Wer hat da die Hosen an? Hosenrollen quer durch die Operngeschichte

Hyacinth (18.10.2012, 19:20):
Zu meiner Verwunderung habe ich festgestellt, dass es so einen Thread hier noch gar nicht gibt! Am Anfang die "Regeln", bevor ich loslege: Es gibt keine Grenzen, weil ich keine Freundin des gedanklichen Beschränkens bin. Es wird sicher jeder auf andere Aspekte kommen, umso interessanter sind die Diskussionen. Hier kann genauso über die Besetzungsvorlieben bezüglich Mezzo/Alt,Tenor oder Countertenor diskutiert werden, über einzelne sehr (oder auch gar nicht) gelungene Interpretationen und überhaupt alles, was sich irgendwie um Hosenrollen dreht.

Ich persönlich bin ja hier noch eine der grünsten hinter den Ohren, weshalb ich mir auch gar nicht zutraue, schon vergangene Sängerinnen hier aufzulisten (Wink mit dem Zaunpfahl an Forianer, die mehr Opernerfahrung haben als ich! :wink ).

Ich beginne mit der Hosenrolle des 19. Jahrhunderts schlechthin - für mich eine wirkliche Kindheitserinnerung: Der Orlofsky aus der Fledermaus. Das ist jetzt natürlich vollkommen willkürlich, aber eine meiner frühesten musikalischen Erinnerungen ist das "Flasche an den Kopf werfen" und das "chacun a son gout", was ich damals natürlich gar nicht verstanden habe.
Der Orlofsky scheint als notorisch gelangweiltes Bürschchen keine besondere Herausforderung zu sein (sieht man mal vom Singen ab). Wie wir alle wissen, ist er das aber sehr wohl, es wird sicher jeder schon einmal einen Orlofsky erlebt haben, der nicht wirklich das Wahre war. Das liegt meistens meiner Meinung nach gar nicht so sehr an der fehlenden "Männlichkeit", eher am übertriebenen, aufgedrehten Party-Getue oder an der Farblosigkeit, wenn man dann ins andere Extrem fällt.
Der Orlofsky kann nur wirklich lustig sein, wenn ihm ernsthaft fad ist und er von vorne bis hinten vertritt, was er da singt, meiner Meinung nach.

Genug der Worte, lasset Taten, äh, Videos sehen!
Als erstes nehme ich Malena Ernman. Ich weiß, dass das Video schon in dem ihr gewidmeten Thread verlinkt ist, aber das ist ja kein Grund es hier nicht zu posten, wo man hier doch viel genauer auf die Rollengestaltung an sich eingehen kann und vergleichen kann.
http://www.youtube.com/watch?v=WtTnCeuYkgI

An dieser Interpretation fasziniert mich die Verwirrung, die Ernman auslöst mit ihren scheinbar "normalen", nicht eckigen oder spezifisch "männlichen" Gesten, dem Schnurrbart, der ihr hervorragend ins Gesicht passt und der weiblichen Stimme.
Wenn jemand schwedisch kann oder sich den Kauderwelsch von google translate durchlesen will, hier beschreibt sie genau, wie sie gelernt hat sich in einen Mann auf Knopfdruck zu verwandeln (eine wesentliche Rolle spielt dabei eine Socke in der Hose... :J ).

Ich würde ja gerne ein Video von Elisabeth Kulman, dem besten Orlofsky den Wien längere Zeit gesehen hat, einstellen, aber es gibt keines! Ich ärgere mich ziemlich, weil ich anno 2007 (in der 3. Vorstellung, die sie überhaupt in der STOP gesungen hat) dort war, mich nicht viel erinnern kann, aber sie die einzige ist, die mir von der damaligen Besetzung in Gedächtnis geblieben ist (und Damrau als Adele) und auch mit elf Jahren natürlich keine Aufnahme gemacht habe.

Als Abschluss der Einleitung einen Auszug aus einem sehr interessanten Interview mit Elina Garanca:

Manchmal träumte ich sogar männlich. Wenn man für eine Inszenierung fünf, sechs Wochen lang Frauen umarmt und küsst, hat man spätestens von der dritten Woche an schon andere Träume. Ich finde die männliche Seite an einer Frau sehr wichtig, so wie umgekehrt die weibliche Seite an einem Mann. Ich glaube, wenn man sich dafür nicht schämt, gewinnt man viel.

