Gamaheh (26.09.2007, 17:02): Vor ein paar Wochen hörte ich im Radio zufällig ein Klavierkonzert von Mozart, den Anfang und die Ansage hatte ich verpaßt. Ich war sogleich vollkommen absorbiert, saß offenen Mundes auf der Kante meines Stuhles vor lauter Hingerissenheit. Sowas passiert mir eigentlich sonst nur im Konzert, und auch hier sind die sogenannten „Sternstunden“, wenn man einer Musik sofort erliegt, etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Hier spielte einer mit einer Innerlichkeit und gleichzeitig einem Elan, einer Vitalität, einer Überzeugung, wie ich sie wahrlich sonst nicht oft gehört habe.
Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Aufnahme vom Luzerner Festival vom August 1950; Herbert von Karajan dirigierte das Luzerner Festival-Orchester, am Klavier der bereits todkranke Dinu Lipatti – unglaublich!
Lipatti wird hier leider immer vergessen, wer weiß, warum? Er hat uns nicht viel hinterlassen, viele Projekte konnte er nicht mehr verwirklichen, die Krankheit hinderte ihn daran.
Ich will hier nicht schreiben, was allenthalben zu lesen ist, z.B. hier eine Würdigung und biographische Skizze mit Disko- und Bibliographie. Vielmehr frage ich mich, ob es wirklich was auf sich hat mit dem alten Diktum, daß die Götter, wen sie lieben, früh zu sich nehmen? Sicherlich hat hier ein gewisser Mythos Einfluß auf die Wahrnehmung, aber wenn man dann zufällig so etwas hört, ohne zu wissen, worum es sich handelt, dann weiß man, daß die Ergriffenheit echt ist.
Ich denke hier auch z.B. an Kathleen Ferrier mit ihrer unvergleichlichen und so seltenen Altstimme, die nach einer kurzen, aber intensiven Karriere derselben Krankheit erlag wie Lipatti. Zu ihr wollte ich schon seit längerem einen Faden eröffnen, aber ich komme nicht dazu – vielleicht macht es ein anderer?
Grüße, Gamaheh
Rachmaninov (26.09.2007, 18:13): @Gamaheh,
ich hörte einst das viel gelobte Schumann Konzert mit Dino Lipatti.
Die Faszination, die viele beim Hören empfinden hat mich irgendwie immer verwundert.
Da viele Aufnahmen auch klanglich wenig überzeugend sind habe ich mich auc h eher weniger damit beschäftigt.
AcomA (26.09.2007, 18:36): liebe Gamaheh,
es leben gottseidank auch viele hochbegabte sehr lange ! allerdings kann man sich dieses gefühls manchmal nicht entledigen: an unserer klinik verstarben drei ehemalige oberärzte und hoch begabten kollegen sehr früh ! ein weiterer hochbegabter oberarztkollege erlitt einen schlaganfall in ebenfalls jungen jahren ! und es waren IMO einige der besten, die ich erlebte !
gruß, siamak
nikolaus (26.09.2007, 19:55): Liebe Gamaheh!
Ein kurzer Beitrag von meiner Seite: Clara Haskil hat Dinu Lipatti regelrecht "vergöttert", nachzulesen hier:
Ich habe oft das Gefühl, daß manche Menschen - gerade Künstler - so intensiv leben, daß sie sich sehr schnell regelrecht "verbrauchen". Manchmal beneide ich sie darum, denn sie haben ihr Leben "erfüllt".
Gruß, Nikolaus.
Amadé (26.09.2007, 20:29): Liebe Forianer,
auch auf Ferenc Fricsay möchte ich hier noch mal hinweisen er wurde nur 48 Jahre alt, starb dann viel zu früh an Magenkrebs. Der italienische Dirigent Guido Cantelli sowie die Geigerin Ginette Neveau, beide starben bei Flugzeugabstürzen, welch ein Verlust!!
Cosima (27.09.2007, 12:49): Original von Amadé ...beide starben bei Flugzeugabstürzen, welch ein Verlust!!
So auch der amerikanische Pianist William Kapell, 1953 im Alter von nur 31 Jahren.
Gruß, Cosima
Amadé (27.09.2007, 15:39): @ Cosima
Richtig, da fallen mir noch zwei ein: der franz. Geiger Jaques Thibaud (1953) sowie der Drigent Eduardo Mata, der auch bei uns in Deutschland häufiger aufgetreten ist.
