Wettbewerbe

Rachmaninov (29.03.2006, 15:19):
Hallo,

seit geraumerzeit stelle ich mir die Frage:

Brauchen wir derart viele Wettbewerbe und welche sind ernst zu nehmen?

Es gibt mittlerweile, so ist es meine Eindruck, Wettbewerbe wie Sand am Meer.

Natürlich sehe ich in der Idee eines Wettbewerbs einen Sinn.
Hier kann sich ein junger Künstler präsentieren aber auch gleichzeitig innerhalb einer Wettbewerbssituation zeigen, daß er auch in einer Streßsituation seine Leistung bringen kann.
Etwas anderes ist es ja letztendlich auch nicht wenn er auf den Bühnen der Welt Konzerte geben muß - nein - darf!

Sicherlich besteht kein Zweifel daran, daß ein Pianist der den Tchaikovsky Wettbewerb gewonnen hat eine Klasse attestiert bekommt, die ihm höchstwahrscheinlich einen Plattenvertrag sichert.
Vor diesem Wettbewerb habe ich wirklich Achtung. Schließlich trauen sie sich, obwohl er nur alle paar JAhre stattfindet, auch keinen "sieger" zu benennen.

Auch der Queen Elizabeth Wettbewerb ist aus meiner Sicht eine Art "Garant" für gute Musiker.
Man siehe nur Gewinner wie Repin, Suwanai, Khachatyran.

Wie ist eure Meinung? Welche Wettbewerbe nehmt ihr "ernst"?
Jeremias (29.03.2006, 16:27):
Der preis bei einem großen Wettbewerb ist heutzutage ja kein Garant mehr für eine große Karriere. Erstmals zeigte sich dies 1980, als ein unbekannter Vietnamese den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann. Berühmt wurde jedoch ein ganz anderer: ivo Pogorelich. oder wüsste einer von Euch auf Anhieb ohne zu googeln, dass damals Dang Thai Son gewonnen hat?

Für die Pianisten halte ich folgende Wettbewerbe für wichtig: Tschaikowsky in Moskau, Chopin in Warschau, Elisabeth in Brüssel, Haskil in der Schweiz, Rubinstein, Cliburn. Dennoch freue ich mich auf den Clara Schumann Wettbewerb 2007 in Düsseldorf, der dann alle 2 Jahre stattfinden soll!
Rachmaninov (29.03.2006, 16:47):
Original von Jeremias
Der preis bei einem großen Wettbewerb ist heutzutage ja kein Garant mehr für eine große Karriere. Erstmals zeigte sich dies 1980, als ein unbekannter Vietnamese den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann. Berühmt wurde jedoch ein ganz anderer: ivo Pogorelich. oder wüsste einer von Euch auf Anhieb ohne zu googeln, dass damals Dang Thai Son gewonnen hat?


Nein aber das M. Argerich abgereist war weil nicht Pogo gewann!
AcomA (30.03.2006, 22:35):
hallo,

morgen abend werde ich das finale des 1. internationalen bechstein-klavierwettbewerbes in der essener philharmonie besuchen. boris bloch hat die künstlerische leitung und vladimir ashkenazy die schirmherrschaft. bin mal gespannt, werde bestimmt berichten !

gruß, siamak :cool
AcomA (01.04.2006, 13:21):
hallo,

gestern abend war es soweit in der essener philharmonie. das finale (4. runde) des 1. internationalen carl bechstein piano competition ! die philharmonie war gut besucht. 59 pianisten waren primär zugelassen.

in der 1. runde musste ein bach-recital, in der 2. runde ein beethoven-recital präsentiert werden. in der dritten runde schließlich musste jeweils ein mozart-klavierkonzert mit streichquartett-besetzung bewältigt werden. diese runden fanden in der essener folkwanghochschule und im konzerthaus dortmund statt.

in das gestrige finale schafften es drei kandidaten:

pierre mancinelli (france), evgeni bozhanov (bulgaria) und amir tebenikhin (kasachstan). da boris blochs schüler e. bozhanov noch dabei war, verzichtete er (obwohl er die künstlerische leitung inne hatte) darauf, mit zustimmen ! die anderen juroren u.a. idil biret (kempff-schülerin, hat viel bei naxos eingespielt), kirill gerstein (sieger des rubinstein-wettbewerbes tel aviv 2001), andres groethuysen (vom duo tal-groeth.), peter frounjian (leiter des husum-festivals), dang thai son (hatte damals in warschau pogorelich 'besiegt'), alexandr tschaikovsky (schüler von neuhaus, rektor des petersburger konservatoriums).