Hyacinth :hello
stiffelio (18.10.2012, 22:19):
Hallo Hyacinth,

dann steige ich mal ein mit zwei Darstellungen von Hosenrollen, die mich in den letzten Monaten vor Begeisterung völlig von den Socken geholt haben (auch wenn ich das in den entsprechenden Threads schon angedeutet habe).
Die erste ist die Rolleninterpretation von Julius Cäsar durch Sarah Connolly in Händels "Giulio Cesare in Egitto". Wenn man mich vorher gefragt hätte, ob ich als Cäsar lieber einen Countertenor oder eine Frau erleben will, hätte ich wie aus der Pistole geschossen den Countertenor gewählt. Aber Connolly gefällt mir besser als alle Countertenöre zusammen, die ich bisher in dieser Rolle erlebt habe. Und zwar ganz besonders im gesamten ersten Akt, den ich hiermit verlinke: http://www.youtube.com/watch?v=hwXT4pvGtK8
Ich habe den Eindruck, diese Frau kann mit ihrer Stimme wirklich alles anstellen, was sie möchte. Wenn man mich zwingen würde, eine bestimmte Szene hervorzuheben dann wäre es "Va tacito e nascosto" http://www.youtube.com/watch?v=2CJXlJCJSH4 . Aber auch die Anfangsszene und die Szene mit dem ersten Zusammentreffen mit Kleopatra sind eine Wucht.

Die zweite ist die Rolle des Jemmy durch Gaele Le Roi als Sohn von Wilhelm Tell in Rossinis "Guillaume Tell". Jemmy ist für mich eine sehr wichtige Rolle, wesentlich wichtiger als Geßler. Und außer Le Roi habe ich noch keinen Sopran als Jemmy erlebt, der diesen Jungen wirklich glaubwürdig darstellen konnte. Leider gibt es davon fast nichts auf youtube zu sehen bzw. zu hören, am meisten noch in diesem Link, der aber in erster Linie auf Thomas Hampson in der Titelrolle zugeschnitten ist: http://www.youtube.com/watch?v=RjXwKu9VIkk

VG, stiffelio

P.S. dein Link funktioniert übrigens bei mir leider nicht.
Hosenrolle1 (02.12.2014, 05:25):
Ich finde es toll, dass es für dieses interessante Thema einen eigenen Thread gibt!
Das Zitat von Elina Garanca gefiel mir, und ich möchte auch gerne ein paar grundsätzliche Gedanken zu dem Thema äußern.

Beginnen möchte ich wiederum mit einem Zitat, und zwar von Brigitte Fassbaender, die zu diesem Thema befragt wurde.

Wie macht sich die Ambiguität, die ja in einer solchen Hosenrolle liegt, musikalisch bemerkbar?
Die Rollen der Kastraten, die es irgendwann nicht mehr gab, wurden von Frauen übernommen. (…) Dann ist da noch der erotische Reiz, der immer in solchen Travestien steckt. Er bedient einen gewissen Voyeurismus, dem bestimmte Menschen erliegen.

Worauf quasi folgerichtig die nächste Frage kommt:

In Zeiten der Homo-Ehe und übersexualisierten Medien: Haben Hosenrollen da nicht ihre einstige Brisanz eingebüßt?
Ach, man verkörpert ja auf der Bühne mit solchen Figuren immer ein ästhetisches Bild und eine Welt, in die sich viele Menschen hineinträumen, sie idealisieren und dann mit diesen Rollen leben. Man hat wohl auf der Bühne eine ungeheure Wirkung auf Menschen, die ihre Träume an Bühnengestalten ausleben und von der Realität nicht trennen können.

Ich fand diese Frage durchaus berechtigt, denn die Zeiten haben sich drastisch geändert: zur damaligen Zeit (die ich mangels geschichtlichem Fachwissen leider nicht genau einzugrenzen imstande bin) war es Frauen verboten, Hosen zu tragen. Geschweige denn, dass man die Beine sehen durfte.
Und da war eine Hosenrolle auf der Bühne natürlich etwas „sensationelles“, denn auf einmal hatten sie Hosen an, man sah die Beine, und die Frauen verhielten sich auch noch nicht sehr damenhaft.

Aber heute regt so etwas niemanden mehr auf, es ist es völlig normal und alltäglich, dass Frauen Hosen tragen, es gibt keinen gesellschaftlichen Zwang bezüglich Kleidervorschriften. Insofern denke ich, dass kein Zuschauer von heute sagen wird „Wahnsinn, die Sängerin hat Hosen an!“

Bevor ich meine eigenen Gedanken zum Thema aufschreibe, möchte ich noch gerne zu Fassbaenders Aussagen etwas sagen. Sie meint, dass Hosenrollen „einen gewissen Voyeurismus“ bedienen. Das konnte ich nicht nachvollziehen, da ja, wie gesagt, die reine Optik einer Frau in Hosen heutzutage etwas Alltägliches ist, über das man gar nicht nachdenkt.

