Weber, C.M.v.: Der Freischütz (Kommentierte Diskographie)
Hosenrolle1 (18.11.2015, 13:59): Beginnen möchte ich auch hier wieder mit frühen Aufnahmen aus der Schellackzeit.
Ich beginne mit einem Potpourri von Marek Weber.
http://b8.is.pp.ru/p/partituren/3/45721733CDI.jpg
Seite 1 der rein instrumentalen Platte beginnt mit der Introduction des 1. Aktes und dem Chor "Victoria!". Dieser geht über in den Bauernmarsch, dann geht es weiter mit der Stelle "O lass Hoffnung dich beleben und vertraue dem Geschick".
Dann folgt auch schon eine Strophe und der Refrain des Jungfernkranzes, bevor mit viel typischen Glissandi, mit diesen hineingerutschten Tönen Max´ Arie "Durch die Wälder, durch die Auen" angestimmt wird. Die 1. Seite endet mit dem Anfang von "Kommt ein schlanker Bursch gegangen".
Seite 2 beginnt mit dem Walzer im 1. Takt, als die Bauern in die Waldschenke verschwinden, es folgt der Jägerchor. Hier gefällt mir besonders gut, dass man die tiefen Hörner ebenfalls hört, und beim "Joho tralalalalala"-Teil hört man beide Stimmen, rhythmisch sehr sauber gespielt.
Danach kommt kurz "Hier im ird´schen Jammertal", dann, wieder mit viel Glissandi, der "Leise, leise, fromme Weise"-Teil aus der Agathenarie. Die zweite Seite endet mit dem Finale; zuerst wird "Die Zukunft soll mein Herz bewähren" angestimmt, dann die letzten Takte.
Was mir an dieser Platte gefällt sind gleich zwei Dinge: zuerst die Tonqualität, die sehr ordentlich ist. Das Orchester ist sehr präsent, klingt nicht hallig oder matschig, die Bässe sind durchaus druckvoll.
Zum anderen werden die Stücke nicht extrem schnell und lieblos runtergehudelt, wie man das leider bei manchen anderen Platten hört.
Die Glissandi der Solovioline sind natürlich Geschmacksache :wink
Kaspar: Josef Herrmann Mitglieder des Orchesters d. Staatsoper, Berlin Dirigent: Bruno Seidler-Winkler
Diese Aufnahme, die ebenfalls aus den 30er Jahren stammt, bietet auf einer Seite "Hier im ird´schen Jammertal", auf der anderen Seite jedoch "Das Lied des schwarzen Studenten" aus "Die Macht des Schicksals.
Josef Herrmann hat eine kräftige, laute Stimme, jedoch gefällt mir seine Aussprache des "L" überhaupt nicht, besonders bei "Jammertalllll" und "Quallll".
Die Piccoloflöten hört man sehr gut, das restliche Orchester tritt leider zu sehr in den Hintergrund. Es werden alle drei Strophen gespielt. Mein Lieblingskaspar ist dann doch Karl Christian Kohn aus der Keilberth-Aufnahme.
Diese Platte ist von 1939. Die Ouvertüre teilt sich auf zwei Platten auf, wobei ich nur die erste besitze. Diese allerdings ist in einem schlechten Zustand, und taugt nur als Belegexemplar.
Leider finde ich auf YouTube momentan nur Versionen aus anderen Jahrgängen, 40er und 50er Jahre, weswegen ich zu diesem Zeitpunkt leider noch nichts dazu sagen kann.
Der Vollständigkeit halber aber zeige ich sie natürlich hier.
Ännchen: Irma Beilke Mitglieder des Orchesters der Staatsoper, Berlin Dirigent: Curt Kretzschmar
Auch diese Platte aus den 30ern oder 40ern ist klangtechnisch nicht so schlecht. Die Solo-Bratsche auf Seite 1, oder die unheimlichen Streichertremoli gleich zu Beginn sind gut zu hören.
Irma Beilke als Ännchen ist hingegen nicht so mein Fall. Mein Lieblingsännchen ist Lisa Otto, ebenfalls aus der Keilberth-Aufnahme. Beiles Stimme scheint mir etwas zu alt und zu schwer; schön jedoch finde ich ihre Koloraturen, die sie sehr sauber und klar intoniert, kein übermäßiges Legato, das alles verwischen würde. Auch die Spitzentöne werden nicht laut hinausgeträllert, auch das gefällt mir.
Max: Lorenz Fehenberger Kaspar: Kurt Böhme Agathe: Margarete Teschemacher Ännchen: Elfriede Trötschel Kuno: Heinrich Pflanzl Ottokar: Arno Schellenberg Eremit: Sven Nilsson Kilian: Karl Wessely Erste Braujungfer: Charlotte Krassel Zweite Brautjungfer: Edith Dietrich
Chor der Staatsoper Dresden Sächsische Staatskapelle Dirigent: Karl Elmendorff
Die früheste Gesamtaufnahme, die ich bespreche, stammt aus dem Jahr 1944 und wurde im Juni aufgenommen.
Klanglich ist sie, wie zu erwarten war, äußerst bescheiden. Rauschen, Brummen, starke Verzerrungen, Tonhöheschwankungen, dynamisch stark eingeschränkt, piano klingt wie forte.
Dazu wurden sämtliche Dialoge und auch etwas Musik gestrichen.
Die Ouvertüre beginnt extrem schleppend, Karl Elmendorff braucht vom 1. Takt bist zum Molto Vivace sage und schreibe 4:50! Die Streicher sind klanglich stark präsent, die Holzbläser gehen gerne einmal im Tutti unter, die Pauke dröhnt und wummert permanent zu laut, ohne wirklich erkennbare Tonhöhe.
