Wie?? Der hat auch komponiert?!

Sfantu (10.05.2023, 21:55):
Hier soll es um ausübende Musiker gehen, die auch komponierten/komponieren.

Als Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten sind sie weithin bekannt. Weniger bekannt dagegen ist in
einigen Fällen, daß sie eben auch selbst Musik schrieben/schreiben. Dabei liegt, wie ich finde, der
Gedanke nicht so fern. Sicher muß es nicht jeden ausübenden Musiker zum Selbst-Komponieren
drängen. Jene Fälle, in denen es dann aber doch zutrifft, sollen Gegenstand dieses Fadens sein.

Das wohl bekannteste Beispiel eines Feierabend-und Ferienkomponisten ist Gustav Mahler.
Allerdings mit dem diametralen Ergebnis, will sagen, der diametralen Nachwirkung, nämlich
in erster Linie als bedeutender (will sagen: die Musikgeschichte prägender) Komponist. War er nun als
Schöpfer oder als Orchestererzieher von höherer Bedeutung? Da es zu seiner Zeit noch keine
taugliche Tonaufzeichnung gab, stehen wir hier auf schwachem Posten.
Jedenfalls wird er in der breiten Wahrnehmung heute sicher erst unter ferner liefen als Dirigent, zu
allererst aber als Komponist verstanden.

Welche Namen können wir da zusammentragen?
Wie stuft ihr den jeweiligen Stil ein?
Wie bedeutend erscheint euch die kompositorische Leistung?
Kamt ihr in diesem oder jenem Fall auf den Geschmack und habt deshalb dort (bei jenem Auch-Komponisten) weiter gesucht?

Und ja - warum nicht auch "Fachfremde" mit einbeziehen?
Prominente Personen, die wir gemeinhin nicht mit dem Schreiben von Musik in Verbindung bringen würden.
Gitarrenstücke von Günter Grass? Eine Klaviersonate von Schopenhauer? @Toni Bernet - jedem nur nicht Dir wäre es entgangen, wenn Queen Victoria, Thor Heyerdahl oder Klaus Kinski (Gott bewahre!!) ein Violinkonzert geschrieben hätten ;)

Ich bin gespannt auf eure Nennungen.
Sfantu (10.05.2023, 22:01):
Ich mache den Anfang mit

Esa-Pekka Salonen

Seinen Stil würde ich nicht als über die Maßen avantgardistisch bezeichnen.
Er schreibt, wie ich finde, mit sicherem Gespür für die Klanglichkeit der Instrumentation.
Seinen Orchesterwerken eignet fast immer eine hohes Level an purer Energie und packendem Drive.
Andréjo (10.05.2023, 23:56):
Noch nicht lange habe ich die beiden folgenden CDs kennengelernt:



Eduard Erdmann (1896 - 1958) - zu seinen Lebzeiten ein bedeutender Pianist, etwa Bach und Schubert betreffend und viel Zeitgenössisches, hat noch weitere Musik komponiert, auch sind die obigen Veröffentlichungen nicht alles, was es von ihm aktuell auf Tonträger gibt, aber wesentlich mehr findet sich in der Tat nicht.

Dem leider bereits verstorbenen Dirigenten und seinem Orchester gebührt hier ein klares Verdienst, diese Musik zugänglich gemacht zu haben.

Auch ihm würde ich (wie oben Salonen) einen markanten Sinn für Klanglichkeit bescheinigen, freilich ist er kein Postmoderner. Die dritte und die vierte Sinfonie sind atonal, aber prägend erscheint mir die keineswegs konstruiert wirkende, sondern unmittelbar den Affekt berührende Tonsprache, die allerdings durchaus formstreng ist.

Auf CD kann man eine Solo-Violin-Sonate erwerben, die ich mir im Internet angehört und als keineswegs uninteressant empfunden habe, kennt man etwa die Sonate von Bartok im Vergleich. Sein Klavierkonzert kann man ebenfalls auf yt hören, es erscheint mir spröder als die obigen Sinfonien. Und auch die erste Sinfonie ist auf yt zu rezipieren, was ich noch nicht getan habe.

Ich war angenehm überrascht, hatte ich doch eher Kapellmeistermusik erwartet, der das Sensuelle allzu sehr fehlt. Was den Pianisten anbelangt, besitze ich keine Aufnahmen. Jetzt hätte ich schon Lust, das zu ändern.


:) Wolfgang
Joe Dvorak (11.05.2023, 03:38):
Da faellt mir als erstes Wilhelm Furtwängler ein und ich meine: wie der Herr Dirigent so's Gescherr Komponist. So wenig wie ich -von Ausnahmen abgesehen- seinen Interpetations-Stil mag, so wenig mochte ich das, was ich von ihm als Komponist gehoert habe. Das ist in meinen philiströsen Ohren hier wie dort zu schwulstbeladen.
Maurice inaktiv (11.05.2023, 16:04):
Auch der Dirigent Bruno Walter hat komponiert. Man kann eine CD mit seinen Werken auf CPO hören und erwerben.

Seine Sinfonie in d-moll gibt es unter Leon Botstein, sein Streichquartett D-Dur und Klavierquintett fis-moll sind ebenfalls bei CPO aufgenommen worden.

Seinen Stil würde ich als Spätromantisch, mit leichten Tendenzen hin zum Expressionismus beschreiben.

Auch der Dirigent Leo Blech war als Komponist tätig. Auf dem Label Capriccio sind seine sämtlichen Orchesterwerke und Orchesterlieder gerade veröffentlicht worden.


Da faellt mir als erstes Wilhelm Furtwängler ein und ich meine: wie der Herr Dirigent so's Gescherr Komponist. So wenig wie ich -von Ausnahmen abgesehen- seinen Interpetations-Stil mag, so wenig mochte ich das, was ich von ihm als Komponist gehoert habe. Das ist in meinen philiströsen Ohren hier wie dort zu schwulstbeladen.
Ja, das kann ich mir denken. Seine Werke sind schon richtige Pfunde, die auch nicht einfach für ein Orchester zu spielen sind.
Joe Dvorak (11.05.2023, 16:44):
Otto Klemperer hat zwar nie die Winterreise gesungen, aber als Komponist versuchte er sich doch.
Immerhin reichte das Material fuer 4 LPs, die anlaesslich seines 40. Todestags herausgegeben wurden.

Vol. 1 Orchesterwerke - Vol. 2 Sinfonien - Vol. 3 Streichquartette - Vol. 4 Gesang & Klavier.

Exemplarisch hier Vol. 1:



Edit: Es gibt mehr. Die Sinfonien und Quartette sind Doppel-LPs und nicht vollstaendig. Von 9 Streichquartetten wurden nur die Nrs. 3 (gleich zweimal), 4, 7 & 9 aufgenommen. Auch an die Oper (Das Ziel ) hat er sich gewagt. Um die Frage nach der Einschaetzung zum Stil zu beantworten, hoere ich das 3. Quartett, aber nach dem zweiten Satz muss ich nun abbrechen, weil ich keine Zeit mehr habe. Ich dirgiere jetzt die Auferstehungssinfonie.
Joe Dvorak (12.05.2023, 06:06):
Als einen der wenigen anhoerbaren klassischen Pianisten 'verfolge' ich Olli Mustonen und lasse von meinem Stromanbieter automatisch anzeigen, wenn es etwas Neues gibt. Da staunte ich nicht schlecht, als mir das hier praesentiert wurde:



Streichquartett Nr. 1 (2016) & Klavierquintett (2014)

Leider ist bislang nur der zweite Satz des Quintetts online, aber ich sags euch, der hat es in sich. Ich muss unbedingt mehr hoeren. Wie beschreibe ich den Stil am besten? Leicht, aber nicht seicht. Bach, Bartok, Lied & Tanz. Eklektik? Ja, aber formal sauber zusammengehalten und mit feinen melodischen, harmonischen, texturellen und dynamischen Ueberraschungsmomenten, die ihn dann doch kurz als Modernen andeuten, ohne jemandem weh zu tun. Das ist ernste Unterhaltungsmusik. Ach, Worte...

Und dann sehe ich beim Runterscrollen, dass es da schon etwas viel Aelteres auf Platte gibt:



Ein Tripelkonzert mit 3 Violinen (1998), eine Kleine Suite mit Solo-Cello (1996) & zwei Steicher-Nonette (1995, 2000)
Toni Bernet (12.05.2023, 08:55):
Dürfen auch Geiger erwähnt werden, die nebenbei auch noch komponierten?


