martin (04.06.2006, 23:10): Wie wichtig ist die Interpretation für ein Werk? Es gibt in dieser Hinsicht extreme Positionen. Eine Position, wie sie mal jemand zum Ausdruck gebracht hat: "Interpretationen interessieren mich überhaupt nicht. Ich kann sowieso nicht eine gute von einer schlechten unterscheiden." Im allgemeinen, so sagte er, kaufe er halt die Naxos CDs. Ich habe es oft ähnlich gemacht, wiewohl mir diese Position des vollkommenen Desinteresses auch suspekt ist. Dann gibt es die Gegenposition: "Ich habe 20 Interpretationen eines Werkes, nie war ich mit einer richtig zufrieden, aber dann lernte ich die Interpretation von xy aus dem Jahre 1936 und erst diese hat mir die Augen geöffnet." Wobei das durchaus auch möglich ist. Grundsätzlich ist beides möglich: Man hat eine Aufnahme, mit der man so zufrieden ist, daß man an anderem kaum noch ein Interesse hat oder man hat drei oder mehr Aufnahmen und hat das Gefühl: Hey, das ist es noch nicht.
An sich finde ich Interpretationen nicht ganz so wichtig. Dies sind sie schon mal vor dem Hintergrund, daß ich vor Interpreten im allgemeinen einen gewissen Respekt habe, vor allem dann natürlich, wenn ich ihn kenne und schätze. Und oft genug höre ich eine zweite Interpretation und denke: Ja, die ist ein bißchen anders, jede Interpretation ist ein bißchen anders, aber so groß sind die Unterschiede nun auch nicht. Das Gegenteil gibt es natürlich auch: Eine Interpretation ist ganz anders und möglicherweise ist sie die richtige und eröffnet erst jetzt den richtigen Zugang zum Werk.
Und sicher gibt es schon Werke, die auch schon sehr schwierig sind und die auch einen überragenden Interpreten verlangen. Und es gibt schon auch interpretarische Katastrophen, das ist auch klar.
Aber ich denke, daß die guten Interpreten, was die Interpretation anbetrifft, doch oft genug auch ziemlich eng beinander liegen, so eng, daß man dann über 10 Spitzeninterpretationen auch 10 verschiedene Meinungen bekommt und zwar nicht, weil die Kritiker alle so unmusikalisch wären, sondern eben weil die Interpreten wirklich so gut sind ( eine gute Tagesform mal vorausgesetzt), daß die Interpretationen in ihrer Qualität so eng beianderliegen, daß es am Ende doch zur reinen Geschmackssache wird, welcher Interpretation man den Vorrang gibt.
Und dann finde ich es für jemand, der sich eine gewisse Musik erst erschließt, schon wichtig, sich um die Interpretation nicht einen solchen wahnsinnigen Kopf zu machen, sondern erst einmal die Musik auf sich wirken zu lassen. Das heißt: Man versucht sich schon ein bißchen zu informieren, welche Interpretationen denn hoch gehandelt werden und welche nicht, aber dann vergißt man auch jede Interpretation, die völlig in den Hintergrund rückt, und ist dann ganz bei Bruckner, Beethoven, Brahms und wie sie alle heißen.
Und dann ist es auch so: Wenn ich mir ein Werk erschließe und das kann schon eine Zeit dauern, interessiert mich am Anfang sowieso nur eine Interpretation. Diese eine Interpretation soll mir ein Werk erst einmal erklären. Was ich eigentlich nicht ganz nachvollziehen kann, ist es, ein Werk erst zu einem Viertel verstanden zu haben, dann aber die Interpretation zu wechseln. Ich habe mich immer an Hand einer bestimmten Interpretation in ein Werk eingehört, denn warum soll ich mich mit Interpretationsfragen auseinandersetzen, bevor ich das Werk erst richtig verstanden habe? Erst später, wenn man denn ein Werk gut kennt, mag es auch reizvoll sein, das Werk in einer anderen Interpretation kennen zu lernen. Vorher meines Erachtens nicht.
Umso wichtiger ist es natürlich, am Anfang schon eine ganz gute Interpretation zu haben. Denn meistens sind die wichtigsten Erlebnisse, die Du mit einem Werk sammelst, die, die Du anhand dieser ersten Interpretation gesammelt hast. Wobei ich mich natürlich manchmal schon frage: Ist die Interpretation, die du da hast, auch gut genug, sollte es nicht, gerade um sich ein Werk zu erschließen, nicht eine bessere sein? Das hat mir mal jemand gesagt: Daß die Haltung, sich nur erst einmal "irgendeine" Aufnahme zu kaufen, um ein Werk in dieser kennen zu lernen, auch nicht richtig sei. Gerade wenn ein Werk für dich neu ist, entfaltet es seinen stärksten Reiz und gerade dann ist es schade, eine schlechte Interpretation zu haben. Natürlich ist das auch eine Preisfrage, aber man sollte nicht zu geizig sein.
Auch gibt es wohl das Phänomen der "Fehlprägung", d.h. eine bestimmte Interpretation prägt Dich in einer bestimmten Weise und Du mußt diese Prägung erst einmal los werden.
Gruß Martin
Carola (05.06.2006, 15:08): Lieber Martin,
Ich finde die Frage nach dem Verhältnis von Aufnahme und Werk sehr interessant und mache mir oft Gedanken darüber. Immer wieder auch aus konkretem Anlass.
Beispiel: Mozart Sinfonien. Soll ich mir zusätzlich zu meiner Böhm-Gesamtaufnahme auch noch die von Mackerras holen oder doch lieber die Partituren? Die gibt es nämlich bin Ende Juni verbilligt und würden mich sehr interessieren.
Anders gefragt: Wie "verstehe" ich ein Werk (kann man Musik denn überhaupt "verstehen"?) besser, indem ich in die "Tiefe" gehe (Partitur, Werkanalyse, die immer gleiche CD oft hören...) oder aber in die "Breite", indem ich also mehrere Aufnahmen anhöre und über den Vergleich der Unterschiede in der Interpretation auch das Werk selbst besser kennen lerne.
Ich selber nehme mir die "Tiefe" oft vor, halte mich dann aber nicht daran. Zum Teil sicher auch, weil es mühsamer ist eine Werkanalyse zu lesen als eine weitere Aufnahme zu kaufen. Aber auch, weil gerade bei Stücken, die ich sehr liebe (bei anderen stellt sich die Frage für mich nicht) es sehr spannend ist zu hören, wie andere das interpretieren.
Hinzu kommt: Wenn mir eine Aufnahme nicht gefällt, hätte ich auch keine Lust, mich über sie mit dem Werk selbst zu beschäftigen, sie also oft zu hören. Hätte ich zum Beispiel aus Versehen eine Gesamtaufnahme der Mozart-Sinfonien mit Harnoncourt gekauft (falls es die gibt, ich kenne nur eine Einzel-CD), könnte ich mit dieser Interpretation ganz sicher nicht leben und würde so lange suchen, bis ich eine Aufnahme habe, die mir gefällt.
Bei meinem Beispiel mit Mozart/Böhm liegt der Fall allerdings anders. Ich finde diese Gesamtaufnahme wunderbar und kann sie immer wieder hören. Es wird also wohl auf die Partituren hinauslaufen - falls nicht beides den einzuleitenden Sparmaßnahmen zum Opfer fällt. :D
Mit Gruß von Carola
martin (05.06.2006, 16:54): Liebe Carola,
mir ist es heute noch deutlich geworden, wie inkonsequent ich in dieser Hinsicht Interpretationen ist. Ich hatte das ja schon im Thread zu den Brandenburgischen Konzerten angesprochen.
Es kommt immer darauf an: Was sind Deine Lieblingskomponisten.
Also wie ich schon sagte bei den Händelschen Concerto Grossi, war das für mich eine lange Suche. Erst billige Aufnahmen mit der Süddeutschen Philharmonie. Na ja, ein Anfang. Dann Naxosaufnahmen: gar nicht mal schlecht. Dann den Max Pommer: Technisch nicht schlecht, aber interpretatorisch eine furchtbare Entäuschung. Dann die Iona Brown: Schon nicht schlecht ( der BBC guide meint: Die besten Aufnahmen), aber irgendwie das Gefühl, die hat den Händel nicht richtig getroffen. Dann Marriner mit den Opus 3. Schon nicht schlecht. Aber ich hatte mal den Pinock gehört, den fand ich besser. Dann kaufte ich mir den Hogwood von Decca. Hörte ihn und war richtiggehend glücklich. Endlich mal ein Händel, wie ich ihn mir schon immer gewünscht hatte. Aber nun hörte ich von einer Person: Der Manze soll doch besser sein. Der war sehr teuer, aber inzwischen soll er doch billiger sein. Ich glaube ich hole ihn mir noch mal. Und ich hole mir doch mal den Pinnock.
Das kann glaube ich nur jemand verstehen, wer den Händel wirklich mag. Dagegen fehlt mir vielleicht jedes Verständnis wieso man sich die Saint Saens Klavierkonzerte 5 mal ins Haus holen kann. Aber, na ja, vor dem Hintergrund meiner Händel Concerto grossi erfahrung verstehe ich das nun doch wieder sehr gut.
Wichtig ist glaube ich für mich schon das Gefühl der Unzufriedenheit mit einer Aufnahme. Ich mag etwa die Schneiderhanaufnahme mit dem Violinkonzert von Beethoven. Da ich die so sehr liebe, denke ich auch über keine neue nach. Daß ich also das Beethoven Violinkonzert nur einmal im Schrank habe, hat gar nichts damit zu tun, daß ich dieses Konzert nicht schätzte.
Und ich denke schon darüber nach, mir den Schneiderhan mal mit den Violinsonaten von Brahms zu holen ( oder doch eine andere?) Ich glaube, die Brilliantaufnahmen sind schon nicht schlecht, aber ich habe so das Gefühl, da gibts noch besseres. Einem solchen Gefühl sollte man auch nachgehen.
Gruß Martin
fohlenfanatiker (05.06.2006, 20:34): Hallo Martin und alle anderen, die Frage nach den Interpretationen und Interpreten ist schon deshalb wichtig, damit wir im Forum genug Diskussionsstoff haben. Worüber sollten wir sonst so energisch diskutieren?? :D :D :D Aber im ernst: Wir wissen doch alle, wie unterschiedlich Werke interpretiert werden können. Natürlich ist das für mich interessant. Man denke doch nur an unsere Diskussionen über die Schumann-Klavierwerke. Die 9. Sinfonie von Beethoven habe ich wohl 15- oder 16-mal. Warum? Weil sie für mich der Höhepunkt der klassischen Musik schlechthin ist. Wobei ich zugeben muss, dass einige der Einspielungen durchaus verzichtbar sind. Ich habe es auch schon einige Male erlebt, dass ich zu einem Werk keinen Zugang hatte, bis ich die Aufnahme von xy hörte und endlich Gefallen fand. Beispiel die Brahmssinfonien. Erst durch Herrn Klemperer fand ich Gefallen an den Sinfonien 2 und 3, inzwischen liebe ich diese Musik aber durchaus auch in der Interpretation von Bernstein oder Solti. Die beiden anderen Sinfonien (4 und 1) haben sich mir danach sowieso erschlossen. Ein weiterer Punkt, sich Werke von unterschiedlichen Interpreten zu besorgen besteht für mich in der Abwechslung. Manchmal möchte ich ein Werk schneller, manchmal tragender hören, machmal romantisch, manchmal nüchtern, je nach Stimmung eben. Manchmal soll der Klang gewaltig und in super Aufnahmetechnik sein, manchmal ist das nicht so wichtig, dann darf es sogar Mono sein. Wiederum je nach Stimmung.
Lieber Martin, ich kann deine Suche nach den besten Concerti grossi von Händel wirklich sehr gut nachvollziehen. Es könnte mir hier ähnlich gehen. Ich besitze als GA nur die von dir erwähnten Brown Aufnahmen von der Academy of Saint Martin in the Fields die mir auch ausgesprochen gut gefallen. Aber mich würden durchaus noch viele weitere Aufnahmen interessieren, z. B. auch Hip-Aufnahmen etc. Selbst wenn ich mit einer Aufnahme sehr zufrieden bin, so wie du mit Schneiderhahn beim Beethoven Vk interessiert es mich trotzdem immer wieder, wie andere große Geiger dieses Konzert gespielt haben. Ich besitze es 5 oder 6 mal habe es mir aber nach den Lobeshymnen hier im Forum von Ferras/Karajan bestellt. Abschließend: Interpretationen sind für mich wichtig, wie wichtig, das habe ich erst erkannt, seit ich Internetforen kenne. :down :down Gruß
nikolaus (05.06.2006, 21:43): Hallo zusammen!
Das hier gesagte kann ich unterstützen. Sobald man ein Werk zwar mag, aber mit einer bestimmten Aufnahme nicht zufrieden ist und deshalb eine andere sucht, räumt man der Interpretation einen hohen Stellenwert ein. Wenn man - wie ich - ein Laie ist, kann man Faktoren einer Interpretation wie z.B. Werktreue oder andere historische oder technische Dinge sicher nicht beurteilen. Aber man spürt ja eine gewisse Atmosphäre oder Stimmung, die der Interpret mit seiner Interpretation erreicht, und das ist dann ausschlaggebend. Ich persönlich stehe zudem vor dem Problem, daß ich bei weitem nicht so viele Werke kenne, wie die meisten hier im Forum. Deshalb beschränke ich mich meistens auf eine Interpretation auch wenn sie mir nicht hundertprozentig gefällt, damit ich Zeit, Geld und auch Platz für neue Werke habe. Sicherlich entgehen mir dadurch wahre Schätze, aber das nehme ich vorerst in Kauf in der Hoffnung, daß ich manches nachholen werde :engel
Liebe Grüße, Nikolaus.
ab (05.06.2006, 21:49): Die Zugänge zur Musik sind vielfältig:
Die eine möchte dadurch in eine bestimmte Stimmung versetzt werden. Der andere möchte sie zum besseren und effektiveren Lernen verwenden. Eine Dritte möchte sich bloß die Zeit vertreiben. Wieder eine andere möchte ein Werk kennen lernen und verstehen. Noch andere gebrauchen Musik, um sich an der Klangqualität der Aufnahmen zu erfreuen oder – öfter noch – sich darüber maßlos zu ärgern. Andere möchte herausfinden, was das Spezifische eines Musikers ausmacht. Wieder andere wollen beim Autofahrnen nicht einschlafen. Bildungsbürger wollen mehr in ihrem Leben kennen gelernt haben. Gewisse wollen womöglich ästehtische Urteile treffen und Kategorien entdecken. Manche wolle sogar ein ästehtisches Erlebnis haben. Oft wird in der Musik Trost gesucht. etc.
Alle solche Interessen scheinen mir gleichermaßen legitim und vermutlich alle auch wertvoll.
Üblich aber werden hier in theoretischen Überlegungen Wertungen vorgenommen und oft hört man, Musik solle um ihrer selbst willen gehört werden. Alle anderen Weisen des Muiskkonsums – so wird elitär proklamiert – seinen abzulehnen.
Musik um ihrer selbst willen zu hören kann aber (zumindest) zweierlei bedeuten: Entweder möchte man das zugrundeliegende Werk erfassen (das hat etwas mit geistigem Verstehen zu tun) oder man möchte das dazu dienende Mittel, also die hörbare Musik erfahren (das hat etwas mit sinnlichem Wahrnehmen zu tun). „Erfahren“ kann dabei auch wiederum zweierlei bedeutet: Entweder man möchte das, was da hörbar ist, in seiner Fülle erleben (also in genau dieser Art und Weise, wie es erklingt, ganz und genauso wahrzunehmen und zwar in genau jener Intensität, wie es erkling, auf sich wirken zu lassen) – oder aber man möchte es bloß beschreiben (das hat etwa mit einem geistigen Vorgang zu tun, wobei man dann von den gefühlsmäßigen Komponenten, die immer ablaufen und wesentlich ein Erleben ausmachen, absieht, davon abstrahiert).
Wenn man diese Unterscheidungen trifft, dann scheint mir, sofern man das Interesse hat, das Werk zu erfassen, spielen unterschiedliche Interpretation keine (so) wesentliche Rolle.
Geht es hingegen darum, die Musik (also die Realisierung des Werks) zu erleben, dann hängt alles von der Interpretation ab. Jede Interpretation ist in ihren feinen Unterschieden einzigartig und bietet einen ganz anderen ästhetischen Genuss als jede andere.
Was denkt denn ihr davon und darüber?
Jack Bristow (05.06.2006, 22:24): Zwei wichtige Unterscheidungen wrunde bereits u.a. sehr deutlich von fohlenfanatiker angesprochen: Zum einen die Suche nach eine möglichst guten Interpretation (hört euch mal die Concerti grossi mit Harnoncourt an...), zum anderen der Wunsch viele verschiedenartige Interpretationen kennenzulernen. Beides ist denke ich legitim, bei beidem muß man indes mitunter aufpassen, sich nicht zu verfransen und die Musik selbst aus den Augen zu verlieren. Gewiß sind es bei jedem Hörer unterschiedliche Werke, von denen er meint aus einem der genannten Gründen etlichen (oder viele) Einspielungen haben zu müssen.
Wie wichtig eine Interpretation ist ist eigentlich wieder eine andere Frage. Als Neuling ist einem das normalerweise nicht wichtig, man ist sicher auch nicht nicht so sensibilisiert. Dennoch gibt es manchmal den ebenfalls schon genannten Fall: Werk X gefiel mir/hat sich mir erst interpretiert von Y erschlossen. Besonders nahe liegt diese Möglichkeit natürlich bei Musik, die in sehr unterschiedlichen Interpretationen vorliegt: Barock von einem Sinfonieorchester oder kleinen Ensemble auf alten Instrumenten usw.
@ ab Deine Unterscheidungen leuchten zwar ein, den Schluß daraus mache ich aber nicht mit. Denn ein Werk ist nur als Interpretation gegeben, nicht unabhängig davon. Selbst eine sehr phantasiebegabter Partiurleser erschließt sich keine reines Werk, wenn er dabei klangliche u.a. Vorstellungen hat (oder wenn nicht, dann ist es etwas anderes als eine tatsächlich in zeitlicher Abfolge erklingendes Werk)
viele Grüße
J. Bristow
Carola (05.06.2006, 22:25): Hallo ab,
mir gefällt Deine Beschreibung der unterschiedlichen Gründe, Musik zu hören, gut. Und wie Du bin ich der Meinung, dass sie alle ihre Berechtigung haben.
Meine Motivation und meine Art und Weise, Musik zu hören, können jedenfalls ganz unterschiedlich sein, je nach Stimmung und Tageszeit. Selbst ein und dasselbe Musikstück höre ich in verschiedenen Situationen und Lebensphasen aus unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedliche Weise. Der Aspekt des Trostes war dabei schon immer sehr wichtig für mich. Wobei oft aus dem sinnlichen Erleben (um in Deiner Begrifflichkeit zu bleiben) das Bedürfnis ensteht, das Werk auch geistig zu erfassen. In dem Moment wird dann die Partitur oder andere Lektüre wichtiger als unterschiedliche Aufnahmen. Am intensivsten habe ich das bisher mit Bachs Matthäuspassion erlebt. Aber am Anfang muss immer ein Funke da sein, der überspringt. Irgend etwas, was mich berührt und anspricht, ohne das ich an diesem Punkt schon weiß, warum.
Was ich auf keinen Fall möchte ist, irgendwann vor lauter Interpretationsvergleich die Musik selbst gar nicht mehr richtig wahrzunehmen oder CD auf CD anzuhäufen, ohne die bereits gekauften wirklich gehört zu haben. Auch das Bedürfnis nach einem immer perfekteren Klang ist mir fremd.
Mit Gruß von Carola
ab (05.06.2006, 22:54): Original von Jack Bristow @ ab Deine Unterscheidungen leuchten zwar ein, den Schluß daraus mache ich aber nicht mit. Denn ein Werk ist nur als Interpretation gegeben, nicht unabhängig davon. Selbst ein sehr phantasiebegabter Partiurleser erschließt sich kein reines Werk, wenn er dabei klangliche u.a. Vorstellungen hat (oder wenn nicht, dann ist es etwas anderes als eine tatsächlich in zeitlicher Abfolge erklingendes Werk)
Ich bin davon überzeugt, dass ein Werk durch das Pariturlesen und hinreichend geschulte Phantasie sozusagen im Kopf des Lesers realisisert werden kann. (Aber dafür wäre erst zu argumentieren! Offensichtlich haben wir hier unterschiedliche Intuitionen.) Jedenfalls ist das dann etwas ganz anderes als eine Aufführung, die sinnlich wahrgenommen wird, da hast Du ganz recht.
Aber das war nicht der springende Punkt, um den es mir ging. Unter dem Verstehen eines Werkes meine ich so etwas wie (bei tonaler Musik) das Erfassen des Aufbaus, der Harmonik und Melodik. Das ist eine höchst aktive geistige Tätikgkeit und hat auch viel mit Erwartungen, die durch den bekannten Kontext, der sich musikwissenschaftlich erschließt, zu tun hat.
Ich kann mich beim Hören einer Musik darauf konzentriere, ihre Struktur herauszufinden oder nachzuverfolgen, die in der Partitur einen Niederschlag gefunden, dort sozusagen symbolisch herausgelesen werden könnte. (Richtig: dazu benötige ich eine Interpretation!) Auch kann ich versuchen, herauszufinden, was denn nun das Typische des Komponisten (zu einer seiner Epochen oder überhaupt) ausmacht - auch dabei muss ich stets mit etwas Vergleichen, was gerade nicht real erklingt.)
Dabei geht es dann aber gerade nicht um das Erleben jener Ausdrucksnuancen, was eine höchst konzentrierte (insofern aktive) passiv-rezeptive Wahrnehmungsweise ist (und sich nur auf das beschränkt, was tatsächlich gerade im Moment gegeben ist). Beim Erleben muss ich diesesn Nuancen gegenüber offen sein und von diesem kopflastigen Verhaften in Gedanken gerade ablassen. Auch wenn es unsere Geistesgeschichte uns weis machen höchte: den Menschen macht nun einmal mehr aus als bloß sein vernünfiger Anteil.
ab (05.06.2006, 23:05): Original von Carola Wobei oft aus dem sinnlichen Erleben (um in Deiner Begrifflichkeit zu bleiben) das Bedürfnis ensteht, das Werk auch geistig zu erfassen.
Bei musiktheoretisch gedrillten Zöglingen, wie man wohl früher gesagt hätte, entsteht aber leider nicht selten die Gefahr, dass das Umgekehrte nicht stattfindet: Durch den Drill, die Musik geistig zu erfassen, wissen viel gar nicht, dass es so etwas wie ein Erleben überhaupt noch gibt.
überhaupt (sic!) gäbe! Ein Armutszeugnis unserer Zeit! - Übrigens meine ich, dass nun das Pendel wieder in die andere Richtung auszuschlagen anfängt; natürlich ohne die technischen Perfektionserungenschaften hinter sich zu lassen...]
martin (06.06.2006, 00:12): Lieber ab,
Ich kann die von ab aufgestellte Gegenüberstellung von erleben und erfassen doch nicht so leicht nachvollziehen. Vor allem dann wenn erleben mit dem sinnlichen wie es scheint in Einklang gesetzt wird.
Zunächst kann man mit Hilfe der Musikwissenschaft und dergleichen sicherlich so das eine oder andere an einem Werk auch "verstehen". Man sollte aber dieses Verständnis nicht mit allzu großer Ehrfurcht betrachten. Das wirkliche Verständnis eines Werkes geht doch wohl immer über alles Wissenschaftliche ( "grau mein Freund ist alle Theorie") weit hinaus. Du kannst der größte aller Musikwissenschaftler sein, Du kannst auch der Tschaikovski persönlich sein, wenn Dir diese bestimmte Musik nichts sagt, sagt sie Dir nichts. Und das ist das entscheidende.
Natürlich, ein bißchen Theorie kann nicht schaden. Das sage ich ja auch nicht. Aber letzlich ist das nicht so wichtig ( und das muß jeder selber wissen).
Wichtig ist nur Musik zu verstehen in diesem einfachen Sinn: Daß sie für Dich Sinn macht. Und das ist kein einfach bloß sinnlicher Prozeß, das ist auch ein geistiger, der mal bewußt, häufiger aber auch unbewußt abläuft. Sonst wird Musik nur als ein undurchsichtiges Chaos wahrgenommen.
Insofern verstehe ich auch nicht den Satz, daß von einem geistigen Standpunkt aus die Interpretation unwichtig ist, von einem Erlebnisstandpunkt alles bedeutet nicht so recht. Ich sehe es so: Eine gute Interpretation macht geistige Prozesse erst deutlich. Eine gute Interpretation zeigt Dinge wie sie vom Komponisten gemeint sind ( und sei es auch in einem so ganz banalen Sinne wie: Das ist eine Rückführung zur Reprise, aber das muß man nicht wissen, wichtig ist nur daß alles für einen einen Sinn macht). Eine gute Interpretation hat sich eingehend mit dem Werk beschäftigt, weiß warum gewisse musikalische Ereignisse eintreten ( oder vermag zumindesten in diesen Ereignissen einen Sinn zu erkennen) und kann daher ihren Sinn deutlich machen. Allerhöchsten insofern mag eine schlechte Interpretation auch noch ihren Sinn erfüllen, daß Du Dir anhand ihrer vom Werk soweitgehend ein Bild machst, daß Du eine Phantasie dafür entwickelst, wie sie gemeint sein könnte. Na ja. Und am schlimmsten sind nicht unbedingt die Interpretationen, die etwas farblos sind, sondern die partout dort einen Sinn finden wollen, wo man selber keinen Sinn sieht.