das orchester wurde vom sog. orchesterzentrum NRW organisiert, fortgeschrittene studierende der versch. konservatorien. leitung hatte der generalmusikdirektor der stadt münster, rainer mühlbach, Zelenka wird ihn ja gut kennen ! also die orchesterleistung war wirklich gut, nur der hornist patzte gelegentlich.

los ging's:

der franzose begann und spielte chopins 2. klavierkonzert f-moll. er war erkennbar nervös, lieferte insgesamt eine gute leistung ab.

dann der schüler blochs, der bulgare. äußerst selbstbewusstes erscheinen. er saß sehr tief und hatte ziemlich viel von den charakteristika seines lehrers (mimik, bewegungen) nach außen getragen. aber er spielte nicht nur IMO das schwierigere konzert, nämlich chopins 1. e-moll, er triumphierte auf ganzer linie ! transparentes sehr flexibles spiel. optimale zusammenarbeit, impulsiv, virtuos ! standing ovations !

schließlich der kasache, der im tschaikowsky-konserv- gelernt hat und noch bei kämmerling in hannover ist. sehr bescheiden-sympathisches erscheinungsbild. auch er spielt chopins 2. konzert. was für ein unterschied zum franzosen. er benutzte am wenigsten pedal von allen, war wohl doch vom gesamteindruck reifer als bozhanov. auch hier standing ovations. eine schwierige entscheidung.

nach einer längeren pause dann die präsentation der sieger:

1. platz (15000 euro) e. bozhanov, der ja ein heimspiel hatte
2. platz (6000 euro) amir tebenikhin
3. platz (4000 euro) pierre mancinelli

dann gab es noch den sonderpreis für die beste zusammenarbeit mit orchester für amir tebenikhin.

viele im auditorium sahen amir als sieger und buhten ! einige, die die vorrunden sahen und auch boris bloch meinten, dass das ergebnis in ordnung sei. letztlich wurden alle vier runden summarisch gewertet. und da muss der bulgare einiges geboten haben. ich habe mich bei boris bloch für die ehren karten bedankt :down

http://www.theater-duisburg.de/konzert/img/EvgeniBozhanov.jpg foto von e. bozhanov

gruß, siamak :engel
Rachmaninov (01.04.2006, 13:26):
@Soamak,

für wen hat alexandr tschaikovsky gestimmt?

R
AcomA (01.04.2006, 14:30):
lieber Sergejewitsch,

ich werde es von boris bloch erfragen und dann mitteilen.

gruß, siamak :)
korngold (01.04.2006, 15:51):
Hallo siamak,

Du schriebst

"leitung hatte der generalmusikdirektor der stadt münster, rainer mühlbach, Zelenka wird ihn ja gut kennen !"

Das interessiert mich natürlich, woher Zelenka ihn kennt!
Ansonsten weiß ich jetzt natürlich, warum er gestern abend bei uns die Aufführung nicht dirigieren konnte. :D

Das Orchesterzentrum hat übrigens einer meiner ehemaligen Profs, Gotthard Popp,
gegründet.
Eine echte Pioniertat, da die Ausbildung zum Orchestermusiker in Deutschland ausgesprochen mies ist.

Viele Grüße,

Michael
AcomA (01.04.2006, 18:56):
hallo Michael,

da habe ich einen großen fehler gemacht, ich meinte natürlich Korngold !!! :I

gruß, siamak :beer
korngold (01.04.2006, 20:50):
Hallo siamak,

übrigens kommen Hornpatzer in den besten Familien vor, deswegen nennt man dieses Instrument ja auch "Die Glücksspirale" :D

Viele Grüße :beer

Michael

(der im Augenblick die hoffentlich heilsame Wirkung von Weinschorle gegen Schnupfen im Selbstversuch unternimmt)
Zelenka (01.04.2006, 20:53):
Vielleicht doch lieber etwas Stärkeres? Gute Besserung!