Vor 2 Minuten


Wenn ja, dann fallen sehr viele grosse Komponisten von Geigenkonzerten in diesen Threat: angefangen bei Vivaldi über Pugnani, Viotti, Kreutzer bis zu Paganini. Aber auch Wienawski, Joachim bis zu Ysaye. Das waren nur Komponisten, die mir innerhalb von 1 Minute als Geiger in den Sinn kamen.....
Dass aber die bekanntesten und am meisten gespielten Violinkonzerte nicht von Geigern geschrieben wurden, belegen Beethoven, Brahms und Tschaikowski...

Dass auch ein Einstein Geige gespielt hat, aber kein Violinkonzert geschrieben hat, möchte ich noch für Sfantu ergänzen. Danke für die Erwähnung in der Einleitung.
Gruss Toni
Maurice inaktiv (12.05.2023, 10:16):
Dürfen auch Geiger erwähnt werden, die nebenbei auch noch komponierten?
Mir würde sofort Louis Spohr einfallen, der nicht nur viele richtig schwere Konzerte für sein Instrument, sondern auch noch 10 Sinfonien (die allerletzte hat er zurückgezogen) geschrieben hatte.
Andréjo (12.05.2023, 11:15):
Da faellt mir als erstes Wilhelm Furtwängler ein und ich meine: wie der Herr Dirigent so's Gescherr Komponist. So wenig wie ich -von Ausnahmen abgesehen- seinen Interpetations-Stil mag, so wenig mochte ich das, was ich von ihm als Komponist gehoert habe. Das ist in meinen philiströsen Ohren hier wie dort zu schwulstbeladen.
Ach, wenn ich es nur verstehen könnte. Gestern habe ich die Blindverkostung vom RBB gehört - ein Moderator, der die Sendung zusammenstellt, und drei Musikjournalisten, die die Interpretation erraten sollen. Die Leute sind sicher kompetent, aber oft sehr harsch, etwa, wenn es um die HIP-Praxis geht. Gestern war die Kleine Nachtmusik an der Reihe. Da fällt dann eine schlanke, aber sehr farbenreiche und gewiss im Tempo auch nicht übertriebene Sichtweise, die mir mit Abstand am besten gefallen hat, durch. Am Ende Furtwängler aus den Dreißigern oder Vierzigern. Das kann man zweifellos hören, selbst klangtechnisch, das ist zweifellos nicht schlecht, auch nicht wirklich schwülstig - aber die schwer zu übertreffenden Genie-Hymnen, die hier gesungen wurden, sind mir schlicht zu verstiegen.

:) Wolfgang
Maurice inaktiv (12.05.2023, 17:28):
Wolfgang, vielleicht mal völlig nüchtern zu den ganzen "Verklärungen" von Einspielungen, die inzwischen "historisch" sind. Lasse Dich von dem ganzen Geschwafel nicht irritieren. Natürlich wird sich die Sichtweise jeder Musik mit der Zeit verändern, egal ob im Jazz, der Pop-Musik, der Klassik und in allen anderen Bereichen, die ich nicht extra erwähne jetzt.

Daran "schuld" sind natürlich neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, neueste Techniken, neue, verbesserte Instrumente, aber auch eine gesellschaftliche Veränderung in der Welt. Ich schreibe das, um Dir mal ein Beispiel zu geben, welchen Schwachsinn sogar die Musiker selbst den Zuhörern verzapfen wollen, die sowas durchaus auch noch glauben.

Eine in meinem Bereich befindliche Jazzband, die mit deutschen Musikern besetzt ist, die alle so um die 30 bis ca. 60 Jahre alt sind, behaupten allen Ernstes, sie würden "authentischen New Orleans-Jazz" spielen. Ich schreibe das bewusst so, weil man tatsächlich mal viel Wert darauf gelegt hat, diese Musik hier mehr oder weniger nachzuspielen nach dem Kriege 1945. Keiner dieser Musiker wurde dort geboren oder lebte dort mehrere Jahre, um wirklich vor Ort sich dort irgendwie "weiterzubilden". Nur hin und wieder dort hingeflogen sind einige der Musiker mal. Jeder Musiker dort würde sich darüber kaputtlachen, weil so einen Blödsinn den Leuten zu erzählen, einfach tolldreist ist.

Zu Furtwänglers Zeiten hat sich so gut wie niemand mit so etwas wie HIP beschäftigt, Aufnahmen dieser Generation sind fast ausschließlich mono und teilweise noch auf Schellack gepresst worden. Die Tempi waren fast frei wählbar, je nach Qualität der Orchester oder auch der Dirigenten , bzw. deren Ansichten. Damit könnte heute kaum noch ein Dirigent bei Musik bestimmter Epochen bei einem Orchester überleben.

Natürlich gab es auch damals bereits Dirigenten, die das mal mehr, mal weniger gut hinbekommen haben. Ich denke da nur an die teilweise grausamen Mozart-Dirigate von Karl Böhm, die mir diesen Komponisten quasi jahrelang versaut haben, oder von Karajans Barock-Interpretationen, die oftmals das Gefühl von "Tanzbären im Reifrock" klangen.

Seit spätestens Ende der 1980-er Jahre war klar, dass sich dieses Hörbild bei Komponisten bis etwa Brahms und Bruckner, durch die HI-Bewegung doch gewaltig verändert haben.

Natürlich waren Dirigenten wie Furtwängler, Bruno Walter oder Otto Klemperer zu ihrer Zeit große Meister, deren Interpretationen man sich teilweise heute noch anhören kann, aber halt auch nur noch in Teilen. In 30 Jahren wird man das ähnlich sehen, wenn dann die HIP-Dirigenten sich langsam verabschiedet haben. Einige sind bereits nicht mehr da, bzw. dirigieren nicht mehr (Harnoncourt, Thomas Fey).

Das ist die normale Form der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Musik. Du kannst ja in den Foren heute schon verfolgen, wie sich die Meinungen über Interpretationen unterscheiden, bzw. wer mehr zum Alten und wer mehr zum Neuen tendenziert. Darüber könnte man jahrelang diskutieren, aber man käme nie auf einen Nenner.
Sfantu (12.05.2023, 19:03):
Am Ende Furtwängler aus den Dreißigern oder Vierzigern. Das kann man zweifellos hören, selbst klangtechnisch, das ist zweifellos nicht schlecht, auch nicht wirklich schwülstig - aber die schwer zu übertreffenden Genie-Hymnen, die hier gesungen wurden, sind mir schlicht zu verstiegen.
Das klingt schon reichlich geschmäcklerisch und gewollt - das Urteil der erlauchten Juroren. Zumal es sich bei KV 525 ursprünglich um ein Streichquintett handelt. Da braucht es kein götterfunkeninspiriertes Genie auf irgendeinem Dirigierpodium.

Aber wir schweifen ab - zurück zum eigentlichen Thema:

Dürfen auch Geiger erwähnt werden, die nebenbei auch noch komponierten?
Mir würde sofort Louis Spohr einfallen, der nicht nur viele richtig schwere Konzerte für sein Instrument, sondern auch noch 10 Sinfonien geschrieben hat.
Jetzt muß ich hurtig ein wenig korrigieren resp. einschränken.
Wenn wir nun alle Musiker vergangener Epochen aufzählen, die nicht nur für ihr Instrument schrieben sondern auch für andere Gattungen, dann kämen wir vom Hundertsten ins Tausendste: Schubert, Schumann, Liszt waren von Hause aus Pianisten, Boccherini Cellist, Hindemith Bratschist usw. usf. Da bliebe am Ende eher die Frage: welcher namhafte Komponist war denn ursprünglich kein echter Könner auf einem Instrument? (Wagner? Mahler?).