Für das sinnliche Erleben aber ist m.E. eine gute Interpretation gar nicht unbedingt wichtig. Oder vielleicht doch, aber wiegesagt, diese Unterscheidung zwischen Erleben und Erfassen will mir nicht in den Kopf. Das Erfassen von Musik ( nicht im Sinne: Wie ist ein Sonatensatz aufgebaut und aus wie vielen Themengruppen besteht ein Brucknersche Exposition, daß sind Dinge, die zur Orientierung dienen mögen, aber an sich völlig banal sind) ist gerade in erster Linie das Erlebnis von Musik. Wobei Erfassen auf sehr verschiedenen Ebenen ablaufen kann, bei dem einen bewußter, bei dem anderen weniger bewußt.
Gruß Martin
Jeff Klein (06.06.2006, 00:57): Hallo Martin, hallo ab!
Ich habe das so verstanden:
Erleben: man lässt die Musik quasi auf sich einwirken und nimmt sie emotionnel war, dabei setzt die Musik (eventuell) Gefühle beim Hörer frei (Trauer, Freude etc...).
Erfassen: man versucht die Intentionen zu verstehen denen der Komponist bei der Erschaffung des Werkes nachgegangen ist, bzw. man versucht den Aufbau der Musik zu verstehen.
Dabei muss ich sagen dass es mir vor allem ums "Erleben" geht, allerdings habe ich die Erfahrung gemacht dass das "Erfassen" das "Erleben" intensivieren kann.Die Erfahrung habe ich mit Schostakowitsch 5. gemacht, die ich am Wochenende zum ersten Mal hörte, dabei kam sie mir am Anfang recht uninteressant vor, erst als ich dem Link von Zelenka gefolgt bin (cf. entsprechender Faden), hat mich das Werk erstmals wirklich "berührt".Aber in der Regel glaube ich nicht dass das "Erfassen" unbedingt notwendig ist, sondern von den jeweiligen Vorlieben des Hörers abhängt!
Gruss, Jeff
satie (06.06.2006, 09:32): Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob es so sinnvoll ist, von "guten Interpretationen" zu sprechen. Mir ist das zu schwammig, da das Wort "gut" wieder viel zu viel meinen kann. Es kann bedeuten, dass eine Interpretation "genau" ist. Das wäre etwa anwendbar bei dem Spiel von Fugen. Dort können die Themeneinsätze klar und deutlich sein oder nicht. Der analysierende Interpret wird vielleicht ein gespiegeltes Thema betonen, damit man es auch als Thema erkennt. Das nur als Beispiel. Die Interpretation kann aber auch "gut" sein, wenn der Interpret eine bestimmte große Gestaltung erreicht, die einem als Ablauf logisch und organisch erscheint. Dabei könnte er die Themeneinsätze und ähnliches weitgehend vernachlässigen. Ein anderes Beispiel für einen Streitpunkt: die Klavierwerke von Schönberg mit Gould oder Pollini. Gould ist der Notentext bis auf die Tonhöhen ziemlich egal (Tempi, Dynamik sind oft überhaupt nicht so, wie sie in den Noten stehen), dafür gestaltet Gould sehr expressiv, bringt also die Nähe zur Spätromantik viel besser zum Ausdruck als Pollini, der zwar den Notentext peinlich genau befolgt, aber im Ausdruck nicht wirklich viel macht. Welche Interpretation ist nun gut? Man könnte sagen: keine oder nur beide zusammen... Manche Dinge können durch die Interpretation verdeutlicht und klargemacht werden, andere nicht. Bei einem Haydn'schen Spiegelmenuett etwa ist fraglich, ob man die Spiegelform hören kann (nebenbei bemerkt: man kann, wenn man ein geschultes Ohr hat). Zumindest ist es unklar, wie der Interpret eine solche Form verdeutlichen könnte durch sein Spiel (es sei denn, er spielt so schematisch, dass auch alle Artikulation und Dynamik genau umgekehrt sind). Was der Komponist "meint" bleibt in aller Regel Geheimnis des Komponisten. Interpretation ist ein Mutmaßen, was der Komponist gemeint haben könnte. Allerdings gibt es schon Musik, bei der man etwas objektiver über die Interpretation reden kann. Das gilt bei Bach etwa. Wenn man die Affekte nicht kapiert, kann man das eigentlich nicht spielen. Und da gibt es unglaublich viele schlechte Interpretationen, die aber oft trotzdem gut gefunden werden, weil sie halt vom Lieblingspianisten stammen, der einen so schönen Ton hat. Wenn also hier der Interpret sich nicht wirklich mit dem Notentext auseinandersetzt, kann er das Stück nur irgendwie spielen. Manche wissen nicht einmal, wie man die Verzierungen richtig spielt, bzw. es ist ihnen egal (s. etwa Friedrich Gulda).
Oder ein anderes Beispiel: wenn Benedetti Michelangeli die Cathedrale Engloutie von Debussy in herbem Forte beginnt, kann das einfach nicht richtig sein, weil halt piano da steht. Das Stück erhält einen Charakter, den es nicht hat. Das kann man objektiv bewerten. Dass die Interpretation dennoch extrem wichtig ist, versteht sich meiner Ansicht nach von selbst. Musik ist für die Aufführung gedacht und nicht für den Kopf allein. Dass sich trotzdem einzelnen Stücke auch im Kopf erschließen bedeutet ja nicht, dass sie für denselben geschrieben sind. Ansonsten sollte man am besten auf sämtliche Instrumentenangaben verzichten. Für den Musiker ist es natürlich unabdingbar, dass das Werk für ihn schon wenigstens teilweise beim Lesen zu erfassen ist. Beim Spielen gewinnt es aber erst an Gestalt. Ein Wort zu Musikwissenschaftlern muss ich allerdings noch loswerden: bitte keinesfalls überbewerten! Das sind die Germanisten der Musik, und so mancher hat es auch im Hauptstudium noch nicht geschafft, richtig Noten lesen zu können. Viele Musikwissenschaftler haben auch theoretisch sehr wenig auf dem Kasten und schreiben sehr viel falsche Dinge über Stücke. Viele haben praktisch nur eine historische Bildung, sonst nichts. Natürlich gibt es auch sehr gute Musikwissenschaftler, die sich bestens auskennen. Ich möchte nur davor warnen hier zu ehrfürchtig zu sein.
Satie
ab (06.06.2006, 11:42): Original von martin diese Unterscheidung zwischen Erleben und Erfassen will mir nicht in den Kopf. Das Erfassen von Musik ( nicht im Sinne: Wie ist ein Sonatensatz aufgebaut und aus wie vielen Themengruppen besteht ein Brucknersche Exposition, daß sind Dinge, die zur Orientierung dienen mögen, aber an sich völlig banal sind) ist gerade in erster Linie das Erlebnis von Musik. Wobei Erfassen auf sehr verschiedenen Ebenen ablaufen kann, bei dem einen bewußter, bei dem anderen weniger bewußt.
Ich glaube, dass wir hier gar keine Auffassungsdivergenzen haben: Ich bezog mich mit dem Begriff "Erfassen" - im Gegensatz zu "Erleben" - gerade auf jene innermusikalischen Aspekte, die in der Musikanalyse behandelt werden - also jene, die Dir gar nicht wichtig sind. Ich hatte also bloß einen engeren Begiff des Erfassens verwendet als Du. Vieles von dem, was Du schreibst, scheint mir tatsächlich mit dem, um was es mir im Erleben, in dem Sinne wie ich es hier ausgeführt habe, geht, gar nicht zu widersprechen. Wichtig wäre es nur, diese von Dir genannten "verschiedenen Ebenen" unterscheiden zu können (unterscheiden heißt ja nicht (ab)trennen können).
Deine Verständnisschwierigkeit rührte also bloß daher, vermute ich, dass Du mit "Erfassen" etwas ganz anderes verbindest, als ich damit beschreiben wollte. Ich bin mir sicher, sofern Du Dich auf meine besondere Verwendungsweise dieses Ausdrucks hier einlässt und den dahinter stehenden Gedanken erfasst, dass wir dann - in Bezug auf diesen Aspekt - gleicher Ansicht sind.
ab (06.06.2006, 12:29): Original von Satie Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob es so sinnvoll ist, von "guten Interpretationen" zu sprechen. Mir ist das zu schwammig, da das Wort "gut" wieder viel zu viel meinen kann. Es kann bedeuten, dass eine Interpretation "genau" ist. Das wäre etwa anwendbar bei dem Spiel von Fugen. Dort können die Themeneinsätze klar und deutlich sein oder nicht. Der analysierende Interpret wird vielleicht ein gespiegeltes Thema betonen, damit man es auch als Thema erkennt. Das nur als Beispiel. Die Interpretation kann aber auch "gut" sein, wenn der Interpret eine bestimmte große Gestaltung erreicht, die einem als Ablauf logisch und organisch erscheint. Dabei könnte er die Themeneinsätze und ähnliches weitgehend vernachlässigen.
Ich empfinde Deine Ausführung als eminent wichtig. Meine Antwort ist: ja, es ist sinnvoll von guten Interpretationen zu sprechen! Nur wäre es wichtig, das, was Du "Schwammig" nennst, auszuräumen. Das kann man etwa dadurch, dass man die Hinsicht angibt in der man etwas für gut erachtet. Um auf Dein Beispiel einzugehen: Goulds Schönberg mag eine gute Interpretation in Hinsicht "die Nähe zur Spätromantik zum Ausdruck zu bringen" sein, sie ist aber nicht gut in Hinblick auf Authentizität im Sinne der Notentzusatzangabentreue. Pollini mag gut in Hinblick auf Partiturerfüllung und -erkennbarkeit sein, nicht jedoch in Hinblick den intendierten Ausdruck Schönbergs zu verdeutlichen (unter der Annahme, dass es Schönberg überhaupt darum ging).
Wenn Du daher schreibst: Welche Interpretation ist nun gut? Man könnte sagen: keine oder nur beide zusammen...
irrst Du Dich, weil es heißen müsste, "beide ; aber jede in einer ganz anderen Hinsicht!"
Was der Komponist "meint" bleibt in aller Regel Geheimnis des Komponisten. authentische (ab)] Interpretation ist ein Mutmaßen, was der Komponist gemeint haben könnte.
Da hast Du recht! Wenn daher Martin schreibt:
Eine gute Interpretation zeigt Dinge wie sie vom Komponisten gemeint sind ( und sei es auch in einem so ganz banalen Sinne wie: Das ist eine Rückführung zur Reprise, aber das muß man nicht wissen, wichtig ist nur daß alles für einen einen Sinn macht). Eine gute Interpretation hat sich eingehend mit dem Werk beschäftigt, weiß warum gewisse musikalische Ereignisse eintreten ( oder vermag zumindesten in diesen Ereignissen einen Sinn zu erkennen) und kann daher ihren Sinn deutlich machen.
so verstehe ich das "wie vom Komponisten gemeint" nicht im Sinne, was der Komponist zum Zeitpunkt des Komponierens gedacht und sich vorgestellt hat, sondern in dem Sinne, was in dem, wie uns die Komposition zugänglich ist (nämlich durch den Notentext), herauszulesen sein mag. Der Sinn (was auch immer darunter genau zu verstehen ist) erschließt sich aus dem geschaffenen, dem Werk, nicht aber aus den Intentionen, den Vorstellungen.
Und da gibt es unglaublich viele schlechte Interpretationen, die aber oft trotzdem gut gefunden werden, weil sie halt vom Lieblingspianisten stammen, der einen so schönen Ton hat.
Die sind dann halt gut in Hinsicht auf den goldenen Ton (um Rubinstein als Beispiel heranzuziehen)
Musik ist für die Aufführung gedacht und nicht für den Kopf allein.
Das ist definitiv nicht verallgemeinerbar: etliche Musik ist nachweislich zum Lesen geschrieben worden. Aber selbst wenn sie für den Kopf geschrieben sein sollten, so heißt das nicht, dass sie nicht auch aufgeführt und für die Sinne tauglich sind.
Manche Musik ist sogar bloß zu Ehren Gottes geschrieben worden: beispielsweise einige Barockorgelmusik: die ist so dicht und komplex, dass sie in der Kirchenakkustik gar nicht deutlich vom menschlichen Ohr durchdringend gehört werden kann! Gott hingegen hört alles. (Genauso sind viele der schönsten Firguren in gotischen Kirchen vom menschlichen Auge unsichtbar angebracht - eben für Gott allein.)
satie (06.06.2006, 13:36): Original von ab
Musik ist für die Aufführung gedacht und nicht für den Kopf allein.
Das ist definitiv nicht verallgemeinerbar: etliche Musik ist nachweislich zum Lesen geschrieben worden. Aber selbst wenn sie für den Kopf geschrieben sein sollten, so heißt das nicht, dass sie nicht auch aufgeführt und für die Sinne tauglich sind.
Manche Musik ist sogar bloß zu Ehren Gottes geschrieben worden: beispielsweise einige Barockorgelmusik: die ist so dicht und komplex, dass sie in der Kirchenakkustik gar nicht deutlich vom menschlichen Ohr durchdringend gehört werden kann! Gott hingegen hört alles. (Genauso sind viele der schönsten Firguren in gotischen Kirchen vom menschlichen Auge unsichtbar angebracht - eben für Gott allein.)
Lieber ab, selbst wenn die Musik zur Ehre Gottes geschrieben wurde, so ist es doch Musik, die gespielt und (sei es auch von einem höheren Etwas) gehört werden soll. Ich kenne keine Musik, die nicht zum Aufführen gedacht ist, sei sie noch so verschroben, und aufführen bedeutet doch einfach hörbar machen. Oder wie unterscheidest Du da? Dass sie eventuell darüber hinausgehende Ziele verfolgt ist damit ja nicht in Frage gestellt. Musik nur zum lesen kenne ich nicht. Du sagst, es gebe sie. Hier hätte ich gerne einige Beispiele!
Herzlichst Satie
martin (06.06.2006, 14:49):
Was der Komponist "meint" bleibt in aller Regel Geheimnis des Komponisten. authentische (ab)] Interpretation ist ein Mutmaßen, was der Komponist gemeint haben könnte.
Da hast Du recht! Wenn daher Martin schreibt:
Eine gute Interpretation zeigt Dinge wie sie vom Komponisten gemeint sind ( und sei es auch in einem so ganz banalen Sinne wie: Das ist eine Rückführung zur Reprise, aber das muß man nicht wissen, wichtig ist nur daß alles für einen einen Sinn macht). Eine gute Interpretation hat sich eingehend mit dem Werk beschäftigt, weiß warum gewisse musikalische Ereignisse eintreten ( oder vermag zumindesten in diesen Ereignissen einen Sinn zu erkennen) und kann daher ihren Sinn deutlich machen.
so verstehe ich das "wie vom Komponisten gemeint" nicht im Sinne, was der Komponist zum Zeitpunkt des Komponierens gedacht und sich vorgestellt hat, sondern in dem Sinne, was in dem, wie uns die Komposition zugänglich ist (nämlich durch den Notentext), herauszulesen sein mag. Der Sinn (was auch immer darunter genau zu verstehen ist) erschließt sich aus dem geschaffenen, dem Werk, nicht aber aus den Intentionen, den Vorstellungen.
Also mit dem Meinen meine ich selbstverständlich nicht, was ein Komponist sich für Vorstellungen gemacht hat. Wir wissen meinetwegen, daß Mahlers 7. wohl ein Programm zugrunde lag, diese außermusikalischen Ideen hat uns Mahler nicht mitgeteilt, aber brauchen wir sie, um das Werk gut zu interpretieren?
Natürlich ist jede Interpretation immer auch ein bißchen spekulativ. Aber die musikalischen Intentionen eines Werks aufzuspüren, ist etwas, was ich nicht unter dem Begriff "Mutmaßen" subsummieren würde, den Satie gebraucht hat. Wenn Scherlock Holmes in einem Mordfall drei Indizien hat, daß der Gärtner doch der Mörder ist, dann kann er das mutmaßen.
Interpretieren ist nun wirklich doch schon etwas anderes, sie ist eine lebendige Einfühlung in das Werk. Und selbstverständlich kann ich den Sinn eines Werkes auch verfehlen, etwa indem ich ein Stück, für das 5 Minuten gedacht waren ( ohne daß etwa Metronomangaben vorliegen) in 20 Minuten spiele. Für solche Sinnverfehlungen gibt es sicher meistens keinen gewissermaßen naturwissenschaftlichen Beweis, aber sehr wohl das eigene Gefühl.
Aber vermutlich mache ich jetzt wieder den Fehler, den ich schon bei ab gemacht habe, die Aussage von Satie hier falsch zu interpretieren. Satie hat selbstverständlich recht, die exakten Intentionen eines Komponisten können wir in der Regel tatsächlich nur mutmaßen. Aber deshalb muß eine Interpretation, die diese exakten Intentionen ( etwa aus Unwissenheit) verfehlt, doch noch nicht falsch sein, sie mag die Intentionen des Komponisten eben nur etwas anders interpretieren.
Und dann kann man sowieso fragen, ob denn der Komponist immer die geradezu göttliche Instanz in Interpretionsfragen ist. Oder ob die liebende Hingabe eines Interpreten an ein Werk nicht auch eine Instanz in Interpretationsfragen ist, die wir anerkennen müssen.
Gruß Martin Gruß Martin
ab (06.06.2006, 14:59): Original von Satie Musik nur zum lesen kenne ich nicht.
Ich sage nicht, dass es Kompositionen gäbe, die nur gelesen, nicht aber auch aufgeführt werden könnten. Was ich behauptet habe ich bloß, dass es Komponisten gibt, die ihre Kompositionen sehr wohl zum Lesen gedacht (intendiert) hatten und sie eigentlich gar nicht zur Aufführung bstimmt hatten. (Es gibt ja auch Kompositionen von Schülern, die bloß zur Benotung (Prüfung) komponiert werden.)
satie (06.06.2006, 15:03): Lieber Martin, wer sich selbst beklagt, dass seine Formulierungen stets auf die Goldwaage gelegt werden, sollte auch mal mit mir nachsichtig sein. Mutmaßen - das hatte für mich keine negative oder geringschätzende Konnotation. Darf ich bitte mal um eine nähere Definition Deines begriffes "Meinen" bitten? Ich habs immer noch nicht kapiert. Was für eine Meinung drückt der Komponist denn aus? Als Komponist könnte ich jetzt sagen: ich mein ja nur...
Danke Satie
satie (06.06.2006, 15:09): Original von ab Ich sage nicht, dass es Kompositionen gäbe, die nur gelesen, nicht aber auch aufgeführt werden könnten. Was ich behauptet habe ich bloß, dass es Komponisten gibt, die ihre Kompositionen sehr wohl zum Lesen gedacht (intendiert) hatten und sie eigentlich gar nicht zur Aufführung bstimmt hatten. (Es gibt ja auch Kompositionen von Schülern, die bloß zur Benotung (Prüfung) komponiert werden.)
Sprich: Du kennst also gar keine Beispiele? Übungen sollte man hier nicht anführen. Diese würden ja auch nicht primär der Benotung sondern dem Lernen dienen. Aber das sind ja dann nur Vorstudien. Absichtlich für die Schublade sind vielleicht einige späte Liszt-Stücke, allerdings dann doch nur, weil er meinte, da müsse mehr Zeit vergehen, bis sie aufgeführt werden können. Das heisst ja wieder nicht, dass die Aufführung nicht intendiert war. Also frage ich Dich nochmal: gibt es solche Stücke? Welche wären das?
Satie
martin (06.06.2006, 15:29): Lieber Satie,
Du warst ein bißchen schnell, hast mir leider nun auch nicht eine Viertelstunde Zeit gelassen, meinen Beitrag noch mal zu überarbeiten. :D Wie ich dort in meiner Überarbeitung schon schrieb, habe ich Dich wahrscheinlich sowieso mißverstanden. Tut mir leid, ich hätte meinen Beitrag vor dem Posten noch mal überarbeiten sollen. Ich lege gar nichts auf die Goldwaage. Tut mir aufrichtig leid, Dir dieses Gefühl gegeben zu haben.
Eine nähere Definition des Meinens ist ganz schön schwierig. Also wo es ziemlich klar ist, ist bei den Tempi. Da ist eine Phrase in einem Stück als luftige zierliche Phrase gemeint. Der Interpret spieltst feierlich getragen. Und das ganze Stück, daß eigentlich ein wunderbar leicht und graziös sein könnte, wirkt nun dröge und verschleppt. Der Interpret dagegen glaubt nicht daß er schleppt, er glaubt durch das Getragene dem Stück erst die wahre Wirkung zu verschaffen. Da kann man doch schon sagen: Eigentlich war das Stück ganz anders gemeint, oder nicht?
Gruß Martin
ab (06.06.2006, 16:41): Original von martin Und selbstverständlich kann ich den Sinn eines Werkes auch verfehlen, etwa indem ich ein Stück, für das 5 Minuten gedacht waren ( ohne daß etwa Metronomangaben vorliegen) in 20 Minuten spiele. Für solche Sinnverfehlungen gibt es sicher meistens keinen gewissermaßen naturwissenschaftlichen Beweis, aber sehr wohl das eigene Gefühl.
Ich denke, dass hier das gleiche zutrifft wie bei der Güte einer Interpretation: wir müssen die Hinsicht klar machen, innerhalb dessen sich der "Sinn" ergibt. Wer zB die Obertöne zum erklingen (erblühen) bringen möchte, der kann notwendigerweise nur ein hinreichend langsames Tempo nehmen. Wer höchste Dramatik erreichen will, hingegen, kann gar nicht eine gewisse Geschwindigkeit unterbieten.
Deswegen bin ich misstrauisch dem "eigenen Gefühl" gegenüber als Kriterium von Stimmigkeit: Wer zB nicht weiß oder erkennt, dass es darum geht, Obertöne zum Erklingen zu bringen, dem entgeht dieser Sinn und bewertet dann ganz falsch die Interpretation.
Und dann kann man sowieso fragen, ob denn der Komponist immer die geradezu göttliche Instanz in Interpretionsfragen ist. Oder ob die liebende Hingabe eines Interpreten an ein Werk nicht auch eine Instanz in Interpretationsfragen ist, die wir anerkennen müssen.
Eben! Wenn wir den Interpreten ihr Recht zugestehen, dann kann die Interpretation einen ganz schlüssigen "Sinn" bekommen (der aber womöglich nichts mit dem intendierten Sinn des Komponisten zu tun haben mag).
satie (06.06.2006, 20:21): Original von ab Wer zB die Obertöne zum erklingen (erblühen) bringen möchte, der kann notwendigerweise nur ein hinreichend langsames Tempo nehmen. Wer höchste Dramatik erreichen will, hingegen, kann gar nicht eine gewisse Geschwindigkeit unterbieten.
Deswegen bin ich misstrauisch dem "eigenen Gefühl" gegenüber als Kriterium von Stimmigkeit: Wer zB nicht weiß oder erkennt, dass es darum geht, Obertöne zum Erklingen zu bringen, dem entgeht dieser Sinn und bewertet dann ganz falsch die Interpretation.
Und dann kann man sowieso fragen, ob denn der Komponist immer die geradezu göttliche Instanz in Interpretionsfragen ist. Oder ob die liebende Hingabe eines Interpreten an ein Werk nicht auch eine Instanz in Interpretationsfragen ist, die wir anerkennen müssen.
Eben! Wenn wir den Interpreten ihr Recht zugestehen, dann kann die Interpretation einen ganz schlüssigen "Sinn" bekommen (der aber womöglich nichts mit dem intendierten Sinn des Komponisten zu tun haben mag).
Die Obertöne erblühen zu lassen wäre aber als kategorisch falsch zu bezeichnen bei einem Presto-Satz von Haydn oder Mozart, nicht wahr? Also hier finde ich schon, dass das Recht dann beim Komponisten liegt. Ich bin entschieden der Meinung, dass die Partitur zunächst auch genau befolgt werden muss. Die Kunst der Interpretation liegt meiner Meinung nach darin, aus dem was übrig bleibt etwas eigenes zu machen und nicht aus dem gesamten Werk. Bisher haben wir nur extreme Beispiele gebracht, die in der Praxis sehr selten vorkommen. Aber es gibt definitiv die Unsitte der Überinterpretation, die besonders dann störend wird, wenn sie schematisch angewandt wird (ich gebe hier als Beispiel Cyprien Katsaris, der auch noch im einfachsten Satz immer irgendwelche Melodiechen herausholen muss aus einer Füllstimme. Hier gaukelt der Interpret dem Hörer das analytische Spiel vor, obwohl es überhaupt keines ist...). Bei den Tempi etwa ist es spannend, wie weit die Grenzen sein können. Bei der Dynamik ist dieser Spielraum geringer (bei Barockmusik ist es anders). Die Freiheiten des Interpreten machen meiner Ansicht nach keinen Sinn mehr, wenn sie etwa dazu dienen, in einer Fuge alle Kontrapunktik total untergehen zu lassen. Das wäre grundsätzlich an der Fuge vorbeigegangen. Da stellt sich mir nicht die Frage, ob der Interpret eine andere Idee hatte. Dann soll er lieber improvisieren oder selber schreiben. Ich persönlich gebe Martin insofern Recht, als ich auch denke, eine farblose, aber recht genaue Ausführung einer Partitur ist immerhin das, und kein verwegenes Experiment, welches das Stück bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Aber ich muss es nochmals betonen: das sind alles völlig übertriebene Beispiele. Eigentlich müssten wir eine Komposition nehmen und einige Referenzinterpretationen vergleichen. Dann kann man diskutieren, in welche Richtung die Interpretationen gehen und was man beim Werk eigentlich streng beachten muss, was nicht. Ein schönes Beispiel wären etwa Aufnahmen der g-moll-Fuge aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers. Da hätten wir Unmengen Gesprächsstoff!
Satie
Gamaheh (06.06.2006, 21:18): Ein wirklich interessantes Thema!
Zunächst möchte ich nur mal zwei Fragen stellen, die ich ohnehin irgendwann gestellt hätte:
Nach welchen Kriterien beurteilt Ihr eine Interpretation? Oder: Gibt es für Euch bestimmte Kriterien, nach denen Ihr eine Interpretation beurteilt - wenn ja, welche?
