Fairy Queen (09.09.2012, 23:03): Eine Frage an die Klavierspezis: ich war am Wochenende bei einer Freundin /Pianistin, und habe mit ihr zusammen ihren neuerworbenen Bechstein-Flügel von 1929 eingeweiht. Das war natûrlich ein Hochgenuss und eine ganz grosse Freude und Ehre. :leb Eigentlich wollte sie einen Bösendorfer haben, ein uralter Traum, aber mangels "Dollars" ist es nun "nur" ein Bechstein geworden, wobei ich den Klang ganz wunderbar finde und gerade für die Gesangsbegleitung ausserordentlich angenehm. Von "nur" ein Bechstein kann für mich jedenfalls keine Rede sein. Ich selbst habe eigens wegen Gesangsbegleitung vor Jahren einen Erard-Stutzflügel von 1923 gekauft- der weiche, warme Klang hatte mich sofort bezaubert. Meine Freundin hat ihren Bechstein von einem Spzielaisten für romantsiche Klaviermusik gekauft, der ihr als Schubert, Schumann, Chopin Liebhaberin diese Marke empfohlen hatte. Sie hat mir die D 960 von Schubert vorgespielt und einige Chopins und es passt wirklich wunderbar, aber ich fand auch Mozart sehr serh schôn. Der Anschlag ist ziemlich schwer, und sehr virtuose schnelle Läufe etwas anstrengend zu spielen. Gut um die Finger zu "muskulieren" :D Welche Flûgel eignen sich nach eurer Erfahrung besonders gut für welche Musik?
F.Q.
AcomA (10.09.2012, 20:39): Hallo,
ich bin kein Pianist (hatte Klavierunterricht), beschaeftige mich aber seit gut 34 Jahren mit Klaviermusik und ihrer Interpretation. Wie auch immer, die heutigen Fluegel unterscheiden sich von den Instrumenten zwischen z.B. 1900-1960 schon durch die Repetitionsmechanik. Ich weiß nicht, wann genau die sog. Renner-Mechanik zum Standard wurde. Klanglich veraendern sich die Instrumente selbst individuell im Laufe ihres Alterns. Der Klang wird obertonreicher ! Ein Bechstein von 1920 klingt anders als einer von 2012. Man kann das an einigen heutigen Aufnahmen an aelteren Fluegeln sehr gut hoeren. Beispiele:
Auf Rachmaninows Steinway von 1934 - Michail Pletnev bei der DG, Denis Matsuev bei Sony Auf Bechstein und Steinway von 1910-1920 - Alexei Lubimov
LG, Siamak
Jeremias (11.09.2012, 16:15): Ich glaube, ich kann hier einiges dazu sagen: Ich hatte jetzt in Washington die erfahrung machen können, wie es ist drei völlig verschiedene flügel in drei Tagen zu spielen. Ich habe einmal mehr gemerkt, wie sehr die Interpretation von dem Instrument abhängt. Gottseidank hatte ich zufällig die Stücke so gewählt, dass sie zu dem jeweiligen Flügel passte. Für Bach beispielsweise darf es ruhig ein Bechstein sein, wobei ich diese flügel nicht unbedingt besonders mag. Einzig der meiner Lehrerin ist einer auf dem ich gut spielen kann. Problematisch bei Bechstein ist meist, dass sie unten sehr dumpf klingen und man keinen schönen, hellen Klang im Diskant erzeugen kann. ein "Singen" auf dem Klavier ist hier schwer. Mit dem Bösendorfer im Finaldurchgang kam ich überhaupt nicht zurecht, was schon zuletzt daran lag, dass die tasten sehr "rutschfest" waren und man kaum schöne Läufe spielen konnte. Sicher gibt es auch andere Bösendorfer. Wir hatten im Halbfinale einen Flügel der Marke "Weber", den ich überhaupt nicht kannte... was ein herrliches Instrument! Kristallklar, voller Klang... und ich habe Liszt gespielt... das war ein Erlebnis, ein Klangrausch! einen ganz großen Bogen mache ich um Yamaha... meist spielen die sich viel zu leicht und erzeugen ein unglaubliches Klangvolumen. Ein Pianissimo ist sehr sehr schwer hinzubekommen. Meist wird es dann doch zu laut.