Drum, bevor's zu spät ist:
es sollten Musiker sein, die mit ihrer Spielkunst zu Lebzeiten bereits Verbreitung auf Tonträgern fanden. Sodaß wir eine Gegenüberstellung des ausübenden Künstlers mit dem Komponisten hörend nachvollziehen können. Auf Ysaÿe, Walter, Furtwängler, Klemperer, Erdmann, Blech und Mustonen trifft das zweifelsohne zu. Bei Spohr, Viotti, Paganini etc. komme ich daher nicht umhin zu sagen: leider nein.
Sfantu (12.05.2023, 19:22):
@Joe Dvorak



die Mustonen-CD von 2001 habe ich in meiner Sammlung.
Deine Einschätzung und Begeisterung teile ich uneingeschränkt. Besonders die beiden Streicher-Nonette sind richtige Besen!

Aufschlußreich finde ich im Booklet-Text Antti Häyrynens Worte über Mustonens Stil:

"Mustonens internationale Pianistenkarriere hat seinem Komponieren Grenzen gesetzt. Sie befreite aber auch seine Kreativität, da er weder an die Spielregeln irgendwelcher Schulen noch an Glaubenssätze oder gar Uraufführungstermine gebunden war. Wenn er heute komponiert, gleicht es dem schwerelosen Flug eines neugierigen, ungebundenen Geistes, welcher Tradition und Handwerkskunst schätzt und sie mit überraschenden Momenten und unvorhergesehenen Lösungen verknüpft.
Im Zusammenhang mit Mustonens Kompositionen ist gewöhnlich vom Neobarock die Rede, von Neoklassizismus und Minimalismus - musikalische Stilrichtungen also, die allesamt durch Disziplin, formale Strenge, Wiederholung und Symmetrie gekennzeichnet sind. Tatsächlich weisen seine Kompositionen solche Merkmale auf, aber Mustonen selbst interessiert sich eher für Anomalien und die Ambivalenzen, d. h. Abweichungen von der Regel und eine gewisse Vieldeutigkeit - alles, was selbstverständlich scheint, in sich aber ein anders gerichtetes oder gegensätzliches Element birgt".
Andréjo (13.05.2023, 00:23):
Danke für Eure Ausführungen bezüglich Furtwängler, Maurice und Sfantu!

Nein, ich erlaube mir da schon eine gesunde Distanz und ein eigenes Urteil. Die Sendereihe ist dennoch interessant. Manches, was die ratenden Juroren so von sich geben, muss man nicht verstehen, manches ist aufgeblasene Verbalerotik und manches öffnet dann doch Perspektiven und Aha-Erfahrungen oder es ist wirklich witzig und geistreich.

Bei Gelegenheit auch gerne wieder zum Thema. Mir fiele da schon noch ein wenig ein. ^^
Joe Dvorak (13.05.2023, 04:38):
Um auch noch meinen Senf zum Fu-Komplex abzugeben: Wir hoeren hier Musik die hundert bis dreihundert Jahre alt, wenn nicht noch aelter ist. Mir kaeme nicht in den Sinn zu sagen, dass man das nicht mehr anhoeren kann, weil heute ganz anders komponiert wird. Ebenso sehe ich es bei den Interpreten. Wenn ich Fu mit Beethoven hoere, dann hoere ich ueber 200 Jahre alte Musik, wie sie vor 80 Jahren gespielt wurde. Wenn ich Toscanini mit Beethoven hoere, dann hoere ich ueber 200 Jahre alte Musik, wie sie vor 80 Jahren auch gespielt wurde. In einem Fall mag ich es nicht, im anderen mag ich es, Genie- hin oder Hymnen her. :P

Zum Thema: Der Hof-Dirigent des Kairos-Labels, Johannes Kalitzke war in meiner CD-Sammlung schon gut vertreten, bevor @miclibs (manche User fehlen mir, immer noch, obwohl sie schon Jahre weg sind) hier den Bericht eingestellt hat:



Bericht über den Tod des Musikers Jack Tiergarten
Szenische Moritat für zwei Schauspieler, Sopran, Bariton und Kammerorchester

So Neu wie die Musik, die er gewoehlich dirigiert, auch ist, sein Stil als Komponist ist hier noch radikaler Ich kopiere ein paar Beitraege hierher:

Der Handlungsstrang von einem Stück, das den Tod eines Musikers thematisiert, aber weniger die konkrete, historische Person Jack Teagarden meint, sondern den im positiven Sinne verrückten, buchstäblich bis zum letzten Atemzug nur seiner Musik und seinen Band-Mitstreitern verpflichteten Posaunisten paradigmatisch nimmt für die Selbstausbeutung der Künstler und speziell der Rockmusiker unserer Tage und natürlich auch die Ausbeutung der Künstler durch Manager und Fans gleichermaßen einschließt (Pitt Herrmann), liegt mir deutlich näher als klassischer Opernstoff und dass der oben zitierte Rezensent meint, von der problematischen, ohne Umschweife gesagt: ätzenden Musik, die dadurch nicht erträglicher wird, daß der Komponist höchstselbst den Takt vorgibt, läßt sich nicht absehen, verstehe ich beinahe schon als Hörpflicht. Und es hat sich gelohnt, dieser Pflicht nachzukommen.

Das ist einfach nur über-verschärft und hat sich bei mir zu einem echten Dauerbrenner entwickelt. Zugegebenermaßen ist das hochgradig geeignet, den Konservativisten, die lebende Komponisten pauschal ablehnen, richtig Futter zu geben: atonal, dissonant, geräuschhaft ohne auch nur einen Funken von Anbiederung an Plüschklassik gewohnte Ohren. Klar, wenn das daneben geht, dann wird es wirklich ätzend. Aber wenn es wie hier gelingt, dann wird es richtig packend, dann entsteht in der kompromisslosen Verwirklichung einer künstlerischen Vision etwas wirklich Großes - dann wirkt daneben jedes lauwarmes Neo-, Post- und Poly-Zeitgenossentum, das letztlich doch nur faulig nach Publikum geifert, ätzender als alles andere. Kein Risiko, kein Spaß.
Sfantu (13.05.2023, 11:57):
Sehr bemerkenswert diese drei Werke aus der Feder Lorin Maazels:



Musik für Violoncello und Orchester op. 10
Musik für Flöte und Orchester op. 11
Musik für Violine und Orchester op. 12

Mstislaw Rostropowitsch, Cello
James Galway, Flöte
Lorin Maazel, Violine
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks München - Lorin Maazel (op. 10 & 11) - Arthur Post (op. 12)
(CD, RCA, 1998)

Die drei jeweils ca. 20minütigen Werke sind einsätzig aber in mehrere betitelte Abschnitte unterteilt. Dem Solo ist immer ein Kontrapart als eine Art alter ego zugewiesen: dem Cello das Akkordeon, der Flöte das Euphonium, der Geige das Zymbal. Außer im Falle Flöte und Euphonium erscheinen mir diese Gegenüberstellungen jedoch nicht ganz sinnfällig. Denn Akkordeon und Zymbal treten kaum einmal hervor, wirken auf mich nicht substantiell genug um eine bedeutungstragende Rolle auszufüllen.
Dagegen ereignet sich allerdings eine Fülle interessanter Dialoge: bspw. Flöte im Trio mit Kastagnetten und Regenrohr - eine richtig spannende Konversation! Oder Flöte und Fagott im ersten Abschnitt der Flötenmusik.
Maazels Stil ist gemäßigt modern. Der Klang ist immer licht und aufgefächert. Auch dann, wenn (überwiegend nämlich) düstere Stimmungen vorherrschen oder sich Klangballungen auftürmen. Es wird allerorten deutlich, daß hier jemand mit Lust und untrüglichem Geschmack souverän für großes Ensemble schreiben kann.

Wenn der Stil dieses Triptychons repräsentativ für Maazels Schaffen ist, dann finde ich es sehr bedauerlich, daß den Schwerpunkt seiner Tätigkeit das Musizieren und nicht das Komponieren bildete. Als ausübender Künstler schätze ich seine Leistungen ohne Frage als durchgängig hochrangig ein. Allein - er bewegte sich doch meist im hundertfach bedienten Mittelstrom-Katalog. Und wirklich herausragend finde ich nur Weniges - dafür dann aber exzellent: sein erster Sibelius-Zyklus etwa. Oder Tschaikowskijs Erste - beides mit den Wienern.

Sehr sehr hörenswert also - der Komponist Lorin Maazel!