Was heißt für Euch "verstehen"? Einige haben schon dazu geschrieben. Ich denke im Moment daran, daß eine Freundin, die normalerweise nicht in Konzerte geht, nach einem Konzertbesuch sagte: "Zuerst gab es etwas Modernes, das lag uns nicht so. Dann Mozart, den haben wir dann verstanden." Ich z.B. habe Mozart nur in seltenen Ausnahmen zu "verstehen" geglaubt. Ein Freund sagte mir vor etlichen Jahren, ich sei noch nicht alt genug, um Mozart zu verstehen - ich bin es offenbar immer noch nicht. Ich erzähle das lediglich, um zu demonstrieren, daß man offenbar diverse Dinge meinen kann, wenn man von "verstehen" spricht. Muß man musiktheoretische Kenntnisse haben, um Musik zu verstehen? Da ich die nicht habe, ist mir ein Verständnis egal welcher Musik von vornherein verschlossen?
Grüße, Gamaheh
ab (06.06.2006, 21:20): Original von Satie Die Obertöne erblühen zu lassen wäre aber als kategorisch falsch zu bezeichnen bei einem Presto-Satz von Haydn oder Mozart, nicht wahr? Also hier finde ich schon, dass das Recht dann beim Komponisten liegt. Ich bin entschieden der Meinung, dass die Partitur zunächst auch genau befolgt werden muss. Die Kunst der Interpretation liegt meiner Meinung nach darin, aus dem was übrig bleibt etwas eigenes zu machen und nicht aus dem gesamten Werk.
So kategorisch sehe ich das nicht. Denn was "Presto" heißt, ergibt sich zum einen aus dem Kontext, oder wie ich vorhin gesagt habe: aus der Hinsicht; und zum anderen aus den Verhältnissen zu den Geschwindigkeitsbezeichnungen der anderen Sätze. Wenn ich Obertöne zum Kingen bringen will, dann kann notwendigerweise "Presto" nur etwas bedeuten, was bei Weitem nicht das ist, was heute zB in de Alten-Musik-Branche atemlos gerast wird.
Was das genaue Partiturbefolgen betrifft, so denke ich, dass das Werk bestimmt ist durch die bekannten innermusikalischen Symbole (Notenzeichen, Pausenzeichen, Dynamikzeichen etc.); dem entgegen sehe ich solche Überschriften wie "Mit größter Innerlichkeit zu spielen" als Interpretationshinweise oder -wünsche an. (Ich denke, dass es gute Gründe dafür gibt, solche Interpretationshinweise für "bloße" Vorschläge zu halten, die nicht wesentlich das Werk ausmachen.)
Aber da scheinen wir unterschiedlicher Auffassung zu sein.
Pointiert lässt sich der Unterscheid wohl so beschreiben: Das, was Du hier vertritts, ist für mich eine Frage danach, was eine authentische Interpretation ist. Das, was ich hier vertreten, ist für Dich eine Frage danach, ob das zu Hörende überhaupt eine Interpretation des Werks ist. Ich bin da konzilianter in meiner Ansicht, Du hingegen strenger. Deiner Auffassung zufolge scheint es nur irrtümlich oft, als ob ein Werk interpretiert würde; bei mir hingegen sind es zweifellos Interpretationen, nur halt keine authentischen. Oder, um Dein Beispiel herzunehmen: Gulda spiele gar nicht einen Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier, sondern gäbe nur irrtümlich vor, dies zu tun, wobei er tatsächlich bloß etwas phantasiere, was an etlichen Stellen ähnlich der Bachschen Komposition ist.
Rachmaninov (06.06.2006, 21:26): Hallo,
bevor ich hier "richtig" einsteige eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
(oder so ähnlich, da ich aus dem Kopf zitiere)
Jack Bristow (06.06.2006, 21:55): Original von Rachmaninov Hallo,
bevor ich hier "richtig" einsteige eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
(oder so ähnlich, da ich aus dem Kopf zitiere)
Ich halte das für falsch. Was soll das Original sein??? Eine Partitur ist ein Bündel Papier mit Punkten und Strichen drauf. Musik ist eine Kunst, die aufgeführt werden muß. (Sollte es "Lesemusik" geben, ist das ein Grenzfall, der nicht festlegen kann, was als Regel gilt). Die Partitur ist es also nicht. Was der Komponist vor oder bei der Komposition im Kopf hatte, ist erstens für niemanden anders als ihn selbst erkennbar und zweitens gibt es genügend Beispiele dafür, dass Komponisten keinesg unfehlbare Klangvorstellungen haben, sondern nach den ersten Proben noch Korrekturen anbringen (Schumann, z.B., auch Mahler). Schließlich ist das Werk, wenn einmal fertig und veröffentlicht, unabhängig vom Komponisten, Werke müssen auf sich selbst gestellt bestehen können. Wenn die Partitur nicht das Original ist und auch nicht das, was der Komponist im Kopf hatte (sein "intentionales Objekt"), weiß ich nicht, was noch übrig bleibt. Also gibt es kein Original. Das Werk gibt es nur in allen seinen Aufführungen. Trotzdem kann es angemessene und weniger angemessene Interpretationen geben. Wie das? Wenn es kein Original gibt, woran wird die Angemessenheit festgestellt? Die Auflösung dieses Paradoxes bleibt dem Leser als Übungsaufgabe überlassen :D :D :D
viele Grüße
J. Bristow
ab (06.06.2006, 21:58): Original von Rachmaninov eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
Da hat er einerseits Recht, der Busoni: Das Original, also das Werk ist geistig zu erfassen, die Interpretation, die Aufführung, aber ist etwas, was sinnlich wahrgenommen, also gehört werden kann. Anderseits aber ist doch dies keine Verfälschung, sondern nur etwas anderes, oder?
Rachmaninov (07.06.2006, 18:29): Original von Jack Bristow
Ich halte das für falsch. Was soll das Original sein??? Eine Partitur ist ein Bündel Papier mit Punkten und Strichen drauf. Musik ist eine Kunst, die aufgeführt werden muß. (Sollte es "Lesemusik" geben, ist das ein Grenzfall, der nicht festlegen kann, was als Regel gilt). Die Partitur ist es also nicht.
Eben. Die Partitur kann ja auch nicht die volle Vorstellung und Intention des Komponisten wieder geben. Ebenso wie ein Buch!
Somit ist alles was daraus entsteht eine Interpretation!
Rachmaninov (07.06.2006, 18:30): Original von ab Original von Rachmaninov eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
Da hat er einerseits Recht, der Busoni: Das Original, also das Werk ist geistig zu erfassen, die Interpretation, die Aufführung, aber ist etwas, was sinnlich wahrgenommen, also gehört werden kann. Anderseits aber ist doch dies keine Verfälschung, sondern nur etwas anderes, oder?
Ja, etwas anderes. Aber dennoch eine Interpretation letztendlich
satie (07.06.2006, 18:59): Allerdings: kann man denn geistig und sinnlich wirklich so sehr trennen?
ab (07.06.2006, 20:19): Original von Satie Allerdings: kann man denn geistig und sinnlich wirklich so sehr trennen?
Trennen kann man es natürlich nicht, aber wenn wir darüber nachdenken, können wir es exakt gedanklich unterscheiden.
satie (07.06.2006, 21:54): Aber was ist denn der Unterschied zwischen Trennen und Unterscheiden? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, sagst Du, das Werk sei geistig zu erfassen. Hättest Du geschrieben: die Partitur, dann hätte ich voll zugestimmt. Beim Werk ist aber doch die Frage, ob es das gibt, bzw. ob das Werk nicht erst Werk ist mit der Interpretation, sprich wenn es hörbar ist. Ja, Du sagtest, es gebe Werke, die nur zum Lesen geschrieben worden seien. Die Beispiele fehlen noch, aber gut. Jedenfalls werden das nicht die meisten Werke sein. Aber warum soll das Werk, wenn es nur inklusive Interpretation ein solches ist, dann nicht ebenfalls sinnlich erfahrbar sein? Oder anders herum: warum soll die Interpretation nur sinnlich erfahrbar sein? Sie könnte doch genauso geistig erfassbar sein. Das ist zumindest das, was Adorno vom idealen Hörer gerne gehabt hätte: das hörende Verstehen der Zusammenhänge. Sinnlichkeit steht da nicht so weit oben auf der Liste - es sei denn, sie wäre mit dem geistigen verbunden. Und ist es nicht genau das, was einen guten Interpreten ausmacht: Herz, Hand und Hirn (Zitatquelle ist mir grad entfallen...)?
martin (07.06.2006, 21:58): Original von fohlenfanatiker Hallo Martin und alle anderen, die Frage nach den Interpretationen und Interpreten ist schon deshalb wichtig, damit wir im Forum genug Diskussionsstoff haben. Worüber sollten wir sonst so energisch diskutieren?? :D :D :D
Das sehe ich nicht so. Als Klassikliebhaber interessiert mich selbstverständlich die Diskussion um Interpretation. Ich will selbstverständlich eine Interpretation haben, die mir ein Werk auch erschließt.
Aber ich denke etwa, daß die Diskussion über Musik und nicht über die Interpretation dieser Musik, ebenso viel Gesprächsstoff her gibt. Also ich habe einen Freund und einen guten Bekannten, die ausgeprägte Klassikliebhaber sind. Selbstverständlich diskutieren wir auch über Interpretationen. Aber in erster Linie doch schon über Musik! Also etwa derart: Hör Dir doch mal die Nielsensinfonien an, echt guter Stoff! Oder auch: Das Mozartrequiem mag zwar recht berühmt sein, aber ich kann dem nichts abgewinnen.
Vor kurzem etwa ein Gespräch über Telemann. Ich kannte da mal eine CD von Naxos, hoch gelobt, aber ich konnte dem nichts abgewinnen. Aber mein guter Bekannter meinte: Den Telemann finde ich gut. Ja, der hat viel geschrieben, aber wenn Du das hoch rechnest, der Schubert und Mozart haben auch nicht weniger geschrieben, sind nur nicht so alt geworden.
Abgesehen von allgemeinen Diskussionen, die ich auch wichtig finde, kommt mir diese Diskussion in diesem Forum halt oft entschieden zu kurz. Ich frage mich, warum das so ist? Hat man Angst, sich zu blamieren? So nach dem Motto, ganz plump gesagt, an den Interpreten traue ich mich ran, an den großen Komponisten wie Beethoven, Brahms, Schostakowitsch meinetwegen, die wie in Stein gehauen da stehen, nicht? Aber wieso? Erstens sind Komponisten keine Denkmäler, zweitens, wenn man anspruchsvolle Musik falsch einschätzt, hat man sich da eigentlich blamiert? Oberflächlich ja, aber eigentlich doch eher weniger, gerade bei anspruchsvoller Musik ist es umso verzeihlicher, daß man sich auch mal verschätzt.
Wiegesagt: Ich finde ein Klassikforum wunderbar als Verbreiterung der Diskussionen, die ich ansonsten mit meinen Freunden und Bekannten führe. Nur ist es meine Erfahrung, daß Foren oft mir zu einseitig auf Interpretationsvergleiche zu laufen. Und das ist ganz und gar nicht meine Erfahrung in der Diskussion mit den Klassikfreaks, mit denen ich diskutiere, wo man sich doch in Wahrheit viel öfter über Musik unterhält ( "hör Dir mal Dvoraks Klavierkonzert an. Gar nicht schlecht"). Aber vielleicht ist die Lockerheit eines persönlichen Gesprächs über diese Dinge in einem Forum sowieso nicht zu reproduzieren.
Oder wie redet ihr über klassische Musik im Gespräch mit Freunden, die Eure Leidenschaft für klassische Musik teilen?
Gruß Martin
Jack Bristow (07.06.2006, 23:33): Original von Satie Aber was ist denn der Unterschied zwischen Trennen und Unterscheiden? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, sagst Du, das Werk sei geistig zu erfassen. Hättest Du geschrieben: die Partitur, dann hätte ich voll zugestimmt. Beim Werk ist aber doch die Frage, ob es das gibt, bzw. ob das Werk nicht erst Werk ist mit der Interpretation, sprich wenn es hörbar ist. Ja, Du sagtest, es gebe Werke, die nur zum Lesen geschrieben worden seien. Die Beispiele fehlen noch, aber gut. Jedenfalls werden das nicht die meisten Werke sein. Aber warum soll das Werk, wenn es nur inklusive Interpretation ein solches ist, dann nicht ebenfalls sinnlich erfahrbar sein? Oder anders herum: warum soll die Interpretation nur sinnlich erfahrbar sein? Sie könnte doch genauso geistig erfassbar sein. Das ist zumindest das, was Adorno vom idealen Hörer gerne gehabt hätte: das hörende Verstehen der Zusammenhänge. Sinnlichkeit steht da nicht so weit oben auf der Liste - es sei denn, sie wäre mit dem geistigen verbunden.
Das hörende Verstehen ist m.E. klarerweise auch sinnlich. Ich weiß nicht, was rein geistiges Erfassen sein soll. Meiner Meinung nach können wir Menschen (als "Sinnenwesen") nur sehr wenig geistig erfassen, vielleicht ein paar elementare Sätze der Logik und Mathematik. Alles andere hat empirische und sinnliche Anteile. Selbst ein Werk, das zum Lesen und Studieren geschrieben wurde, wie vielleicht die Kunst der Fuge setzt beim Hörer voraus, dass er weiß, wie das klingen würde. (Er nutzt also seine Vorstellungskraft und die ist sowohl bei Kant als auch wohl aus moderner psychologischer Perspektive nichts rein Geistiges) Die gesamte Harmonielehre wurzelt u.a. (es gibt natürlich konventionelle Anteile) im sinnlichen Eindruck, den bestimmte Zusammenklänge hervorrufen. Solche Leswerke kann es also immer nur "parasitär" innerhalb einer funktionierenden Musizierpraxis geben. Ein Werk nur als Partitur ist ein Schatten, wirklich wird es erst in der klanglichen Realisierung. Es mag Partiturleser geben, die sie mittels ihre Phantasie im Kopf erklingen lassen, das ist dann wohl so ähnlich wie wenn ich eine einzeln Melodie "innerlich singe", also auch eine Art von Erklingen, nichts rein geistiges, wenn ich erfasse, dass 7+5 = 3x4 ist.
viele Grüße
J. Bristow
martin (08.06.2006, 00:43): Die Diskussionen über Geistigkeit und Sinnlichkeit der Musik verlieren sich immer weiter in den Sphären der Abstraktionen. All das ist höchst abstrakt, auch ein Begriff wie Sinnlichkeit, ist - obwohl er es selbst in die "niederen" Sphären der Erotik geschafft hat - an sich höchst abstrakt. Denn ich weiß auch nicht genau, was es eigentlich bedeuten soll, Musik sinnlich wahr zu nehmen. Ja, ich weiß, ich nehme Musik über die Sinne wahr. Das ist banal, das ist die Klippschule "wissenschaftlicher" Betrachtungsweise.
"Geistigkeit", "Sinnlichkeit": Das sind eigentlich nur Bilder. Da es nur Bilder sind, darf man gerne vom "rein geistigen" oder "rein sinnlichen" plaudern, sollte aber nicht vergessen, daß wir die "echte, unverfälschte" Wirklichkeit der Musik doch nicht wieder geben können. Sie entzieht sich letzlich solchen plumpen Bildern wie den vom "Geistigen" oder "Sinnlichen".
Ob wir hier vielleicht noch mal zum Thema zurückfinden?
Gruß Martin
Rachmaninov (08.06.2006, 08:21): So, jetzt von mir meine Meinung zu ursprünglichen Fragestellung:“Wie wichtig ist eine Interpretation für ein Werk?“ Für mich ist die Interpretation letztendlich das „Salz in der Suppe“! Natürlich entscheidet im Wesentlichen die Musik an sich darüber ob mir ein Werk zunächst einmal gefällt. Aber ein sehr interessanter und entscheidender Aspekt ist für mich dabei, neben anderen wichtigen „Kriterien“, die Interpretation. Sie macht den Unterschied zwischen Gefallen und Begeistern für mich aus. Für mich ist es immer wieder faszinierend wie unterschiedlich Werke gedeutet werden (können?) und welche teilweise unterschiedlichen Ergebnisse die zur folge hat.
Aus diesem Grund besitze ich auch von sehr vielen Werken (wie z.B. Rachmaninov Klavierkonzert #2) unzählige Aufnahmen. Mich begeistert einfach die Suche nach der, für mich, ultimativen Aufnahme. Aber auch die Möglichkeit ein Werk immer wieder durch verschiedene Interpretationen „neu“ zu entdecken bzw. zu erfahren.
Seltsamerweise gibt es Werke beiden viele Interpretationen mir gefallen und andere, wo ich auch noch Hören zahlreicher Aufnahmen lediglich eine als „sehr gut“ ansehe.
AcomA (08.06.2006, 09:04): hallo,
selbstverständlich ist eine interpretation wichtig für das werk ! ansonsten wäre geschrieben musik lediglich etwas für mathematiker und strukturanalytiker. erst das zum klingen bringen, macht es für jedermann hörbar.
der interpret hat mehrere möglichkeiten des zuganges:
- exaktes ausführen aller autorenhinweise
- weitestgehende ausführung des notentextes
- völliges nichtbeachten der vorschriften
desto weniger die vorschriften beachtet werden, desto mehr fließt 'neues' bzw. an persönlicher note des interpreten ein. ich zumindest höre auch schon mal gerne interpreten, denen vorgeworfen wird, 'sich selbst zu interpretieren, wie z.b. ivo pogorelich ! und wenn man genau verfolgt, dann stellt man überrascht fest, dass pogorelich sogar ziemlich exakt am notentext agierte, wie z.b. in beethovens letzter klaviersonate.
dann kommt ja noch das problem des urtextes hinzu, was ist eigentlich das original, wo ist der autograph !?
zur interpretation gehört auch instrumentelle beherrschung. die fähigkeiten und die interpretation können über den erfolg einer komposition entscheiden !
zeitströmungen und gesellschaftliche normen entscheiden ebenfalls über die art des vortrages. heutzutage wird authentizität gefordert beim spielen 'klassischer' musik. vielleicht wird es irgendwann einmal folgendes geben: der interpret spielt die exposition eines sonatensatzes und 'improvisiert' die durchführung ! was hält ihr davon ?(
gruß, siamak :)
satie (08.06.2006, 11:48): Original von AcomA
zeitströmungen und gesellschaftliche normen entscheiden ebenfalls über die art des vortrages. heutzutage wird authentizität gefordert beim spielen 'klassischer' musik. vielleicht wird es irgendwann einmal folgendes geben: der interpret spielt die exposition eines sonatensatzes und 'improvisiert' die durchführung ! was hält ihr davon ?(
gruß, siamak :)
Also wenn die Interpreten eines Tages dazu in der Lage sein sollten, habe ich nichts dagegen! Aber im Grunde hat man früher viel mehr improvisiert. Die Heiligkeit des Notentextes ist etwas ziemlich junges. Liszt etwa hat Chopins Walzer und Mazurken mit sehr vielen Verzierungen und Variationen gespielt (das ist brieflich festgehalten). Mozart hat sein Rondo alla turca bei jeder Wiederholung improvisatorisch umgestaltet. Die Kadenzen in Klavierkonzerten wurden teilweise improvisiert, teilweise musste der Interpret die Kadenz selber aufschreiben. Es wäre also wirklich authentisch, würde man heute ebenso verfahren. Heute haben wir allerdings enorme Skrupel davor, in den Notentext einzugreifen. Früher war es jedoch klar, dass Dinge, die sich wiederholen zwar zweimal gleich notiert werden, von einem Solisten aber nicht zweimal identisch zu spielen sind. Bei Ensemblespiel ist das natürlich etwas anderes. Eine Durchführung zu improvisieren wäre eine hohe Kunst, aber es ist machbar (es wäre im Grunde ähnlich wie die Kadenz im Solokonzert, nur mit dem Zwang, thematisch sehr streng vorzugehen). Da es auch Leute gab und gibt, die Fugen improvisieren können, wäre es möglich. Es gibt auch Pianisten, die Improvisationen zwischen die Stücke setzen, um die Stücke zu verbinden. Auch das kann interessant sein. Wenig interessant sind für mich die Sachen, die ein Nigel Kennedy mit Vivaldis Quattro Stagioni macht. Das ist einfach nur irgendwas von den Stücken meilenweit entferntes, was dann irgendwie zur Lightshow passen muss. Aber wenn es ernsthaft gelingt, aus dem Werk heraus zu improvisieren und damit etwas schlüssiges zu machen, finde ich es absolut toll.
ab (08.06.2006, 21:53): Aber was ist denn der Unterschied zwischen Trennen und Unterscheiden?
Jeder Tisch hat eine bestimmte Form und Farbe. Diese Form und diese Farbe kann man aber nicht vom Tisch wegnehmen, nicht von ihm trennen. Die sind immer miteinander verbunden. Aber gedanklich kann ich dies sehr wohl unterscheiden. Wenn ich nun Musik höre, dann läuft da sehr viel bei mir ab, manches gleichzeitig: Gedanken schwirren herum, Hintergedanken treten auf, anderes hintereinandner: ich merke, dass eine bestimmte Körperregung in mir abläuft, dass bestimmte Gefühle erweckt werden , dass die Musik todtraurig erklingt; manchmal bin ich auch so in der Konzentration auf das Erklingende versunken, dass ich erst hinterher mir bewusst werden, das ich in diesem Konzentrationszustand war, etc. Alle diese Dinge laufen ab, ohne dass ich die meisten davon ändern oder beherrschen könnte: sie sind untrennbar miteinander verbunden. Dennoch hat vieles nichts mit der Musik um ihrer selbst Willen zu tun. Und sofern es mir darum geht, (zuhause/hinterher/bei Muse) darüber nachzudenken, was ein Erlebnis der Musik selbst um ihrer selbst Willen ausmacht, dann muss ich von jenen der untrennbar verbundenen Aspekte absehen, die dazu unwesentliche oder externe sind.
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, sagst Du, das Werk sei geistig zu erfassen. Hättest Du geschrieben: die Partitur, dann hätte ich voll zugestimmt. Beim Werk ist aber doch die Frage, ob es das gibt, bzw. ob das Werk nicht erst Werk ist mit der Interpretation, sprich wenn es hörbar ist.
Das Werk kann deswegen nicht erste das „Werk mit der Interpretation“ sein, weil das Werk vom Komponisten zu einer bestimmten Zeit fertig gestellt worden ist und damit seit dieser Zeit komplett und als ganzes vorliegt. Jede Interpretation findet aber erst zu einer späteren Zeit statt und damit würde das Werk erst später zu existieren anfangen nachdem der Komponist bereits tot ist: Wie könnte aber jemand bereits Totes ein Werk schaffen?] und überdies nicht nur vom Komponisten stammen (was richtig ist), sondern auch vom Interpreten (der ja nur ein Ausführender ist). Nicht zuletzt würde dann das Werk gestückelt in der Zeit als auch gestückelt an ganz verschiedenen Orten (nämlich an den Aufführungsorten und in jedem Wohnzimmer durch die Boxen) existieren – also gerade nie „komplett und als ganzes“ vorliegen, weil es immer zu einer noch späteren, zukünftigen Zeit aufgeführt werden können wird. Und das scheint doch absurd, oder?
Außerdem kann die Partitur nicht das Werk sein, denn wenn die Partitur, beispielsweise durch Verbrennen, zerstört wird, wird (gewöhnlich) damit nicht auch das Werk zerstört.
Warum soll die Interpretation nur sinnlich erfahrbar sein? Sie könnte doch genauso geistig erfassbar sein. Das ist zumindest das, was Adorno vom idealen Hörer gerne gehabt hätte: das hörende Verstehen der Zusammenhänge. Sinnlichkeit steht da nicht so weit oben auf der Liste - es sei denn, sie wäre mit dem geistigen verbunden.
Ich behaupte auch nicht, dass die Interpretation nur sinnlich erfahrbar wäre, sondern ungekehrt bloß, dass das jeder Interpretation zugrunde liegende Werk bloß geistig erfasst werden könne. Das Werk ist sozusagen so etwas wie die Idee von einer Musik, die aufgeführt erklingen (oder im Geiste durch Imagination vorgestellt werden) kann.
Dafür behaupte ich, dass es neben dem „hörenden Verstehen der Zusammenhänge“ auch ein Erleben von Musik gehen, dem es um die sinnliche Wirklung geht, anstatt um das geistige, bewusste Erfassen von (dem, was man technokratisch) Propositionen (nennt).
Denke an den Unterschied, im Urlaub an einem warmen Strand zu sitzen und in das erhabene Naturschauspiel des Sonnenuntergangs versunken zu sein. Plötzlich reißt es Dich aus der Versunkenheit durch den Gedanken, der Dir (wie man so sagt) durch den Kopf schießt: "Ah, wie ist das schön!" Zuerst war man in einem gedankenfreien Erlebniszusatnad, danach in einem sprachlich vermittelten Zustand. Nicht weniger erleben den Übergang vom ersten in den zweiten Zusatand als einen Erlebnisverlust - aber gleichgültig, wie man es auch bewerten mag, Tatsach ist, dass wir uns dabei in zwei völlig verschiedenen Zuständen befinden. Oder? Solche Unterschiede können wir uns auch bei Musikerlebnissen verdeutlichen.
Wir haben in den Wissenschaften und der Philosophie seit Anbeginn der abendländischen Geschichte eine intellekt-zentrierten Kunstauffassung , die fast durchwegs die sinnlichen und emotionalen Komponenten zumindest mies macht, wenn nicht gar deren Existenz leugnet.
satie (08.06.2006, 22:20): Lieber ab,
ich erzittere vor Deiner Wortgewalt! Eigentlich wollte ich nur ein wenig relativieren... aber ich möchte Dir hier keine Blasen an den Fingern zumuten! Es ist auch eigentlich nicht so wichtig, denn Dein Beitrag bringt hier nicht das geringste Licht in die Diskussion (meine auch nicht). Also lassen wir das doch einfach ruhen. Ist denn nun für Dich persönlich, jenseits aller denkbaren Möglichkeiten, die Interpretation generell wichtig oder nicht? Du fragst ja nicht selten nach Empfehlungen für bestimmte Aufnahmen, daher suchst Du wohl nach einer guten, allerdings scheinst Du Dich da gerne beraten zu lassen. Gibt es da eine Erklärung?
