf die Natur? Die Erscheinungen in der Wolfsschlucht finden doch meist am Himmel statt, das Gewitter inklusive.

Also da gibt es die Vögel, die herumflattern, dann der wilde Eber, der herumläuft, dann ein Sturm, dann Feuerräder, die vorbeirollen, dann das wilde Heer, und am Schluss Gewitter, Regen, Sturm, Erdbeben, Flammen, die aus der Erde schießen, etc.
Dazu noch die tote Mutter sowie Agathe, die Max sieht, wie sie sich in einen Fluss stürzen will.

Ich habe es so verstanden, dass eigentlich ALLES Natur ist, auch die Erscheinungen; Kaspar sagt vor dem Kugelgießen auch zu Max:

„Fasse Muth! Tritt in den Kreis! Er ist eine eherne Mauer gegen Geistergewalt vom Firmamente bis zum untersten Abgrund. – Was du auch hören und sehen magst, verhalte dich ruhig. Käm´ vielleicht ein Unbekannter, uns zu helfen, wär´ es auch ein schwarzer Reuter auf schwarzem funkensprühenden Roß, was kümmtert´s dich? Kommt Andres, was thut´s! So etwas sieht ein Gescheidter gar nicht!“

Als Max dann meint: „O! wie wird das enden!“ antwortet Kaspar:

„Umsonst ist der Tod! Nicht ohne Widerstand schenken verborgene Naturen den Sterblichen ihre Schätze.“



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.03.2015, 12:11):
Original von Hosenrolle1
und was bezieht sich auf die Natur? Die Erscheinungen in der Wolfsschlucht finden doch meist am Himmel statt, das Gewitter inklusive.

Also da gibt es die Vögel, die herumflattern, dann der wilde Eber, der herumläuft, dann ein Sturm, dann Feuerräder, die vorbeirollen, dann das wilde Heer, und am Schluss Gewitter, Regen, Sturm, Erdbeben, Flammen, die aus der Erde schießen, etc.

Lieber hosenrolle1,

da hätte ich nun besser "Wald" statt "Natur" geschrieben.

Also: der Eber ist eindeutig dem Wald zugehörig, bei den Vögeln bin ich mir da nicht so sicher, alles andere ist aber allenfalls Natur, nicht aber Wald.

Dazu noch die tote Mutter sowie Agathe, die Max sieht, wie sie sich in einen Fluss stürzen will.

Das hat nun mit Natur nichts mehr zu tun, es sind vom Menschen kommende, auf den Menschen zielende Phantasien.

„Umsonst ist der Tod! Nicht ohne Widerstand schenken verborgene Naturen den Sterblichen ihre Schätze.“

Das kommt ja schon im ersten Akt, wenn Kaspar nur von Naturkräften sprechen will. Das ist aber eine Lüge, wie auch Freikugeln, die ungezielt treffen, keine Naturkräfte manifestieren, sondern manipulierte Natur - hier durch den Teufel.

Vielen Dank für die Klarstellung

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (29.03.2015, 13:32):
da hätte ich nun besser "Wald" statt "Natur" geschrieben.Also: der Eber ist eindeutig dem Wald zugehörig, bei den Vögeln bin ich mir da nicht so sicher, alles andere ist aber allenfalls Natur, nicht aber Wald.

Achso, dann habe ich das falsch verstanden, sorry!

Wobei ich eh denke, dass mit "Natur" mehr oder weniger "alles Grüne" gemeint ist. Also der Wald, aber auch Berge, Schluchten, Wiesen und Felder und Flure und Haine.

Wobei wenigstens bei der letzten Kugel eigentlich die reine Natur (bis auf die Flammen, die aus dem Boden schießen) auf Max und Kaspar einwirkt: Unwetter, Beben, usw.

Das hat nun mit Natur nichts mehr zu tun, es sind vom Menschen kommende, auf den Menschen zielende Phantasien.

Da gebe ich dir recht.


Zum Wohnort des Eremiten habe ich etwas gefunden: in der später gestrichenen Anfangsszene der Oper, in der Agathe den Eremiten trifft, steht als Regieanweisung:

Waldgegend mit einer Eremiten-Wohnung. Neben dieser ein Altar von Rasen. Hinter ihm ein Kreuz oder Heiligenbild, ganz von weißen Rosen umblüht

(Keine Ahnung was ein "Altar von Rasen" sein soll)


Zum Forsthaus diese Anweisung:

Vorsaal mit zwei Seiteneingängen im Forsthause. Hirschgeweihe und düstre Tapeten mit Jagdstücken geben ihm ein alterthümliches Ansehen und bezeichnen ein ehemaliges fürstliches Waldschloß.


Andererseits singt Agathe in ihrer Arie: "Nur dort in der Berge Ferne scheint ein Wetter aufzuziehen, dort am Wald auch schwebt ein Heer dunkler Wolken, dumpf und schwer".

Wäre sie in einem Wald, wie könnte sie da Berge sehen, und wieso würde sie singen "Dort am Wald".

Da frage ich mich, wieso es in der Anweisung dann "Waldschloß" heißt. Oder muss ein Waldschloss nicht notwendigerweise IN einem Wald sein? Wäre auch eine Möglichkeit.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (29.03.2015, 17:56):
Lieber hosenrolle1,

mit einer "Rasenbank" habe ich mich in meinen Studententagen schon mal herumgeschlagen, als mir der Ausdruck das erste Mal begegnete. Eigentlich ist es einfach, in diesem Fall eine mit Gras bewachsene erhöhte Fläche, auf der man sitzen konnte. Auch mit Rückenlehne gab es sie.

Bei einem Altar kann man sich entsprechend eine erhöhte Fläche, diesmal nicht zum Sitzen sondern zum Zelebrieren einer Messe oder als Tisch vorstellen, auf dem eine Bibel, ein Gebetbuch liegen können. Nicht so schmutzig wie ein entsprechender Erdhügel, auch dürfte ein Regenguss die Oberfläche noch nicht in irgend etwas Schmieriges verwandeln. Aber eben nicht so aufwändig (und teuer) wie das Ding in Holz.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (07.05.2015, 01:06):
Original von Peter Brixius
Am Ende noch ein Blick in die Zukunft. Als Eremit tritt der junge Kurt Böhme auf, der einmal in Bohnens Fußstapfen als Kaspar treten wird.

Wobei man sagen muss, nicht nur einmal :D

Ich habe bzw. kenne mehrere Freischütz-Aufnahmen, bei denen er dabei ist:


1944 unter Karl Elmendorff, als Kaspar zu hören.

1949 unter Rudolf Kempe, ebenfalls als Kaspar.

1954 unter Furtwängler, wieder Kaspar.

1955 unter Erich Kleiber (in der Capriccio-Fassung auf der Rückseite irrtümlich als "Samiel"-Darsteller gelistet, im Booklet steht aber, dass er den Eremit sang)

1960 unter Eugen Jochum wieder als Kaspar.

1967 unter Lovro von Matacic als Eremit.




LG,
Hosenrolle1