Beim Bauernmarsch wird die erste Wiederholung gespielt, die zweite aber nicht. Karl Wesselys Kilian ist in Ordnung, singt spöttisch, singt aber „gleich zieht er den Hut“, statt „gleich zieh´ er den Hut“. Da ist doch ein Unterschied.
Was mir gefallen hat waren die „He he he he“-Rufe der Mädchen. Anfangs fand ich das Tempo, das der Dirigent hier einschlägt etwas zu schnell, aber hier höre ich diese Rufe gar nicht so sehr als „menschliche Laute“, sondern eher als Harmonie (sofern man die große Sekunde als solche bezeichnen kann *gg*), zumal sich der Klang mit den unisono mitspielenden Oboen und Violinen mischt. Durch das höhere Tempo wirken diese Rufe auch wesentlich schneidender.
Kuno hat eine kräftige Stimme, singt aber leider sehr Wortundeutlich, und Max ist für mich völlig daneben. Nicht nur seine Aussprache, auch seine Interpretation ist übertrieben heldenhaft und pathetisch. Hier muss ich Harnoncourt Recht geben, der sich dagegen aussprach, Max als Heldentenor zu besetzen.
Beim Bauernwalzer werden die Wiederholungen nicht gespielt, und in der folgenden Arie von Max singt er bei „wie über eig´nes Glück“ auf der 2 (punktierte Achtel) nicht, wie notiert, die Silbe „ber“, sondern immer noch „üüü“, was komisch klingt.
Kurt Böhme, der noch in mehreren Freischütz-Aufnahmen zu hören sein wird, singt hier den Kaspar, und ich finde ihn trotz seiner dunklen Stimme übertrieben dargestellt, polternd und wie eine Karikatur.
Elisabeth Grümmer ist meine momentane Referenz-Agathe, und Margarete Teschemacher kommt da in keinster Weise heran. Ihre Stimme ist schwer und unbeweglich, von piano-Höhen hat sie offenbar noch nichts gehört, ständig wird nur möglichst laut gesungen. Auch ihr Timbre gefällt mir überhaupt nicht.
Das Ännchen von Elfriede Trötschel ist da nicht viel besser, sie ähnelt sich der Agathe zu sehr, und etwa die Stelle „zwar schlägt man“, die mir besonders gut gefällt, klingt bei Lisa Otto aus der Keilberth-Aufnahme am besten. Otto hat hier mit ihrer Stimme, die in allen Lagen schön klingt und sehr beweglich ist, einfach die Nase vorn. Auch fehlt mir bei Trötschel das leicht burschikose der Rolle, das humorvolle, etwa wenn sie Max ein bisschen aufzieht und fragt „Willst du den Himmel observieren? Das wär´ nun meine Sache nicht!“.
Die Agathenarie macht mir wegen o. g. Mängel keinen Spaß, und sie singt „wie schön die Nacht“ statt korrekt „welch schöne Nacht“. Wo ich dahinschmelze, wenn Grümmer in der Kleiber-Version „feiernd walle“ singt, klingt es hier dick und unbeweglich und knödelig. Das Unbewegliche merke ich besonders bei „süß entzückt entgegen ihm“ sowie „Himmel nimm des Dankes Zähren“, als diese kleinen Koloraturen kommen, die aber sehr verwaschen genommen werden. (Nebenbei, schade, dass man die wühlenden 16tel Läufe der Streicher bei „nur der Tannenwipfel rauscht“ nicht hört)
Das Terzett ist gesanglich ein bisschen erträglicher. Max singt zwar „noch trübt sich nicht die Mondenscheibe“ statt „noch birgt sich nicht …“, aber beim Terzett („Leb wohl“) hört man aufeinander und übertönt sich nicht.
Die Wolfsschluchtszene leidet besonders an der eingeschränkten Dynamik, und leider hat man, wohl um die Szene gruseliger zu gestalten, Windmaschinen und Donnergrollen an unpassenden Stellen verwendet, und statt dass das Echo einmal zurückruft, ruft es dreimal zurück. Das wilde Heer bei der vorletzten Kugel hört man absolut nicht!
Im Vorspiel zum dritten Akt spielen die Hörner sehr sauber, auch wird das Tempo nicht zu schnell genommen, leider sind die Streicher zu laut, besonders hier merkt man in der Flöte und Oboe unschöne Verzerrungen.
Der Jungfernkranz wird gespielt (die Jungfern klingen ebenfalls nicht wirklich jung), doch leider fehlt die Wiederholung des Schlusses, sowie das Nachspiel mit der unheimlichen Viola!
Mein Fazit: ein unvollständiger Freischütz in schlechter Tonqualität und mit fehlbesetzten und/oder schlechten sängerischen Leistungen. Historisch vielleicht interessant, aber mehr auch nicht.
LG, Hosenrolle1
palestrina (22.04.2016, 11:25): Hosenrolle 1 und Max ist für mich völlig daneben. Nicht nur seine Aussprache, auch seine Interpretation ist übertrieben heldenhaft und pathetisch. Hier muss ich Harnoncourt Recht geben, der sich dagegen aussprach, Max als Heldentenor zu besetzen.
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51YUk5496kL._SY350_QL15_.jpg Hallo , erstens, diese Aufn.ist ,für meine Verhältnisse ziemlich gut ,die Cantus Ausgaben sind eher schlecht, und dann muss ich dir leider widersprechen ,Fehenberger war zu der Zeit, Engagement in Dresden, kein HELDENTENOR !