Herzlichst (erzlischsd) Satie
P.S.: Ich finde das mit den eckigen und runden Klammern ganz phänomenal! Doppelte Verschachtelung! Welch schönes Bild. Und: man hat beim Lesen länger was davon!
ab (09.06.2006, 16:32): Original von Satie ich erzittere vor Deiner Wortgewalt!
Ist denn nun für Dich persönlich, jenseits aller denkbaren Möglichkeiten, die Interpretation generell wichtig oder nicht?
Lieber Satie,
Ich kann nur hoffen, dass dies "erzittern" nicht wörtlich, sondern nur im Sinne einer Redensart von Dir gemeint ist! Ich will ja nichts und niemanden Gewalt antun, sondern ganz im Gegenteil der Sache angemessen begegnen.
Was meine Ansicht zu Interpretationen betrifft, so habe ich sie bereits in meinem ersten Beitrag, inzwischen ziemlich weit oben oben, kundgetan. Ich wiederhole also:
"Geht es darum, die Musik zu erleben, dann hängt alles von der Interpretation ab. Jede Interpretation ist in ihren feinen Unterschieden einzigartig und bietet einen ganz anderen ästhetischen Genuss als jede andere." Und ich füge noch explizit hinzu, was ich damit implizit als selbstverständlich vorausgesetzt und daher nicht erwähnt habe: Mir geht es (häufig) gerade um das Erleben von Musik! Das bereichert mein Leben ungemein.
Rachmaninov (24.09.2007, 20:45): Original von Rachmaninov So, jetzt von mir meine Meinung zu ursprünglichen Fragestellung:“Wie wichtig ist eine Interpretation für ein Werk?“ Für mich ist die Interpretation letztendlich das „Salz in der Suppe“! Natürlich entscheidet im Wesentlichen die Musik an sich darüber ob mir ein Werk zunächst einmal gefällt. Aber ein sehr interessanter und entscheidender Aspekt ist für mich dabei, neben anderen wichtigen „Kriterien“, die Interpretation. Sie macht den Unterschied zwischen Gefallen und Begeistern für mich aus. Für mich ist es immer wieder faszinierend wie unterschiedlich Werke gedeutet werden (können?) und welche teilweise unterschiedlichen Ergebnisse die zur folge hat.
Aus diesem Grund besitze ich auch von sehr vielen Werken (wie z.B. Rachmaninov Klavierkonzert #2) unzählige Aufnahmen. Mich begeistert einfach die Suche nach der, für mich, ultimativen Aufnahme. Aber auch die Möglichkeit ein Werk immer wieder durch verschiedene Interpretationen „neu“ zu entdecken bzw. zu erfahren.
Seltsamerweise gibt es Werke beiden viele Interpretationen mir gefallen und andere, wo ich auch noch Hören zahlreicher Aufnahmen lediglich eine als „sehr gut“ ansehe.
Heute bestätigte sich diese, meine eigene Ansicht von vor einiger Zeit, erneut! Schostakowitsch 4. Sinfonie hatte ich bisher in verschiedenen Aufnahmen gehört. Heute beim Hören der Sinfonie in der Aufnahme mit Järvi zeigt sich die Aufnahme, vor allem die Sätze 2-4, in einem ganz anderen Licht, in einer anderen Gestallt. Faszination "Interpretation"! :wink
Rachmaninov (28.11.2007, 16:14):
Mahler behauptete sogar, dass man "das Wichtigste nicht aufschreiben kann"... M.Pollini im Interview Piano News 2-02
Stellt sich die dann doch die Frage:"Geht es überhaupt gänzlich ohne Interpretation?"
martin (04.06.2006, 23:10): Wie wichtig ist die Interpretation für ein Werk? Es gibt in dieser Hinsicht extreme Positionen. Eine Position, wie sie mal jemand zum Ausdruck gebracht hat: "Interpretationen interessieren mich überhaupt nicht. Ich kann sowieso nicht eine gute von einer schlechten unterscheiden." Im allgemeinen, so sagte er, kaufe er halt die Naxos CDs. Ich habe es oft ähnlich gemacht, wiewohl mir diese Position des vollkommenen Desinteresses auch suspekt ist. Dann gibt es die Gegenposition: "Ich habe 20 Interpretationen eines Werkes, nie war ich mit einer richtig zufrieden, aber dann lernte ich die Interpretation von xy aus dem Jahre 1936 und erst diese hat mir die Augen geöffnet." Wobei das durchaus auch möglich ist. Grundsätzlich ist beides möglich: Man hat eine Aufnahme, mit der man so zufrieden ist, daß man an anderem kaum noch ein Interesse hat oder man hat drei oder mehr Aufnahmen und hat das Gefühl: Hey, das ist es noch nicht.
An sich finde ich Interpretationen nicht ganz so wichtig. Dies sind sie schon mal vor dem Hintergrund, daß ich vor Interpreten im allgemeinen einen gewissen Respekt habe, vor allem dann natürlich, wenn ich ihn kenne und schätze. Und oft genug höre ich eine zweite Interpretation und denke: Ja, die ist ein bißchen anders, jede Interpretation ist ein bißchen anders, aber so groß sind die Unterschiede nun auch nicht. Das Gegenteil gibt es natürlich auch: Eine Interpretation ist ganz anders und möglicherweise ist sie die richtige und eröffnet erst jetzt den richtigen Zugang zum Werk.
Und sicher gibt es schon Werke, die auch schon sehr schwierig sind und die auch einen überragenden Interpreten verlangen. Und es gibt schon auch interpretarische Katastrophen, das ist auch klar.
Aber ich denke, daß die guten Interpreten, was die Interpretation anbetrifft, doch oft genug auch ziemlich eng beinander liegen, so eng, daß man dann über 10 Spitzeninterpretationen auch 10 verschiedene Meinungen bekommt und zwar nicht, weil die Kritiker alle so unmusikalisch wären, sondern eben weil die Interpreten wirklich so gut sind ( eine gute Tagesform mal vorausgesetzt), daß die Interpretationen in ihrer Qualität so eng beianderliegen, daß es am Ende doch zur reinen Geschmackssache wird, welcher Interpretation man den Vorrang gibt.
Und dann finde ich es für jemand, der sich eine gewisse Musik erst erschließt, schon wichtig, sich um die Interpretation nicht einen solchen wahnsinnigen Kopf zu machen, sondern erst einmal die Musik auf sich wirken zu lassen. Das heißt: Man versucht sich schon ein bißchen zu informieren, welche Interpretationen denn hoch gehandelt werden und welche nicht, aber dann vergißt man auch jede Interpretation, die völlig in den Hintergrund rückt, und ist dann ganz bei Bruckner, Beethoven, Brahms und wie sie alle heißen.
Und dann ist es auch so: Wenn ich mir ein Werk erschließe und das kann schon eine Zeit dauern, interessiert mich am Anfang sowieso nur eine Interpretation. Diese eine Interpretation soll mir ein Werk erst einmal erklären. Was ich eigentlich nicht ganz nachvollziehen kann, ist es, ein Werk erst zu einem Viertel verstanden zu haben, dann aber die Interpretation zu wechseln. Ich habe mich immer an Hand einer bestimmten Interpretation in ein Werk eingehört, denn warum soll ich mich mit Interpretationsfragen auseinandersetzen, bevor ich das Werk erst richtig verstanden habe? Erst später, wenn man denn ein Werk gut kennt, mag es auch reizvoll sein, das Werk in einer anderen Interpretation kennen zu lernen. Vorher meines Erachtens nicht.
Umso wichtiger ist es natürlich, am Anfang schon eine ganz gute Interpretation zu haben. Denn meistens sind die wichtigsten Erlebnisse, die Du mit einem Werk sammelst, die, die Du anhand dieser ersten Interpretation gesammelt hast. Wobei ich mich natürlich manchmal schon frage: Ist die Interpretation, die du da hast, auch gut genug, sollte es nicht, gerade um sich ein Werk zu erschließen, nicht eine bessere sein? Das hat mir mal jemand gesagt: Daß die Haltung, sich nur erst einmal "irgendeine" Aufnahme zu kaufen, um ein Werk in dieser kennen zu lernen, auch nicht richtig sei. Gerade wenn ein Werk für dich neu ist, entfaltet es seinen stärksten Reiz und gerade dann ist es schade, eine schlechte Interpretation zu haben. Natürlich ist das auch eine Preisfrage, aber man sollte nicht zu geizig sein.
Auch gibt es wohl das Phänomen der "Fehlprägung", d.h. eine bestimmte Interpretation prägt Dich in einer bestimmten Weise und Du mußt diese Prägung erst einmal los werden.
Gruß Martin
Carola (05.06.2006, 15:08): Lieber Martin,
Ich finde die Frage nach dem Verhältnis von Aufnahme und Werk sehr interessant und mache mir oft Gedanken darüber. Immer wieder auch aus konkretem Anlass.
Beispiel: Mozart Sinfonien. Soll ich mir zusätzlich zu meiner Böhm-Gesamtaufnahme auch noch die von Mackerras holen oder doch lieber die Partituren? Die gibt es nämlich bin Ende Juni verbilligt und würden mich sehr interessieren.
Anders gefragt: Wie "verstehe" ich ein Werk (kann man Musik denn überhaupt "verstehen"?) besser, indem ich in die "Tiefe" gehe (Partitur, Werkanalyse, die immer gleiche CD oft hören...) oder aber in die "Breite", indem ich also mehrere Aufnahmen anhöre und über den Vergleich der Unterschiede in der Interpretation auch das Werk selbst besser kennen lerne.
Ich selber nehme mir die "Tiefe" oft vor, halte mich dann aber nicht daran. Zum Teil sicher auch, weil es mühsamer ist eine Werkanalyse zu lesen als eine weitere Aufnahme zu kaufen. Aber auch, weil gerade bei Stücken, die ich sehr liebe (bei anderen stellt sich die Frage für mich nicht) es sehr spannend ist zu hören, wie andere das interpretieren.
Hinzu kommt: Wenn mir eine Aufnahme nicht gefällt, hätte ich auch keine Lust, mich über sie mit dem Werk selbst zu beschäftigen, sie also oft zu hören. Hätte ich zum Beispiel aus Versehen eine Gesamtaufnahme der Mozart-Sinfonien mit Harnoncourt gekauft (falls es die gibt, ich kenne nur eine Einzel-CD), könnte ich mit dieser Interpretation ganz sicher nicht leben und würde so lange suchen, bis ich eine Aufnahme habe, die mir gefällt.
Bei meinem Beispiel mit Mozart/Böhm liegt der Fall allerdings anders. Ich finde diese Gesamtaufnahme wunderbar und kann sie immer wieder hören. Es wird also wohl auf die Partituren hinauslaufen - falls nicht beides den einzuleitenden Sparmaßnahmen zum Opfer fällt. :D
Mit Gruß von Carola
martin (05.06.2006, 16:54): Liebe Carola,
mir ist es heute noch deutlich geworden, wie inkonsequent ich in dieser Hinsicht Interpretationen ist. Ich hatte das ja schon im Thread zu den Brandenburgischen Konzerten angesprochen.
Es kommt immer darauf an: Was sind Deine Lieblingskomponisten.
Also wie ich schon sagte bei den Händelschen Concerto Grossi, war das für mich eine lange Suche. Erst billige Aufnahmen mit der Süddeutschen Philharmonie. Na ja, ein Anfang. Dann Naxosaufnahmen: gar nicht mal schlecht. Dann den Max Pommer: Technisch nicht schlecht, aber interpretatorisch eine furchtbare Entäuschung. Dann die Iona Brown: Schon nicht schlecht ( der BBC guide meint: Die besten Aufnahmen), aber irgendwie das Gefühl, die hat den Händel nicht richtig getroffen. Dann Marriner mit den Opus 3. Schon nicht schlecht. Aber ich hatte mal den Pinock gehört, den fand ich besser. Dann kaufte ich mir den Hogwood von Decca. Hörte ihn und war richtiggehend glücklich. Endlich mal ein Händel, wie ich ihn mir schon immer gewünscht hatte. Aber nun hörte ich von einer Person: Der Manze soll doch besser sein. Der war sehr teuer, aber inzwischen soll er doch billiger sein. Ich glaube ich hole ihn mir noch mal. Und ich hole mir doch mal den Pinnock.
Das kann glaube ich nur jemand verstehen, wer den Händel wirklich mag. Dagegen fehlt mir vielleicht jedes Verständnis wieso man sich die Saint Saens Klavierkonzerte 5 mal ins Haus holen kann. Aber, na ja, vor dem Hintergrund meiner Händel Concerto grossi erfahrung verstehe ich das nun doch wieder sehr gut.
Wichtig ist glaube ich für mich schon das Gefühl der Unzufriedenheit mit einer Aufnahme. Ich mag etwa die Schneiderhanaufnahme mit dem Violinkonzert von Beethoven. Da ich die so sehr liebe, denke ich auch über keine neue nach. Daß ich also das Beethoven Violinkonzert nur einmal im Schrank habe, hat gar nichts damit zu tun, daß ich dieses Konzert nicht schätzte.
Und ich denke schon darüber nach, mir den Schneiderhan mal mit den Violinsonaten von Brahms zu holen ( oder doch eine andere?) Ich glaube, die Brilliantaufnahmen sind schon nicht schlecht, aber ich habe so das Gefühl, da gibts noch besseres. Einem solchen Gefühl sollte man auch nachgehen.
Gruß Martin
fohlenfanatiker (05.06.2006, 20:34): Hallo Martin und alle anderen, die Frage nach den Interpretationen und Interpreten ist schon deshalb wichtig, damit wir im Forum genug Diskussionsstoff haben. Worüber sollten wir sonst so energisch diskutieren?? :D :D :D Aber im ernst: Wir wissen doch alle, wie unterschiedlich Werke interpretiert werden können. Natürlich ist das für mich interessant. Man denke doch nur an unsere Diskussionen über die Schumann-Klavierwerke. Die 9. Sinfonie von Beethoven habe ich wohl 15- oder 16-mal. Warum? Weil sie für mich der Höhepunkt der klassischen Musik schlechthin ist. Wobei ich zugeben muss, dass einige der Einspielungen durchaus verzichtbar sind. Ich habe es auch schon einige Male erlebt, dass ich zu einem Werk keinen Zugang hatte, bis ich die Aufnahme von xy hörte und endlich Gefallen fand. Beispiel die Brahmssinfonien. Erst durch Herrn Klemperer fand ich Gefallen an den Sinfonien 2 und 3, inzwischen liebe ich diese Musik aber durchaus auch in der Interpretation von Bernstein oder Solti. Die beiden anderen Sinfonien (4 und 1) haben sich mir danach sowieso erschlossen. Ein weiterer Punkt, sich Werke von unterschiedlichen Interpreten zu besorgen besteht für mich in der Abwechslung. Manchmal möchte ich ein Werk schneller, manchmal tragender hören, machmal romantisch, manchmal nüchtern, je nach Stimmung eben. Manchmal soll der Klang gewaltig und in super Aufnahmetechnik sein, manchmal ist das nicht so wichtig, dann darf es sogar Mono sein. Wiederum je nach Stimmung.
Lieber Martin, ich kann deine Suche nach den besten Concerti grossi von Händel wirklich sehr gut nachvollziehen. Es könnte mir hier ähnlich gehen. Ich besitze als GA nur die von dir erwähnten Brown Aufnahmen von der Academy of Saint Martin in the Fields die mir auch ausgesprochen gut gefallen. Aber mich würden durchaus noch viele weitere Aufnahmen interessieren, z. B. auch Hip-Aufnahmen etc. Selbst wenn ich mit einer Aufnahme sehr zufrieden bin, so wie du mit Schneiderhahn beim Beethoven Vk interessiert es mich trotzdem immer wieder, wie andere große Geiger dieses Konzert gespielt haben. Ich besitze es 5 oder 6 mal habe es mir aber nach den Lobeshymnen hier im Forum von Ferras/Karajan bestellt. Abschließend: Interpretationen sind für mich wichtig, wie wichtig, das habe ich erst erkannt, seit ich Internetforen kenne. :down :down Gruß
nikolaus (05.06.2006, 21:43): Hallo zusammen!
Das hier gesagte kann ich unterstützen. Sobald man ein Werk zwar mag, aber mit einer bestimmten Aufnahme nicht zufrieden ist und deshalb eine andere sucht, räumt man der Interpretation einen hohen Stellenwert ein. Wenn man - wie ich - ein Laie ist, kann man Faktoren einer Interpretation wie z.B. Werktreue oder andere historische oder technische Dinge sicher nicht beurteilen. Aber man spürt ja eine gewisse Atmosphäre oder Stimmung, die der Interpret mit seiner Interpretation erreicht, und das ist dann ausschlaggebend. Ich persönlich stehe zudem vor dem Problem, daß ich bei weitem nicht so viele Werke kenne, wie die meisten hier im Forum. Deshalb beschränke ich mich meistens auf eine Interpretation auch wenn sie mir nicht hundertprozentig gefällt, damit ich Zeit, Geld und auch Platz für neue Werke habe. Sicherlich entgehen mir dadurch wahre Schätze, aber das nehme ich vorerst in Kauf in der Hoffnung, daß ich manches nachholen werde :engel
Liebe Grüße, Nikolaus.
ab (05.06.2006, 21:49): Die Zugänge zur Musik sind vielfältig:
Die eine möchte dadurch in eine bestimmte Stimmung versetzt werden. Der andere möchte sie zum besseren und effektiveren Lernen verwenden. Eine Dritte möchte sich bloß die Zeit vertreiben. Wieder eine andere möchte ein Werk kennen lernen und verstehen. Noch andere gebrauchen Musik, um sich an der Klangqualität der Aufnahmen zu erfreuen oder – öfter noch – sich darüber maßlos zu ärgern. Andere möchte herausfinden, was das Spezifische eines Musikers ausmacht. Wieder andere wollen beim Autofahrnen nicht einschlafen. Bildungsbürger wollen mehr in ihrem Leben kennen gelernt haben. Gewisse wollen womöglich ästehtische Urteile treffen und Kategorien entdecken. Manche wolle sogar ein ästehtisches Erlebnis haben. Oft wird in der Musik Trost gesucht. etc.
Alle solche Interessen scheinen mir gleichermaßen legitim und vermutlich alle auch wertvoll.
Üblich aber werden hier in theoretischen Überlegungen Wertungen vorgenommen und oft hört man, Musik solle um ihrer selbst willen gehört werden. Alle anderen Weisen des Muiskkonsums – so wird elitär proklamiert – seinen abzulehnen.
Musik um ihrer selbst willen zu hören kann aber (zumindest) zweierlei bedeuten: Entweder möchte man das zugrundeliegende Werk erfassen (das hat etwas mit geistigem Verstehen zu tun) oder man möchte das dazu dienende Mittel, also die hörbare Musik erfahren (das hat etwas mit sinnlichem Wahrnehmen zu tun). „Erfahren“ kann dabei auch wiederum zweierlei bedeutet: Entweder man möchte das, was da hörbar ist, in seiner Fülle erleben (also in genau dieser Art und Weise, wie es erklingt, ganz und genauso wahrzunehmen und zwar in genau jener Intensität, wie es erkling, auf sich wirken zu lassen) – oder aber man möchte es bloß beschreiben (das hat etwa mit einem geistigen Vorgang zu tun, wobei man dann von den gefühlsmäßigen Komponenten, die immer ablaufen und wesentlich ein Erleben ausmachen, absieht, davon abstrahiert).
Wenn man diese Unterscheidungen trifft, dann scheint mir, sofern man das Interesse hat, das Werk zu erfassen, spielen unterschiedliche Interpretation keine (so) wesentliche Rolle.
Geht es hingegen darum, die Musik (also die Realisierung des Werks) zu erleben, dann hängt alles von der Interpretation ab. Jede Interpretation ist in ihren feinen Unterschieden einzigartig und bietet einen ganz anderen ästhetischen Genuss als jede andere.
Was denkt denn ihr davon und darüber?
Jack Bristow (05.06.2006, 22:24): Zwei wichtige Unterscheidungen wrunde bereits u.a. sehr deutlich von fohlenfanatiker angesprochen: Zum einen die Suche nach eine möglichst guten Interpretation (hört euch mal die Concerti grossi mit Harnoncourt an...), zum anderen der Wunsch viele verschiedenartige Interpretationen kennenzulernen. Beides ist denke ich legitim, bei beidem muß man indes mitunter aufpassen, sich nicht zu verfransen und die Musik selbst aus den Augen zu verlieren. Gewiß sind es bei jedem Hörer unterschiedliche Werke, von denen er meint aus einem der genannten Gründen etlichen (oder viele) Einspielungen haben zu müssen.
Wie wichtig eine Interpretation ist ist eigentlich wieder eine andere Frage. Als Neuling ist einem das normalerweise nicht wichtig, man ist sicher auch nicht nicht so sensibilisiert. Dennoch gibt es manchmal den ebenfalls schon genannten Fall: Werk X gefiel mir/hat sich mir erst interpretiert von Y erschlossen. Besonders nahe liegt diese Möglichkeit natürlich bei Musik, die in sehr unterschiedlichen Interpretationen vorliegt: Barock von einem Sinfonieorchester oder kleinen Ensemble auf alten Instrumenten usw.
@ ab Deine Unterscheidungen leuchten zwar ein, den Schluß daraus mache ich aber nicht mit. Denn ein Werk ist nur als Interpretation gegeben, nicht unabhängig davon. Selbst eine sehr phantasiebegabter Partiurleser erschließt sich keine reines Werk, wenn er dabei klangliche u.a. Vorstellungen hat (oder wenn nicht, dann ist es etwas anderes als eine tatsächlich in zeitlicher Abfolge erklingendes Werk)
viele Grüße
J. Bristow
Carola (05.06.2006, 22:25): Hallo ab,
mir gefällt Deine Beschreibung der unterschiedlichen Gründe, Musik zu hören, gut. Und wie Du bin ich der Meinung, dass sie alle ihre Berechtigung haben.
Meine Motivation und meine Art und Weise, Musik zu hören, können jedenfalls ganz unterschiedlich sein, je nach Stimmung und Tageszeit. Selbst ein und dasselbe Musikstück höre ich in verschiedenen Situationen und Lebensphasen aus unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedliche Weise. Der Aspekt des Trostes war dabei schon immer sehr wichtig für mich. Wobei oft aus dem sinnlichen Erleben (um in Deiner Begrifflichkeit zu bleiben) das Bedürfnis ensteht, das Werk auch geistig zu erfassen. In dem Moment wird dann die Partitur oder andere Lektüre wichtiger als unterschiedliche Aufnahmen. Am intensivsten habe ich das bisher mit Bachs Matthäuspassion erlebt. Aber am Anfang muss immer ein Funke da sein, der überspringt. Irgend etwas, was mich berührt und anspricht, ohne das ich an diesem Punkt schon weiß, warum.
Was ich auf keinen Fall möchte ist, irgendwann vor lauter Interpretationsvergleich die Musik selbst gar nicht mehr richtig wahrzunehmen oder CD auf CD anzuhäufen, ohne die bereits gekauften wirklich gehört zu haben. Auch das Bedürfnis nach einem immer perfekteren Klang ist mir fremd.
Mit Gruß von Carola
ab (05.06.2006, 22:54): Original von Jack Bristow @ ab Deine Unterscheidungen leuchten zwar ein, den Schluß daraus mache ich aber nicht mit. Denn ein Werk ist nur als Interpretation gegeben, nicht unabhängig davon. Selbst ein sehr phantasiebegabter Partiurleser erschließt sich kein reines Werk, wenn er dabei klangliche u.a. Vorstellungen hat (oder wenn nicht, dann ist es etwas anderes als eine tatsächlich in zeitlicher Abfolge erklingendes Werk)
Ich bin davon überzeugt, dass ein Werk durch das Pariturlesen und hinreichend geschulte Phantasie sozusagen im Kopf des Lesers realisisert werden kann. (Aber dafür wäre erst zu argumentieren! Offensichtlich haben wir hier unterschiedliche Intuitionen.) Jedenfalls ist das dann etwas ganz anderes als eine Aufführung, die sinnlich wahrgenommen wird, da hast Du ganz recht.
Aber das war nicht der springende Punkt, um den es mir ging. Unter dem Verstehen eines Werkes meine ich so etwas wie (bei tonaler Musik) das Erfassen des Aufbaus, der Harmonik und Melodik. Das ist eine höchst aktive geistige Tätikgkeit und hat auch viel mit Erwartungen, die durch den bekannten Kontext, der sich musikwissenschaftlich erschließt, zu tun hat.
Ich kann mich beim Hören einer Musik darauf konzentriere, ihre Struktur herauszufinden oder nachzuverfolgen, die in der Partitur einen Niederschlag gefunden, dort sozusagen symbolisch herausgelesen werden könnte. (Richtig: dazu benötige ich eine Interpretation!) Auch kann ich versuchen, herauszufinden, was denn nun das Typische des Komponisten (zu einer seiner Epochen oder überhaupt) ausmacht - auch dabei muss ich stets mit etwas Vergleichen, was gerade nicht real erklingt.)
Dabei geht es dann aber gerade nicht um das Erleben jener Ausdrucksnuancen, was eine höchst konzentrierte (insofern aktive) passiv-rezeptive Wahrnehmungsweise ist (und sich nur auf das beschränkt, was tatsächlich gerade im Moment gegeben ist). Beim Erleben muss ich diesesn Nuancen gegenüber offen sein und von diesem kopflastigen Verhaften in Gedanken gerade ablassen. Auch wenn es unsere Geistesgeschichte uns weis machen höchte: den Menschen macht nun einmal mehr aus als bloß sein vernünfiger Anteil.
ab (05.06.2006, 23:05): Original von Carola Wobei oft aus dem sinnlichen Erleben (um in Deiner Begrifflichkeit zu bleiben) das Bedürfnis ensteht, das Werk auch geistig zu erfassen.