Die Darbietungen auf diesem Album sind von spürbarer Verve und in formidabler Klangqualität.
Joe Dvorak (15.05.2023, 12:24):


Ich bin kuerzlich in einem Text ueber die Erwaehnung einer Komposition von Igor Markevitch gestolpert. Normalerweise waere ich achtlos weitergegangen, aber es gibt diesen Faden und das ist zumindest bei mir ein glasklarer Fall von: Wie?? Der hat auch komponiert?! Und das nicht mal wenig. Bei Naxos gibt es eine acht Baende umfassende GA der Orchesterwerke. Kurz ein paar zusammengebingte Informationen: Markevitch hat als Komponist begonnen, galt als zweiter Stravinsky, hat unter anderem Bartok beeinflusst, zog dann in den Krieg und hat sich erst danach aufs Dirigieren verlegt und Karriere gemacht. Seine eigenen Werke hat er nie gespielt, weil er anderes fuer relevanter hielt. Aber ich meine, das von mir eben ausprobierte Werk Le Taille de l'Homme ist anders als Fu, Klemp und Konsorten hoechst relevant. Das geht als Konzert fuer Orchester mit obligatem Sopran durch. Als Referenzpunkte fallen Stravinsky, Honegger und Milhaud, aber es ist nicht das erste mal, dass ich diese oder eine aehnliche Gruppierung als Bezug serviert bekomme, aber denke, dass von denen keiner etwas Vergeichbares komponiert hat.

An dieser Stelle mal ein Dank an Sfantu und die anderen drei Hanseln*, die dafuer sorgen, dass das Forums-Beatmungsgeraet weiter seine Arbeit tun kann.

*Achtung: Das ist ein Idiom und sagt nichts ueber die tatsaechliche Anzahl aus. Nicht dass wieder jemand beleidigt ist. :P
Sfantu (15.05.2023, 12:50):
An dieser Stelle mal ein Dank an Sfantu und die anderen drei Hanseln*, die dafuer sorgen, dass das Forums-Beatmungsgeraet weiter seine Arbeit tun kann.
Dankend wird der Dank erwidert. Bist ja schließlich selbst einer der Maschinisten in unserer Bereitschaftszentrale.
Maurice inaktiv (15.05.2023, 13:18):
Wer auch komponiert hatte, war der Dirigent Antal Dorati. So gibt es 2 Sinfonien, ein Klavier-und Cellokonzert und diverse weitere Orchesterwerke, Chorwerke eine Oper und Kammermusiken von ihm.

Seine beiden Sinfonien spielte er selbst für BIS ein, Moshe Atzmon seine "Night Music" , Martin Fischer-Dieskau seine Oper "Der Künder", vermutlich wird sich noch mehr irgendwo tummeln, ich weiß es nicht.


https://www.amazon.de/Sinfonie-1-2-Antal-Dorati/dp/B000027EKH/ref=sr_1_5?crid=2D023GUZ00U51&keywords=antal+dorati&qid=1684149062&s=music&sprefix=antal+dorati%2Cpopular%2C95&sr=1-5

https://www.amazon.de/Antal-Dorati-Sharon-Bezaly-2002-07-16/dp/B01KARFY12/ref=sr_1_18?crid=2D023GUZ00U51&keywords=antal+dorati&qid=1684149242&s=music&sprefix=antal+dorati%2Cpopular%2C95&sr=1-18

https://www.amazon.de/K%C3%BCnder-Chosen-Konieczny-Frenkel-Silberstein/dp/B09V3J9CDS/ref=sr_1_26?crid=2D023GUZ00U51&keywords=antal+dorati&qid=1684149321&s=music&sprefix=antal+dorati%2Cpopular%2C95&sr=1-26
Amonasro (26.05.2023, 19:05):
Auch der Dirigent Victor de Sabata hat einige Werke komponiert. Bisher kenne ich nur die spätromantisch klingende Suite Le mille e una notte von dieser Aufnahme:



Gruß Amonasro :hello
Maurice inaktiv (26.05.2023, 20:48):
Von Alexander von Zeminsky, hin zu Felix von Weingartner und Emil Nicholaus von Rezniczek hin zu Bruno Maderna, Rafael Kubelik und Sergiu Celibdache wird man eine Menge Dirigenten finden, die wunderbare Werke geschrieben haben.

Bei Zemlinksy hat sich der Dirigent James Conlon sehr um gute Einspielungen bemüht (mit dem Gürzenich-Orchester aus Köln), bei von Rezniczek war es das Label CPO.
Joe Dvorak (05.06.2023, 07:46):
Ich drehe jetzt den Spiess mal um und stelle ueberrascht fest: Wie, der hat auch dirigiert??
Dass Strauss seine eigenen Werke dirgiert hat, wusste ich, dass er auch fuer Dirigate von Werken seiner Zeitgenossen und von den Altvorderen grosses Ansehen genoss, wusste ich nicht. In der DGG-Box sind Mozart (39-41) und Beethoven (5&7) je ein Album gewidmet, dazu gibt es ein drittes mit Ouvertueren, unter anderem von Gluck und Wagner. Bei den eigenen Werken fehlt die Alpensinfonie, dafuer gibt es den 'Ritter von der traurigen Gestalt' doppelt, mal aus Berlin, mal aus Bayern.
Zur Charakterisierung seines Stil fallen Phrasen wie "nuechtern" und "ohne falsches Pathos". Das hat er sich fuers Komponieren aufgehoben... :W
Maurice inaktiv (05.06.2023, 18:33):
Zur Charakterisierung seines Stil fallen Phrasen wie "nuechtern" und "ohne falsches Pathos".
Richard Strauss galt als einer der "sparsamsten" Dirigenten, was die Zeichengebung und das Dirigieren allgemein anging. Wenn Du mal auf Youtube die Videos anschaust, auf denen er als Dirigent zu sehen ist, sieht das so aus, als ob seine Beteilung an dem Ganzen quasi "Null" wäre. Ein anderer Dirigent, der ebenfalls durch seine geringen Dirigier-Bewegungen bekannt wurde (nicht nur deswegen versteht sich) war George Szell gewesen, ein übrigens hervorragender Strauss-Dirigent.

https://www.youtube.com/watch?v=doJVlS7nn_g
Joe Dvorak (06.06.2023, 04:27):
Danke fuer den Link, aber ich kann YT hier nicht sehen. Auf einer Website wurden ein Video von Strauss und ein Video eines herumfuchtelnden und Grimassen schneidenden Star-Dirigenten gegenuebergestellt und der Kommentator meinte, dem ersten ginge es um die Musik, dem zweiten um sich selbst. (Woher will er das wissen?)

Der so kristisierte Gustavo Dudamel komponiert uebrigens auch:
Maurice inaktiv (06.06.2023, 06:35):
Danke fuer den Link, aber ich kann YT hier nicht sehen.
Oh, okay. Das ist dann nicht so schön.


Auf einer Website wurden ein Video von Strauss und ein Video eines herumfuchtelnden und Grimassen schneidenden Star-Dirigenten gegenuebergestellt und der Kommentator meinte, dem ersten ginge es um die Musik, dem zweiten um sich selbst. (Woher will er das wissen?)
Ehrlich gesagt, habe ich oftmals den gleichen Gedankengang. Wenn Du Dir die Dirigentenlehrgänge anschaust, bzw. Du mal für einen Moment selbst überlegst, wird Dir bestimmt einleuchten, dass es die Aufgabe eines Dirigenten ist, die vorgegebene Musik (durch die Partitur liegt sie nur dem Dirigenten vor) dem Musiker zu vermitteln. Mir, als Musiker, waren Dirigenten schon immer fremd, die vor einem Orchester stehen, die den "Hampelmann" abgeben, da so die Zeichengebung in der Regel darunter leidet. Da wird mehr gerudert, das Flugzeug eingewinkt oder sonstige Verrenkungen veranstaltet, dass man sich wirklich fragen muss, was das Ganze soll. Und das sollen dann 100 Musiker oder mehr verstehen.

Leonard Bernstein ist so ein spezieller Fall, aber ich bin mir bei ihm sicher, dass er selbst überhaupt nicht merkt, wie das optisch wirkt. Walter Weller wird gerne als "der Ruderer" bezeichnet, weil er mit beiden Armen mehr "rudert" als dirigiert. Ich glaube, die Musiker müssen da teilweise echt gute Nerven haben und Ruhe bewahren, um mit solchen Dirigenten durch die Programme zu kommen.