LG palestrina
Hosenrolle1 (22.04.2016, 12:31): Original von palestrina und dann muss ich dir leider widersprechen ,Fehenberger war zu der Zeit, Engagement in Dresden, kein HELDENTENOR !
Du widersprichst mir nicht, denn dass er ein Heldentenor ist habe ich nicht behauptet. Ich nannte seinen Vortrag nur übertrieben heldenhaft, und meinte in dem Zusammenhang, dass ich Harnoncourt Recht geben muss, der sich generell gegen einen Heldentenor-Max ausgesprochen hat.
Solltest du das falsch verstanden und ich mich undeutlich ausgedrückt haben, bitte ich um Entschuldigung.
diese Aufn.ist ,für meine Verhältnisse ziemlich gut
Max: Bernd Aldenhoff Kaspar: Kurt Böhme Agathe: Elfriede Trötschel Ännchen: Irma Beilke Kuno: Werner Faulhaber Ottokar: Karl Paul Eremit: Heinz Krämer Kilian: Karl-Heinz Thomas
Staatskapelle Dresden Dirigent: Rudolf Kempe
Diese Aufnahme entstand im Oktober 1949 in Dresden; es handelt sich laut CD um einen Konzertmitschnitt, allerdings höre ich kein Publikum, kein Klatschen oder Huster oder ähnliches.
Gleich ein Wort zur Tontechnik: im Vergleich zur vorangegangenen Aufnahme von 1944 eine gewaltige Verbesserung! Die Aufnahme muss auf Vinyl gemacht worden sein, denn es gibt nun kein Schellack-typisches Röhren und Schaben mehr, nur ein Grundrauschen.
Die bessere Dynamik macht sich schon im ersten Takt der Oper bemerkbar, wo das crescendo auch tatsächlich lauter, und nicht matschiger wird. Verzerrungen sind auch viel geringer und seltener, etwa bei den lauten Hörnern oder hohen Tönen im Gesang, speziell im Duett oder im Chor. Auch die Pauke dröhnt nun nicht mehr so aufdringlich im Vordergrund, sondern fügt sich besser in den Gesamtklang ein.
Mein größter Kritikpunkt dieser Aufnahme ist der Max von Bernd Aldenhoff.
Er singt, nein, trällert diese Partie mit so einer übertriebenen, fürchterlichen Aussprache, mit so einem übertriebenen Pathos herunter, dass es noch nicht einmal wie eine Parodie klingt. Davon abgesehen ist der Ausdruck immer der gleiche, ob Max sich nun fürchtet, verzweifelt oder erfreut ist, oder ob er kleinlaut vor dem Fürsten zugibt, Freikugeln benutzt zu haben – alles klingt gleich, nämlich schön laut geträllert. „Wie gööönnt ichs äääärrrtraaaagäään“.
Dieses vibratogeschwängerte Trällern führt dann auch zu Patzern, etwa bei „bange Ahnung“, wo er den kurzen Vorschlag vor der Triole gar nicht nimmt und die Triolen selbst sehr undeutlich werden. Unsaubere Koloraturen sind eine Sache, aber Notenwerte umändern eine andere, denn schon 4 Takte später singt er im Duett mit Kuno nicht nur zu schnell, sondern hält sich beim Wort „nimmer“ nicht an Webers punktierte Achtel mit anschließender 16tel, sondern singt ganz andere Notenwerte – was nicht mehr passt, da er der Musik und seinem Kollegen, der ebenfalls besagte Achtel und Sechzehntel zu singen hat, davoneilt. In einem anderen Forum schreibt ein Rezensent, dass Aldenhoff einen "differenzierten" Max singt ... nun ja - kann man so sehen, muss man aber nicht.
Kurt Böhme gibt hier wieder einmal den Kaspar, diesmal ein bisschen wortdeutlicher und weniger polternd, aber für mich immer noch sehr oberflächlich böse.
Seltsam finde ich an dieser Einspielung, wie mit den Dialogen umgegangen wird. Die meisten Dialoge sind komplett weggelassen worden, eine Nummer folgt auf die nächste, doch an manchen Stellen gibt es sie, dann aber meist extrem und leider auch sinnentstellend gekürzt, so dass das, was übrig geblieben ist, mehr Fragen aufwirft als beantwortet.
So schlägt die Glocke etwa 3x, Max sagt aber „es schlug sieben“.
Oder Kaspar, der laut Partitur sagen soll „Hilf zu, Samiel!“, worauf dieser durch ein Gebüsch schaut, von Kaspar gesehen wird, und von diesem gefragt wird „Du da?“. Böhme aber sagt den Satz in einem Rutsch: „Hilf zu Samiel du da?“, ohne Pause.
Elfriede Trötschel, die 1944 das Ännchen sang, spielt nun die Agathe. Hier finde ich ihren Gesang besser, weniger Vibrato, kein ständiges, zu lautes Plärren. Manche Höhen nimmt sie auch einmal leiser, wie etwa die Grümmer, was viel besser kommt. Die kleinen Koloraturen in der Agathenarie gelingen auch viel sauberer als noch bei Frau Teschemacher.
Aber anfreunden kann ich mich trotzdem nicht mit ihr. In der Höhe klingt ihre Stimme hell und jung, aber je tiefer es wird, umso dicker und knödeliger wird die Stimme. Auch finde ich ihren Vortrag ein bisschen zu sehr frömmelnd.