Bei musiktheoretisch gedrillten Zöglingen, wie man wohl früher gesagt hätte, entsteht aber leider nicht selten die Gefahr, dass das Umgekehrte nicht stattfindet: Durch den Drill, die Musik geistig zu erfassen, wissen viel gar nicht, dass es so etwas wie ein Erleben überhaupt noch gibt.
überhaupt (sic!) gäbe! Ein Armutszeugnis unserer Zeit! - Übrigens meine ich, dass nun das Pendel wieder in die andere Richtung auszuschlagen anfängt; natürlich ohne die technischen Perfektionserungenschaften hinter sich zu lassen...]
martin (06.06.2006, 00:12): Lieber ab,
Ich kann die von ab aufgestellte Gegenüberstellung von erleben und erfassen doch nicht so leicht nachvollziehen. Vor allem dann wenn erleben mit dem sinnlichen wie es scheint in Einklang gesetzt wird.
Zunächst kann man mit Hilfe der Musikwissenschaft und dergleichen sicherlich so das eine oder andere an einem Werk auch "verstehen". Man sollte aber dieses Verständnis nicht mit allzu großer Ehrfurcht betrachten. Das wirkliche Verständnis eines Werkes geht doch wohl immer über alles Wissenschaftliche ( "grau mein Freund ist alle Theorie") weit hinaus. Du kannst der größte aller Musikwissenschaftler sein, Du kannst auch der Tschaikovski persönlich sein, wenn Dir diese bestimmte Musik nichts sagt, sagt sie Dir nichts. Und das ist das entscheidende.
Natürlich, ein bißchen Theorie kann nicht schaden. Das sage ich ja auch nicht. Aber letzlich ist das nicht so wichtig ( und das muß jeder selber wissen).
Wichtig ist nur Musik zu verstehen in diesem einfachen Sinn: Daß sie für Dich Sinn macht. Und das ist kein einfach bloß sinnlicher Prozeß, das ist auch ein geistiger, der mal bewußt, häufiger aber auch unbewußt abläuft. Sonst wird Musik nur als ein undurchsichtiges Chaos wahrgenommen.
Insofern verstehe ich auch nicht den Satz, daß von einem geistigen Standpunkt aus die Interpretation unwichtig ist, von einem Erlebnisstandpunkt alles bedeutet nicht so recht. Ich sehe es so: Eine gute Interpretation macht geistige Prozesse erst deutlich. Eine gute Interpretation zeigt Dinge wie sie vom Komponisten gemeint sind ( und sei es auch in einem so ganz banalen Sinne wie: Das ist eine Rückführung zur Reprise, aber das muß man nicht wissen, wichtig ist nur daß alles für einen einen Sinn macht). Eine gute Interpretation hat sich eingehend mit dem Werk beschäftigt, weiß warum gewisse musikalische Ereignisse eintreten ( oder vermag zumindesten in diesen Ereignissen einen Sinn zu erkennen) und kann daher ihren Sinn deutlich machen. Allerhöchsten insofern mag eine schlechte Interpretation auch noch ihren Sinn erfüllen, daß Du Dir anhand ihrer vom Werk soweitgehend ein Bild machst, daß Du eine Phantasie dafür entwickelst, wie sie gemeint sein könnte. Na ja. Und am schlimmsten sind nicht unbedingt die Interpretationen, die etwas farblos sind, sondern die partout dort einen Sinn finden wollen, wo man selber keinen Sinn sieht.
Für das sinnliche Erleben aber ist m.E. eine gute Interpretation gar nicht unbedingt wichtig. Oder vielleicht doch, aber wiegesagt, diese Unterscheidung zwischen Erleben und Erfassen will mir nicht in den Kopf. Das Erfassen von Musik ( nicht im Sinne: Wie ist ein Sonatensatz aufgebaut und aus wie vielen Themengruppen besteht ein Brucknersche Exposition, daß sind Dinge, die zur Orientierung dienen mögen, aber an sich völlig banal sind) ist gerade in erster Linie das Erlebnis von Musik. Wobei Erfassen auf sehr verschiedenen Ebenen ablaufen kann, bei dem einen bewußter, bei dem anderen weniger bewußt.
Gruß Martin
Jeff Klein (06.06.2006, 00:57): Hallo Martin, hallo ab!
Ich habe das so verstanden:
Erleben: man lässt die Musik quasi auf sich einwirken und nimmt sie emotionnel war, dabei setzt die Musik (eventuell) Gefühle beim Hörer frei (Trauer, Freude etc...).
Erfassen: man versucht die Intentionen zu verstehen denen der Komponist bei der Erschaffung des Werkes nachgegangen ist, bzw. man versucht den Aufbau der Musik zu verstehen.
Dabei muss ich sagen dass es mir vor allem ums "Erleben" geht, allerdings habe ich die Erfahrung gemacht dass das "Erfassen" das "Erleben" intensivieren kann.Die Erfahrung habe ich mit Schostakowitsch 5. gemacht, die ich am Wochenende zum ersten Mal hörte, dabei kam sie mir am Anfang recht uninteressant vor, erst als ich dem Link von Zelenka gefolgt bin (cf. entsprechender Faden), hat mich das Werk erstmals wirklich "berührt".Aber in der Regel glaube ich nicht dass das "Erfassen" unbedingt notwendig ist, sondern von den jeweiligen Vorlieben des Hörers abhängt!
Gruss, Jeff
satie (06.06.2006, 09:32): Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob es so sinnvoll ist, von "guten Interpretationen" zu sprechen. Mir ist das zu schwammig, da das Wort "gut" wieder viel zu viel meinen kann. Es kann bedeuten, dass eine Interpretation "genau" ist. Das wäre etwa anwendbar bei dem Spiel von Fugen. Dort können die Themeneinsätze klar und deutlich sein oder nicht. Der analysierende Interpret wird vielleicht ein gespiegeltes Thema betonen, damit man es auch als Thema erkennt. Das nur als Beispiel. Die Interpretation kann aber auch "gut" sein, wenn der Interpret eine bestimmte große Gestaltung erreicht, die einem als Ablauf logisch und organisch erscheint. Dabei könnte er die Themeneinsätze und ähnliches weitgehend vernachlässigen. Ein anderes Beispiel für einen Streitpunkt: die Klavierwerke von Schönberg mit Gould oder Pollini. Gould ist der Notentext bis auf die Tonhöhen ziemlich egal (Tempi, Dynamik sind oft überhaupt nicht so, wie sie in den Noten stehen), dafür gestaltet Gould sehr expressiv, bringt also die Nähe zur Spätromantik viel besser zum Ausdruck als Pollini, der zwar den Notentext peinlich genau befolgt, aber im Ausdruck nicht wirklich viel macht. Welche Interpretation ist nun gut? Man könnte sagen: keine oder nur beide zusammen... Manche Dinge können durch die Interpretation verdeutlicht und klargemacht werden, andere nicht. Bei einem Haydn'schen Spiegelmenuett etwa ist fraglich, ob man die Spiegelform hören kann (nebenbei bemerkt: man kann, wenn man ein geschultes Ohr hat). Zumindest ist es unklar, wie der Interpret eine solche Form verdeutlichen könnte durch sein Spiel (es sei denn, er spielt so schematisch, dass auch alle Artikulation und Dynamik genau umgekehrt sind). Was der Komponist "meint" bleibt in aller Regel Geheimnis des Komponisten. Interpretation ist ein Mutmaßen, was der Komponist gemeint haben könnte. Allerdings gibt es schon Musik, bei der man etwas objektiver über die Interpretation reden kann. Das gilt bei Bach etwa. Wenn man die Affekte nicht kapiert, kann man das eigentlich nicht spielen. Und da gibt es unglaublich viele schlechte Interpretationen, die aber oft trotzdem gut gefunden werden, weil sie halt vom Lieblingspianisten stammen, der einen so schönen Ton hat. Wenn also hier der Interpret sich nicht wirklich mit dem Notentext auseinandersetzt, kann er das Stück nur irgendwie spielen. Manche wissen nicht einmal, wie man die Verzierungen richtig spielt, bzw. es ist ihnen egal (s. etwa Friedrich Gulda).
Oder ein anderes Beispiel: wenn Benedetti Michelangeli die Cathedrale Engloutie von Debussy in herbem Forte beginnt, kann das einfach nicht richtig sein, weil halt piano da steht. Das Stück erhält einen Charakter, den es nicht hat. Das kann man objektiv bewerten. Dass die Interpretation dennoch extrem wichtig ist, versteht sich meiner Ansicht nach von selbst. Musik ist für die Aufführung gedacht und nicht für den Kopf allein. Dass sich trotzdem einzelnen Stücke auch im Kopf erschließen bedeutet ja nicht, dass sie für denselben geschrieben sind. Ansonsten sollte man am besten auf sämtliche Instrumentenangaben verzichten. Für den Musiker ist es natürlich unabdingbar, dass das Werk für ihn schon wenigstens teilweise beim Lesen zu erfassen ist. Beim Spielen gewinnt es aber erst an Gestalt. Ein Wort zu Musikwissenschaftlern muss ich allerdings noch loswerden: bitte keinesfalls überbewerten! Das sind die Germanisten der Musik, und so mancher hat es auch im Hauptstudium noch nicht geschafft, richtig Noten lesen zu können. Viele Musikwissenschaftler haben auch theoretisch sehr wenig auf dem Kasten und schreiben sehr viel falsche Dinge über Stücke. Viele haben praktisch nur eine historische Bildung, sonst nichts. Natürlich gibt es auch sehr gute Musikwissenschaftler, die sich bestens auskennen. Ich möchte nur davor warnen hier zu ehrfürchtig zu sein.
Satie
ab (06.06.2006, 11:42): Original von martin diese Unterscheidung zwischen Erleben und Erfassen will mir nicht in den Kopf. Das Erfassen von Musik ( nicht im Sinne: Wie ist ein Sonatensatz aufgebaut und aus wie vielen Themengruppen besteht ein Brucknersche Exposition, daß sind Dinge, die zur Orientierung dienen mögen, aber an sich völlig banal sind) ist gerade in erster Linie das Erlebnis von Musik. Wobei Erfassen auf sehr verschiedenen Ebenen ablaufen kann, bei dem einen bewußter, bei dem anderen weniger bewußt.
Ich glaube, dass wir hier gar keine Auffassungsdivergenzen haben: Ich bezog mich mit dem Begriff "Erfassen" - im Gegensatz zu "Erleben" - gerade auf jene innermusikalischen Aspekte, die in der Musikanalyse behandelt werden - also jene, die Dir gar nicht wichtig sind. Ich hatte also bloß einen engeren Begiff des Erfassens verwendet als Du. Vieles von dem, was Du schreibst, scheint mir tatsächlich mit dem, um was es mir im Erleben, in dem Sinne wie ich es hier ausgeführt habe, geht, gar nicht zu widersprechen. Wichtig wäre es nur, diese von Dir genannten "verschiedenen Ebenen" unterscheiden zu können (unterscheiden heißt ja nicht (ab)trennen können).
Deine Verständnisschwierigkeit rührte also bloß daher, vermute ich, dass Du mit "Erfassen" etwas ganz anderes verbindest, als ich damit beschreiben wollte. Ich bin mir sicher, sofern Du Dich auf meine besondere Verwendungsweise dieses Ausdrucks hier einlässt und den dahinter stehenden Gedanken erfasst, dass wir dann - in Bezug auf diesen Aspekt - gleicher Ansicht sind.
ab (06.06.2006, 12:29): Original von Satie Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob es so sinnvoll ist, von "guten Interpretationen" zu sprechen. Mir ist das zu schwammig, da das Wort "gut" wieder viel zu viel meinen kann. Es kann bedeuten, dass eine Interpretation "genau" ist. Das wäre etwa anwendbar bei dem Spiel von Fugen. Dort können die Themeneinsätze klar und deutlich sein oder nicht. Der analysierende Interpret wird vielleicht ein gespiegeltes Thema betonen, damit man es auch als Thema erkennt. Das nur als Beispiel. Die Interpretation kann aber auch "gut" sein, wenn der Interpret eine bestimmte große Gestaltung erreicht, die einem als Ablauf logisch und organisch erscheint. Dabei könnte er die Themeneinsätze und ähnliches weitgehend vernachlässigen.
Ich empfinde Deine Ausführung als eminent wichtig. Meine Antwort ist: ja, es ist sinnvoll von guten Interpretationen zu sprechen! Nur wäre es wichtig, das, was Du "Schwammig" nennst, auszuräumen. Das kann man etwa dadurch, dass man die Hinsicht angibt in der man etwas für gut erachtet. Um auf Dein Beispiel einzugehen: Goulds Schönberg mag eine gute Interpretation in Hinsicht "die Nähe zur Spätromantik zum Ausdruck zu bringen" sein, sie ist aber nicht gut in Hinblick auf Authentizität im Sinne der Notentzusatzangabentreue. Pollini mag gut in Hinblick auf Partiturerfüllung und -erkennbarkeit sein, nicht jedoch in Hinblick den intendierten Ausdruck Schönbergs zu verdeutlichen (unter der Annahme, dass es Schönberg überhaupt darum ging).
Wenn Du daher schreibst: Welche Interpretation ist nun gut? Man könnte sagen: keine oder nur beide zusammen...
irrst Du Dich, weil es heißen müsste, "beide ; aber jede in einer ganz anderen Hinsicht!"
Was der Komponist "meint" bleibt in aller Regel Geheimnis des Komponisten. authentische (ab)] Interpretation ist ein Mutmaßen, was der Komponist gemeint haben könnte.
Da hast Du recht! Wenn daher Martin schreibt:
Eine gute Interpretation zeigt Dinge wie sie vom Komponisten gemeint sind ( und sei es auch in einem so ganz banalen Sinne wie: Das ist eine Rückführung zur Reprise, aber das muß man nicht wissen, wichtig ist nur daß alles für einen einen Sinn macht). Eine gute Interpretation hat sich eingehend mit dem Werk beschäftigt, weiß warum gewisse musikalische Ereignisse eintreten ( oder vermag zumindesten in diesen Ereignissen einen Sinn zu erkennen) und kann daher ihren Sinn deutlich machen.
so verstehe ich das "wie vom Komponisten gemeint" nicht im Sinne, was der Komponist zum Zeitpunkt des Komponierens gedacht und sich vorgestellt hat, sondern in dem Sinne, was in dem, wie uns die Komposition zugänglich ist (nämlich durch den Notentext), herauszulesen sein mag. Der Sinn (was auch immer darunter genau zu verstehen ist) erschließt sich aus dem geschaffenen, dem Werk, nicht aber aus den Intentionen, den Vorstellungen.
Und da gibt es unglaublich viele schlechte Interpretationen, die aber oft trotzdem gut gefunden werden, weil sie halt vom Lieblingspianisten stammen, der einen so schönen Ton hat.
Die sind dann halt gut in Hinsicht auf den goldenen Ton (um Rubinstein als Beispiel heranzuziehen)
Musik ist für die Aufführung gedacht und nicht für den Kopf allein.
Das ist definitiv nicht verallgemeinerbar: etliche Musik ist nachweislich zum Lesen geschrieben worden. Aber selbst wenn sie für den Kopf geschrieben sein sollten, so heißt das nicht, dass sie nicht auch aufgeführt und für die Sinne tauglich sind.
Manche Musik ist sogar bloß zu Ehren Gottes geschrieben worden: beispielsweise einige Barockorgelmusik: die ist so dicht und komplex, dass sie in der Kirchenakkustik gar nicht deutlich vom menschlichen Ohr durchdringend gehört werden kann! Gott hingegen hört alles. (Genauso sind viele der schönsten Firguren in gotischen Kirchen vom menschlichen Auge unsichtbar angebracht - eben für Gott allein.)
satie (06.06.2006, 13:36): Original von ab
Musik ist für die Aufführung gedacht und nicht für den Kopf allein.
Das ist definitiv nicht verallgemeinerbar: etliche Musik ist nachweislich zum Lesen geschrieben worden. Aber selbst wenn sie für den Kopf geschrieben sein sollten, so heißt das nicht, dass sie nicht auch aufgeführt und für die Sinne tauglich sind.
Manche Musik ist sogar bloß zu Ehren Gottes geschrieben worden: beispielsweise einige Barockorgelmusik: die ist so dicht und komplex, dass sie in der Kirchenakkustik gar nicht deutlich vom menschlichen Ohr durchdringend gehört werden kann! Gott hingegen hört alles. (Genauso sind viele der schönsten Firguren in gotischen Kirchen vom menschlichen Auge unsichtbar angebracht - eben für Gott allein.)
Lieber ab, selbst wenn die Musik zur Ehre Gottes geschrieben wurde, so ist es doch Musik, die gespielt und (sei es auch von einem höheren Etwas) gehört werden soll. Ich kenne keine Musik, die nicht zum Aufführen gedacht ist, sei sie noch so verschroben, und aufführen bedeutet doch einfach hörbar machen. Oder wie unterscheidest Du da? Dass sie eventuell darüber hinausgehende Ziele verfolgt ist damit ja nicht in Frage gestellt. Musik nur zum lesen kenne ich nicht. Du sagst, es gebe sie. Hier hätte ich gerne einige Beispiele!
Herzlichst Satie
martin (06.06.2006, 14:49):
Was der Komponist "meint" bleibt in aller Regel Geheimnis des Komponisten. authentische (ab)] Interpretation ist ein Mutmaßen, was der Komponist gemeint haben könnte.
Da hast Du recht! Wenn daher Martin schreibt:
Eine gute Interpretation zeigt Dinge wie sie vom Komponisten gemeint sind ( und sei es auch in einem so ganz banalen Sinne wie: Das ist eine Rückführung zur Reprise, aber das muß man nicht wissen, wichtig ist nur daß alles für einen einen Sinn macht). Eine gute Interpretation hat sich eingehend mit dem Werk beschäftigt, weiß warum gewisse musikalische Ereignisse eintreten ( oder vermag zumindesten in diesen Ereignissen einen Sinn zu erkennen) und kann daher ihren Sinn deutlich machen.
so verstehe ich das "wie vom Komponisten gemeint" nicht im Sinne, was der Komponist zum Zeitpunkt des Komponierens gedacht und sich vorgestellt hat, sondern in dem Sinne, was in dem, wie uns die Komposition zugänglich ist (nämlich durch den Notentext), herauszulesen sein mag. Der Sinn (was auch immer darunter genau zu verstehen ist) erschließt sich aus dem geschaffenen, dem Werk, nicht aber aus den Intentionen, den Vorstellungen.
Also mit dem Meinen meine ich selbstverständlich nicht, was ein Komponist sich für Vorstellungen gemacht hat. Wir wissen meinetwegen, daß Mahlers 7. wohl ein Programm zugrunde lag, diese außermusikalischen Ideen hat uns Mahler nicht mitgeteilt, aber brauchen wir sie, um das Werk gut zu interpretieren?
Natürlich ist jede Interpretation immer auch ein bißchen spekulativ. Aber die musikalischen Intentionen eines Werks aufzuspüren, ist etwas, was ich nicht unter dem Begriff "Mutmaßen" subsummieren würde, den Satie gebraucht hat. Wenn Scherlock Holmes in einem Mordfall drei Indizien hat, daß der Gärtner doch der Mörder ist, dann kann er das mutmaßen.
Interpretieren ist nun wirklich doch schon etwas anderes, sie ist eine lebendige Einfühlung in das Werk. Und selbstverständlich kann ich den Sinn eines Werkes auch verfehlen, etwa indem ich ein Stück, für das 5 Minuten gedacht waren ( ohne daß etwa Metronomangaben vorliegen) in 20 Minuten spiele. Für solche Sinnverfehlungen gibt es sicher meistens keinen gewissermaßen naturwissenschaftlichen Beweis, aber sehr wohl das eigene Gefühl.
Aber vermutlich mache ich jetzt wieder den Fehler, den ich schon bei ab gemacht habe, die Aussage von Satie hier falsch zu interpretieren. Satie hat selbstverständlich recht, die exakten Intentionen eines Komponisten können wir in der Regel tatsächlich nur mutmaßen. Aber deshalb muß eine Interpretation, die diese exakten Intentionen ( etwa aus Unwissenheit) verfehlt, doch noch nicht falsch sein, sie mag die Intentionen des Komponisten eben nur etwas anders interpretieren.
Und dann kann man sowieso fragen, ob denn der Komponist immer die geradezu göttliche Instanz in Interpretionsfragen ist. Oder ob die liebende Hingabe eines Interpreten an ein Werk nicht auch eine Instanz in Interpretationsfragen ist, die wir anerkennen müssen.
Gruß Martin Gruß Martin
ab (06.06.2006, 14:59): Original von Satie Musik nur zum lesen kenne ich nicht.
Ich sage nicht, dass es Kompositionen gäbe, die nur gelesen, nicht aber auch aufgeführt werden könnten. Was ich behauptet habe ich bloß, dass es Komponisten gibt, die ihre Kompositionen sehr wohl zum Lesen gedacht (intendiert) hatten und sie eigentlich gar nicht zur Aufführung bstimmt hatten. (Es gibt ja auch Kompositionen von Schülern, die bloß zur Benotung (Prüfung) komponiert werden.)
satie (06.06.2006, 15:03): Lieber Martin, wer sich selbst beklagt, dass seine Formulierungen stets auf die Goldwaage gelegt werden, sollte auch mal mit mir nachsichtig sein. Mutmaßen - das hatte für mich keine negative oder geringschätzende Konnotation. Darf ich bitte mal um eine nähere Definition Deines begriffes "Meinen" bitten? Ich habs immer noch nicht kapiert. Was für eine Meinung drückt der Komponist denn aus? Als Komponist könnte ich jetzt sagen: ich mein ja nur...
Danke Satie
satie (06.06.2006, 15:09): Original von ab Ich sage nicht, dass es Kompositionen gäbe, die nur gelesen, nicht aber auch aufgeführt werden könnten. Was ich behauptet habe ich bloß, dass es Komponisten gibt, die ihre Kompositionen sehr wohl zum Lesen gedacht (intendiert) hatten und sie eigentlich gar nicht zur Aufführung bstimmt hatten. (Es gibt ja auch Kompositionen von Schülern, die bloß zur Benotung (Prüfung) komponiert werden.)
Sprich: Du kennst also gar keine Beispiele? Übungen sollte man hier nicht anführen. Diese würden ja auch nicht primär der Benotung sondern dem Lernen dienen. Aber das sind ja dann nur Vorstudien. Absichtlich für die Schublade sind vielleicht einige späte Liszt-Stücke, allerdings dann doch nur, weil er meinte, da müsse mehr Zeit vergehen, bis sie aufgeführt werden können. Das heisst ja wieder nicht, dass die Aufführung nicht intendiert war. Also frage ich Dich nochmal: gibt es solche Stücke? Welche wären das?
Satie
martin (06.06.2006, 15:29): Lieber Satie,
Du warst ein bißchen schnell, hast mir leider nun auch nicht eine Viertelstunde Zeit gelassen, meinen Beitrag noch mal zu überarbeiten. :D Wie ich dort in meiner Überarbeitung schon schrieb, habe ich Dich wahrscheinlich sowieso mißverstanden. Tut mir leid, ich hätte meinen Beitrag vor dem Posten noch mal überarbeiten sollen. Ich lege gar nichts auf die Goldwaage. Tut mir aufrichtig leid, Dir dieses Gefühl gegeben zu haben.
Eine nähere Definition des Meinens ist ganz schön schwierig. Also wo es ziemlich klar ist, ist bei den Tempi. Da ist eine Phrase in einem Stück als luftige zierliche Phrase gemeint. Der Interpret spieltst feierlich getragen. Und das ganze Stück, daß eigentlich ein wunderbar leicht und graziös sein könnte, wirkt nun dröge und verschleppt. Der Interpret dagegen glaubt nicht daß er schleppt, er glaubt durch das Getragene dem Stück erst die wahre Wirkung zu verschaffen. Da kann man doch schon sagen: Eigentlich war das Stück ganz anders gemeint, oder nicht?
Gruß Martin
ab (06.06.2006, 16:41): Original von martin Und selbstverständlich kann ich den Sinn eines Werkes auch verfehlen, etwa indem ich ein Stück, für das 5 Minuten gedacht waren ( ohne daß etwa Metronomangaben vorliegen) in 20 Minuten spiele. Für solche Sinnverfehlungen gibt es sicher meistens keinen gewissermaßen naturwissenschaftlichen Beweis, aber sehr wohl das eigene Gefühl.
Ich denke, dass hier das gleiche zutrifft wie bei der Güte einer Interpretation: wir müssen die Hinsicht klar machen, innerhalb dessen sich der "Sinn" ergibt. Wer zB die Obertöne zum erklingen (erblühen) bringen möchte, der kann notwendigerweise nur ein hinreichend langsames Tempo nehmen. Wer höchste Dramatik erreichen will, hingegen, kann gar nicht eine gewisse Geschwindigkeit unterbieten.
Deswegen bin ich misstrauisch dem "eigenen Gefühl" gegenüber als Kriterium von Stimmigkeit: Wer zB nicht weiß oder erkennt, dass es darum geht, Obertöne zum Erklingen zu bringen, dem entgeht dieser Sinn und bewertet dann ganz falsch die Interpretation.
Und dann kann man sowieso fragen, ob denn der Komponist immer die geradezu göttliche Instanz in Interpretionsfragen ist. Oder ob die liebende Hingabe eines Interpreten an ein Werk nicht auch eine Instanz in Interpretationsfragen ist, die wir anerkennen müssen.
Eben! Wenn wir den Interpreten ihr Recht zugestehen, dann kann die Interpretation einen ganz schlüssigen "Sinn" bekommen (der aber womöglich nichts mit dem intendierten Sinn des Komponisten zu tun haben mag).
satie (06.06.2006, 20:21): Original von ab Wer zB die Obertöne zum erklingen (erblühen) bringen möchte, der kann notwendigerweise nur ein hinreichend langsames Tempo nehmen. Wer höchste Dramatik erreichen will, hingegen, kann gar nicht eine gewisse Geschwindigkeit unterbieten.