Grüße Bernd
Jimi (04.10.2007, 16:08): Original von Gamaheh Vor ein paar Wochen hörte ich im Radio zufällig ein Klavierkonzert von Mozart, den Anfang und die Ansage hatte ich verpaßt. Ich war sogleich vollkommen absorbiert, saß offenen Mundes auf der Kante meines Stuhles vor lauter Hingerissenheit. Sowas passiert mir eigentlich sonst nur im Konzert, und auch hier sind die sogenannten „Sternstunden“, wenn man einer Musik sofort erliegt, etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Hier spielte einer mit einer Innerlichkeit und gleichzeitig einem Elan, einer Vitalität, einer Überzeugung, wie ich sie wahrlich sonst nicht oft gehört habe.
Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Aufnahme vom Luzerner Festival vom August 1950; Herbert von Karajan dirigierte das Luzerner Festival-Orchester, am Klavier der bereits todkranke Dinu Lipatti – unglaublich!
Hallo Gamaheh,
ich hatte mit Dinu Lipatti ein ähnliches Aha-Erlebnis wie du. In einem Cd-Laden fand ich vor ein paar Jahren zufällig eine 4Cd-Box von einem Pianisten von dem ich nur mal den Namen gehört hab. Ich wusste eigentlich gar nichts über ihn, ok das Teil war sehr günstig also hab ich es einfach mitgenommen (gekauft, nicht geklaut). :D Zu hause habe ich dann die 2.Cd mit Mozart und Chopin eingelegt und wollte eigentlich etwas lesen und nur mal so nebenher reinhören. Denkste, nach ein paar Takten war das Buch weg und ich saß wie gebannt vor der Anlage, bis die Cd zu Ende war...
Zu dem Thema "wen die die Götter lieben" fallen mir noch ein Sänger und eine Sängerin ein, die beide viel zu früh gestorben sind:
Zum einen , immer noch sehr bekannt, Fritz Wunderlich der mit 35 oder 36 an den Folgen eines Unfalles starb, und zum anderen leider fast vergessen Meta Seinemeyer, eine fantastische Sopranistin die schon mit 34 vermutlich an Leukämie starb.
:helloJimi
Gamaheh (26.09.2007, 17:02): Vor ein paar Wochen hörte ich im Radio zufällig ein Klavierkonzert von Mozart, den Anfang und die Ansage hatte ich verpaßt. Ich war sogleich vollkommen absorbiert, saß offenen Mundes auf der Kante meines Stuhles vor lauter Hingerissenheit. Sowas passiert mir eigentlich sonst nur im Konzert, und auch hier sind die sogenannten „Sternstunden“, wenn man einer Musik sofort erliegt, etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Hier spielte einer mit einer Innerlichkeit und gleichzeitig einem Elan, einer Vitalität, einer Überzeugung, wie ich sie wahrlich sonst nicht oft gehört habe.
Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Aufnahme vom Luzerner Festival vom August 1950; Herbert von Karajan dirigierte das Luzerner Festival-Orchester, am Klavier der bereits todkranke Dinu Lipatti – unglaublich!
Lipatti wird hier leider immer vergessen, wer weiß, warum? Er hat uns nicht viel hinterlassen, viele Projekte konnte er nicht mehr verwirklichen, die Krankheit hinderte ihn daran.
Ich will hier nicht schreiben, was allenthalben zu lesen ist, z.B. hier eine Würdigung und biographische Skizze mit Disko- und Bibliographie. Vielmehr frage ich mich, ob es wirklich was auf sich hat mit dem alten Diktum, daß die Götter, wen sie lieben, früh zu sich nehmen? Sicherlich hat hier ein gewisser Mythos Einfluß auf die Wahrnehmung, aber wenn man dann zufällig so etwas hört, ohne zu wissen, worum es sich handelt, dann weiß man, daß die Ergriffenheit echt ist.
Ich denke hier auch z.B. an Kathleen Ferrier mit ihrer unvergleichlichen und so seltenen Altstimme, die nach einer kurzen, aber intensiven Karriere derselben Krankheit erlag wie Lipatti. Zu ihr wollte ich schon seit längerem einen Faden eröffnen, aber ich komme nicht dazu – vielleicht macht es ein anderer?
Grüße, Gamaheh
Rachmaninov (26.09.2007, 18:13): @Gamaheh,
ich hörte einst das viel gelobte Schumann Konzert mit Dino Lipatti.
Die Faszination, die viele beim Hören empfinden hat mich irgendwie immer verwundert.
Da viele Aufnahmen auch klanglich wenig überzeugend sind habe ich mich auc h eher weniger damit beschäftigt.
AcomA (26.09.2007, 18:36): liebe Gamaheh,
es leben gottseidank auch viele hochbegabte sehr lange ! allerdings kann man sich dieses gefühls manchmal nicht entledigen: an unserer klinik verstarben drei ehemalige oberärzte und hoch begabten kollegen sehr früh ! ein weiterer hochbegabter oberarztkollege erlitt einen schlaganfall in ebenfalls jungen jahren ! und es waren IMO einige der besten, die ich erlebte !
gruß, siamak
nikolaus (26.09.2007, 19:55): Liebe Gamaheh!