Auch wenn ich ihn überhaupt nicht mag, schaust Du Dir mal Lorin Maazel an. Der Mann war auch nicht gerade beliebt (zumindest bei einigen Orchestern nicht), aber er hatte eine sehr genaue Technik beim Dirigieren. Das ist das, was den Musiker aber weiterhilft und keine Tanzeinlagen und Ähnliches.

George Szell und Fritz Reiner waren knallharte Dirigenten, aber ihre Zeichengebung war eindeutig. Bei Szell sehr sparsam, so dass sich die Musiker absolut auf ihn konzentrieren mussten, Reiner äußerst exakt und präzise. Nicht ohne Grund hatten sie zwei der besten Orchester der Welt geformt.

Auch Sir Simon Rattle, Jiri Belohlavek und Sergiu Celibidache sind für mich gute Dirigenten mit einer klaren Zeichengebung gewesen. Celi später auch nur noch relativ sparsam, aber da kannten sich Dirigent und Orchester auch bereits lange genug. Auch bei Günter Wand sehe ich ziemlich gut was er macht.

Das sind aber nur meine optischen Eindrücke, wenn man sich auf Youtube was anschaut.

Wer auch eine präzise, aber auch optisch sehr ansprechende Zeichengebung hatte war Walter Ratzek von der Bundeswehr. Er war nicht grundlos in Bonn und Berlin in zwei der wichtigsten Orchester der Bundeswehr lange Jahre tätig. Ich habe kurzzeitig unter ihm gespielt in Kassel ( nur drei Wochen Wehrübung bei der Verringerung der Grundwehrzeit 1990), sein Vorgänger war das Gegenteil. Der konnte keinen 7/4-Takt dirigieren (braucht man z.B. bei Leonand Bernsteins "Divertimento for Orchestra"). Da kamen immer 8/4 heraus. Ist kein Scherz jetzt. Da kannst Du als Musiker immer noch hoffen, dass die Rhythmusgruppe nicht hinschaut sondern einfach spielt.

Bei Chordirigenten, die mit Orchestern arbeiten, musst Du auch teilweise "kerngesund" bleiben. Die sind oftmals die großen Gesten gewohnt, die Chöre wohl benötigen. Ich bin mal bei einem bei uns damals sehr bekannten Chordirigenten mitten in der Probe aufgestanden und bin gegangen. Der Mann hatte Null Verständnis und Gespür für das Begleitorchester. Ich habe dann auf die Mitwirkung verzichtet, das war mir einfach zu blöde gewesen. Hier hätte er mal im Vorfeld eine Orchesterprobe machen sollen, damit beide Seiten wissen was auf sie zukommt. Er war ein exzellenter Chordirigent, aber so bald ein Orchester dazukam, war seine Herrlichkeit vorbei. Ganz schauderhaft.
Joe Dvorak (06.06.2023, 11:27):
Ich erlebte mal ein Konzert mit einem unglaublichen japanischen Dirigenten. Den Namen haette ich vergessen, aber wozu gibt es ein Forum, in dem man ueber Konzertbesuche berichtet und das eine Suchfunktion hat. Damals schrieb ich zu Kazushi Ono, dass ich noch nie eine so klar nachvollziehbare Übereinstimmung zwischen dem, was der Dirigent tut und dem, was aus dem Orchester herauskommt, gehört . Als ob er mit seinen Schlägen, Gesten, Bewegungen auf dem Orchester spielt. Ich erinnere mich heute, elfeinhalb Jahre spaeter noch sehr lebhaft daran.




Damit es nicht zu off-topic bleibt, schmeisse ich eine weitere Bekanntheit, von der ich es nicht gewusst habe, in die Runde. Der Klarinettist Jörg Widmann hat es -ungewoehnlich fuer jemanden, der weder Klavier noch Violine spielt- zu gewissem Startum gebracht. Auf dem neuesten, fast druckfrischen Album kombiniert er unter Hilfe der Hagens das Mozart-Quintett mit seinem eigenen. Sein Oratorium Arche wurde unter Nagano bei ECM eingespielt, seine 11 Humoresken erschienen neulich in Kopplung mit Werken von Schumann gespielt von Aaron Pilsan. Und weil man als Solist und Komponist nicht ausgelastet ist, dirigiert er auch noch, z.B. Mendelssohns Sinfonien, wieder in Kopplung eigenen Werken. Und je weiter ich schaue und mehr und mehr finde, bekomme ich den Eindruck, dass er wohl eher unter 'Komponist der auch Virtuose und Dirigent ist', zu verorten waere. Dass ich das "nicht gewusst" habe, muss ich schliesslich dahingehend richtigstellen, dass ich es "vergessen" habe, denn freilich kenne ich Widmanns Aufnahme des Schubertschen Oktetts, gekoppelt mit seinem eigenen.
Philidor (08.06.2023, 20:50):
Danke fuer den Link, aber ich kann YT hier nicht sehen. Auf einer Website wurden ein Video von Strauss und ein Video eines herumfuchtelnden und Grimassen schneidenden Star-Dirigenten gegenuebergestellt und der Kommentator meinte, dem ersten ginge es um die Musik, dem zweiten um sich selbst. (Woher will er das wissen?)
Eben. Woher will der das wissen?

Beobachten kann man nur die Phänomene. Über die Ursachen kann man nur spekulieren. Allenfalls kann man eigene Denk- und Verhaltensmuster hineinprojizieren und diese dem beobachteten unterstellen. Aber wozu soll das gut sein?

Bei Bernstein finde ich das Ergebnis oft so gut, dass ich mir sage, wenn diese Bewegungen dieses Ergebnis erzeugt haben, dann sind sie mir gerade recht.
LGürtel28 (26.07.2023, 16:24):


Ein Pianist, der auch als Komponist in Erscheinung getreten ist, ist Dinu Lipatti (1917 - 1950). Mir wurde vor einiger Zeit eine Sammlung von 10 CDs geschenkt, welche wohl einen guten Überblick über Repertoire und Interpretation liefert. Wiedergegeben sind zwei Kompositionen des Pianisten: Ein Klavierkonzert in vier Sätzen mit dem Titel "Concertino im klassischen Stil", Lipattis op. 3 und eine Sonatine für die linke Hand.

Der erste mit Allegro maestoso überschriebene Satz des Concertinos ist um ehrlich zu sein fast ein wenig langweilig. Das Orchester beginnt mit einer Melodie aus Triolen und das Klavier tritt dann irgendwann hinzu und dann kommen ganz viele Synkopen und Ähnliches, es fehlt irgendwie die große Idee. Der zweite Satz (Adagio molto) hingegen ist für mich persönlich deutlich interessanter. Er beginnt mit einem Bratschen Solo. Das Klavier kommt bald nach. Der Duktus lässt vielleicht ein Vorbild in den langsamen Sätzen der Bachkonzerte vermuten, harmonisch orientiert sich Lipatti aber fast mehr an Reger, vielleicht ist das aber auch eine Übertreibung. Das Allegretto, welches den dritten Satz bildet, macht wirklich Freude. Der Hauptmelodieträger ist das Orchester. Das Klavier umspielt das Ganze ständig in fast witziger und virtuoser Weise mit schnellen Läufen. Den Mittelteil möchte ich als verdrehten Walzer bezeichnen. Der Dreiertakt ist vollkommen korrekt, aber die ständigen Betonungswechsel machen das Ganze zu einer komplexen Angelegenheit. Der Satz endet in der Manier in der er begonnen hat. Der abschließende Satz (Allegro molto) erinnert dann doch sehr an die Konzerte Mozarts und auch Beethovens, obwohl es sich nicht um ein Rondo handelt. Das Klavier stellt vollkommen unbegleitet ein Thema vor und tritt so nach und nach in ein Wechselspiel mit dem Orchester. Mein Résumé ist, dass es sich um ein Stück Musik handelt, dass es sich lohnt es anzuhören, wenngleich auch kein Meisterwerk vorliegt. Vor allem gefallen mir die beiden Mittelsätze. Auf YouTube gibt es auch weitere Einspielungen, außerdem sind Noten online zu erwerben.