Deswegen bin ich misstrauisch dem "eigenen Gefühl" gegenüber als Kriterium von Stimmigkeit: Wer zB nicht weiß oder erkennt, dass es darum geht, Obertöne zum Erklingen zu bringen, dem entgeht dieser Sinn und bewertet dann ganz falsch die Interpretation.
Und dann kann man sowieso fragen, ob denn der Komponist immer die geradezu göttliche Instanz in Interpretionsfragen ist. Oder ob die liebende Hingabe eines Interpreten an ein Werk nicht auch eine Instanz in Interpretationsfragen ist, die wir anerkennen müssen.
Eben! Wenn wir den Interpreten ihr Recht zugestehen, dann kann die Interpretation einen ganz schlüssigen "Sinn" bekommen (der aber womöglich nichts mit dem intendierten Sinn des Komponisten zu tun haben mag).
Die Obertöne erblühen zu lassen wäre aber als kategorisch falsch zu bezeichnen bei einem Presto-Satz von Haydn oder Mozart, nicht wahr? Also hier finde ich schon, dass das Recht dann beim Komponisten liegt. Ich bin entschieden der Meinung, dass die Partitur zunächst auch genau befolgt werden muss. Die Kunst der Interpretation liegt meiner Meinung nach darin, aus dem was übrig bleibt etwas eigenes zu machen und nicht aus dem gesamten Werk. Bisher haben wir nur extreme Beispiele gebracht, die in der Praxis sehr selten vorkommen. Aber es gibt definitiv die Unsitte der Überinterpretation, die besonders dann störend wird, wenn sie schematisch angewandt wird (ich gebe hier als Beispiel Cyprien Katsaris, der auch noch im einfachsten Satz immer irgendwelche Melodiechen herausholen muss aus einer Füllstimme. Hier gaukelt der Interpret dem Hörer das analytische Spiel vor, obwohl es überhaupt keines ist...). Bei den Tempi etwa ist es spannend, wie weit die Grenzen sein können. Bei der Dynamik ist dieser Spielraum geringer (bei Barockmusik ist es anders). Die Freiheiten des Interpreten machen meiner Ansicht nach keinen Sinn mehr, wenn sie etwa dazu dienen, in einer Fuge alle Kontrapunktik total untergehen zu lassen. Das wäre grundsätzlich an der Fuge vorbeigegangen. Da stellt sich mir nicht die Frage, ob der Interpret eine andere Idee hatte. Dann soll er lieber improvisieren oder selber schreiben. Ich persönlich gebe Martin insofern Recht, als ich auch denke, eine farblose, aber recht genaue Ausführung einer Partitur ist immerhin das, und kein verwegenes Experiment, welches das Stück bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Aber ich muss es nochmals betonen: das sind alles völlig übertriebene Beispiele. Eigentlich müssten wir eine Komposition nehmen und einige Referenzinterpretationen vergleichen. Dann kann man diskutieren, in welche Richtung die Interpretationen gehen und was man beim Werk eigentlich streng beachten muss, was nicht. Ein schönes Beispiel wären etwa Aufnahmen der g-moll-Fuge aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers. Da hätten wir Unmengen Gesprächsstoff!
Satie
Gamaheh (06.06.2006, 21:18): Ein wirklich interessantes Thema!
Zunächst möchte ich nur mal zwei Fragen stellen, die ich ohnehin irgendwann gestellt hätte:
Nach welchen Kriterien beurteilt Ihr eine Interpretation? Oder: Gibt es für Euch bestimmte Kriterien, nach denen Ihr eine Interpretation beurteilt - wenn ja, welche?
Was heißt für Euch "verstehen"? Einige haben schon dazu geschrieben. Ich denke im Moment daran, daß eine Freundin, die normalerweise nicht in Konzerte geht, nach einem Konzertbesuch sagte: "Zuerst gab es etwas Modernes, das lag uns nicht so. Dann Mozart, den haben wir dann verstanden." Ich z.B. habe Mozart nur in seltenen Ausnahmen zu "verstehen" geglaubt. Ein Freund sagte mir vor etlichen Jahren, ich sei noch nicht alt genug, um Mozart zu verstehen - ich bin es offenbar immer noch nicht. Ich erzähle das lediglich, um zu demonstrieren, daß man offenbar diverse Dinge meinen kann, wenn man von "verstehen" spricht. Muß man musiktheoretische Kenntnisse haben, um Musik zu verstehen? Da ich die nicht habe, ist mir ein Verständnis egal welcher Musik von vornherein verschlossen?
Grüße, Gamaheh
ab (06.06.2006, 21:20): Original von Satie Die Obertöne erblühen zu lassen wäre aber als kategorisch falsch zu bezeichnen bei einem Presto-Satz von Haydn oder Mozart, nicht wahr? Also hier finde ich schon, dass das Recht dann beim Komponisten liegt. Ich bin entschieden der Meinung, dass die Partitur zunächst auch genau befolgt werden muss. Die Kunst der Interpretation liegt meiner Meinung nach darin, aus dem was übrig bleibt etwas eigenes zu machen und nicht aus dem gesamten Werk.
So kategorisch sehe ich das nicht. Denn was "Presto" heißt, ergibt sich zum einen aus dem Kontext, oder wie ich vorhin gesagt habe: aus der Hinsicht; und zum anderen aus den Verhältnissen zu den Geschwindigkeitsbezeichnungen der anderen Sätze. Wenn ich Obertöne zum Kingen bringen will, dann kann notwendigerweise "Presto" nur etwas bedeuten, was bei Weitem nicht das ist, was heute zB in de Alten-Musik-Branche atemlos gerast wird.
Was das genaue Partiturbefolgen betrifft, so denke ich, dass das Werk bestimmt ist durch die bekannten innermusikalischen Symbole (Notenzeichen, Pausenzeichen, Dynamikzeichen etc.); dem entgegen sehe ich solche Überschriften wie "Mit größter Innerlichkeit zu spielen" als Interpretationshinweise oder -wünsche an. (Ich denke, dass es gute Gründe dafür gibt, solche Interpretationshinweise für "bloße" Vorschläge zu halten, die nicht wesentlich das Werk ausmachen.)
Aber da scheinen wir unterschiedlicher Auffassung zu sein.
Pointiert lässt sich der Unterscheid wohl so beschreiben: Das, was Du hier vertritts, ist für mich eine Frage danach, was eine authentische Interpretation ist. Das, was ich hier vertreten, ist für Dich eine Frage danach, ob das zu Hörende überhaupt eine Interpretation des Werks ist. Ich bin da konzilianter in meiner Ansicht, Du hingegen strenger. Deiner Auffassung zufolge scheint es nur irrtümlich oft, als ob ein Werk interpretiert würde; bei mir hingegen sind es zweifellos Interpretationen, nur halt keine authentischen. Oder, um Dein Beispiel herzunehmen: Gulda spiele gar nicht einen Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier, sondern gäbe nur irrtümlich vor, dies zu tun, wobei er tatsächlich bloß etwas phantasiere, was an etlichen Stellen ähnlich der Bachschen Komposition ist.
Rachmaninov (06.06.2006, 21:26): Hallo,
bevor ich hier "richtig" einsteige eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
(oder so ähnlich, da ich aus dem Kopf zitiere)
Jack Bristow (06.06.2006, 21:55): Original von Rachmaninov Hallo,
bevor ich hier "richtig" einsteige eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
(oder so ähnlich, da ich aus dem Kopf zitiere)
Ich halte das für falsch. Was soll das Original sein??? Eine Partitur ist ein Bündel Papier mit Punkten und Strichen drauf. Musik ist eine Kunst, die aufgeführt werden muß. (Sollte es "Lesemusik" geben, ist das ein Grenzfall, der nicht festlegen kann, was als Regel gilt). Die Partitur ist es also nicht. Was der Komponist vor oder bei der Komposition im Kopf hatte, ist erstens für niemanden anders als ihn selbst erkennbar und zweitens gibt es genügend Beispiele dafür, dass Komponisten keinesg unfehlbare Klangvorstellungen haben, sondern nach den ersten Proben noch Korrekturen anbringen (Schumann, z.B., auch Mahler). Schließlich ist das Werk, wenn einmal fertig und veröffentlicht, unabhängig vom Komponisten, Werke müssen auf sich selbst gestellt bestehen können. Wenn die Partitur nicht das Original ist und auch nicht das, was der Komponist im Kopf hatte (sein "intentionales Objekt"), weiß ich nicht, was noch übrig bleibt. Also gibt es kein Original. Das Werk gibt es nur in allen seinen Aufführungen. Trotzdem kann es angemessene und weniger angemessene Interpretationen geben. Wie das? Wenn es kein Original gibt, woran wird die Angemessenheit festgestellt? Die Auflösung dieses Paradoxes bleibt dem Leser als Übungsaufgabe überlassen :D :D :D
viele Grüße
J. Bristow
ab (06.06.2006, 21:58): Original von Rachmaninov eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
Da hat er einerseits Recht, der Busoni: Das Original, also das Werk ist geistig zu erfassen, die Interpretation, die Aufführung, aber ist etwas, was sinnlich wahrgenommen, also gehört werden kann. Anderseits aber ist doch dies keine Verfälschung, sondern nur etwas anderes, oder?
Rachmaninov (07.06.2006, 18:29): Original von Jack Bristow
Ich halte das für falsch. Was soll das Original sein??? Eine Partitur ist ein Bündel Papier mit Punkten und Strichen drauf. Musik ist eine Kunst, die aufgeführt werden muß. (Sollte es "Lesemusik" geben, ist das ein Grenzfall, der nicht festlegen kann, was als Regel gilt). Die Partitur ist es also nicht.
Eben. Die Partitur kann ja auch nicht die volle Vorstellung und Intention des Komponisten wieder geben. Ebenso wie ein Buch!
Somit ist alles was daraus entsteht eine Interpretation!
Rachmaninov (07.06.2006, 18:30): Original von ab Original von Rachmaninov eine Aussage von F. Busoni: "Jeder Interpretation ist bereits eine Verfälschug des Originals!"
Da hat er einerseits Recht, der Busoni: Das Original, also das Werk ist geistig zu erfassen, die Interpretation, die Aufführung, aber ist etwas, was sinnlich wahrgenommen, also gehört werden kann. Anderseits aber ist doch dies keine Verfälschung, sondern nur etwas anderes, oder?
Ja, etwas anderes. Aber dennoch eine Interpretation letztendlich
satie (07.06.2006, 18:59): Allerdings: kann man denn geistig und sinnlich wirklich so sehr trennen?
ab (07.06.2006, 20:19): Original von Satie Allerdings: kann man denn geistig und sinnlich wirklich so sehr trennen?
Trennen kann man es natürlich nicht, aber wenn wir darüber nachdenken, können wir es exakt gedanklich unterscheiden.
satie (07.06.2006, 21:54): Aber was ist denn der Unterschied zwischen Trennen und Unterscheiden? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, sagst Du, das Werk sei geistig zu erfassen. Hättest Du geschrieben: die Partitur, dann hätte ich voll zugestimmt. Beim Werk ist aber doch die Frage, ob es das gibt, bzw. ob das Werk nicht erst Werk ist mit der Interpretation, sprich wenn es hörbar ist. Ja, Du sagtest, es gebe Werke, die nur zum Lesen geschrieben worden seien. Die Beispiele fehlen noch, aber gut. Jedenfalls werden das nicht die meisten Werke sein. Aber warum soll das Werk, wenn es nur inklusive Interpretation ein solches ist, dann nicht ebenfalls sinnlich erfahrbar sein? Oder anders herum: warum soll die Interpretation nur sinnlich erfahrbar sein? Sie könnte doch genauso geistig erfassbar sein. Das ist zumindest das, was Adorno vom idealen Hörer gerne gehabt hätte: das hörende Verstehen der Zusammenhänge. Sinnlichkeit steht da nicht so weit oben auf der Liste - es sei denn, sie wäre mit dem geistigen verbunden. Und ist es nicht genau das, was einen guten Interpreten ausmacht: Herz, Hand und Hirn (Zitatquelle ist mir grad entfallen...)?
martin (07.06.2006, 21:58): Original von fohlenfanatiker Hallo Martin und alle anderen, die Frage nach den Interpretationen und Interpreten ist schon deshalb wichtig, damit wir im Forum genug Diskussionsstoff haben. Worüber sollten wir sonst so energisch diskutieren?? :D :D :D
Das sehe ich nicht so. Als Klassikliebhaber interessiert mich selbstverständlich die Diskussion um Interpretation. Ich will selbstverständlich eine Interpretation haben, die mir ein Werk auch erschließt.
Aber ich denke etwa, daß die Diskussion über Musik und nicht über die Interpretation dieser Musik, ebenso viel Gesprächsstoff her gibt. Also ich habe einen Freund und einen guten Bekannten, die ausgeprägte Klassikliebhaber sind. Selbstverständlich diskutieren wir auch über Interpretationen. Aber in erster Linie doch schon über Musik! Also etwa derart: Hör Dir doch mal die Nielsensinfonien an, echt guter Stoff! Oder auch: Das Mozartrequiem mag zwar recht berühmt sein, aber ich kann dem nichts abgewinnen.
Vor kurzem etwa ein Gespräch über Telemann. Ich kannte da mal eine CD von Naxos, hoch gelobt, aber ich konnte dem nichts abgewinnen. Aber mein guter Bekannter meinte: Den Telemann finde ich gut. Ja, der hat viel geschrieben, aber wenn Du das hoch rechnest, der Schubert und Mozart haben auch nicht weniger geschrieben, sind nur nicht so alt geworden.
Abgesehen von allgemeinen Diskussionen, die ich auch wichtig finde, kommt mir diese Diskussion in diesem Forum halt oft entschieden zu kurz. Ich frage mich, warum das so ist? Hat man Angst, sich zu blamieren? So nach dem Motto, ganz plump gesagt, an den Interpreten traue ich mich ran, an den großen Komponisten wie Beethoven, Brahms, Schostakowitsch meinetwegen, die wie in Stein gehauen da stehen, nicht? Aber wieso? Erstens sind Komponisten keine Denkmäler, zweitens, wenn man anspruchsvolle Musik falsch einschätzt, hat man sich da eigentlich blamiert? Oberflächlich ja, aber eigentlich doch eher weniger, gerade bei anspruchsvoller Musik ist es umso verzeihlicher, daß man sich auch mal verschätzt.
Wiegesagt: Ich finde ein Klassikforum wunderbar als Verbreiterung der Diskussionen, die ich ansonsten mit meinen Freunden und Bekannten führe. Nur ist es meine Erfahrung, daß Foren oft mir zu einseitig auf Interpretationsvergleiche zu laufen. Und das ist ganz und gar nicht meine Erfahrung in der Diskussion mit den Klassikfreaks, mit denen ich diskutiere, wo man sich doch in Wahrheit viel öfter über Musik unterhält ( "hör Dir mal Dvoraks Klavierkonzert an. Gar nicht schlecht"). Aber vielleicht ist die Lockerheit eines persönlichen Gesprächs über diese Dinge in einem Forum sowieso nicht zu reproduzieren.
Oder wie redet ihr über klassische Musik im Gespräch mit Freunden, die Eure Leidenschaft für klassische Musik teilen?
Gruß Martin
Jack Bristow (07.06.2006, 23:33): Original von Satie Aber was ist denn der Unterschied zwischen Trennen und Unterscheiden? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, sagst Du, das Werk sei geistig zu erfassen. Hättest Du geschrieben: die Partitur, dann hätte ich voll zugestimmt. Beim Werk ist aber doch die Frage, ob es das gibt, bzw. ob das Werk nicht erst Werk ist mit der Interpretation, sprich wenn es hörbar ist. Ja, Du sagtest, es gebe Werke, die nur zum Lesen geschrieben worden seien. Die Beispiele fehlen noch, aber gut. Jedenfalls werden das nicht die meisten Werke sein. Aber warum soll das Werk, wenn es nur inklusive Interpretation ein solches ist, dann nicht ebenfalls sinnlich erfahrbar sein? Oder anders herum: warum soll die Interpretation nur sinnlich erfahrbar sein? Sie könnte doch genauso geistig erfassbar sein. Das ist zumindest das, was Adorno vom idealen Hörer gerne gehabt hätte: das hörende Verstehen der Zusammenhänge. Sinnlichkeit steht da nicht so weit oben auf der Liste - es sei denn, sie wäre mit dem geistigen verbunden.
Das hörende Verstehen ist m.E. klarerweise auch sinnlich. Ich weiß nicht, was rein geistiges Erfassen sein soll. Meiner Meinung nach können wir Menschen (als "Sinnenwesen") nur sehr wenig geistig erfassen, vielleicht ein paar elementare Sätze der Logik und Mathematik. Alles andere hat empirische und sinnliche Anteile. Selbst ein Werk, das zum Lesen und Studieren geschrieben wurde, wie vielleicht die Kunst der Fuge setzt beim Hörer voraus, dass er weiß, wie das klingen würde. (Er nutzt also seine Vorstellungskraft und die ist sowohl bei Kant als auch wohl aus moderner psychologischer Perspektive nichts rein Geistiges) Die gesamte Harmonielehre wurzelt u.a. (es gibt natürlich konventionelle Anteile) im sinnlichen Eindruck, den bestimmte Zusammenklänge hervorrufen. Solche Leswerke kann es also immer nur "parasitär" innerhalb einer funktionierenden Musizierpraxis geben. Ein Werk nur als Partitur ist ein Schatten, wirklich wird es erst in der klanglichen Realisierung. Es mag Partiturleser geben, die sie mittels ihre Phantasie im Kopf erklingen lassen, das ist dann wohl so ähnlich wie wenn ich eine einzeln Melodie "innerlich singe", also auch eine Art von Erklingen, nichts rein geistiges, wenn ich erfasse, dass 7+5 = 3x4 ist.
viele Grüße
J. Bristow
martin (08.06.2006, 00:43): Die Diskussionen über Geistigkeit und Sinnlichkeit der Musik verlieren sich immer weiter in den Sphären der Abstraktionen. All das ist höchst abstrakt, auch ein Begriff wie Sinnlichkeit, ist - obwohl er es selbst in die "niederen" Sphären der Erotik geschafft hat - an sich höchst abstrakt. Denn ich weiß auch nicht genau, was es eigentlich bedeuten soll, Musik sinnlich wahr zu nehmen. Ja, ich weiß, ich nehme Musik über die Sinne wahr. Das ist banal, das ist die Klippschule "wissenschaftlicher" Betrachtungsweise.
"Geistigkeit", "Sinnlichkeit": Das sind eigentlich nur Bilder. Da es nur Bilder sind, darf man gerne vom "rein geistigen" oder "rein sinnlichen" plaudern, sollte aber nicht vergessen, daß wir die "echte, unverfälschte" Wirklichkeit der Musik doch nicht wieder geben können. Sie entzieht sich letzlich solchen plumpen Bildern wie den vom "Geistigen" oder "Sinnlichen".
Ob wir hier vielleicht noch mal zum Thema zurückfinden?
Gruß Martin
Rachmaninov (08.06.2006, 08:21): So, jetzt von mir meine Meinung zu ursprünglichen Fragestellung:“Wie wichtig ist eine Interpretation für ein Werk?“ Für mich ist die Interpretation letztendlich das „Salz in der Suppe“! Natürlich entscheidet im Wesentlichen die Musik an sich darüber ob mir ein Werk zunächst einmal gefällt. Aber ein sehr interessanter und entscheidender Aspekt ist für mich dabei, neben anderen wichtigen „Kriterien“, die Interpretation. Sie macht den Unterschied zwischen Gefallen und Begeistern für mich aus. Für mich ist es immer wieder faszinierend wie unterschiedlich Werke gedeutet werden (können?) und welche teilweise unterschiedlichen Ergebnisse die zur folge hat.
Aus diesem Grund besitze ich auch von sehr vielen Werken (wie z.B. Rachmaninov Klavierkonzert #2) unzählige Aufnahmen. Mich begeistert einfach die Suche nach der, für mich, ultimativen Aufnahme. Aber auch die Möglichkeit ein Werk immer wieder durch verschiedene Interpretationen „neu“ zu entdecken bzw. zu erfahren.
Seltsamerweise gibt es Werke beiden viele Interpretationen mir gefallen und andere, wo ich auch noch Hören zahlreicher Aufnahmen lediglich eine als „sehr gut“ ansehe.
AcomA (08.06.2006, 09:04): hallo,
selbstverständlich ist eine interpretation wichtig für das werk ! ansonsten wäre geschrieben musik lediglich etwas für mathematiker und strukturanalytiker. erst das zum klingen bringen, macht es für jedermann hörbar.
der interpret hat mehrere möglichkeiten des zuganges:
- exaktes ausführen aller autorenhinweise
- weitestgehende ausführung des notentextes
- völliges nichtbeachten der vorschriften
desto weniger die vorschriften beachtet werden, desto mehr fließt 'neues' bzw. an persönlicher note des interpreten ein. ich zumindest höre auch schon mal gerne interpreten, denen vorgeworfen wird, 'sich selbst zu interpretieren, wie z.b. ivo pogorelich ! und wenn man genau verfolgt, dann stellt man überrascht fest, dass pogorelich sogar ziemlich exakt am notentext agierte, wie z.b. in beethovens letzter klaviersonate.
dann kommt ja noch das problem des urtextes hinzu, was ist eigentlich das original, wo ist der autograph !?
zur interpretation gehört auch instrumentelle beherrschung. die fähigkeiten und die interpretation können über den erfolg einer komposition entscheiden !
zeitströmungen und gesellschaftliche normen entscheiden ebenfalls über die art des vortrages. heutzutage wird authentizität gefordert beim spielen 'klassischer' musik. vielleicht wird es irgendwann einmal folgendes geben: der interpret spielt die exposition eines sonatensatzes und 'improvisiert' die durchführung ! was hält ihr davon ?(
gruß, siamak :)
satie (08.06.2006, 11:48): Original von AcomA
zeitströmungen und gesellschaftliche normen entscheiden ebenfalls über die art des vortrages. heutzutage wird authentizität gefordert beim spielen 'klassischer' musik. vielleicht wird es irgendwann einmal folgendes geben: der interpret spielt die exposition eines sonatensatzes und 'improvisiert' die durchführung ! was hält ihr davon ?(
gruß, siamak :)
Also wenn die Interpreten eines Tages dazu in der Lage sein sollten, habe ich nichts dagegen! Aber im Grunde hat man früher viel mehr improvisiert. Die Heiligkeit des Notentextes ist etwas ziemlich junges. Liszt etwa hat Chopins Walzer und Mazurken mit sehr vielen Verzierungen und Variationen gespielt (das ist brieflich festgehalten). Mozart hat sein Rondo alla turca bei jeder Wiederholung improvisatorisch umgestaltet. Die Kadenzen in Klavierkonzerten wurden teilweise improvisiert, teilweise musste der Interpret die Kadenz selber aufschreiben. Es wäre also wirklich authentisch, würde man heute ebenso verfahren. Heute haben wir allerdings enorme Skrupel davor, in den Notentext einzugreifen. Früher war es jedoch klar, dass Dinge, die sich wiederholen zwar zweimal gleich notiert werden, von einem Solisten aber nicht zweimal identisch zu spielen sind. Bei Ensemblespiel ist das natürlich etwas anderes. Eine Durchführung zu improvisieren wäre eine hohe Kunst, aber es ist machbar (es wäre im Grunde ähnlich wie die Kadenz im Solokonzert, nur mit dem Zwang, thematisch sehr streng vorzugehen). Da es auch Leute gab und gibt, die Fugen improvisieren können, wäre es möglich. Es gibt auch Pianisten, die Improvisationen zwischen die Stücke setzen, um die Stücke zu verbinden. Auch das kann interessant sein. Wenig interessant sind für mich die Sachen, die ein Nigel Kennedy mit Vivaldis Quattro Stagioni macht. Das ist einfach nur irgendwas von den Stücken meilenweit entferntes, was dann irgendwie zur Lightshow passen muss. Aber wenn es ernsthaft gelingt, aus dem Werk heraus zu improvisieren und damit etwas schlüssiges zu machen, finde ich es absolut toll.
ab (08.06.2006, 21:53): Aber was ist denn der Unterschied zwischen Trennen und Unterscheiden?
Jeder Tisch hat eine bestimmte Form und Farbe. Diese Form und diese Farbe kann man aber nicht vom Tisch wegnehmen, nicht von ihm trennen. Die sind immer miteinander verbunden. Aber gedanklich kann ich dies sehr wohl unterscheiden. Wenn ich nun Musik höre, dann läuft da sehr viel bei mir ab, manches gleichzeitig: Gedanken schwirren herum, Hintergedanken treten auf, anderes hintereinandner: ich merke, dass eine bestimmte Körperregung in mir abläuft, dass bestimmte Gefühle erweckt werden , dass die Musik todtraurig erklingt; manchmal bin ich auch so in der Konzentration auf das Erklingende versunken, dass ich erst hinterher mir bewusst werden, das ich in diesem Konzentrationszustand war, etc. Alle diese Dinge laufen ab, ohne dass ich die meisten davon ändern oder beherrschen könnte: sie sind untrennbar miteinander verbunden. Dennoch hat vieles nichts mit der Musik um ihrer selbst Willen zu tun. Und sofern es mir darum geht, (zuhause/hinterher/bei Muse) darüber nachzudenken, was ein Erlebnis der Musik selbst um ihrer selbst Willen ausmacht, dann muss ich von jenen der untrennbar verbundenen Aspekte absehen, die dazu unwesentliche oder externe sind.
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, sagst Du, das Werk sei geistig zu erfassen. Hättest Du geschrieben: die Partitur, dann hätte ich voll zugestimmt. Beim Werk ist aber doch die Frage, ob es das gibt, bzw. ob das Werk nicht erst Werk ist mit der Interpretation, sprich wenn es hörbar ist.