Ein kurzer Beitrag von meiner Seite: Clara Haskil hat Dinu Lipatti regelrecht "vergöttert", nachzulesen hier:
Ich habe oft das Gefühl, daß manche Menschen - gerade Künstler - so intensiv leben, daß sie sich sehr schnell regelrecht "verbrauchen". Manchmal beneide ich sie darum, denn sie haben ihr Leben "erfüllt".
Gruß, Nikolaus.
Amadé (26.09.2007, 20:29): Liebe Forianer,
auch auf Ferenc Fricsay möchte ich hier noch mal hinweisen er wurde nur 48 Jahre alt, starb dann viel zu früh an Magenkrebs. Der italienische Dirigent Guido Cantelli sowie die Geigerin Ginette Neveau, beide starben bei Flugzeugabstürzen, welch ein Verlust!!
Cosima (27.09.2007, 12:49): Original von Amadé ...beide starben bei Flugzeugabstürzen, welch ein Verlust!!
So auch der amerikanische Pianist William Kapell, 1953 im Alter von nur 31 Jahren.
Gruß, Cosima
Amadé (27.09.2007, 15:39): @ Cosima
Richtig, da fallen mir noch zwei ein: der franz. Geiger Jaques Thibaud (1953) sowie der Drigent Eduardo Mata, der auch bei uns in Deutschland häufiger aufgetreten ist.
Grüße Bernd
Jimi (04.10.2007, 16:08): Original von Gamaheh Vor ein paar Wochen hörte ich im Radio zufällig ein Klavierkonzert von Mozart, den Anfang und die Ansage hatte ich verpaßt. Ich war sogleich vollkommen absorbiert, saß offenen Mundes auf der Kante meines Stuhles vor lauter Hingerissenheit. Sowas passiert mir eigentlich sonst nur im Konzert, und auch hier sind die sogenannten „Sternstunden“, wenn man einer Musik sofort erliegt, etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Hier spielte einer mit einer Innerlichkeit und gleichzeitig einem Elan, einer Vitalität, einer Überzeugung, wie ich sie wahrlich sonst nicht oft gehört habe.
Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Aufnahme vom Luzerner Festival vom August 1950; Herbert von Karajan dirigierte das Luzerner Festival-Orchester, am Klavier der bereits todkranke Dinu Lipatti – unglaublich!
Hallo Gamaheh,
ich hatte mit Dinu Lipatti ein ähnliches Aha-Erlebnis wie du. In einem Cd-Laden fand ich vor ein paar Jahren zufällig eine 4Cd-Box von einem Pianisten von dem ich nur mal den Namen gehört hab. Ich wusste eigentlich gar nichts über ihn, ok das Teil war sehr günstig also hab ich es einfach mitgenommen (gekauft, nicht geklaut). :D Zu hause habe ich dann die 2.Cd mit Mozart und Chopin eingelegt und wollte eigentlich etwas lesen und nur mal so nebenher reinhören. Denkste, nach ein paar Takten war das Buch weg und ich saß wie gebannt vor der Anlage, bis die Cd zu Ende war...
Zu dem Thema "wen die die Götter lieben" fallen mir noch ein Sänger und eine Sängerin ein, die beide viel zu früh gestorben sind:
Zum einen , immer noch sehr bekannt, Fritz Wunderlich der mit 35 oder 36 an den Folgen eines Unfalles starb, und zum anderen leider fast vergessen Meta Seinemeyer, eine fantastische Sopranistin die schon mit 34 vermutlich an Leukämie starb.
Toscanini holte den italienischen Dirigenten in die Vereinigten Staaten, wo er ihn zu seinem Nachfolger machen wollte. Cantelli stirbt bei einem Flugzeugunglück – im Alter von nur 36 Jahren - auf dem Pariser Flughafen Orly.
Das dtv-Lexikon sagt über ihn: „Cantelli setzt die Tradition seines Vorbilds Toscanini fort; mit dem gleichen Temperament ausgestattet, spricht er die Sprache seiner Generation, die genau genauso präzis und dynamisch ist, aber menschlicher und dramatischer.“
Ich kenne bislang nur Schuberts „Unvollendete“, Mendelssohns „Italienische“ und Schumanns 4. (EMI) unter Guido Cantelli. Aber dies werden sicher nicht die letzten Aufnahmen bleiben.