Irma Beilke, von der ich in diesem Thread bereits eine Schellackplatte vorgestellt habe als Ännchen ist auch nicht mein Fall. In den Sprechszenen (so sie das selbst ist und keine Schauspielerin) klingt sie jung und frisch, wenn sie singt aber höre ich da eher eine 50 jährige gute Freundin, aber keine junge Frau mehr. Auch hier stört mich das zu laute Singen. Im Terzett singen die Frauen „Leb wohl“, nur Max singt beim ersten Mal „lääääb wohl“, merkt offenbar selbst, wie schief das klingt, und singt ab dem zweiten Mal ebenfalls „leb“.
Die Wolfsschluchtszene finde ich zu effekthascherisch, eher wie ein Hörspiel. Auch hier hört man öfter an unpassenden Stellen eine Windmaschine, während dem Kugelgießen hört man Pferdegetrappel, Hundebellen, Peitschenknallen, etc. Entspricht zwar der Partitur, aber in einer Aufnahme höre ich lieber nur die Musik. Geschmacksache. Geschmackssache ist aber nicht, dass die Pauke in der Pause zwischen dem Kugelsegen und der 1. Kugel einen kurzen Wirbel spielt, der NICHT vorgeschrieben ist. Sowas darf nicht sein.
Der Samiel-Darsteller ist enttäuschend, sehr übertrieben ruft er „Was sein Begeeeeeehr?“, weil böse Geister ja immer Vokale in die Länge ziehen, und möchte wohl auch sonst möglichst gruselig rüberkommen, es wirkt aber nur sehr theatralisch und aufgesetzt. Da ist der Samiel aus der 1944er Version wesentlich besser.
Das Vorspiel zum dritten Akt, das ja leider öfter einmal gekürzt wird, ist enthalten und klingt auch ordentlich. Nach dem Jungfernkranz gibt es zum Glück auch das so wichtige Nachspiel mit der Grusel-Viola, wenngleich man sie leider nicht wirklich hört.
Ottokars Sprechrolle klingt viel zu kultiviert und schnöselig, als würde er Anzug und Krawatte tragen, gesanglich aber gefällt er mir gut, sehr autoritär.
Der Eremit ist ok, wirkt auf mich aber wiederum wenig würdevoll. Interessant ist, dass Kempe das Tempo direkt nach „Stürzt das Scheusal in die Wolfsschlucht“ sehr langsam nimmt. Wieso tut er das? Möchte er damit die Tragik des Todes von Kaspar betonen?
Zum Dirigat kann ich nicht so viel sagen. Ich finde viele Stellen zu schnell gespielt, zu hektisch, das spannungserzeugende ritardando kurz vor Kilians Spottlied nimmt er auch nicht. Schön aber, als die tote Mutter in der Wolfsschlucht auftaucht und die Holzbläser und die Bassposaune richtig derbe ihr Erscheinen begleiten.
Mein Fazit: tontechnisch auf jeden Fall um Meilen besser als die Schellackaufnahmen, bei der Musik wurde nichts gekürzt, nur die Dialoge fehlen großteils. Der Max ist einfach fürchterlich, die Agathe auf jeden Fall besser. Mein Fall ist auch diese Aufnahme nicht.
Ich habe die CDs in der Cantus Classics-Version, weil ich für sowas nicht 30-40 Euro ausgebe.
Max: Heinrich Bensing Kaspar: Georg Hann Agathe: Maud Cunitz Ännchen: Käthe Nentwig Kuno: Wolfram Zimmermann Ottokar: Erwin Hodapp Eremit: Georg Hann Kilian: Bruno Sarmland
Chor des Stuttgarter Rundfunks Orchester des Stuttgarter Rundfunks Dirigent: Hans Müller-Kray
Diese Aufnahme würde ich klangtechnisch etwas schlechter bewerten als die vorangegangene von 1949; das liegt vor allem an der immer wechselnden Tonqualität. Mal sind manche Stellen laut, dann wieder sehr dumpf und trocken, dann wieder lauter. Dynamisch ist sie ebenfalls nicht so gut, es gibt viele Verzerrungen im Orchester, besonders beim Blech.
Die schlechte Dynamik macht viel aus, und so klingt die Ouvertüre unspektakulär vorüber.
Entgegen meiner Erwartungen wird die Einleitung zum ersten Akt vergleichsweise langsam genommen, auch das Spottlied Kilians hört man meist schneller.
Leider klingt der „Chor“ sehr eigenartig, nämlich ungefähr so, als ob er aus 4 Frauen und 4 Männern bestünde. Kein voller „Chor-Sound“, sondern ein paar einzelne Stimmen, die auch noch unangenehm im Vordergrund zu hören sind und auch nicht besonders schön singen.
Der ganze Bauernmarsch fehlt, und Kilian singt sein Spottlied. Danach folgt ein Dialog, der mich vom Schauspiel und dem Klang her schon sehr an diese 50er Jahre Hörspiele erinnert, die ich so mag. Hier allerdings sind die Dialoge (wieder einmal) sinnentstellend gekürzt, und auch nicht wirklich gut vorgetragen, es klingt alles zu brav aufgesagt, einer redet nach dem anderen.
Dann fehlt wieder Musik, diesmal der Walzer, zu dem die Bauern in die Waldschenke tanzen, es geht direkt los mit der Arie von Max.
Der Max von Heinrich Bensing ist für mich im Vergleich zu Aldenhoff noch erträglich, aber dennoch enttäuschend. Besonders die etwas höheren Töne klingen sehr gepresst und geknödelt, er klingt mir auch zu alt. Besonders seltsam in diesem Zusammenhang, dass sein Timbre dunkler ist als das von Cuno, den man aber (wohl wegen der Tontechnik?) in den Duetten gar nicht hört.