Auch wenn es viele viele Marken gibt, so bleibe ich doch immer wieder bei einer hängen:
Steinway!
Ein Steinway hat alles, was das Pianistenherz begehrt! Sie sind die robustesten, haben den schönsten Klang, einen butterweichen Anschlag. Ich habe meinen Idealflügel zweimal spielen dürfen: Einmal in der Düsseldorfer Tonhalle, den großen D-Flügel und dann - kurz danach in der Reihenfolge - dieses Jahr in Paris. Bei Steinway kann man mit dem Klang spielen wie mit keinem anderen Instrument. Egal ob Bach, Rachmaninoff oder Liszt... und man hat auch nicht die Befürchtung, dass einem die Kräfte ausgehen...
https://www.youtube.com/watch?v=aT8G_IfRH2w
dann wisst Ihr was ich meine!
Ein alter Bechstein ist sicher auch eine feine Sache. Aber wenn er nicht komplett überholt ist, dann wüsste ich zum Beispiel, dass er bei meinen Werken sehr leiden würde :ignore
Jürgen (11.09.2012, 20:34): Original von Jeremias
Steinway! ....
https://www.youtube.com/watch?v=aT8G_IfRH2w
dann wisst Ihr was ich meine!
Mein lieber Schwan, welch ein gut gemachtes Video. Da läuft selbst mir, als nicht Musiker, das Wasser im Munde zusammen.
Fairy Queen (11.09.2012, 20:48): Danke für all diese erhellenden Antworten und das gelungene Steinway- Werbe-Video. Es gibt allerdings Pianisten, die nicht davon überzeugt sind, dass der Steinway den schönsten Klang hat und z.B. Bösendorfer vorziehen Ich selbst kann dazu ncihts sagen, ich habe zu wenig Erfahrung und zu wenig Kenntnisse im Klavierspiel, um nur annähernd die Möglichkeiten und "Fallen" eines Flügels ausschöpfen zu können. Es hängt auch sicherlich davon ab, was man spielen will und in welchem Raum. Und wieviele Dollars man locker machen kann...... Meinerseits bin ich mit Erard und Bechstein mehr als zufrieden und heilfroh, den Kawai-Flügel meiner Freundin nun los zu sein. Dieser metallische und harte Klang war so ungefâhr das Schlimmste, was einem Sänger an Klavier passieren kann.... Wir werden den Bechstein jedenfalls standesgemäss mit einem Konzert einweihen. :engel F.Q.
satie (11.09.2012, 22:19): Das Thema ist wahrscheinlich unerschöpflich, weil zum einen jeder Pianist seine persönlichen klanglichen Lieblinge hat und zum anderen es ja auch noch auf die Modelle und das Alter der Instrumente ankommt.
Ich persönlich liebte schon immer den Bösendorfer-Klang generell am meisten, und ich finde, Paul Badura-Skoda erklärt das hier ziemlich gut: http://www.youtube.com/watch?v=88kfhWAXEvg&feature=relmfu
Bei den Bösendorfer-Flügeln, die ich ausprobieren durfte, schien mir der Anschlag, der Widerstand, genau dem Klang zu entsprechen. Es ist immer ein recht "voller", eher schwerer, erdiger Klang, und dem entspricht eine spezielle Gewichtung der Tasten, die vielleicht auch das ist, was Jeremias nicht mag. Bei Steinway finde ich den Klang neutraler, man kann eigentlich alles drauf spielen, und zwar gut. Steinway ist nie die falsche Wahl. Bösendorfer würde ich beispielsweise für Jazz eher nicht wählen, wobei es wieder auf die Art Jazz ankommt. Es gab eine Zeit lang die Mode, für Jazz und Pop eher Yamaha oder Schimmel o.