Die Antwort auf die nächste Frage fand ich dann aber sehr interessant, weil ich diese Sichtweise vorher nicht kannte, und sie mir zu denken gegeben hat; ich habe nachgedacht, worin der Reiz an Hosenrollen (und ich meine NICHT den rein erotischen, den sie ja auch anspricht) liegt.

Ich schrieb jetzt auch „rein erotisch“, aber irgendwie finde ich dieses Wort doch etwas zu stark. Es kann natürlich sein, dass manche Hosenrollen sehr erotisch finden, andere hingegen werden sie als reizvoll oder faszinierend wahrnehmen, aber mehr auch nicht.

Ich glaube, dass man da nicht viel erwähnen braucht: der „erotische“ Reiz, das, was an einer Hosenrolle sexy ist, ist sicherlich die Tatsache, dass man trotz des männlichen Gewandes etc. dennoch zumindest manchmal anhand der sich abzeichnenden weiblichen Rundungen und/oder Kurven sehen kann, dass es sich um eine Frau handelt.
Weiter denke ich, dass (und da spreche ich nur für mich selbst) Reize, die man versucht zu verstecken wesentlich stärker wirken als solche, die einem recht aufdringlich präsentiert werden.

Aber das betrifft alles nur das erotische, darum geht es mir gar nicht.

Worum es mir besonders geht, ist der zweite Teil der Antwort. Fassbaender redet hier von einem „ästhetischen Bild“ und davon, dass sich manche Zuschauer in diese Welt dieser Oper verlieren und nicht von der Realität trennen können.

Und deswegen jetzt meine Gedanken dazu.

Vorneweg möchte ich gleich sagen, dass diese Gedanken KEINEN Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben, und wenn ich im Folgenden verschiedene pro und contra-Punkte aufzähle, so muss klar sein, dass ich immer nur von den Leuten ausgehe, die Fassbaender meint; die, die diese Opernfiguren nicht von der Realität trennen wollen oder können.

Meine Grundannahme ist die, dass die meisten (erwachsenen) Hosenrollen-Figuren für diese Leute deswegen so toll sind, weil sie die „positiven“ Eigenschaften beider Geschlechter in sich vereinen, dabei die „negativen“ aber weglassen.

Bevor ich fortfahre, noch einmal der Hinweis, dass die Punkte, die ich jetzt aufzähle, nicht für alle Menschen gelten. Geschmäcker sind völlig unterschiedlich, und die Dinge, die ich bei „contra“ nenne, sind für andere wiederum ein „pro“, usw.
Und manche der Dinge, die ich erwähne, mögen etwas kitschig klingen, aber es geht hier um Opernhandlungen, um männliche und weibliche Opernfiguren, nicht um echte Menschen!


Nehmen wir zuerst Männer:

„Pro“ könnten solche Dinge sein wie Heldenmut, oder der sympathische Verführer, der feurige Liebhaber, oder der Beschützer.

Das wären beispielsweise positive Dinge. Hat man nun einen „echten“ Mann, so bringt dieser aber natürlich auch negative Dinge mit, z.B.:

„Contra“: kratziger Bart, behaart, rüpelhaft, polternd, laut, unelegant, bedrohlich, usw.



Bei Frauen wäre es nicht anders, so könnte

„Pro“: weiche Haut, elegante Bewegungen, sanfter, etc.

positiv gesehen werden, aber auch hier gibt es wieder negative Seiten, z.B.:

„Contra“: zickig, eitel, nur aufs eigene Aussehen bedacht, weinerlich, Klatschtante, usw.


Es gibt also in der Realität zwei Geschlechter, und in der Realität ist nun mal nichts perfekt. Vorteile und Nachteile.

Aber dann gibt es in der Oper noch ein drittes Geschlecht, nämlich das der Hosenrolle! Da gibt es dann auf einmal einen „feurigen Liebhaber“, der aber gleichzeitig elegant ist und niemals bedrohlich wirkt. Er poltert nicht laut herum, aber er ist auch nicht zickig. Diese dritte Geschlecht, diese Hosenrolle, vereint nur die guten Eigenschaften in sich, die man sich wünscht.

Auf der Opernbühne ist dann alles perfekt: da kann eine Hosenrolle als Liebhaber eine Frau umschlingen und an sich reißen, und es wirkt trotzdem nicht brutal, denn dieser „Mann“ ist nicht bedrohlich, hat weiche Gesichtszüge, ist dabei aber auch nicht zickig.

Vielleicht stellt sich der/diejenige, der/die auch selbst vor: von einem solchen „Mann“ an sich gerissen zu werden, dominiert zu werden, aber ohne dass es negative Dinge daran gibt. Ich würde das einmal als „positive Dominanz“ bezeichnen.