Der Kaspar von Georg Hann erinnert mich zu sehr an Kurt Böhme: eine sehr dunkle Stimme, allerdings nicht so schwerfällig geführt, aber dennoch oberflächlich böse und polternd.
Dann kommt auch schon der zweite Akt.
Eine positive Überraschung war für mich das Ännchen von Käthe Nentwig, denn sie klingt jung und hell. Auch gestaltet sie ihre Rolle im Vergleich zu den Vorgänger-Versionen doch viel mehr.
Dass sie keine Höchstwertung von mir bekommt liegt aber daran, dass mich ein paar Kleinigkeiten doch stören. Zum einen ist es dieses besonders im 2. Akt fast ständige leichte Zittern in der Stimme, von dem ich denke, dass es kein Vibrato ist, sondern von ihrer etwas zu übertriebenen Rollengestaltung der lustigen Freundin herkommt. Dass das „Zittern“ in der Stimme vielleicht ausdrücken soll, dass sie nichts ernst nimmt? Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall wäre hier schöner gewesen, hätte sie das weggelassen.
Das zweite Problem für mich ist, dass sie die hohen Töne doch gerne einmal forciert, und laut singt. Aber das sind keine gröberen Probleme.
Die Agathe von Maud Cunitz ist wiederum, wie auch die anderen Agathen davor, nichts für mich. Wieder zu alt, wieder zu schwerfällig, wieder zu dick, und wieder dieses ständige laute Singen, ohne Rücksicht auf das Ännchen in den Duetten. Piano-Höhen gibt es keine. Wenn Grümmer und Otto ihre Duette singen („Grillen sind mir böse Gäste“ etc.) dann höre ich da gern zu, das ist musikalisch, und man hört aufeinander. Diese Version aber ist unangenehm.
Bei der Stelle „alles beut dir Lachen und Scherz“ schmiert das Legato bei „lachen“ (kleine Sexte nach unten) ziemlich unschön ab und klingt quakig und fast schon schief. Auch hier muss ich der Grümmer den Vorzug geben, die solche Stellen klangschön meistert.
Die Wolfsschluchtszene ist schwach, was aber an der schauspielerischen Leistung der Beteiligten und der schlechten Regie liegt.
Noch während die Glocke läutet, ruft Kaspar schon nach Samiel, und dieser antwortet nicht „Was rufst du?“, sondern „Was rufst du mich“.
Dieser Samiel-Darsteller (Franz Johann Danz) ist übrigens einer der furchtbarsten, die ich gehört habe, und das meine ich nicht im positiven Sinne. Sein möchtegern-gruseliges Gebaren, das Langziehen von Wörtern, die Betonung von Wörtern, das ist noch nicht mal mehr Overacting, das ist Stümpertum hoch drei. Das mag hart klingen, aber wenn man es hört, wird man es nachvollziehen können – so machen vielleicht Kinder einen Geist zu Halloween nach, aber Autoritär und schrecklich klingt DAS nicht.
Auch ruft nach dem Gießen der letzten Kugel Samiel nicht während des lauten Akkordes „Hier bin ich!“, sondern lange danach, als die Musik sich beruhigt hat – und auch bei „Hier bin ich!“ zieht er jedes Wort in die Länge.
Das Vorspiel zum dritten Akt fehlt leider ebenfalls, es geht direkt mit der Kavatine los. Hier frage ich mich auch, wieso man sich die Mühe macht, extra Dialoge aufzunehmen, wenn man sie nicht konsequent durchgehend einsetzt, sondern nur an manchen Stellen. Der Handlung folgen kann man auf diese Weise nicht.
Der Jungfernkranz war schön und enttäuschend gleichzeitig; schön, weil die Sängerinnen wirklich schöne junge Stimmen haben, nichts gepresst, nichts forciert. Enttäuschend, weil lediglich die 1. und 4. Strophe gesungen wird! Aber dennoch: hörenswert! So etwas würde man sich von der Agathe auch wünschen … Leider finde ich momentan keine Namen der Sängerinnen, auf der Rückseite ist nichts dazu vermerkt.
Wenigstens hat man das Nachspiel des Jungfernkranzes dringelassen.
Beim Jägerchor geht es weiter mit den Kürzungen, es wird nur die 1. Strophe gesungen. Ich frage mich, was das soll. Aus Platzgründen kann es ja wohl nicht gewesen sein, denn das hier ist eine Schallplatten-Aufnahme, und man hat ja sogar Platz für die Dialoge gefunden. Die Keilberth-Aufnahme etwa hat viel längere Dialoge und ist dennoch vollständig auf drei Vinyl-Platten.
Andererseits, der Jägerchor klingt wiederum so wie der Chor zu Beginn des 1. Aktes, nämlich nach ein paar wenigen Männern, nicht nach einem Chor. Die Hörner, die sie begleiten, klingen äußerst dumpf und leise.
Der Ottokar von Erwinn Hodapp kann nicht ernst gemeint sein. Was ist DAS? Ich kann das gar nicht in Worte fassen, wie er singt. Null Authorität, klingt dieser „Fürst“ schüchtern und unsicher, und die Verbannung, die er Max gegenüber ausspricht, kommt so lächerlich rüber.
Mein Fazit: eine stark gekürzte Aufnahme, in der unverständlicherweise ein Haufen Musik fehlt. Tontechnisch bescheiden, sängerisch teilweise fürchterlich, sind nur die beiden Brautjungfern ein Lichtblick, auch das Ännchen ist hörenswert.
