Wer hätte das gedacht?

Jeremias (13.09.2006, 00:48):
Jeder kennt das berühmte Adagio von Albinoni.... aber wusstet Ihr, dass er gar nicht der Komponist ist? Vielmehr ist Urheber ein gewisser Remo Giazotto, der es Ende des 19. Jahrhunderts schrieb.... hättet Ihr das gedacht? Kennt Ihr weitere derartige Beispiele von Falschzuschreibungen?
satie (13.09.2006, 07:07):
Lieber Jeremias,
da kenne ich gleich mehrere. Zum Beispiel Haydns Streichquartette Op. 2 und 3. Allesamt nicht von ihm, also auch nicht die recht bekannte Serenade (Op.3, Nr.5). Warum diese Plagiate? Ganz einfach: Haydn hatte sein Ops 1 in Paris veregen lassen, mit unglaublichem Erfolg. Da lassen die Neider nicht lange auf sich warten...
Dann gibt es sehr viele Stücke, die Bach zugeschrieben wurden, aber tatsächlich von seinem Schüler Krebs stammen. Nicht zu vergessen auc das berühmte G-Dur Menuett, welches in jeder Klavierschule drin ist und noch immer oft mit Bach überschrieben ist, obwohl es von einem Herrn Petzold stammt.

Herzliche Grüße
Satie
Holger S. (13.09.2006, 08:09):
Original von Jeremias
Jeder kennt das berühmte Adagio von Albinoni.... aber wusstet Ihr, dass er gar nicht der Komponist ist? Vielmehr ist Urheber ein gewisser Remo Giazotto, der es Ende des 19. Jahrhunderts schrieb....

Hallo Jeremias!

Soweit ich weiß, basiert das Adagio angeblich auf einer Basslinie und einem kurzen melodischen Fragment von Albinoni. Remo Giazotto hat auf dieser Basis das berühmte Adagio komponiert. Das war allerdings keineswegs Ende des 19. Jahrhunderts, sondern 1958. Remo Giazotto lebte von 1910 bis 1998. Die genauen Umstände kenne ich auch nicht, es gibt da auch wiedersprüchliche Angaben. Zum Beispiel steht in der deutschen Wikipedia:

...das populärste mit Albinoni in Verbindung gebrachte Werk überhaupt, das Adagio g-Moll für Streicher und Orgel. Letzteres wurde 1958 von dem italienischen Albinoni-Biografen Remo Giazotto veröffentlicht und soll auf einem verschollenen Sonatenfragment Albinonis basieren, das bisher aber nicht nachgewiesen werden konnte.

in der englischen dagegen:

Much of Albinoni's work was lost in World War II with the destruction of the Dresden State Library, thus little is known of his life and music after the mid 1720s. The Albinoni Adagio in G Minor is a 1945 reconstruction by Remo Giazotto of a fragment from a slow movement of a trio sonata he discovered among the ruins of the State Library.

Viele Grüße
Holger
Jürgen (13.09.2006, 16:43):
Original von Jeremias
Jeder kennt das berühmte Adagio von Albinoni.... aber wusstet Ihr, dass er gar nicht der Komponist ist? Vielmehr ist Urheber ein gewisser Remo Giazotto, der es Ende des 19. Jahrhunderts schrieb.... hättet Ihr das gedacht? Kennt Ihr weitere derartige Beispiele von Falschzuschreibungen?

Bislang wußte ich das nicht.

>hättet Ihr das gedacht?
Nein eigentlich nicht. Aber es überrascht mich auch nicht in geringsten. Da ich von Albinoni sonst nichts kenne, kam ich nie in die Verlegenheit zu sagen: "Ja, das Adagio ist schon ein typischer Albinoni."

Grüße
Jürgen
Jack Bristow (13.09.2006, 19:35):
Original von Satie
da kenne ich gleich mehrere. Zum Beispiel Haydns Streichquartette Op. 2 und 3. Allesamt nicht von ihm, also auch nicht die recht bekannte Serenade (Op.3, Nr.5). Warum diese Plagiate? Ganz einfach: Haydn hatte sein Ops 1 in Paris veregen lassen, mit unglaublichem Erfolg. Da lassen die Neider nicht lange auf sich warten...