Auf der Bühne kann ein Cherubino den Frauen nachstellen, und man findet es witzig und hat kein ungutes Gefühl dabei, denn er ist kein echter Jugendlicher, kein echter Mann, der das tut.

Ich denke, dass das, abgesehen von dem möglichen erotischen, „voyeuristischen“ Reiz, wie Fassbaender es nannte, eine große Rolle spielt. Man flüchtet sich in eine bestimmte Opernwelt, wo es dieses perfekte dritte Geschlecht gibt. Besonders ihre Aussage mit dem „ästhetischen Bild“ hat mich auf diesen Gedanken gebracht.

Die Fassbaender sagt auch selbst, dass diese Menschen die Hosenrollen dann „idealisieren“ und mit diesen Rollen leben. Im weiteren Verlauf des Interviews meinte sie auch, dass es auch nicht so prickelnd ist, immer nur auf Hosenrollen festgelegt zu sein.

Ich kann mir auch vorstellen, dass es dann für die Fans solcher Figuren dann auch eigenartig sein muss, wenn der Liebhaber im Männergewand plötzlich mit langen Haaren, Ohrringen und Kleid singt, und überhaupt nichts mehr von dieser Figur hat. Ich finde diesen Unterschied auch oft ziemlich krass; da sieht man, was Kostüme und Perücken oft ausmachen!

Bitte mich nicht falsch verstehen: ich finde in keinster Weise, dass Leute, die Hosenrollen aus diesem Grund auch sehr mögen, irgendwie „absonderlich“ sind, oder einen eigenartigen Geschmack haben. Eine Hosenrolle ist eine Kunstfigur, eben ein ästhetisches Bild, das man mögen kann, oder auch nicht. Eine Figur, die aus Stein gehauen wurde, kann man ebenfalls ästhetisch finden, oder auch nicht. Und ich finde es völlig in Ordnung, wenn man auch mal für etwas Unrealistisches schwärmt, für eine Kunstfigur; wenn man sich vorstellt, wie es wäre. Problematisch wird es wohl nur, wenn man, wie Fassbaender auch sagt, die Realität nicht von der Fiktion unterscheiden kann, denn da kann es dann sein, dass man sehr unglücklich wird, weil man unrealistische Erwartungen hat, die nicht erfüllt werden können.

Und noch ein letztes Mal möchte ich darauf hinweisen, diese von mir aufgezählten Punkte sind mögliche Beispiele, was eine bestimmte Person als negativ empfinden könnte. Diese Punkte sollen niemanden hier irgendwie verletzen, denn es ist natürlich klar, dass es Männer gibt, die eitle Frauen mögen, und Frauen, die z.B. behaarte, muskulöse Männer mögen, usw. usw.


LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (04.12.2015, 21:38):
Weil ich es gerade lese: in "Die Hochzeit des Figaro" wird ja Cherubino (ebenfalls eine Hosenrolle) als Frau verkleidet.

Da würde ich mir die Frage stellen, wie kann ich diese Figur in Frauenkleidern so darstellen, dass sie nicht wie eine Frau in Frauenkleidern aussieht, sondern wie ein Bursche in Frauenkleidern.

Ein ähnliches Problem, wie wenn eine Frau den Frank ´n´Furter aus der "Rocky Horror Show" spielt: eine Frau spielt einen Mann, der Frauenkleider trägt. Sieht dabei aber natürlich wie eine normale Frau in Frauenkleidern aus. Der Effekt geht dadurch doch etwas verloren.




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (11.05.2016, 19:56):
Gerade lese ich in einer aktuellen Rezension, dass eine bestimmte Sängerin vom Oktavian zur Marschallin gewechselt hat.

Derlei liest man öfter, und ich habe mir da nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Jedoch, eigentlich lassen mich solche Sätze nun stutzig werden, denn ich habe momentan die Meinung, dass (um beim Beispiel Oktavian-Marschallin zu bleiben) wenn SO ein Wechsel stattfindet, die Stimme als Oktavian vorher auch eher fraulich geklungen haben wird, und nicht wirklich zur Rolle passend.

Etwas anderes wäre es für mich, wenn es hieße, dass nun eine Susanna einen Cherubino (oder umgekehrt) spielt - hier kann es durchaus sein, dass das gut passt, denn die Susanna kann ja auch eine helle Stimme haben.

Oder wenn es heißt, dass eine Sofie zur Marschallin wechselt - überhaupt kein Thema.


Aber eine Hosenrolle, die in eine solche Rolle wechselt - da denke ich doch, dass die Stimme vorher nicht unbedingt passend war.




LG,
Hosenrolle1