Hosenrolle1 (28.02.2017, 13:43):
Ottokar: Wolfgang Holzmair Kuno: Gilles Cachemaille Agathe: Luba Orgonasova Ännchen: Christine Schäfer Kaspar: Matti Salminen Max: Endrik Wottrich Eremit: Kurt Moll Kilian: Wolfgang Holzmair Samiel: Ekkehard Schall Brautjungfern: Dorothea Röschmann, Christine Schäfer, Elisabeth von Magnus, Marcia Bellamy
Rundfunkchor Berlin Berliner Philharmoniker Dirigent: Nikolaus Harnoncourt
Obwohl ich noch genügend Freischütz-Aufnahmen hätte, wird dies die vorletzte Rezension sein, denn es gibt jetzt (aus den bekannten Gründen) nur mehr eine für mich relevante, besprechenswerte Aufnahme.
Diese Gesamtaufnahme unter Nikolaus Harnoncourt wurde im September 1995 in der Philharmonie Berlin aufgenommen; gemeinerweise verschweigt das Cover, dass es sich um eine konzertante Live-Aufführung handelt; erst im Booklet findet man den Hinweis „LIVE Recording“. Seriös ist das nicht. Wenigstens hört man keine Huster und kein Klatschen.
Die Doppeldecker-Box befindet sich gemeinsam mit einem dicken Booklet im Schuber, die CDs selbst sind stimmungsvoll in schönem Dunkelgrün bedruckt.
In diesem Booklet befindet sich neben dem Libretto und Portraits der Sänger auch ein Interview mit Harnoncourt, der einige interessante Dinge über seine Sicht auf die Oper erzählt. Besonders der Teil mit den schlechten Druckausgaben, die Dynamiken vereinheitlichen, sowie Webers Autograph war für mich lesenswert.
Aber dennoch: ich mag diese Aufnahme überhaupt nicht, und das war schon so nachdem ich sie das erste Mal gehört habe.
Harnoncourt leitet hier die Berliner Philharmoniker – warum auch immer. Über die Klänge möchte ich gar nicht groß schreiben, viel mehr über die Interpretation sowie den Gesang.
Das einzig wirklich lobenswerte ist für mich die hervorragende Tonqualität, die die leisesten als auch die lautesten Passagen ordentlich darstellt. Die Akustik finde ich ebenfalls sehr gut: nicht zu trocken, aber auch nicht zu hallig.
Doch auch die Tontechnik und die Akustik können für mich nichts mehr rausreißen; bis auf ein paar kurze Stellen finde ich die Interpretation eher verhalten und fast schon akademisch-nüchtern.
Die Ouvertüre fand ich schon langweilig, das Crescendo zu Beginn hatte überhaupt nichts Bedrohliches an sich. Der laute Tusch nach der Generalpause war zwar wirklich laut, und auch in den letzten Takten hörte man endlich einmal ordentlich die Achtelnoten der Hörner, die so oft untergehen (selbst in der Volksoper habe ich sie trotz unterschiedlicher Plätze auf verschiedenen Seiten nie gehört), aber ansonsten war nicht viel los.
Im Bauernmarsch werden alle Wiederholungen gespielt; hier wette ich, dass Harnoncourt den Hörnern gesagt haben wird, sie sollen wie Naturhörner spielen (das tut er bei Proben durchaus). Aber es klingt einfach nicht echt, auch bei den üblichen Horneinsätzen, etwa im „Sa! Hussa!“-Teildes Chores , klingt das Schmettern zu „kontrolliert“, zu gewollt.
Der Walzer (Nummer 3) wird viel zu schnell gespielt – wie soll man dazu tanzen?
Den Max von Endrik Wottrich finde ich fürchterlich. Seine Stimme gefällt mir überhaupt nicht, seine Aussprache ebenso wenig. In „Nein, länger trag´ ich nicht die Qualen“ gibt es grobe Patzer beim Timing! Wenn Max singt „die Angst, die jede Hoffnung raubt“, sollte auf „raubt“ schon die Musik spielen, auch bei „bezahlen“ ein paar Takte später – stattdessen setzt das Orchester immer stark verzögert ein, man hört immer noch die Tremoli in den Streichern. Ich habe keine Ahnung, ob das Absicht war. Wenn ja, erkenne ich keinen Sinn dahinter, aber so oder so, es klingt fürchterlich.
Positiv wiederum die Stelle „Lebt kein Gott!“, in der Weber ein dreifaches fff verlangt – wenn meine DOVER-Partitur nicht lügt, ist das somit die lauteste Stelle der Oper. Hier lässt es Harnoncourt auch ordentlich krachen, das Orchester bricht brutal über einen herein.
(Hier gibt es einen Abdruck des Autographs, das sich Freischütz-Interessierte einmal ansehen sollten: http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht?PPN=PPN65499935X&PHYSID=PHYS_0001&DMDID=.
Ich denke, dass das ein dreifaches forte auf dem Wort "Gott" ist, oder?
(DOVER macht hier übrigens im letzten Takt aus den Strichen Staccato-Punkte :( )
Auch der Kaspar von Matti Salminen reicht nicht an meinen Lieblingskaspar Karl Christian Kohn aus der Keilberth-Aufnahme heran. In „Hier im ird´schen Jammertal“ ist die Aussprache undeutlich, die Höhen klingen teilweise kurzatmig und leicht angestrengt. Hier wird der in der Partitur angegebene alternative Schluss gesungen („Mein Gebetbuch, Katherle, Karte meine Bibel“).