Gruß, Cosima
Tranquillo (08.08.2008, 11:46): Original von Gamaheh Vielmehr frage ich mich, ob es wirklich was auf sich hat mit dem alten Diktum, daß die Götter, wen sie lieben, früh zu sich nehmen? Sicherlich hat hier ein gewisser Mythos Einfluß auf die Wahrnehmung, aber wenn man dann zufällig so etwas hört, ohne zu wissen, worum es sich handelt, dann weiß man, daß die Ergriffenheit echt ist. Hierzu fällt mir ein kurzes Gedicht von Eugen Roth ein (aus dem Gedächtnis zitiert):
Schon bei den Griechen steht geschrieben, dass jung stirbt, wen die Götter lieben - womit sie nicht gleich jeden hassen, den sie noch länger leben lassen!
Ich denke, es handelt sich um einen Mythos. Bei einem Komponisten wie Mozart oder Schubert fragt man sich natürlich schon, was er noch alles hätte komponieren können, wenn ihm noch ein paar Jahre mehr vergönnt gewesen wären, und bedauert den frühen Tod. Ähnlich fragt man sich bei einem Interpreten: Was hätte er noch alles aufnehmen können, wie hätte sich sein Stil weiter vollendet? Trotzdem - warum sollten ausgerechnet Musiker früher sterben als Künstler aus anderen Bereichen oder andere bedeutende Persönlichkeiten? Die Formulierung "Wen die Götter lieben" weist ja auf eine besondere Begabung und Fähigkeit, die man sich nicht erklären kann. Was ist mit den "normalen" Menschen wie Du und ich, die solch eine Begabung nicht haben - haben die von vornherein eine höhere Lebenserwartung?
Viele Grüsse Andreas
Leif Erikson (16.08.2008, 10:02): Liebe Gamaheh,
ich habe den Spruch immer so verstanden als ob er eine pessimistische Weltsicht ausdrückt und einfach nur besagt, daß die, die früh sterben dürfen nicht so lang leben müssen und z.B. alt und krank werden.
Ob die Götter die Künstler besonders geliebt haben, als sie ihnen die Begabung und den Durchhaltewillen gegeben haben ist in Anbetracht der Biographien von Beethoven, Schubert und Schumann nicht so sicher. Profitiert hat im Wesentlichen die Nachwelt. Ganz zu schweigen von den vielen vergessenen, den frustrierten Orchestermusikern - früher ohne Pension - und was es sonst noch an trivialem Elend gegeben haben mag. Sinekuren sind was anderes.
Gruß, Leif.
Sarastro (24.08.2008, 10:17): Original von Tranquillo
Hierzu fällt mir ein kurzes Gedicht von Eugen Roth ein (aus dem Gedächtnis zitiert):
Schon bei den Griechen steht geschrieben, dass jung stirbt, wen die Götter lieben - womit sie nicht gleich jeden hassen, den sie noch länger leben lassen!
Ich denke, es handelt sich um einen Mythos. Bei einem Komponisten wie Mozart oder Schubert fragt man sich natürlich schon, was er noch alles hätte komponieren können, wenn ihm noch ein paar Jahre mehr vergönnt gewesen wären, und bedauert den frühen Tod. Andreas
Lieber Tranquillo, selbstverständlich kann man darüber spekulieren, was ein Künstler noch alles hätte leisten können, wäre ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen. Gerade bei den von Dir angesprochenen Paradebeispielen Mozart und Schubert halte ich solche Spekulationen aber für müßig, da beide zweifellos ohnehin schon jeder für sich die Vollendung ihres individuellen Stils erreicht haben (was natürlich nicht ausschließt, daß man die allzu kurze Lebenszeit menschlich gesehen bedauern muß). Ein weniger bekannter "kleinerer" Komponist wie der "spanische Mozart" Juan Crisóstomo de Arriaga (1806-1826) entwickelte in seiner extrem kurzen Lebenszeit eine erstaunliche technische Meisterschaft und schrieb sehr bemerkenswerte Musik. Natürlich erreichte er nicht die spirituellen Höhen und Tiefen eines Mozart und Schubert, und in seinem Fall mag man sich schon fragen, ob er sich nicht weiterentwickelt hätte, wenn er länger gelebt hätte - aber im Grunde bleibt das zwangsläufig reine Spekulation.
Was die frühe Vollendung der Großen betrifft - Mythos hin oder her -, halte ich es jedenfalls nicht mit Grillparzer (in bezug auf Schubert: "Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen"(!), sondern doch lieber mit Schumann ("Er hat genug getan, und gepriesen sei, wer wie er gestrebt und vollendet!").
Lesenswerte Beobachtungen und Überlegungen über den Zusammenhang zwischen Lebensalter und Vollendung - von Komponist zu Komponist natürlich verschieden - finden sich bei Alfred Einstein, Größe in der Musik, 99ff.