Die Sonatine für die linke Hand ist in drei Sätze (1. Allegro, 2. Andante espressivo, 3. Allegro) gegliedert und dauert insgesamt nur knapp acht Minuten. Allgemein lässt sich sagen, dass es sich um virtuoses Stückchen Musik handelt. Der erste Satz hat sowohl bewegte als auch sprunghafte Momente, die angenehm verarbeitet werden. In der CD-Sammlung ist tatsächlich nur der erste Satz enthalten, obwohl alle Sätze angegeben sind. Der langsame Satz zeichnet sich vor allem durch die kunstvolle Aufteilung von Melodie und Begleitung aus, die selbstverständlich nur mit einer Hand ausgeführt werden, was logischerweise vor allem die Differenzierung kompliziert macht. Der wohl technisch anspruchsvollste letzte Satz deutet die Rondoform an und bildet einen schönen Abschluss.

Ich, für meinen Teil, habe meine Freude mit der gesamten Sammlung und den Kompositionen selbst und hoffe, dass ich eine Empfehlung aussprechen konnte.

LG LGürtel28
Andréjo (26.07.2023, 17:43):
Der Lipatti im Zehnerpack ist eine schöne Empfehlung, die ich schon mal kaufen wollte und dann doch aus den Augen verloren habe. Einzelnes kennt man, aber die meisten Aufnahmen, die man hier für wenig Geld erhält, sind doch neu für mich. Da werde ich jetzt mal zuschlagen. Besten Dank an den Herrn Gürtel!

:) Wolfgang
Sfantu (01.08.2023, 14:30):
@LGürtel28

vielen Dank für Deinen Beitrag zu Dinu Lipatti.
Durch die Anregung hörte ich dieser Tage erneut eine Auswahl seiner Klaviermusik.
Deine Werkbeschreibungen finde ich gut faßlich und nacherlebbar.

Auf diesem Doppel-Album sind 9 Werke enthalten:



Dinu Lipatti

Concertino en style classique op. 3 für Klavier und Kammerorchester (1936, Florica Musicescu gewidmet)
Allegro maestoso 4'15
Adagio molto 4'41
Allegretto 3'31
Allegro molto 5'21

Sonatine für die linke Hand (1941)
Allegro 2'28
Andante espressivo 3'16
Allegro 2'55

Sonate d-moll "Musica este limbăgiul zeilor" (Musik ist die Sprache der Götter) (1932)
Allegro moderato 9'17
Andante 3'56
Allegro 8'53

Navarra (Fragment von Isaac Albéniz, Arrangement Dinu Lipatti) 5'45

Nocturne fis-moll op. 6 (1939, Clara Haskil gewidmet)
Andante ma non troppo 4'57

Nocturne a-moll über ein moldawisches Thema (1937)
Moderato 3'38

Fantaisie op. 8 (1940, Madeleine Cantacuzène gewidmet)

Erster Teil:
Andante malinconico 3'38
Molto tranquillo 6'36
Presto 5'09

Zweiter Teil:
Allegretto cantabile 3'37
Allegro 11'00

Zwei Bach-Transkriptionen:

Pastorale F-dur BWV 590
Andantino tranquillo 1'59
Allegretto grazioso 2'28
Andante cantabile 2'42
Allegro deciso 2'10

Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd, BWV 208
Weil die wollenreichen Herden 2'41
Schafe können sicher weiden 4'51

Luiza Borac, (Bechstein-Flügel)
Academy of Saint-Martin-in-the-Fields - Jaime Martin
(2 CDs, Avie, 2012)

Beim Klavierkonzert stimme ich Deiner Gewichtung der einzelnen Sätze größtenteils zu.
Der Kopfsatz tendiert schon arg in Richtung einer JSB-Stilkopie. Und doch klingt peu à peu durch, daß wir uns im 20. Jahrhundert befinden. Eine Verneigung vor Bach ist wohl kaum etwas, das uns bei Lipatti verwundern müßte, nicht wahr? Die Sätze 2 und 3 sehe (höre) auch ich als Kulminationspunkt des Werkes. Mir macht allerdings auch der Schlußsatz großen Spaß: das neoklassizistische Gewirbel und Gewusel sorgt allenthalben für spritzige Unterhaltung. In der Einspielung, die mir vorliegt, setzt zudem die Pauke knackig-plastische Akzente.

Auch Deiner schönen Beschreibung der Sonatine schließe ich mich an.
Das hat Lipatti so blendend geschrieben, daß ich mehr als einmal ins Staunen kam, wie hier nurmehr eine Hand am Werke sein kann. Aus der ersten Hälfte Zwanzigstes und für die linke Hand - da denkt man fast unweigerlich an Paul Wittgenstein. Aber nein - das Werk ist weder von ihm in Auftrag gegeben noch ihm gewidmet.
Das Booklet weiß von einer Anekdote Lipattis zur Entstehung des Werks zu berichten: Sie entstand zum 50. Geburtstag Mihail Joras (Lipattis Lehrer am Konservatorium in București). Es heißt, daß Lipatti bei dem Stück sich auf die linke Hand habe beschränken müssen, weil er in seinem Landhaus in Fundateanca nicht genügend Papier zur Verfügung gehabt habe. Mit seinem trockenen Humor fügte Lipatti hinzu: das sei nur ein erfundener Scherz - der wahre Grund sei gewesen, daß Widmungsträger Jora ein Bein fehle.

Die Sonate d-moll ist ein erstaunlich vollendetes Werk des 14jährigen Lipatti - freilich stark an Vorbildern wie Chopin, weit mehr aber an Liszt und Franck orientiert. Es herrscht spätromantische Klangfülle - im Finalsatz zudem mit einer kontrapunktischen Reverenz an Bach.

Die Weiterentwicklung der Tonsprache zur 4 Jahre später entstandenen Sonatine und noch deutlicher zur Fantaisie op. 8 ist frappant. Das fis-moll-Nocturne ist spürbar französisch beeinflußt - vieles gemahnt an Ravel und Fauré. Die Grundstimmung ist verhangen melancholisch. Auch das Schwesterwerk in a-moll schwingt in der gleichen Empfindung, wenn es auch etwas lebhafter und verspielter wirkt. Am Ende verklingt es ebenfalls leise, mystisch, schattenhaft.

Die halbstündige Fantaisie von 1940 wird von Booklet-Textautor Marc Ainley als Lipattis längste und komplexeste Komposition für Soloklavier bezeichnet. Ich zitiere hierzu aus dem Booklet:
Sie besteht aus fünf individuell strukturierten Sätzen und hätte, wie Madeleine Lipatti , die Witwe des Komponisten sagte, möglicherweise die Grundlage einer Sinfonie werden sollen. Lipatti selbst äußerte sich folgendermaßen: "In der Einleitung bemerkt man Elemente, aus denen das gesamte Stück entstehen wird. Das erste ist von nostalgischem Charakter, während das zweite passioniert, kühn und schmerzlich ist. Es folgen Sätze, die zusammen mit der Einleitung den ersten Teil der Fantaisie bilden. Das Finale ist in Sonatenform angelegt und gelangt zur ausdrucksvollen Durchführung der beiden Grundelemente". Das Werk ist reich an folklorisitischen Melodien und zeitgenössischen Harmonien, die durch Ornamente und rhythmische Figuren noch unterstrichen werden.
Mich beeindruckt das an zweiter Stelle stehende Tranquillo tief. Auf einfache Mittel reduziert, entsteht eine wie in Zeitlupe wahrgenommene Szenerie, ähnlich Erik Satie. Das folgende Presto bietet eine atemlose Achterbahnfahrt durch kontrastierende Sphären: in den Rahmenteilen nervöse Geschäftigkeit, im Mittelteil sich bis zum Barbarischen aufschwingende Spannung und Ingrimm. Hier sind perlende Geläufigkeit und eine wuchtige Pranke nahezu zeitgleich gefordert.
Der Schlußsatz ist ein echter Brocken. Er bildet eine Klammer um die zuvor durchschrittenen Elemente. Die Fantaisie endet leise.
Ein anspruchsvolles und forderndes Werk - für die Ausführende wie für die Hörer.

Die Albéniz-und Bach-Bearbeitungen sind geschmackvoll und stilsicher gechrieben. "Schafe können sicher weiden" ist eines der Wunderwerke von Bach, das mich jedes Mal augenblicklich ergreift. Es erwärmt das Herz und rührt zu Tränen - im Original wie in Bearbeitungen. Lipatti realisiert das mit einnehmender Empathie.