Das Werk kann deswegen nicht erste das „Werk mit der Interpretation“ sein, weil das Werk vom Komponisten zu einer bestimmten Zeit fertig gestellt worden ist und damit seit dieser Zeit komplett und als ganzes vorliegt. Jede Interpretation findet aber erst zu einer späteren Zeit statt und damit würde das Werk erst später zu existieren anfangen nachdem der Komponist bereits tot ist: Wie könnte aber jemand bereits Totes ein Werk schaffen?] und überdies nicht nur vom Komponisten stammen (was richtig ist), sondern auch vom Interpreten (der ja nur ein Ausführender ist). Nicht zuletzt würde dann das Werk gestückelt in der Zeit als auch gestückelt an ganz verschiedenen Orten (nämlich an den Aufführungsorten und in jedem Wohnzimmer durch die Boxen) existieren – also gerade nie „komplett und als ganzes“ vorliegen, weil es immer zu einer noch späteren, zukünftigen Zeit aufgeführt werden können wird. Und das scheint doch absurd, oder?
Außerdem kann die Partitur nicht das Werk sein, denn wenn die Partitur, beispielsweise durch Verbrennen, zerstört wird, wird (gewöhnlich) damit nicht auch das Werk zerstört.
Warum soll die Interpretation nur sinnlich erfahrbar sein? Sie könnte doch genauso geistig erfassbar sein. Das ist zumindest das, was Adorno vom idealen Hörer gerne gehabt hätte: das hörende Verstehen der Zusammenhänge. Sinnlichkeit steht da nicht so weit oben auf der Liste - es sei denn, sie wäre mit dem geistigen verbunden.
Ich behaupte auch nicht, dass die Interpretation nur sinnlich erfahrbar wäre, sondern ungekehrt bloß, dass das jeder Interpretation zugrunde liegende Werk bloß geistig erfasst werden könne. Das Werk ist sozusagen so etwas wie die Idee von einer Musik, die aufgeführt erklingen (oder im Geiste durch Imagination vorgestellt werden) kann.
Dafür behaupte ich, dass es neben dem „hörenden Verstehen der Zusammenhänge“ auch ein Erleben von Musik gehen, dem es um die sinnliche Wirklung geht, anstatt um das geistige, bewusste Erfassen von (dem, was man technokratisch) Propositionen (nennt).
Denke an den Unterschied, im Urlaub an einem warmen Strand zu sitzen und in das erhabene Naturschauspiel des Sonnenuntergangs versunken zu sein. Plötzlich reißt es Dich aus der Versunkenheit durch den Gedanken, der Dir (wie man so sagt) durch den Kopf schießt: "Ah, wie ist das schön!" Zuerst war man in einem gedankenfreien Erlebniszusatnad, danach in einem sprachlich vermittelten Zustand. Nicht weniger erleben den Übergang vom ersten in den zweiten Zusatand als einen Erlebnisverlust - aber gleichgültig, wie man es auch bewerten mag, Tatsach ist, dass wir uns dabei in zwei völlig verschiedenen Zuständen befinden. Oder? Solche Unterschiede können wir uns auch bei Musikerlebnissen verdeutlichen.
Wir haben in den Wissenschaften und der Philosophie seit Anbeginn der abendländischen Geschichte eine intellekt-zentrierten Kunstauffassung , die fast durchwegs die sinnlichen und emotionalen Komponenten zumindest mies macht, wenn nicht gar deren Existenz leugnet.
satie (08.06.2006, 22:20): Lieber ab,
ich erzittere vor Deiner Wortgewalt! Eigentlich wollte ich nur ein wenig relativieren... aber ich möchte Dir hier keine Blasen an den Fingern zumuten! Es ist auch eigentlich nicht so wichtig, denn Dein Beitrag bringt hier nicht das geringste Licht in die Diskussion (meine auch nicht). Also lassen wir das doch einfach ruhen. Ist denn nun für Dich persönlich, jenseits aller denkbaren Möglichkeiten, die Interpretation generell wichtig oder nicht? Du fragst ja nicht selten nach Empfehlungen für bestimmte Aufnahmen, daher suchst Du wohl nach einer guten, allerdings scheinst Du Dich da gerne beraten zu lassen. Gibt es da eine Erklärung?
Herzlichst (erzlischsd) Satie
P.S.: Ich finde das mit den eckigen und runden Klammern ganz phänomenal! Doppelte Verschachtelung! Welch schönes Bild. Und: man hat beim Lesen länger was davon!
ab (09.06.2006, 16:32): Original von Satie ich erzittere vor Deiner Wortgewalt!
Ist denn nun für Dich persönlich, jenseits aller denkbaren Möglichkeiten, die Interpretation generell wichtig oder nicht?
Lieber Satie,
Ich kann nur hoffen, dass dies "erzittern" nicht wörtlich, sondern nur im Sinne einer Redensart von Dir gemeint ist! Ich will ja nichts und niemanden Gewalt antun, sondern ganz im Gegenteil der Sache angemessen begegnen.
Was meine Ansicht zu Interpretationen betrifft, so habe ich sie bereits in meinem ersten Beitrag, inzwischen ziemlich weit oben oben, kundgetan. Ich wiederhole also:
"Geht es darum, die Musik zu erleben, dann hängt alles von der Interpretation ab. Jede Interpretation ist in ihren feinen Unterschieden einzigartig und bietet einen ganz anderen ästhetischen Genuss als jede andere." Und ich füge noch explizit hinzu, was ich damit implizit als selbstverständlich vorausgesetzt und daher nicht erwähnt habe: Mir geht es (häufig) gerade um das Erleben von Musik! Das bereichert mein Leben ungemein.
Rachmaninov (24.09.2007, 20:45): Original von Rachmaninov So, jetzt von mir meine Meinung zu ursprünglichen Fragestellung:“Wie wichtig ist eine Interpretation für ein Werk?“ Für mich ist die Interpretation letztendlich das „Salz in der Suppe“! Natürlich entscheidet im Wesentlichen die Musik an sich darüber ob mir ein Werk zunächst einmal gefällt. Aber ein sehr interessanter und entscheidender Aspekt ist für mich dabei, neben anderen wichtigen „Kriterien“, die Interpretation. Sie macht den Unterschied zwischen Gefallen und Begeistern für mich aus. Für mich ist es immer wieder faszinierend wie unterschiedlich Werke gedeutet werden (können?) und welche teilweise unterschiedlichen Ergebnisse die zur folge hat.
Aus diesem Grund besitze ich auch von sehr vielen Werken (wie z.B. Rachmaninov Klavierkonzert #2) unzählige Aufnahmen. Mich begeistert einfach die Suche nach der, für mich, ultimativen Aufnahme. Aber auch die Möglichkeit ein Werk immer wieder durch verschiedene Interpretationen „neu“ zu entdecken bzw. zu erfahren.
Seltsamerweise gibt es Werke beiden viele Interpretationen mir gefallen und andere, wo ich auch noch Hören zahlreicher Aufnahmen lediglich eine als „sehr gut“ ansehe.
Heute bestätigte sich diese, meine eigene Ansicht von vor einiger Zeit, erneut! Schostakowitsch 4. Sinfonie hatte ich bisher in verschiedenen Aufnahmen gehört. Heute beim Hören der Sinfonie in der Aufnahme mit Järvi zeigt sich die Aufnahme, vor allem die Sätze 2-4, in einem ganz anderen Licht, in einer anderen Gestallt. Faszination "Interpretation"! :wink
Rachmaninov (28.11.2007, 16:14):
Mahler behauptete sogar, dass man "das Wichtigste nicht aufschreiben kann"... M.Pollini im Interview Piano News 2-02
Stellt sich die dann doch die Frage:"Geht es überhaupt gänzlich ohne Interpretation?"
Leif Erikson (10.06.2008, 21:40): Hallo ab,
wie von Satie vorgesehen möchte ich unsere Diskussion über Interpretationsfreiheit hier fortsetzen, hoffentlich findest Du die Fortsetzung.
Ich frage mich wie ein einzelner Musiker, ein Kammermusikensemble oder ein Dirigent vorgeht, wenn er seine Interpretation erarbeitet. Meinst Du nicht, daß er sich fragt, wie das Werk gemeint ist? Schon dann müßten sich die Interpretationen um einen - imaginären - Standard zentrieren. Im Probenverlauf werden dann sagen wir 10000 Entscheidungen getroffen, die im Idealfall alle nach bestem Wissen und Gewissen getroffen werden, also nach (vermeintlicher) Werktreue. (Nicht anerkennen würde ich Entscheidungen wie "von dem Stück gibt es schon 10 langsame Versionen, wir machen jetzt eine schnelle" oder "wir können es schneller als xy, also machen wir es schneller" lezteres ist fast ein Zitat von Goebel). Mir ist auch nicht klar, welche Freiheiten noch verbleiben, wenn in einer Partitur Tempo (Metronom und Tempobezeichnung), Agogik, Besetzung und natürlich die Notenwerte selbst vorgegeben sind. Vielleicht noch Rubato und Fermaten? Verzeih, wenn nun meine Wissenslücken offenbar werden.
Bei sehr verschiedenen Interpretationen habe ich allerdings oft das Gefühl, daß eine richtig danebenliegen dürfte.
Für mich ist vorstellungsmäßig eine Partitur ein (Interpretations-) Problem, welches richtig(er) oder falsch(er) gelöst werden kann. Natürlich würde ich die Definitionshoheit darüber lieber dem Komponisten als den Interpreten überlassen. Da ich alles, was unter bloßem Geschmack eingeordnet werden kann für nicht so gut diskutierbar halte, versuche ich immer Argumente zu finden. Z.B. finde ich die Brandenburgischen Konzerte von der Akademie für Alte Musik Berlin einfach zu schnell. Wenn ich sie mit der von I Barocchisti vergleiche, die eher noch schneller ist, stelle ich fest, daß I Barocchisti entspannter sind, weil sie von ihrer Technik her noch schneller spielen könnten. Die AfAM ist schon in einem Bereich wo das Spiel angespannt und ungenau wird. Letzen Endes sind mir auch I Barocchisti zu schnell, aber ich könnte höchstens dagegen sagen, daß es (mir) zu schwierig wird so komplexe Musik in dieser Geschindigkeit zu hören. Wenn jemand dazu in der Lage ist, hat er natürlich das Recht auf eine andere Meinung. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Komponist die Interpretation beim Komponieren schon mitdenkt, wenn er dazu in der Lage ist. Wenn das richtig ist, wäre der Spielraum für die Interpretation nur noch die Genauigkeit der Vorstellung des Komponisten und ggf noch die Genauigkeit der Notation. Sätze wie "das Wichtigste steht nicht in den Noten" finde ich chaotisch, zumindest bleibt erklärungsbedürftig woher man weiß, was angeblich zwischen den Noten stehen soll. Im schlimmsten Fall ist es arrogante Willkür und Geheimniskrämerei selbsternannter Gurus. Oder man sollte die Notation verbessern. Mit moderner Kompositionssoftware kann die Interpretation gleich mitgeliefert werden oder etwa nicht ? Wenn der Komponist vom Konzept her Freiräume für die Interpretation eröffnen will, kann er das nicht sagen? Ich denke auch dafür gibt es Beispiele.
ab (11.06.2008, 10:55): Hallo Leif
Original von Leif Erikson Ich frage mich wie ein einzelner Musiker, ein Kammermusikensemble oder ein Dirigent vorgeht, wenn er seine Interpretation erarbeitet. Meinst Du nicht, daß er sich fragt, wie das Werk gemeint ist? Schon dann müßten sich die Interpretationen um einen - imaginären - Standard zentrieren. Im Probenverlauf werden dann sagen wir 10000 Entscheidungen getroffen, die im Idealfall alle nach bestem Wissen und Gewissen getroffen werden, also nach (vermeintlicher) Werktreue. (Nicht anerkennen würde ich Entscheidungen wie "von dem Stück gibt es schon 10 langsame Versionen, wir machen jetzt eine schnelle" oder "wir können es schneller als xy, also machen wir es schneller" lezteres ist fast ein Zitat von Goebel).
Es gibt wohl solche, solche unde solche Interpreten. Die einen versuchen herauszufinden, was die Komponistin gemeint haben könnte; die andern versuchen etwas Neuartiges/Andersartiges zu schaffen und wieder andere haben eine eigene Vorstellung, die sie verwirklichen wollen.
Mir ist auch nicht klar, welche Freiheiten noch verbleiben, wenn in einer Partitur Tempo (Metronom und Tempobezeichnung), Agogik, Besetzung und natürlich die Notenwerte selbst vorgegeben sind. Vielleicht noch Rubato und Fermaten? Verzeih, wenn nun meine Wissenslücken offenbar werden.
Allem voran gibts Feiheiten in puncto Ausdrucksnuancen (dramatisch vs. lyrisch / traurig vs. freudig / ernst vs. verspielt / brilliant vs. verinnerlicht usw.usf)
Es bleiben Freiheiten, wie man den Fluss der Musik gestalten möchte (vorwärtshetzend, -drängend - fließend / ruhig fließend / rückwärtsgewandt verhalten -bremsend, usw.usf.)
Es bleiben gewisse Freiheiten im Tempo.
Es bleiben gewisse agogische Freiheiten
Es bleiben Freiheiten in der Tongestaltung (viel vs wenig Vibrato / kurz vs brei / anastzloser Ton, der mit dem ersten Impuls ganz da ist (Gardiner) vs. Ton der im jeden Moment ganz da ist (Celibidache) vs. Ton, der erst nach dem Verklingen im Gehör als Ganzer abgeschlossen wirkt (gegelgentlich Furtwängler) / viel vs. wenige Klangfarben, viele vs. wenige Abstufungen einer Klangfarbe
Es bleiben Freiheiten in der Liniengestaltung (weite vs. kurze Linien)
Es bleiben Freiheiten in der Melodiegestaltung (eine Melodie mit Begleitung vs. polyphone gleichberechtigte Linien)
usw. usf.
Für mich ist vorstellungsmäßig eine Partitur ein (Interpretations-) Problem, welches richtig(er) oder falsch(er) gelöst werden kann. Natürlich würde ich die Definitionshoheit darüber lieber dem Komponisten als den Interpreten überlassen.
Mir scheint eine Partitur stellt nicht ein Problem per se - es gibt nicht "das" Problem eines Werks -, sondern die Interpreten können sich verschiedene Probleme anhand einer Partitur stellen. 1) Welches Problem man einer Partitur also zugrundelegt, kann bei jedem einzelnen Interpreten abweichen. Je nach Problem sind verschiedene Lösungen erforderlich. 2) Für ein Problem kann es mehrere Lösungen geben!
Z.B. finde ich die Brandenburgischen Konzerte von der Akademie für Alte Musik Berlin einfach zu schnell. Wenn ich sie mit der von I Barocchisti vergleiche, die eher noch schneller ist, stelle ich fest, daß I Barocchisti entspannter sind, weil sie von ihrer Technik her noch schneller spielen könnten.
Hier muss man sich fragen: Was ist denn das Problem, das sich das Ensemble stellt? Kennt man dieses, dann dann kann man zu antworten versuchen, ob es gelöst worden ist oder nicht. Ein Beispiel: Ginge es der AAMB darum, "jugendlichen Überschwang" zur Schau zu tragen (das tut sie nicht - nur des Argumentes wegen sei es hier angenommen), dann erfordert der Lösungsweg, um vorwärtsdrändgenden Überschwang auszudrücken, (in der Regel) nun einmal rasantes Tempo. In diesem Falle wäre ein solches Temo einfach notwendig.
Die AfAM ist schon in einem Bereich wo das Spiel angespannt und ungenau wird. ... ich könnte höchstens dagegen sagen, daß es (mir) zu schwierig wird so komplexe Musik in dieser Geschindigkeit zu hören. Wenn jemand dazu in der Lage ist, hat er natürlich das Recht auf eine andere Meinung.
Auch hier wieder: Wenn sich der Interpret das Problem stellt, so zu spielen, dass die Komplexität von den Hörerinnen nicht mehr erfasst werden kann, dann muss er so interpretieren.
Ich könnte mir vorstellen, daß ein Komponist die Interpretation beim Komponieren schon mitdenkt, wenn er dazu in der Lage ist. Wenn das richtig ist, wäre der Spielraum für die Interpretation nur noch die Genauigkeit der Vorstellung des Komponisten und ggf noch die Genauigkeit der Notation.
Warum? Der Komponist ist doch auch nichts weiter als ein Mensch und fehlbar in seinen Vorstellungen. Es kann sein, dass er sich etwas vorgestellt hat, das auf diese Weise, wie er es notiert hat, gar nicht realisiert werden kann! Außerdem kann sich seine Vorstellung ändern - an welche sollten wir uns dann halten: An jene während des Komponierens, an jende beim ersten Lesen, beim Lesen eine Woche oder 10 Jahre nach der Fertigstellung?
Und schließlich am Wichtigsten: Wie sollen wir jemals entscheiden können, was die Vorstellung des Komponisten gewesen ist? Vorstellungen sind wesentlich privat dazu haben wir als außenstehende keinen Zugang.
Ich denke, wir sollten die Intentionen des Komponisten vergessen ("Der Autor ist tot!"). Das, was er geschaffen hat, ist uns nur über die Partitur (und Aufnahmen sowie Äußerungen dazu und den umkreisenden Traditionen und ihren Regeln) zugänglich! Das, was eine Komponistin schafft, ist ein Werk, nicht aber ihre eigenen, privaten Vorstellungen (dabei). Oder?
Sätze wie "das Wichtigste steht nicht in den Noten" finde ich chaotisch, zumindest bleibt erklärungsbedürftig woher man weiß, was angeblich zwischen den Noten stehen soll. Im schlimmsten Fall ist es arrogante Willkür und Geheimniskrämerei selbsternannter Gurus.
Das sehe ich nicht so. Was hörst Du denn lieber? Eine akribisch genaue Umsetzung des Notentextes; dafür aber sterile Noten statt Musik - oder aber große Freiheit aber dafür wahrlich beseelte Musik? Ich bin immer und stets für letzteres! (Das ist aber eine Interpretensache, nicht eine des Komponisten und seines Werks!)
Oder man sollte die Notation verbessern. Mit moderner Kompositionssoftware kann die Interpretation gleich mitgeliefert werden oder etwa nicht ?
Das wäre für mich eine ganz schreckliche Vorstellung, wo ich doch so gerne von einem großartigen Werk viele verscheidene Interpretationen höre und auch vergleiche! Wie öd und fad würde doch die Welt für mich, wenn es nur genau eine Interpretation eines Werks gäbe!
Wenn der Komponist vom Konzept her Freiräume für die Interpretation eröffnen will, kann er das nicht sagen? Ich denke auch dafür gibt es Beispiele.
In der Alten Musik war das genauso gang und gäbe und selbstverständlich wie in der jüngeren der Alleatorik. Was solls: Der Komponist hat sich um das Werk zu scheren, die Interpreten um dessen Aufführung - ersterer soll sich nur auf Wunsch in zweiteres einmischen. :hello
Leif Erikson (11.06.2008, 12:09): Hallo ab,
vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Du hast alle meine Fragen beantwortet. Die freien Parameter der Interpretation werde ich mir ausdrucken und damit versuchen beim Hören noch genauer mitzubekommem, wie eine bestimmte Interpretation gemacht ist.
Deine Beispiele sind gut: Debussy, der sich nicht an seinen eigenen Notentext gehalten hat, und die Streichquartette, die die "Große Fuge" zwar fehlerlos aber möglicherweise nicht nach Beethovens Vorstellung spielen.
Dazu: Man sagt: "Ein wahres Kunstwerk ist stets reichhaltiger als der Künstler auszudrücken meinte." Dieser Satz müsste dann falsch sein, wenn es nur um die Vorstellungen des Komponisten ginge.
Mit diesem Satz bin ich schon im Deutschunterricht bei Interpretationen konfrontiert worden. Ich war immer nur detektivisch daran interessiert, was der Dichter gemeint haben könnte. Es ist mir selbst zwar genug neues dazu eingefallen, aber ich habe es nicht für so wichtig gehalten. Inzwischen bin ich ein begeisterter Leser von z.B. psychoanalytischen Märcheninterpretationen, die natürlich eine ganz neue Welt des Verständnisses eröffnen.
Mein Interesse an diesen Problemen hat einen ganz konkreten Grund. Ich habe im letzten 3/4 Jahr Korstick und seine Beethoven-Sonaten kennengelernt, dann ein Konzert in Mainz besucht und hinterher noch mit ihm 15 Minuten geplaudert. Er war sehr nett und humorvoll, auch selbstironisch. Das beste an diesem Abend war übrigens eine Sonate von Haydn, die eine geradezu magische Atmosphäre im Saal erzeugt hat.
Erstens gefallen mir seine Einspielungen der Beethoven-Sonaten besser als alle anderen, die ich kenne. Es war quasi ein cou de foudre nach dem Hören weniger Takte einer Sonate im Radio. Ich dachte wirklich "so und nicht anders muß Beethoven klingen" ohne den Namen des Pianisten vorher gehört zu haben. Zweitens ist er ein extremer Vertreter der Werktreue. Es gibt eine Sendung mit ihm im WDR oder NDR "Blind gehört", wo er alle Kollegen und besonders Brendel wegen Abweichungen vom Notentext auseinandernimmt und deren Interpretationen nicht gelten läßt. Hier der link: http://www.partituren.org/de/archiv/ausgabe11/blindgehoert/index.html
Was die Musiksoftware betrifft, bin ich nur noch am Staunen über "Melodyne" mit dem man ohne Schnitte einzelne falsch gespielte Noten nach Tonhöhe, -stärke und -länge korrigieren kann. Vielleicht geht es so wie beim Schach, daß die software allmählich besser ist als jeder Spieler aus Fleisch und Blut. Ich kann mir für die Aufführung klassischer Musik aber auch nur den Konzertsaal mit richtigen Musikern vorstellen. Anders könnte es bei Retortensongs im Popbereich sein oder ist es nicht schon so mit der Verwendung von midi und teuren sample-libraries?
LG, Leif
ab (11.06.2008, 12:19): Original von Leif Erikson Die freien Parameter der Interpretation werde ich mir ausdrucken und damit versuchen beim Hören noch genauer mitzubekommem, wie eine bestimmte Interpretation gemacht ist.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Du noch weiter entdecken würdest und sie uns mitteilen könntest! Das betrifft nämlich mein "Problem", für das ich mich brennend interessiere und nichts substanzielles in der Literatur bislang finden konnte.
Ich selbst bin übrigens alles andere als ein Verfechter strenger Werktreue: Ich suche gerne nach abwegigen Interpretationen! Das bereichert nicht selten mein Leben ungemein!
habe gerade mit freudigem Interesse Eure Diskussionsbeiträge gelesen und konnte nun der Versuchung nicht widerstehen, mich an dieser Stelle doch auch (mal wieder...) zu Wort zu melden...
Original von Leif Erikson
Dazu: Man sagt: "Ein wahres Kunstwerk ist stets reichhaltiger als der Künstler auszudrücken meinte." Dieser Satz müsste dann falsch sein, wenn es nur um die Vorstellungen des Komponisten ginge.
Mit diesem Satz bin ich schon im Deutschunterricht bei Interpretationen konfrontiert worden. Ich war immer nur detektivisch daran interessiert, was der Dichter gemeint haben könnte. Es ist mir selbst zwar genug neues dazu eingefallen, aber ich habe es nicht für so wichtig gehalten. Inzwischen bin ich ein begeisterter Leser von z.B. psychoanalytischen Märcheninterpretationen, die natürlich eine ganz neue Welt des Verständnisses eröffnen.
Ich finde das interessant, dass Du, Leif, (vorausgesetzt, ich habe das richtig verstanden) hier einerseits in Sachen Musik eine "Werktreue" forderst, Dich andererseits aber für psychoanalytische Märcheninterpretationen erwärmen kannst.
Das scheint mir ein wenig paradox. In Deinem Märchen-Beispiel könnte man doch mit derselben Berechtigung sagen: Das steht doch gar nicht im Text. (nicht falsch verstehen: ich meine hier wirklich "man" und nicht "ich")
Offensichtlich bringt Dir aber im Falle der Märcheninterpretationen die tiefenpsychologische Interpretation einen neuen und veränderten Zugang zu den Texten.
Und ich denke, darum geht es auch bei musikalischen Interpretationen. Im Idealfall oder in manchen Sternstunden vermag eine Interpretation den Zugang (einen anderen, neuen oder überhaupt einen) zu einem Werk zu eröffnen. Zumindest geht mir das manchmal so.
Liebe Grüße
Sabine
Leif Erikson (11.06.2008, 22:16): Liebe Sabine,
ganz richtig, bei den Märchen habe ich mich geändert. Aber die Parallele hat ihre Grenzen. Psychoanalytische Deutungen absoluter Musik sind mir keine bekannt (wäre schwierig ohne Text) und die Interpretation spielt eine andere Rolle als in der Literatur. Die augenöffnende Interpretation gibt es sicherlich z.B. Gardiners Version der Psalmensymphonie von Stravinsky oder Walcha's Chromatische Fantasie von Bach sind welche für mich. Zögernd gebe ich auch noch ein Beispiel dafür, daß sich ein Interpret unangehm zwischen mich und die geliebte Musik drängt: Staier und manchmal Koopmann, im Jazz Oscar Peterson.Die Interpretation als solche bekomme ich bei denen kaum noch mit, weil sie mich ablenken. Die drei sind wohl sehr eitel. Im Pop fürchte ich kann nur jemand mit noch stärkerem Dauer-Egotrip überleben.
Gruß, Leif
ab (11.06.2008, 22:25): Original von Leif Erikson Die Interpretation als solche bekomme ich bei denen kaum noch mit, weil sie mich ablenken.
?( Sprichts Du von Konzerterlebnissen? Deren Auftritt lenkt Dich so ab, dass Du Dich gar nicht auf die Musik einlassen kannst - oder was meinst Du?
cellodil (11.06.2008, 22:36): Original von Leif Erikson Aber die Parallele hat ihre Grenzen. Psychoanalytische Deutungen absoluter Musik sind mir keine bekannt (wäre schwierig ohne Text)...
Lieber Leif,
so hatte ich das eigentlich auch nicht gemeint...