Der zweite Akt geht los, nun sind Christine Schäfer und Luba Orgonasova als Ännchen und Agathe an der Reihe. Schäfers Ännchen ist für mich ganz ok, kein zu starkes Vibrato, kein Kreischen. Dennoch fehlt mir hier der schelmische Charakter der Figur, sie wirkt auf mich nicht wirklich „lustig“, wie mein Lieblingsännchen Lisa Otto, sondern zu kultiviert.
Absolut furchtbar aber diese Agathe! Zwar kreischt auch sie nicht herum, und die piano-Höhen werden durchaus schön und ohne forcieren dargeboten, aber die Aussprache ist unakzeptabel! Speziell am Ende der Agathenarie, wo sie die Worte „entzückt entgegen ihm“ zu singen hat, scheint sie den Text nicht mehr zu wissen und sind nur mehr einen unverständlichen Brei zusammen („enüüüüenääääeeeiiiii“). Was soll das? Und wieso presst man sowas ernsthaft auf CD und verkauft es teuer in den Läden, wo man eine Elisabeth Grümmer viel billiger bekommt? Offenbar war es auch hier wichtig, irgendwelche bekannten Namen auf das Cover zu klatschen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Deutschland so einen Mangel an guten Agathe-Sängerinnen hat(te).
Auch klanglich geht ihre Stimme für mich gar nicht. Ein permanentes Knödeln in der Mittellage mag anderen Freude bereiten – mir nicht. Krasseste Fehlbesetzung für mich in dieser Aufnahme. Von einer Grümmer an Tonschönheit und Artikulation meilenweit entfernt.
Fairerweise muss ich doch die Stelle „Süß entzückt entgegen ihm“ etwas früher erwähnen, wo sie die Koloraturen sehr sauber singt, begleitet von den gut hörbaren pulsierenden Hörnern.
Im Duett (Nummer 6, „Schelm, halt fest“) singt Ännchen „Ich will dir lehren“ statt korrekt „Ich will dich´s lehren“.
Im Terzett (Nummer 9, „Wie, was, Entsetzen!“) gibt es ebenfalls eine Textänderung: „Noch trübt sich nicht die Mondenscheibe“, statt dem korrekten „Noch birgt sich nicht …“. Allerdings kommt diese Änderung ziemlich häufig vor.
Hier ist eine der wenigen Stellen, die mir gefällt, nämlich wenn Harnoncourt bei der Erwähnung des Mondscheins die Flöten mit einem ganz leichten crescendo und decrescendo heraushebt. Er selbst meint in dem Interview, dass er diese Stelle ganz toll instrumentiert findet.
Schade allerdings, dass bei „Leb wohl“ überhaupt kein schöner Mischklang entsteht. Besonders die Stimme von Max sticht viel zu sehr heraus und steht für sich alleine.
Der Anfang der Wolfsschlucht ist zäh: für die Geisterszene („Milch des Mondes fiel auf´s Kraut“) braucht Harnoncourt geschlagene dreieinhalb Minuten.
Und auch hier gibt es wieder Dinge, die mich stören. Das fängt mit Samiels Erscheinen an: Kaspar ruft „Samiel, erschein´!“, dann spielt das Orchester ein crescendo, und im lauten fortissimo-Getöse ruft Samiel dann „Was rufst du?“. Hier sagt Samiel noch VOR dem crescendo seinen ersten Satz. Kannte der Schauspieler das genaue Timing nicht? Im Booklet gibt es jedenfalls keine Erklärung dafür.
Die Echos nach jeder Kugel sind lächerlich und überhaupt nicht gruselig. Statt einem halligen Echo wiederholen 2 oder 3 Männer gleichzeitig einmal die Worte „Zwei“, „Drei“, „Vier“ usw. Auch die kurze Verzögerung zwischen Echo und Musik nimmt der Szene ihre Dramatik, ich sehe immer nur Harnoncourt dastehen und Dirigieren, aber keine gruselige Wolfsschlucht und Naturerscheinungen.
Obwohl der Beginn der Wolfsschluchtszene so ausgedehnt langsam war, werden die Schlusstakte m.E. viel zu früh abgeschnitten.
Das Vorspiel zum dritten Akt ist zum Glück erhalten. (Ich vermute, H. wird den Oboen gesagt haben, sie sollen etwas leiser spielen, damit sich ihr Klang etwas besser mit den Hörnern mischt, denn sie sind hier auffallend leise).
Fortsetzung im nächsten Beitrag
Hosenrolle1 (28.02.2017, 13:44): Der Jägerchor ist leider m.E. zu schnell gespielt; dafür werden die Vorschläge hier korrekt wiedergegeben.
Auf eines bin ich noch nicht eingegangen: die Dialoge. Die hätte man für diese Aufnahme ruhig weglassen können, denn die darin enthaltenen, für die Handlung so wichtigen Informationen wurden extrem und schlecht gekürzt, so dass das meiste gar keinen Sinn mehr ergibt. Das ist umso lächerlicher, weil der Dirigent noch im Booklet über die Vorgeschichte der Figuren plaudert und auf psychologische Dinge eingeht, in der Einspielung selbst davon aber gar nichts mehr vorhanden ist. Hinzu kommt, dass diese winzigen Bröckchen, die von den Dialogen übergeblieben sind, auch noch lustlos und schlecht vorgetragen werden, wobei besonders der Kuno von Gilles Cachemaille mit der Sprache zu kämpfen hat.