ä. zu nehmen (man denke nur an Uso Jürgens' Plexiglasmonstrum von Schimmel, darauf durfte ich auch einmal spielen...naja...). Die Kawai, die ich bislang ausprobiert habe, klangen teilweise im ersten Moment recht gut, ältere Instrumente zeigen aber schnell ihre Mängel umso mehr. Yamaha ist mir bisher als robust aber nicht sehr klangschön aufgefallen. Ich muss dazu sagen, dass ich nur oder fast nur von Salonflügeln spreche, Konzertflügel durfte ich nur selten antreffen. Ein sehr schöner solcher aber war ein gepflegter Steinway, der seine 100 Jahre schon auf dem Buckel hatte. Herrlicher Klang, mit den typischen Oberton- und Resonanzeigenschaften eines alten Flügels, aber top gepflegt. Solche Klaviere erzählen einem tatsächlich ganze Romane und sind immer Unikate. Ich habe auf sehr schönen Feurich-Flügeln gespielt, eine Marke, die noch Anfang der 90er-Jahre beliebt war, danach wurde die Produktion (z.T.) nach China ausgelagert, wahrscheinlich ließ das Interesse an den Instrumenten auch dadurch nach. Klanglich habe ich hier keinen Vergleich, ich kenne nur Instrumente, die mindestens 25 Jahre alt sind. Fast immer gefallen haben mir auch die Bechstein-Flügel und die Instrumente von Blüthner, in beiden Fällen kenne ich ich fast nur Instrumente, die mindestens 40 Jahre auf dem Buckel haben. Bei Blüthner sind die Instrumente mit den Aliquot-Saiten interessant, auch solche habe ich schon ausprobieren dürfen (man kommt als Klavierlehrer eben doch an so einiges ran...). Generell könnte ich nicht sagen, welche Marke für welche Art Musik am besten ist, aber ich fand immer, dass Blüthner und Bösendorfer klare Klassik-Instrumente sind (Bösendorfer will ja auch eine gewisse Wiener Tradition pflegen). Ich unterrichte aktuell auf einem alten Steinway (ca. 90 Jahre alt, leider nicht so gut gepflegt), der von der Mechanik her immer noch top ist und für mich am schönsten mit Chopin klingt, und auf einem Instrument der Marke Thürmer,ein Jugendstil-Instrument mit entsprechenden hübschen Verzierungen. Es hat einen sehr schönen, weichen Klang, leider eine grausame Pedalmechanik. Auf diesem Instrument ertappe ich mich immer wieder mit Debussy oder Fauré. Vielleicht lasse ich mich da aber nur unbewusst beeinflussen...
to be continued...
Herzlich, S A TnostalgI E
Fairy Queen (12.09.2012, 09:15): Danke für diese fachmânnischen Erlâuterungen, meine Freundin träumte auch immer von Bösendorfer, leider ist er unerschwinglich. Und dass jedes Instrument im Laufe der Jahre seinen einzigartigen Charakter entwickelt, bekomme sogar ich als Klavierdilettantin mit. Ich möchte euch rund um das Thema Klavier ein aussergewöhnliches und faszinierendes Buch empfehlen :
Der israeliische Restaurator des sogenannten Siena-Klaviers, das angeblich aus den Säulen von Salomons Tempel in Jerusalem gebaut wurde und in sich den Klang der Harfe Davids hat, erzählt die unglaubliche (aber wahre) Geschichte dieses Klaviers. Gleichzeitig sind viele Irrungen und Wirrungen der Weltgeschichte mit darinnen und ein unerschütterlicher Glaube an das Wunder. Das dann auch wirklich eintritt. Aber erst nach langen langen Durststrecken und Anstrengungen und fast übermenschlichen Prüfungen. Im Capriccio-Forum gibt es jemanden, der dieses Klavier vor dem Tod der Besitzer noch in Israel aufgespürt und darauf gespielt hat. Wahr gewordene Mythen und Legenden rund um die Musik sind für mich eines der schônsten Dinge überhaupt und ich habe dieses Buch schon mehrfach verschenkt.
F.Q.
AcomA (12.09.2012, 13:18): Liebe F.Q.,
die Geschichte mit dem Salomon-Klavier entfernt sich IMO extrem von der eigentlichen geliebten Musik. Ich persoenlich bin bei solchen Reliquiensachen sehr skeptisch.