Op. 2 ist allerdings von Haydn (zwei Werke daraus sind eigentlich Sinfonien mit Hornstimmen).
Op. 3 ist vermutlich von Romanus Hofstetter und wurde nicht als bewußtes Plagiat angefertigt (übrigens auch formal anders als die 5sätzigen Divertimenti op. 1), sondern irgendwann geriet eben Haydns verkaufsfördernder Name auf eine Abschrift. Es wurde dadurch verwirrrend, dass der alte Haydn um 1800 die Stücke als seine anerkannte!
Es gibt wohl mehr als hundert Sinfonien zusätzlich zu den authentischen, die ebenfalls unter Haydns Namen kursierten...

Ein Violinkonzert von Mozart ist wohl ebenfalls eine Fälschung oder untergeschoben (1-5 sind eindeutig, dann gibt es noch ein paar zweifelhaft, ich weiß die K-Nummern nicht). Mozarts Sinfonia Concertante für Bläser ist vermutlich zwar auf der Basis eines verlorenen Mozartwerks arrangiert aber in der heutigen Gestalt ziemlich sicher nicht von ihm.

viele Grüße

J. Bristow
Jeremias (13.09.2006, 00:48):
Jeder kennt das berühmte Adagio von Albinoni.... aber wusstet Ihr, dass er gar nicht der Komponist ist? Vielmehr ist Urheber ein gewisser Remo Giazotto, der es Ende des 19. Jahrhunderts schrieb.... hättet Ihr das gedacht? Kennt Ihr weitere derartige Beispiele von Falschzuschreibungen?
satie (13.09.2006, 07:07):
Lieber Jeremias,
da kenne ich gleich mehrere. Zum Beispiel Haydns Streichquartette Op. 2 und 3. Allesamt nicht von ihm, also auch nicht die recht bekannte Serenade (Op.3, Nr.5). Warum diese Plagiate? Ganz einfach: Haydn hatte sein Ops 1 in Paris veregen lassen, mit unglaublichem Erfolg. Da lassen die Neider nicht lange auf sich warten...
Dann gibt es sehr viele Stücke, die Bach zugeschrieben wurden, aber tatsächlich von seinem Schüler Krebs stammen. Nicht zu vergessen auc das berühmte G-Dur Menuett, welches in jeder Klavierschule drin ist und noch immer oft mit Bach überschrieben ist, obwohl es von einem Herrn Petzold stammt.

Herzliche Grüße
Satie
Holger S. (13.09.2006, 08:09):
Original von Jeremias
Jeder kennt das berühmte Adagio von Albinoni.... aber wusstet Ihr, dass er gar nicht der Komponist ist? Vielmehr ist Urheber ein gewisser Remo Giazotto, der es Ende des 19. Jahrhunderts schrieb....

Hallo Jeremias!

Soweit ich weiß, basiert das Adagio angeblich auf einer Basslinie und einem kurzen melodischen Fragment von Albinoni. Remo Giazotto hat auf dieser Basis das berühmte Adagio komponiert. Das war allerdings keineswegs Ende des 19. Jahrhunderts, sondern 1958. Remo Giazotto lebte von 1910 bis 1998. Die genauen Umstände kenne ich auch nicht, es gibt da auch wiedersprüchliche Angaben. Zum Beispiel steht in der deutschen Wikipedia:

...das populärste mit Albinoni in Verbindung gebrachte Werk überhaupt, das Adagio g-Moll für Streicher und Orgel. Letzteres wurde 1958 von dem italienischen Albinoni-Biografen Remo Giazotto veröffentlicht und soll auf einem verschollenen Sonatenfragment Albinonis basieren, das bisher aber nicht nachgewiesen werden konnte.

in der englischen dagegen:

Much of Albinoni's work was lost in World War II with the destruction of the Dresden State Library, thus little is known of his life and music after the mid 1720s. The Albinoni Adagio in G Minor is a 1945 reconstruction by Remo Giazotto of a fragment from a slow movement of a trio sonata he discovered among the ruins of the State Library.