Meine Referenz ist auch hier die Keilberth-Aufnahme. Klar muss man für eine Vinyl-Aufnahme die Dialoge etwas stutzen (Live sollten sie NIE gekürzt sein!), aber bei Keilberth wurde sehr geschickt gekürzt, so dass ein Großteil der Dialoge noch enthalten ist, man die Handlung damit auch nachvollziehen kann. Dazu kommt, dass die Sänger dort die Texte auch wirklich interpretieren konnten, das Timing war gut, der Ausdruck ebenfalls, kein lustloses Runterlesen.
Mein Fazit: eine vermeintliche „Edel-Aufnahme“, die aber über das Mittelmaß nicht hinausreicht. Die sinnentstellend gekürzten Dialoge sind schlecht vorgetragen, der Gesang ist unspektakulär, das Dirigat zu akademisch. Die Tontechnik ist 1A und das Orchester sehr gut durchhörbar. Wenn man über die uminstrumentierte Fassung und die natürlich schlechtere Tontechnik hinwegsieht,empfehle ich unbedingt die Keilberth-Aufnahme, weil die wirklich gute Sänger sowie viel mehr Dialoge, die die Handlung nicht entstellen, zu bieten hat.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (28.02.2017, 13:56): Ergänzend zu meiner vorigen Rezension ein Wort zu den Dialogen, oder besser, ein Vergleich.
Dass die Dialoge extrem gekürzt wurden, und dabei nur sinnentstellter Unsinn herauskommt, habe ich schon erwähnt. An einem Beispiel möchte ich das demonstrieren.
Es geht um die Szene, in der Kaspar Max nach dessen "Nein, länger trag´ ich nicht die Qualen!" aufsucht und ihn dazu bringt, mit seiner Büchse einen Adler abzuschießen, der unmöglich zu treffen war. Max möchte wissen, was das für eine Kugel war, Kaspar sagt, es sei eine Freikugel, die auch Max beim Probeschuss helfen kann.
Ab hier findet sich der in der Partitur vollständig abgedruckte Text:
Max: Wohl! Mein Geschick will´s. Schaffe mir so eine Kugel.
Caspar: Mehr als du brauchst. Aber bedarf der Mann eines Vormunds?
Max: Wie erlangt man sie?
Caspar: Das will ich dich lehren. Sei punkt zwölf Uhr in der Wolfsschlucht.
Max: Um Mitternacht in der Wolfsschlucht? Nein! Die Schlucht ist verrufen und um Mitternacht öffnen sich die Pforten der Hölle.
Caspar: Pah!_ Wie du denkst!_ Und doch kann ich dich deinem Unstern nicht überlassen. Ich bin dein Freund. Ich will dir giessen helfen.
Max: Auch das nicht.
Caspar: So mache dich morgen zum Landesgespött, verlier´ die Försterei und Agathen._ Ich bin dein Freund, ich will selbst für dich giessen, aber dabei musst du sein.
Max: Deine Zunge ist glatt._ Nein, an solche Dinge muss ein frommer Jäger nicht denken.
Caspar: Feigling! Also nur durch fremde Gefahr, gäb´s anders dergleichen,_ möchtest du dein Glück erkaufen? Und glaubst du, dann wäre deine Schuld,_ gäb´ es dergleichen, geringer? Glaubst du, diese Schuld_ gäb´ es dergleichen_ laste nicht schon auf dir? Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?
Max: Furchtbar, wenn du recht hättest!
Caspar: Sonderbar, wie du fragst! Doch Undank ist der Welt Lohn._ Ich will mir hier einen Flederwisch abhauen, dass ich wenigstens etwas davon trage. Drollig, um Agathen zu trösten, wagtest du den Schuss, sie zu erwerben, fehlt es dir an Herzhaftigkeit. Das würde sich das Wachspüppchen, das mich um deinetwillen verwarf, schwerlich einbilden_ (Für sich) Es soll gerächt werden!_
Max: Elender! Mut hab´ ich!
Caspar: So bewähr´ ihn! Brauchtest du schon eine Freikugel, so ist´s ja ein Kinderspiel, welche zu giessen. Was dir bevorsteht ohne diese Hülfe, kannst du aus deinen bisherigen Fehlschüssen leicht abnehmen. Das Mädchen ist auf dich versessen, kann nicht ohne dich leben. Sie wird verzweifeln, du wirst, allen Menschen ein Spott, herumschleichen, vielleicht aus Verzweiflung_(Drückt sich die Faust in die Augen.) Schäme dich, rauher Waidmann, dass du ihn mehr liebst als er sich selbst! (Für sich.) Hilf zu, Samiel!
Max: Agathe sterben! Ich in einen Abgrund springen! Ja, das wäre das Ende_ Bei Agathens Leben_ ich komme!
Caspar: Schweig´ gegen Jedermann, es könnte dir und mir Gefahr bringen. Ich erwarte dich. Glock zwölf.
Max: Ich dich verraten? Glock zwölf! Ich komme! Max weigert sich, in die Wolfschlucht zu kommen, und Kaspar versucht es mit allen Mitteln; am Ende erpresst er ihn fast mit seinem "Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?" und "Glaubst du, diese Schuld laste nicht schon auf dir?" usw.
So, und was hat man in der vorliegenden Harnoncourt-Aufnahme daraus gemacht? Max: Schaffe mir so eine Kugel.
Caspar: Sei Punkt 12 Uhr in der Wolfschlucht. Schweig gegen jedermann.
Max: Glock 12? Ich komme! Toll, oder?
Welche Aufnahmen findet ihr gut, und warum? Und in welchen Aufnahmen findet ihr, dass die Dialoge am besten umgesetzt wurden, was Kürzungen angeht?