Doamna Borac trifft jeweils die passenden Stimmungen für diese stark unterschiedlichen Stücke. Von empfindsam-verträumt bis zu stupend-virtuos.


In der CD-Sammlung ist tatsächlich nur der erste Satz enthalten, obwohl alle Sätze angegeben sind.
Das ist schade und ärgerlich. Wer spielt denn die Lipatti-Sachen in dieser Box?
LGürtel28 (01.08.2023, 16:59):
Das ist schade und ärgerlich. Wer spielt denn die Lipatti-Sachen in dieser Box?
Ja, das ist schade, aber man kann beide Werke auch auf YouTube nachhören, sogar mit Noten. Ich danke dir, Sfantu, für deine Beschreibungen der weiteren Werke, es freut mich auch, dass wir in einigen Punkten übereinstimmen. In der Box spielt Lipatti selbst. Die Sonatine wurde 1943 in Bucharest aufgenommen, das Konzert im Jahr 1948 mit unbekanntem Orchester und unbekanntem Dirigenten. Die Box beinhaltet einiges Interessantes auf 10 CDs, so z.B. eine Aufnahme der Liebeslieder Walzer op. 52 mit Nadia Boulanger am Klavier, ein Schumann Klavierkonzert mit Karajan und auch das berühmte letzte Rezital mit u.a. Bachs B-Dur Partita und Mozarts a-Moll Sonate. Ich habe noch garnicht alles durchgehört, muss ich gestehen.

LG
LGürtel28
Sfantu (16.11.2025, 15:29):
Maurice erwähnte bereits Rafael Kubelík (1914 - 1996).

Neben seiner Karriere auf dem Podium schrieb er Musik für eine beachtliche Bandbreite an Gattungen.

"Er studierte von 1928 bis 1934 am Prager Konservatorium Dirigieren bei P. Dědeček, Violine bei J. Feld und Komposition bei O. Šin.
Unter seinen Kompositionen ist besonders die erfolgreiche Oper Veronika zu nennen.".


"Kubelíks works include the opera Veronika (staged in Brno in 1947) and Cornelia Faroli (at the life of Titian, produced at Augsburg in 1972, a choral symphony and orchestral symphony, concertos for violin and cello and 3 Requiems. At the 1975 Lucerne Festival he conducted the premiere of his orchestral Sequenzen. He has recorded his Quattro forme per archi with the English Chamber Orchestra"


"As a composer in a neo-Romantic idiom, his output included the operas Daybreak,
Císařovy nové šaty ('The Emperor's New Clothes') Květinky malé Idy ('The Flowers of Little Ida'); a Stabat Mater and an a capella mass; three symphonies and other orchestral works; six string quartets, a piano trio, piano sonatas and songs.".


Dieses Album bietet laut Booklet-Text einen repräsentativen Querschnitt:



Kubelík diriguje Kubelíka

"Orphikon", Sinfonie in drei Sätzen

Veloce 12'06
Adagio 8'29
Allegro risoluto 13'58

Kantate ohne Worte für Chor und Orchester 21'51

Inventionen und Interludien
in alten Tonarten für Kinderchor, vier Oboen und vier Trompeten 12'32

Kühnův Dětský Sbor - Chormeister: Jiří Chvála,
Jiří Hebda, Miroslav Vajsochr, Miroslav Hašek und Karel Klement, Oboen -
Vladislav Kozderka, Jan Fišer, Milan Bašta und Josef Řezníček, Trompeten -
Chor des Bayerischen Rundfunks - Chormeister: Heinz Mende -
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks - Rafael Kubelík
(CD, panton, 1994: AD: 1982 (Kantate), 1984 (Sinfonie), 1993 (Inventionen))

Neoromantisch - also, auf diese 3 Werke mag die Charakterisierung nicht so recht passen. Ich höre eher eine Nähe zu Bartók und Karl Amadeus Hartmann (für welchen Kubelík sich ja maßgeblich einsetzte). Gekonnte, suggestive Orchestrierkunst. Mehrheitlich düstere, ja beklemmende Stimmungen. Am avanciertesten für mich die Kantate mit ihren fahlen, kühnen Klängen und der dramatischen, erzählenden Qualität obschon nur Vokalisen gesungen werden.
Die Inventionen und Interludien haben festlichen Charakter. Doch auch ihnen haftet, wenn auch etwas weniger als bei den anderen beiden schwer verdaulichen Werken auf diesem Album, eine gewisse bleierne Schwere an.

Famose Qualität bei allen Interpreten und guter Klang.
Bewundernswert die Extraklasse des Kühn-Kinderchors aus Prag. Einige Spitzentöne machen allein beim Hören schon Aua und man fragt sich: muß man die Kids derart quälen?
Auch ist das musikalisch nicht ausgesprochen schlüssig, geschweige denn zwingend.
Im Blindtest hätte ich hier ein paar echte Soprane darunter vermutet - so klar und voll in Timbre und Resonanz.

Mein Fazit > ein interessanter Komponist mit großem handwerklichen Können.
Macht das Lust auf weiteres Erforschen? Ich bleibe neugierig, nicht begierig.

Mit Blick auf Kubelíks Weggang aus der Tschechoslowakei nach der Machtübernahme der Kommunisten, 1948:
"Leider mußte ich mein Vaterland verlassen. Aus dem einfachen Grunde, daß ich nicht glaube, daß man den Geist fesseln darf durch Politik."


Mich machte dieser Satz immer stutzig: waren denn unter der Besatzung durch Nazi-Deutschland dem Geist etwa keine Fesseln durch die Politik angelegt? In jener Zeit war
Kubelík immerhin Opernchef in Brno (1939 - 1941) und beerbte 1942 Václav Talich als neuen künstlerischen Leiter der Tschechischen Philharmonie (bis 1948).
Oder befand er sich in innerer Emigration und konnte nach 3 Jahren Atempause den Beginn eines neuen totalitären Regimes nicht mehr ertragen?
Diese Vermutung könnte durch folgende Aussage untermauert werden:

"In 1944, after various incidents, including one in which he declined to greet the Nazi Reichsprotektor Karl Hermann Frank with a Hitler salute, along with the refusal to conduct Wagner during the war, Kubelík "deemed it advisable to disappear from Prague and to spend a few months undercover in the countryside so as not to fall into the clutches of the SS or Gestapo.".



Zdeněk Výborný und Richard Schaal, MGG, 1. Auflage, Band 7, S. 1847
Arthur Jacobs im New Grove, 1st edition, Band 10, S. 288
Lionel Salter im New Grove, 2nd edition, Band 13, S. 941
Einspielung Originalton Kubelík, WDR Zeitzeichen, 29. Juni 1999
Englischsprachige Wikipedia
Joe Dvorak (05.12.2025, 03:43):
Paul Kletzki hat auch komponiert, immerhin 34 Opera. Die dritte Sinfonie ist bei BIS und das Klavierkonzert bei Naxos herausgekommen.
Von Giuseppe Sinopoli wusste ich es ebenfalls bislang nicht. Er hat seine eigene Version der Salomé geschrieben; zwei Orchester-Suiten draus gibt es bei der DGG.
Sfantu (05.12.2025, 12:16):
Wobei Sinopolis Werk vom Leben Lou Andreas-Salomés (1861-1937) handelt, nicht wie bei Richard Strauss von der antiken Salome, Tochter der Herodias.
Sfantu (05.12.2025, 13:23):
Nichts ist so vollständig vergangen wie eine vergangene Empfindung

Jedenfalls wurde ich so zum Wiederhören angeregt - danke!



Giuseppe Sinopoli

Konzertsuiten Nr. 1 und 2 aus Musik der Oper "Lou Salomé"

Lucia Popp, José Carreras,
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart - Giuseppe Sinopoli
(CD, DG, 1988)

Anfang 6'01
"Daß ich Dir Liebe geben könnte" 17'12

Anfang 3'33
San Pietro 3'02
Walzer 3'06
Schnell - Ängstlich 6'01
Ländler 4'32
Lied 3'43

Laut Booklet-Text wirft das Stück statt einer eigentlichen Handlung vielmehr Schlaglichter auf einzelne Szenen aus dem Leben Salomés. Die Personen reflektieren Geschehnisse und Empfindung während sie gewissermaßen aus ihren Körpern heraustreten, sind eher Kommentatoren und Analytiker ihrer selbst.
Sinopoli ist ein gekonnter und versierter Orchestrierer, wenngleich diesen Stücken mehr Farbe gut zu Gesicht stünde. Immerhin hat in der Erinnerungsszene im Petersdom das kuriose Solisten-Trio aus Cembalo, Saxophon und Pauke seinen Auftritt (steht es etwa für die Dreiecksgeschichte Lou Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche?). Die Musik ist überwiegend freitonal, dabei gemäßigt modern.