Viele Grüße
Holger
Jürgen (13.09.2006, 16:43):
Original von Jeremias
Jeder kennt das berühmte Adagio von Albinoni.... aber wusstet Ihr, dass er gar nicht der Komponist ist? Vielmehr ist Urheber ein gewisser Remo Giazotto, der es Ende des 19. Jahrhunderts schrieb.... hättet Ihr das gedacht? Kennt Ihr weitere derartige Beispiele von Falschzuschreibungen?

Bislang wußte ich das nicht.

>hättet Ihr das gedacht?
Nein eigentlich nicht. Aber es überrascht mich auch nicht in geringsten. Da ich von Albinoni sonst nichts kenne, kam ich nie in die Verlegenheit zu sagen: "Ja, das Adagio ist schon ein typischer Albinoni."

Grüße
Jürgen
Jack Bristow (13.09.2006, 19:35):
Original von Satie
da kenne ich gleich mehrere. Zum Beispiel Haydns Streichquartette Op. 2 und 3. Allesamt nicht von ihm, also auch nicht die recht bekannte Serenade (Op.3, Nr.5). Warum diese Plagiate? Ganz einfach: Haydn hatte sein Ops 1 in Paris veregen lassen, mit unglaublichem Erfolg. Da lassen die Neider nicht lange auf sich warten...


Op. 2 ist allerdings von Haydn (zwei Werke daraus sind eigentlich Sinfonien mit Hornstimmen).
Op. 3 ist vermutlich von Romanus Hofstetter und wurde nicht als bewußtes Plagiat angefertigt (übrigens auch formal anders als die 5sätzigen Divertimenti op. 1), sondern irgendwann geriet eben Haydns verkaufsfördernder Name auf eine Abschrift. Es wurde dadurch verwirrrend, dass der alte Haydn um 1800 die Stücke als seine anerkannte!
Es gibt wohl mehr als hundert Sinfonien zusätzlich zu den authentischen, die ebenfalls unter Haydns Namen kursierten...

Ein Violinkonzert von Mozart ist wohl ebenfalls eine Fälschung oder untergeschoben (1-5 sind eindeutig, dann gibt es noch ein paar zweifelhaft, ich weiß die K-Nummern nicht). Mozarts Sinfonia Concertante für Bläser ist vermutlich zwar auf der Basis eines verlorenen Mozartwerks arrangiert aber in der heutigen Gestalt ziemlich sicher nicht von ihm.

viele Grüße

J. Bristow
Sfantu (05.09.2021, 13:10):
Zwei Bühnenwerke firmieren gern unter dem Namen Johann Strauß Sohn - was aber nur bedingt zutrifft.

Die Operette Wiener Blut war 1899 als Auftrag des Carltheaters bei Strauß in Bestellung. Allerdings war der gesundheitlich nicht mehr in der Lage, sich damit zu befassen. Soweit ich weiß, hat er hierfür nie selbst zur Feder gegriffen. Der Uraufführungs-Dirigent, Carltheater-Kapellmeister Adolf Müller junior, stellte "Wiener Blut" mit Straußens Billigung als Pasticcio aus dessen Werken zusammen.

Während Wiener Blut am Ende 100%iger Strauß ist, liegt mit dem Ballett Aschenbrödel eine 1901 uraufgeführte Vervollständigung der bereits von Strauß begonnenen Arbeit durch den Wiener Hofopernkapellmeister Josef Bayer vor.
Grundsätzlich stehe ich Rekonstruktionen vom Urheber nicht mehr zu Ende geführter Werke ablehnend gegenüber.
Hier aber beweist Bayer so viel Einfühlungsgabe und Geschmack, daß seine Arbeit mit der von Strauß quasi amalgamiert. Es wirkt wie aus einem Guß.