Gruß,

Zelenka
Rachmaninov (29.03.2006, 15:19):
Hallo,

seit geraumerzeit stelle ich mir die Frage:

Brauchen wir derart viele Wettbewerbe und welche sind ernst zu nehmen?

Es gibt mittlerweile, so ist es meine Eindruck, Wettbewerbe wie Sand am Meer.

Natürlich sehe ich in der Idee eines Wettbewerbs einen Sinn.
Hier kann sich ein junger Künstler präsentieren aber auch gleichzeitig innerhalb einer Wettbewerbssituation zeigen, daß er auch in einer Streßsituation seine Leistung bringen kann.
Etwas anderes ist es ja letztendlich auch nicht wenn er auf den Bühnen der Welt Konzerte geben muß - nein - darf!

Sicherlich besteht kein Zweifel daran, daß ein Pianist der den Tchaikovsky Wettbewerb gewonnen hat eine Klasse attestiert bekommt, die ihm höchstwahrscheinlich einen Plattenvertrag sichert.
Vor diesem Wettbewerb habe ich wirklich Achtung. Schließlich trauen sie sich, obwohl er nur alle paar JAhre stattfindet, auch keinen "sieger" zu benennen.

Auch der Queen Elizabeth Wettbewerb ist aus meiner Sicht eine Art "Garant" für gute Musiker.
Man siehe nur Gewinner wie Repin, Suwanai, Khachatyran.

Wie ist eure Meinung? Welche Wettbewerbe nehmt ihr "ernst"?
Jeremias (29.03.2006, 16:27):
Der preis bei einem großen Wettbewerb ist heutzutage ja kein Garant mehr für eine große Karriere. Erstmals zeigte sich dies 1980, als ein unbekannter Vietnamese den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann. Berühmt wurde jedoch ein ganz anderer: ivo Pogorelich. oder wüsste einer von Euch auf Anhieb ohne zu googeln, dass damals Dang Thai Son gewonnen hat?

Für die Pianisten halte ich folgende Wettbewerbe für wichtig: Tschaikowsky in Moskau, Chopin in Warschau, Elisabeth in Brüssel, Haskil in der Schweiz, Rubinstein, Cliburn. Dennoch freue ich mich auf den Clara Schumann Wettbewerb 2007 in Düsseldorf, der dann alle 2 Jahre stattfinden soll!
Rachmaninov (29.03.2006, 16:47):
Original von Jeremias
Der preis bei einem großen Wettbewerb ist heutzutage ja kein Garant mehr für eine große Karriere. Erstmals zeigte sich dies 1980, als ein unbekannter Vietnamese den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann. Berühmt wurde jedoch ein ganz anderer: ivo Pogorelich. oder wüsste einer von Euch auf Anhieb ohne zu googeln, dass damals Dang Thai Son gewonnen hat?


Nein aber das M. Argerich abgereist war weil nicht Pogo gewann!
AcomA (30.03.2006, 22:35):
hallo,

morgen abend werde ich das finale des 1. internationalen bechstein-klavierwettbewerbes in der essener philharmonie besuchen. boris bloch hat die künstlerische leitung und vladimir ashkenazy die schirmherrschaft. bin mal gespannt, werde bestimmt berichten !

gruß, siamak :cool
AcomA (01.04.2006, 13:21):
hallo,

gestern abend war es soweit in der essener philharmonie. das finale (4. runde) des 1. internationalen carl bechstein piano competition ! die philharmonie war gut besucht. 59 pianisten waren primär zugelassen.

in der 1. runde musste ein bach-recital, in der 2. runde ein beethoven-recital präsentiert werden. in der dritten runde schließlich musste jeweils ein mozart-klavierkonzert mit streichquartett-besetzung bewältigt werden. diese runden fanden in der essener folkwanghochschule und im konzerthaus dortmund statt.

in das gestrige finale schafften es drei kandidaten:

pierre mancinelli (france), evgeni bozhanov (bulgaria) und amir tebenikhin (kasachstan). da boris blochs schüler e. bozhanov noch dabei war, verzichtete er (obwohl er die künstlerische leitung inne hatte) darauf, mit zustimmen ! die anderen juroren u.a. idil biret (kempff-schülerin, hat viel bei naxos eingespielt), kirill gerstein (sieger des rubinstein-wettbewerbes tel aviv 2001), andres groethuysen (vom duo tal-groeth.), peter frounjian (leiter des husum-festivals), dang thai son (hatte damals in warschau pogorelich 'besiegt'), alexandr tschaikovsky (schüler von neuhaus, rektor des petersburger konservatoriums).