Ob Popp und Carreras Idealbesetzungen für Lou und Paul sind?
Das stark dialektal eingefärbte Deutsch des Tenors ist gerade noch akzeptabel. Ihm wird hier etwas abverlangt, das ich nicht gerade zu seinen Stärken zählen würde: Pianokultur.
Und er macht das nicht so schlecht.
Wie auch immer - rein instrumentale Suiten wären mir eigentlich lieber gewesen.
Philidor (05.12.2025, 13:26):
Pianist Fazil Say komponierte.



Celibidache auch.



Sogar Adorno.

Dafür malte Arnold Schönberg.

Pianist Marc-André Hamelin hat komponiert:
Maurice inaktiv (05.12.2025, 13:38):


Arturo Sandoval hat hier sein komponiertes Trompetenkonzert eingespielt

Auch Duke Ellington und Dave Brubeck haben komponiert. Da gibts auch Einspielungen von:





Beim Duke geht es vor allem um "Harlem", dass er auch mit diversen Sinfonieorchestern aufgenommen und im Konzert gespielt hat.
Andréjo (05.12.2025, 15:18):
Adorno wurde von Philidor genannt.

Hier, was ich kenne:



Das kann man in der Tat nicht mit Sibelius verwechseln. Kleiner Scherz. Und ich habe auch wahrlich nichts gegen Zwölftönigkeit in all ihren vielfältigen Facetten und Abweichungen von der Norm.

Aber die spannendsten Beispiele, meine ich, hat der Herr Professor nicht zu bieten.

Eisler ist markanter.

Fazil Say wiederum finde ich mittlerweile als Komponisten beinahe interessanter denn als Pianisten. Wobei er mir in beiden Bereichen nicht in die allererste Liga zu gehören scheint.

:) Wolfgang
Alexy6 (19.12.2025, 15:23):
Bei Zemlinksy hat sich der Dirigent James Conlon sehr um gute Einspielungen bemüht (mit dem Gürzenich-Orchester aus Köln), bei von Rezniczek war es das Label CPO.

Man vergisst leicht, wie durchlässig die Grenze zwischen Dirigent und Komponist um 1900 war. Bei Zemlinsky spürt man deutlich den Theatermenschen, diese organische, atmende Orchestrierung. James Conlon hat enorm viel dafür getan, ihn wieder hörbar zu machen, ohne ihn zu verfälschen. Und Reznicek ist weit mehr als nur Donna Diana – seine Sinfonien und Opern zeigen große Eigenständigkeit. Ohne Labels wie CPO wäre vieles davon wohl noch immer vergessen. Das erinnert mich an einen diskreter, aber so bedeutungsvoller Stil: leise, aber nachhaltig wirkend.
Sfantu (27.12.2025, 23:12):
Beim Stichwort "Doktor Schiwago"
hat man unweigerlich die schmachtenden Melodien von Maurice Jarre in den Ohren, der die Musik zu David Leans berühmter Lieraturverfilmung schrieb.
Doch Boris Pasternak selbst stammte aus einem musikalischen Elternhaus und war entsprechend vorgebildet als ihn als 13jährigem ein besonderes Ferienerlebnis euphorisierte. Und zum Selbst-Komponieren anregte:

"Von dem packenden Eindruck, den die ersten komponierten Teile der Sinfonie hervorriefen, berichtet Boris Pasternak in seinen Erinnerungen:
"Im Frühjahr 1903 mietete mein Vater ein Sommerhaus in Obolenskoje bei Malojaroslawetz an der Brjansker, heute Kiewer Eisenbahnlinie. Unser Nachbar war dort, wie sich später herausstellte, Skrjabin. Unsere beiden Familien kannten sich damals noch nicht. Die Sommerhäuser standen ziemlich weit voneinander entfernt auf einem Hügel am Waldrand. Man kam dort, wie üblich, am frühen Morgen an. Die Sonne glitzerte auf dem Blätterwerk, das sich tief auf die Häuser herabneigte. Ich lief davon in den Wald. Und ebenso, wie im Wald Licht und Schatten wechselten und die Vögel von einem Zweig zum anderen flogen und sangen, erklangen und wogten durch den Wald Motive und Stücke aus der 3. Sinfonie oder dem "Göttlichen Poem", das im benachbarten Sommerhaus in seiner Klavierfassung komponiert wurde.
Gott, was war das für eine Musik! Unaufhörlich stürzte die Sinfonie zusammen und wurde vernichtet wie eine Stadt im Artilleriefeuer, und immer wieder wurde sie aufgebaut und wuchs aus den Trümmern und Überresten. Sie floss über von Inhalt, der phantastisch durchgestaltet und neu war wie der Leben und Frische atmende Wald, der an jenem Morgen, nicht wahr, in das erste Grün des Jahres 1903 gekleidet war.".

Etwas abweichend davon diese Übersetzung des ersten Abschnittes:
"Ihre überschäumenden und wie rasend ineinander gearbeiteten Klänge waren neu, neu wie der Wald in seiner lebensvoll atmenden Frische , im Schmuck des jungen Laubes an diesem Frühlingsmorgen des Jahres 1903".

Die Tonsprache orientiert sich deutlich an Skrjabin, etwa dem der mittleren Sonaten. Während dort sich Aspekte wie Tonalität und Form in Auflösung begriffen befinden, sind bei Pasternak Themen und deren Wiederkehr jedoch erkennbar. Die freie rhapsodische Anlage, mehr noch im Prélude des 16jährigen als in der Sonate des 19jährigen, tritt selbstbewußt hervor. Der Klappentext zur Gicquel-Aufnahme unterstreicht das Fast-Zitat der Internationalen in jenem Prélude. Wie viele Intellektuelle hätte auch Pasternak die Sache der ersten russischen Revolution von 1905 nicht kalt gelassen. Ein 15jähriger ein Intellektueller? Nun ja - angesichts der vergeistigten und komplexen Faktur des Préludes kommt man kaum umhin, Pasternak ein gehöriges Maß an Frühreife zuzugestehen.

Ob es ein Verlust oder ein Segen war, daß er sich am Ende für die Literatur entschied?



Klaviersonate (1909) 14'28
Prélude gis-moll für Klavier (1906) 5'04

Annie Gicquel
(LP, FSM, 1980)




Klaviersonate (1909) 15'43

Carlo Levi Minzi
(CD, Antes, 1990)

Gicquels Einspielung punktet mit einem trockeneren, direkteren Klang, bleibt interpretatorisch aber eine Spur zu neutral, vielleicht etwas gleichförmig?
Minzi erlaubt sich (und uns) mehr Freiheiten in Agogik und Tempogestaltung. Der Klang ist einerseits weiter aufgefächert, erlaubt dem Instrument mehr Eigencharakter, gerät insgesamt aber eine Spur zu diffus und nicht immer leicht im Raum zu verorten.


Igor Fjodorowitsch Belsa - "Alexander Nikolajewitsch Skrjabin"
Verlag Musyka, Moskau, 1982, deutsche Übersetzung durch Christoph Hellmundt, Verlag Neue Musik, Berlin, DDR, 1986,
1. Auflage, S. 124-125


Klappentext von Hartmut Lück zur Annie Gicquel-LP
Philidor (28.12.2025, 07:28):
William Herschel (1738-1822), der 1781 den Planeten Uranus entdeckte und darum vielleicht vor allem Astronomen bekannt ist.



Mark Jewgenjewitsch Taimanow (2016) gehört hier nicht ganz hinein. Er war russischer Schachgroßmeister. Nach ihm ist die Taimanov-Variante der Sizilianischen Verteidigung benannt, eine ziemlich stabile und beliebte Variante.

Er war allerdings auch Pianist, und einige seiner Aufnahmen fanden Eingang in die Reihe "Die größten Pianisten des 20. Jahrhunderts":