das orchester wurde vom sog. orchesterzentrum NRW organisiert, fortgeschrittene studierende der versch. konservatorien. leitung hatte der generalmusikdirektor der stadt münster, rainer mühlbach, Zelenka wird ihn ja gut kennen ! also die orchesterleistung war wirklich gut, nur der hornist patzte gelegentlich.

los ging's:

der franzose begann und spielte chopins 2. klavierkonzert f-moll. er war erkennbar nervös, lieferte insgesamt eine gute leistung ab.

dann der schüler blochs, der bulgare. äußerst selbstbewusstes erscheinen. er saß sehr tief und hatte ziemlich viel von den charakteristika seines lehrers (mimik, bewegungen) nach außen getragen. aber er spielte nicht nur IMO das schwierigere konzert, nämlich chopins 1. e-moll, er triumphierte auf ganzer linie ! transparentes sehr flexibles spiel. optimale zusammenarbeit, impulsiv, virtuos ! standing ovations !

schließlich der kasache, der im tschaikowsky-konserv- gelernt hat und noch bei kämmerling in hannover ist. sehr bescheiden-sympathisches erscheinungsbild. auch er spielt chopins 2. konzert. was für ein unterschied zum franzosen. er benutzte am wenigsten pedal von allen, war wohl doch vom gesamteindruck reifer als bozhanov. auch hier standing ovations. eine schwierige entscheidung.

nach einer längeren pause dann die präsentation der sieger:

1. platz (15000 euro) e. bozhanov, der ja ein heimspiel hatte
2. platz (6000 euro) amir tebenikhin
3. platz (4000 euro) pierre mancinelli

dann gab es noch den sonderpreis für die beste zusammenarbeit mit orchester für amir tebenikhin.

viele im auditorium sahen amir als sieger und buhten ! einige, die die vorrunden sahen und auch boris bloch meinten, dass das ergebnis in ordnung sei. letztlich wurden alle vier runden summarisch gewertet. und da muss der bulgare einiges geboten haben. ich habe mich bei boris bloch für die ehren karten bedankt :down

http://www.theater-duisburg.de/konzert/img/EvgeniBozhanov.jpg foto von e. bozhanov

gruß, siamak :engel
Rachmaninov (01.04.2006, 13:26):
@Soamak,

für wen hat alexandr tschaikovsky gestimmt?

R
AcomA (01.04.2006, 14:30):
lieber Sergejewitsch,

ich werde es von boris bloch erfragen und dann mitteilen.

gruß, siamak :)
korngold (01.04.2006, 15:51):
Hallo siamak,

Du schriebst

"leitung hatte der generalmusikdirektor der stadt münster, rainer mühlbach, Zelenka wird ihn ja gut kennen !"

Das interessiert mich natürlich, woher Zelenka ihn kennt!
Ansonsten weiß ich jetzt natürlich, warum er gestern abend bei uns die Aufführung nicht dirigieren konnte. :D

Das Orchesterzentrum hat übrigens einer meiner ehemaligen Profs, Gotthard Popp,
gegründet.
Eine echte Pioniertat, da die Ausbildung zum Orchestermusiker in Deutschland ausgesprochen mies ist.

Viele Grüße,

Michael
AcomA (01.04.2006, 18:56):
hallo Michael,

da habe ich einen großen fehler gemacht, ich meinte natürlich Korngold !!! :I

gruß, siamak :beer
korngold (01.04.2006, 20:50):
Hallo siamak,

übrigens kommen Hornpatzer in den besten Familien vor, deswegen nennt man dieses Instrument ja auch "Die Glücksspirale" :D

Viele Grüße :beer

Michael

(der im Augenblick die hoffentlich heilsame Wirkung von Weinschorle gegen Schnupfen im Selbstversuch unternimmt)
Zelenka (01.04.2006, 20:53):
Vielleicht doch lieber etwas Stärkeres? Gute Besserung!

Gruß,

Zelenka