Ich kenne da auch keine Literatur. Denkbar wären solche Deutungen aber schon. Es gibt ja auch tiefenpsychologische Deutungsansätze anderer textfreier Kunstrichtungen... Aber das hier nur am Rande...
Original von Leif Erikson ... und die Interpretation spielt eine andere Rolle als in der Literatur.
Da muss ich doch mal ganz ketzerisch nachfragen: Wieso?
Das war nämlich das, was ich an dem Bogen, den Du von der Musik zu den Märchen oder zur Literatur geschlagen hattest, eigentlich ganz interessant fand. Mein erster Impuls war auch: Das ist doch zweierlei. Ist es sicherlich auch, aber doch nicht grundsätzlich und nicht in jeder Hinsicht. Denke ich. Und ich glaube, es könnte durchaus sinnvoll sein, über die Gemeinsamkeiten nachzudenken.
Von Literatur und Literaturinterpretation (und auch von Psychoanalyse) habe ich allerdings erheblich mehr Ahnung als von Musik, weshalb ich über jede Krücke, die wieder eine Parallele zu vertrauteren Terrains zulässt, dankbar bin...
Liebe Grüße
Sabine
Leif Erikson (11.06.2008, 22:49): Liebe Sabine,
das einzige literarische Genre, was genauso interpretiert wird wie Musik ist das Schauspiel (+Film) oder noch alles Vorgetragene würde ich sagen. Unsere Interpretationen in der Schule waren doch eher Erklärungsversuche der Texte. Die Psychoanalyse überlebt vielleicht nur noch in der Kunstinterpretation wenns so weitergeht.
Gruß, Leif
satie (11.06.2008, 23:08): Original von Leif Erikson Liebe Sabine,
das einzige literarische Genre, was genauso interpretiert wird wie Musik ist das Schauspiel (+Film) oder noch alles Vorgetragene würde ich sagen. Unsere Interpretationen in der Schule waren doch eher Erklärungsversuche der Texte. Die Psychoanalyse überlebt vielleicht nur noch in der Kunstinterpretation wenns so weitergeht.
Gruß, Leif
Interpretation hat zweierlei Bedeutung. Einerseits jene des a) Ausführens (anwendbar auf Musik, Theater, Tanz etc.), andererseits jene der b) Erklärung, Untersuchung, Analyse. Das muss man wohl schon zunächst in Leifs Sinne unterscheiden, allerdings ist es mitunter so, dass a auch einen mehr oder minder großen Anteil von b beinhaltet, in der Regel aber b nichts oder nur sehr wenig von a. Wenn ein Literaturwissenschaftler ein Buch analysiert, betreibt er b, nicht a. Wenn ein Pianist ein Klavierstück interpretiert, betreibt er a und mehr oder weniger b gleichzeitig. Ich persönlich bin weniger der Meinung, dass ein Musiker auf die Erklärung, bzw. Herausstellung eines bestimmten Aspektes des Werks bewusst aus ist, sondern dass der Notentext und seine damit verbundenen Erfahrungen (Hörerfahrungen, Unterricht etc.) ihn bestimmte Zusammenhänge so und nicht anders spielen lassen. Allerdings ist auch das nicht zu verallgemeinern.
Jedenfalls scheint mir der Unterschied eher der zu sein, dass das Märchen oder der Text nicht von einem Schriftsteller oder Schauspieler erklärt wird, sondern von einem Wissenschaftler oder Psychologen. Das entspricht viel eher der Analyse eines Musikstücks durch einen Musikwissenschaftler als der Interpretation eines Musikers, schon allein deswegen, weil einmal mit Sprache erklärt wird und einmal nonverbal eben nicht die Erklärung des Werkes, sondern das Werk selbst präsentiert wird. Ich habe schon einmal gesagt, dass für mich Werk und Interpretation in letzter Konsequenz keine getrennten Dinge sind, sondern letztlich das Werk aus Notentext und Umsetzung besteht, und zwar so, dass der Komponist durchaus wusste, welche Freiräume er lässt. Man kann nicht unter den Tisch kehren, dass gewisse Tempokonventionen, gewisse Umsetzungen bestimmter Figuren, rhythmischer Muster etc., bestimmte harmonische Zusammenhänge gewachsene Dinge sind, die sich zu Topoi entwickelt haben und BEWUSST von den Komponisten als solche benutzt wurden. Paradebeispiel: Lamentobass. Ob man einen solchen nun largo assai oder nur moderato spielt, mag egal sein, so lange dennoch der Topos erkennbar ist, und der Komponist kalkuliert das ein, da bin ich mir absolut sicher. Wenn ich ein Stück schreibe, benutze ich Metronomangaben. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass das Stück nicht teilweise im halben Tempo gespielt werden könnte. Ich schreibe beispielweise bewusst hin: sempre non vibrato. Trotzdem vibrieren die Streicher ein wenig, und meistens ist das besser, als wenn sie es gar nicht tun. Auch das ist einkalkuliert: wenn ich nicht non vibrato hingeschrieben hätte, würden sie vielleicht eiern wie bei Tschaikovsky statt zu spielen wie bei Feldman. Das nur als sehr einfache Beispiele. Ich behaupte also: die Interpretation legt der Komponist nicht fest, er denkt sie auch nicht, er denkt den Klang, den Gestus, aber all das hat im Grunde weitere Grenzen als man denkt. Anders ist es mit Dingen wie Tonhöhen oder Artikulation, dort ist das Netz engmaschiger, aber selbst dort ist es nicht eindeutig (Töne können auf der Violine je nach Zusammenhang etwas höher oder tiefer genommen werden, Staccato ist beim einen eher secco, beim anderen weicher etc.).
Herzlich, S A T I E
ab (11.06.2008, 23:46): Original von Satie Interpretation hat zweierlei Bedeutung. Einerseits jene des a) Ausführens (anwendbar auf Musik, Theater, Tanz etc.), andererseits jene der b) Erklärung, Untersuchung, Analyse.
Genauer betrachtet hat es noch weitere Bedeutungen!
c) Denn zudem kann man das, was durch das Interpretieren, das Ausführen des Musikers (Handlung) an klanglich Hörbarem vorliegt, sozusagen das Handlungsprodukt, eine Interpretation nennen.
d) Genauso könnte man dann bei der Untersuchung im Sinne von b) unterscheiden zwischen der Handlung des Wissenschftlers, also dem Interpretieren, und d) dem Handlungsprodukt, dem Ergebnis dieses Vorganges.
Warum ist mir dies wichtig? Nun, wenn wir uns nun auf die Interpretation im Sinne von c) beziehen, auf das Erklingende (dasjenige also, was bei jeder Musikerin anders ist, obwohl doch dasselbe Werk zugrunde liegt), dann muss dies nicht eine Interpretation im Sinne von b) sein, sondern es kann einfach nur eine Beschreibung davon sein!
Das Handlungsprodukt des Wissenschftlers oder der Hörerin muss nicht unbedingt eine Interpretation (im Sinne von d) sein, sondern kann auch ganz einfach nur eine Beschreibung der Interpretation (im Sinne von c) sein! :hello
Leif Erikson (11.06.2008, 23:51): Hallo ab,
nein ich habe die Schwierigkeiten auch bei CD's. Im konkreten Fall habe ich noch keine Konzerte mit Staier und Koopmann gehört.
(ich habe das Gefühl, daß wir uns noch nicht ganz verstehen. Nur zu, wenn ich noch mehr Erläuterungen geben soll.)
Jetzt fällt mir ein, wie ich es erklären sollte. Das männliche Balzverhalten ist doch in einem Film auch ohne Ton (Worte) erkennbar. Sogar bei Rüden, die sich meiner Hündin nähern ist es unübersehbar. Sie scheinen unter Strom zu stehen und machen rituell veränderte Bewegungen. Wie wenn sie vor Kraft kaum laufen könnten oder als ob sie voller Sprungfedern stecken würden. Ich höre sowas auch bei einem Musiker. Und in den genannten Fällen empfinde ich es als Dauer- oder Zwangsbalzen. Ich glaube man kann diesen Ausdruck z.B. durch eine bestimmte Art Rubato erreichen. Eben so eine gestelzte, manirierte oder übertriebene Art. Bei Frauen wäre das dann übertrieben kapriziös oder lasziv. Und besonders bei Künstlern gibt es das schrecklicherweise auch als übertriebene Selbstverliebtheit (Narzismus). Es ist ihnen nicht immer bewußt, daß sie es tun und dann besonders entlarvend und peinlich.
Gruß, Leif
Leif Erikson (12.06.2008, 09:16): Hallo Sabine,
die darstellende und die erklärende Interpretation (Typ Satie a und b) haben sowohl in der Musik als auch in der Literatur eine gemeinsame Eigenschaft, nämlich daß man aus den Noten oder Texten mehr herausinterpretieren kann als drin steht oder zu stehen scheint. (So bin ich auf die Literatur-Interpretation gekommen.)
Und Scherz am Rande, herausinterpretieren ist vielleicht doch besser als hineininterpretieren. In dem Zusammenhang fand ich sehr interessant, daß Satie bestimmte Konventionen als das identifiziert hat, wodurch sozusagen das Fleisch auf das Gerippe des Notentextes kommt. Man muß die Konventionen also kennen. Der Vorgang erinnert mich an die modernen kriminalistischen Verfahren, wenn Gesichter aus Schädeln rekonstruiert werden. Nur eine Interpretation die die Konventionen kennt, verleiht also dem Stück das richtige Gesicht ! Falsche Gesichter führen zur Fehl-Verurteilung des Stücks ! Das war dann wohl unkonventionell.
Gruß, Leif
satie (12.06.2008, 09:58): Original von Leif Erikson Hallo ab,
nein ich habe die Schwierigkeiten auch bei CD's. Im konkreten Fall habe ich noch keine Konzerte mit Staier und Koopmann gehört.
(ich habe das Gefühl, daß wir uns noch nicht ganz verstehen. Nur zu, wenn ich noch mehr Erläuterungen geben soll.)
Jetzt fällt mir ein, wie ich es erklären sollte. Das männliche Balzverhalten ist doch in einem Film auch ohne Ton (Worte) erkennbar. Sogar bei Rüden, die sich meiner Hündin nähern ist es unübersehbar. Sie scheinen unter Strom zu stehen und machen rituell veränderte Bewegungen. Wie wenn sie vor Kraft kaum laufen könnten oder als ob sie voller Sprungfedern stecken würden. Ich höre sowas auch bei einem Musiker. Und in den genannten Fällen empfinde ich es als Dauer- oder Zwangsbalzen. Ich glaube man kann diesen Ausdruck z.B. durch eine bestimmte Art Rubato erreichen. Eben so eine gestelzte, manirierte oder übertriebene Art. Bei Frauen wäre das dann übertrieben kapriziös oder lasziv. Und besonders bei Künstlern gibt es das schrecklicherweise auch als übertriebene Selbstverliebtheit (Narzismus). Es ist ihnen nicht immer bewußt, daß sie es tun und dann besonders entlarvend und peinlich.
Gruß, Leif
Allerdings ist das dann aber nicht etwas, was von der Interpretation ablenkt, sondern das IST die Interpretation oder zumindest ein Teil davon, nämlich jener der persönlichen Prägung. Diese ist möglicherweise vollkommen unabhängig von allen anderen Aspekten. Dazu gehört auch der "eigene Ton": dieser ist bei Instrumentalisten einfach global vorhanden und ändert sich in der Regel nicht, wenn verschiedene Werke gespielt werden. Ich versuche immer noch die Brücke vom Zwangsbalzen hin zu Oscar Peterson und Andreas Staier zu finden...man kann von beiden sagen, dass sie auf ihre Weise sehr eigen spielen, mit brillianter Technik. Beide haben einen Bezug zur Improvisation: Peterson logischerweise, da der Jazz davon lebt, Andreas Staier von der historischen Information her. Dieser Aspekt ist es vielleicht am ehesten, der Dich stören könnte: Improvisation bedeutet meistens, mehr vom eigenen Ego zu zeigen, sich "weniger dem Notentext zu unterstellen" (sofern es nicht im Notentext verlangt wird). Aber Balzverhalten? Ich weiß nicht...
Herzlich, S A T I E
ab (12.06.2008, 10:30): Original von Leif Erikson Und Scherz am Rande, herausinterpretieren ist vielleicht doch besser als hineininterpretieren.
Eine terminologische Frage (damit wir uns besser verstehen): Warum findest Du "herausinterpretieren" trefflicher?
Bei "heraus" habe ich nämlich die Assoziation, dass etwas bereits drinnen ist, in der Musik bereits vorliegt. Da wird dann nichts durch den Rezensenten von außen herangetragen, sondern etwas ist in der Musik, das sozusagen gefunden werden kann.
Aus diesem Grund finde ich "hineininterpretieren" besser, weil es darauf verweist, dass etwas vom Unfeld, von außerhalb, sozusagen extrinsisch herangetragen wird.
Dem liegt der Gedanke zugrunde, das Interpretation immer eine Leistung der Rezipierenden ist. Alles hingegen, was bereits in der Interpretation (im Sinne von c), also derm Hörbaren liegt, ist wahrnehmbar und muss nicht erst noch interpretiert werden.
Das hingegen, was erst interpretiert werden muss, ist etwas, das hinter (oder über, oder sonst wo) der Interpretation (im Sinne von c) liegt. :hello
ab (12.06.2008, 11:16): Hallo Leif,
Wenn Satie schreibt:
Original von Satie Allerdings ist das dann aber nicht etwas, was von der Interpretation ablenkt, sondern das IST die Interpretation oder zumindest ein Teil davon, nämlich jener der persönlichen Prägung. Diese ist möglicherweise vollkommen unabhängig von allen anderen Aspekten. Dazu gehört auch der "eigene Ton": dieser ist bei Instrumentalisten einfach global vorhanden und ändert sich in der Regel nicht, wenn verschiedene Werke gespielt werden.
so finde ich, trifft er die Sache ganz richtig: Das, was Du hörst, ist nämlich die Interpretation von Staier. Nennen wir sie mal (ob trefflich oder nicht sei hier dahingestellt) "männlich-sexy".
Das Problem, scheint mir, kenne ich selbst persönlich von früher sehr gut: Hier liegt eine Interpretation vor, die mir so fremd (oder gar peinlich) ist, dass mir alles daran unangenehm ist. Die Folge ist, dass ich sie als unangenehme Musik empfinde und mich, statt auf sie einzulassen (also hier konkret: statt sie als "männlich-sexy" zu empfinden), abschotte, sozusagen "dicht mache", sie gar nicht an mich herankommen lasse. Hier konkret: Dieser Ausdruck von "männlich-sexy" hält dich davon ab, Dich auf die (sonst) "geliebte Musik" offen einzulassen.
Das liegt daran, dass wir Menschen nun mal geneigt sind, Dinge, die uns unangenehm sind, zu meiden.
Das erinnert mich gerade an eine Familienfest vor vielen Jahren, als ein Cousin vor mir bibbernd in der Kälte stand und er mir auf die Fragte, ob er friere, antwortete. "Nein ich friere nicht; mir ist nur kalt!" Was wollte er damit ausdrücken? Nun, frieren ist eine subjektive Wahrehmungsweise, die uns davon abhält, die Welt so zu empfinden, wie sei tatsächlich gegeben ist. (Wir können also uns entscheiden, ob wir eine gegebene Situation ganz schrecklich finde wollen, oder aber ob wir bewusst erleben wollen, wie es ist, wie es sich genau anfühlt, vor Kälte zu zittern) Ähnlich wäre wohl seine Antwort hier ausgefallen: "Nein die Musik ist nicht "peinlich", sondern sie hat den Ausdruckswert "männlich-sexy". Wir haben die Freiheit, uns zu entscheiden, ob wir uns dem verschließen oder aber öffnen wollen.
Klar scheint mir: Wenn es in der Kunst darum geht, sie um ihrere selbst willen zu erleben, dann dürfen wir uns gerade nicht verschließen.
Ja, der Vorteil von Kunst, gegenüber dem alltäglichen Leben, ist es gerade, dass wir handlungsentlastet sind. Sprich: wir müssen nicht, wenn uns etwas unangenehm ist, dem fliehen. Hier haben wir vielmehr die Chance, uns auf etwas voll und ganz einzulassen und zu erleben, was uns eigentlich völlig fremd ist.
Ich bin inzwischen dazu übergegangen, solche Bewertungen wie "ist mir unangenehm!" oder "schrecklich!" einfach aus meinen Gedanken zu eliminieren. Statt dessen versuche ich, mich auch auf das mir sehr Fremde oder Unangenehme voll und ganz einzulassen, um auch diesen Interpretationen dieselbe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen wie jenen Interpretationen, die mir persönlich ganz nahe sind.
Das Großartige daran ist es, das ich immer wieder mit etwas überrascht werden, von dem ich nicht einmal im Entferntesten geahnt hätte, dass es solches überhaupt gibt. Das bereichert mein Leben ungemein, und das nicht nur im Kunsterleben.
Leif Erikson (12.06.2008, 16:41): Hallo Satie und ab,
Ich setzte im folgenden voraus, daß jeder hier weiß, wie sich ein Narzist im täglichen Leben aufführt. Und wann jemand balzt und wann nicht. Und daß es schon mal sowohl in das Stück als auch selbstverliebte Künstler gibt. Warum sollten sie sonst ein Leben auf der Bühne und für den Applaus gewählt haben ? Das Wunder ist eher, daß es auch bescheidene Künstler zu geben scheint. Mit anderen Worten es gibt nicht nur die rein künstlerische sondern auch die psychologische Ebene der Kunstausübung. Im günstigen Fall unterstützen sie sich, im ungünstigen hat er einen schlechten Tag oder sagt ab. Dinge auf der psychologischen Ebene würde ich nicht zur Interpretation(s-Absicht) rechnen sondern möglischst gut davon unterscheiden. Ganz besonders natürlich unterbewußte Verhaltensweisen.
Wenn einer einen männlichen Ton hat, dann Bernd Glemser z.b. bei den Schumann-Sonaten. Klara Würtz spielt sie sehr weiblich, ich glaube immer eine Reinkarnation von Schumanns eigener Klara zu hören. Wenn ich nicht dächte, daß ich männliche und weibliche Charakteristiken unterscheiden kann, würde ich mich sicher nicht trauen die Existenz von narzistischen zu behaupten. Ich höre schon das Argument, wie ich denn feststelle, was männlich und weiblich ist. Das kann ich bei einer stilvollen Drag-Queen auch nicht aber bei 99 % der Leute auf der Straße.
Bei Falstaff wird vom Sänger durch die Musik und natürlich die Rolle verlangt, daß er balzt. Bei absoluter Musik kann ich mir das auch vorstellen, aber nicht das ganze Stück über. Sicher gibt es Beispiele wo das eine Thema balzt und das andere sich kapriziös ziert. (Jetzt fallen mir die Hirsche im Herbst ein, die kaum fressen und fast 30% ihres Gewichtes verlieren bis die Brunft zuende ist. Nur haben die ja einen ganzen Harem, sodaß es sich lohnt. Ich empfehle jedem einmal Ende September ein Wildgehege mit Hirschen zu besuchen, es ist sehr amüsant.) Ich würde wetten, daß Staier und Peterson in ihre eigene Technik narzistisch verliebt sind, deshalb ist das Balzen ohne Außen-Objekt fast ständig vorhanden. Von Koopman gibt es Photos auf den CD-Hüllen, wo er geradezu vor Selbstgefälligkeit und Narzismus trieft. Auf einem hat er eine manirierte Handhaltung, die mir bekannt vorkommt, wahrscheinlich ein Renaissance-Gemälde. (Noch besser spielt auf einer Duo-CD, die ich habe, übrigens seine Frau Thini Matho.) Am wertvollsten für diagnostische Zwecke sind natürlich Filmaufnahmen von Proben oder Interviews. Ob jemand balzt oder nicht, ist ein existenzieller Unterschied. Wenn es in der Komposition angelegt ist geht es natürlich ok, ich würde dann sofort nach einem Objekt suchen, dem die Bemühungen gelten und müßte es auch finden. Wenn ein Interpret sich dazu entschließen würde von sich aus zwei Themen balzen und sich zieren zu lassen, ohne daß dies von der Komposition her beabsichtig oder wenigstens möglich ist, könnte es so einen Effekt geben wie im Sommernachtstraum, wenn die Elfe den Esel anschmachtet, d.h es würde ein lächerliches Fehlsignal gegeben.
Ich lasse mir auch gefallen, wenn ein Tenor nicht nur seine Partnerin meint sondern noch die Damen im Publikum. Aber geschlagene 2 Stunden im Konzert einen Typen der nur zu sagen scheint "ach wie gut bin ich" da braucht ja niemand mehr zu klatschen, wenn der sich schon selbst dauernd beweihräuchert. Davon abgesehen wäre bei Vorliegen einer narzistischen Situation ein großer Teil der Aufmerksamkeit gebunden und das Spiel würde leiden. Wenn mir sowas passiert schließe ich stundenlang die Augen, aber es kann wie gesagt auch zu hören sein.
ab (12.06.2008, 17:21): Original von Leif Erikson Mit anderen Worten es gibt nicht nur die rein künstlerische sondern auch die psychologische Ebene der Kunstausübung.
Dinge auf der psychologischen Ebene würde ich nicht zur Interpretation(s-Absicht) rechnen sondern möglischst gut davon unterscheiden. Ganz besonders natürlich unterbewußte Verhaltensweisen.
Das leuchtet mir ein! Es liegt aber an uns, auf welche Aspekte wir die Aufmerksamkeit lenken, oder?
Oder meinst Du ganz im Allgemeinen, dass die "psychologische Ebene der Kunstausübung" so dominant ist, dass die "künstlerische Ebene der Kunstausübung" sozusagen überschattet wird?
Ich habe - dachte ich zumindest - bislang keine Schwierigkeit damit, von Attitüden etwa eines Lang Lang oder Nigel Kennedy abzusehen.
verspielten (für mich gehört dazu zB Horrowitz, der frühe Pletnev oder Bereszovsky) und den ernsthaften (wie etwa Richter oder Fellner). Es kann sein, dass sich hier weite Überschneidungen ergeben - ich wüsste aber jetzt weder bei Staier oder Oscar Peterson zu sagen, wo ich sie zuteilen sollte.]
cellodil (12.06.2008, 23:30): Original von Leif Erikson Dinge auf der psychologischen Ebene würde ich nicht zur Interpretation(s-Absicht) rechnen sondern möglischst gut davon unterscheiden. Ganz besonders natürlich unterbewußte Verhaltensweisen.
Lieber Leif,
ich frage mich, wie das gehen soll... Wie Du als Rezipient das schaffen willst, die verschiedenen Ebenen zu unterscheiden. Gerade im Falle der, wie Du es nennst, "unterbewussten Verhaltensweisen", scheint mir das schwierig, denn das Unbewusste, wenn wir davon ausgehen, dass es so etwas gibt, beeinflusst doch alles Tun und Denken, alle Vorstellungen,.... Wie sollte das also abgespalten werden? Und wozu soll das gut sein, das sozusagen herauszufiltern? Für mich hört sich das ein bisschen so an, als sollte das Menschliche (also auch Fehlerhafte, Unvollkommene oder auch Unberechenbare) eliminiert werden. Aber vielleicht habe ich auch etwas falsch verstanden...
Liebe Grüße
Sabine
Leif Erikson (13.06.2008, 17:10): Hallo ab und Sabine,
wenn es nur Attituden sind, sind sie möglicherweise überhaupt nicht in der Interpretation zu hören. Aber zum Beispiel knotige Läufe oder Selbstüberschätzung beim möglichen Tempo, die dann zu Ungenauigkeiten, Verwischen oder Weglassen von Tönen führt stört mich schon. Aus den traurigen Zeiten meines Klavierunterrichts mit 5 Jahren weiß ich noch, daß meine Läufe je nachdem ob ich gerade entspannt war oder nicht sehr viel besser oder schlechter waren. Aber die Charakterstruktur oder gar Defizite können wahrscheinlich nicht immer ausgefiltert werden. Im günstigen Fall trägt ja auch eine unproblematische offene Struktur erheblich zum guten Ergebnis bei. Nur ein musikalischer "Held" kann die Eroica richtig aufführen.
Karl Böhms Mozart-Interpretationen werden allgemein hoch geschätzt, lange Zeit auch von mir, wegen ihrer fast kristallinen Genauigkeit. Inzwischen kommt mir sein Stil aber etwas steif und steril vor. Er gibt meiner Meinung nach die humor- und lustvolle Seite von Mozart nicht so gut wieder, die gelegentlich mit dem Ernst der späten Symphonien abwechselt. Ich wollte gerne mal wissen, was er von den köstlichen Bäsle-Briefen gehalten hat. Sein Ausdruck auf Photos und im Film läßt mich schaudern, er hat sowas gnadenloses. Ich erinnere mich vage daran gehört zu haben, daß er in Proben ein Tyrann gewesen sei. Bitte korrigieren wenn ich mich irre. Wenn ich aber richtig liegen sollte, sind die genannten Nachteile seiner Interpretationen ganz offensichtlich nicht beabsichtigt, sondern entspringen - unterbewußt - seiner psychischen Struktur.
Man könnte über den Wohlklang bei Karajan spekulieren. Vielleicht hat er sich ein psychisches Refugium schaffen müssen oder wollen, welches als Gegengewicht zu einer als grausam und schlecht erlebten (Nazi-)Welt dienen mußte. Er hatte mit Eliette auch ein idyllisches Familienleben. Dahinter könnte ein wenig Weltflucht stecken, Musik als Droge oder das Gefühl "Wir sind noch einmal davongekommen". Seine früheren Aufnahmen sind ja noch anders.
Das Ende der Tonalität fällt in etwa mit dem Ersten Weltkrieg und der weitgehenden Abschaffung des Adelssystems zusammen vielleicht auch mit einem Autoritätsverlust der Kirchen. Könnten diese Institutionen und die vormalige Ausrichtung der Gesellschaft auf die durch sie repräsentierte Ordnung einen tonalen Stil hervorgerufen haben und das Chaos des Krieges und die Abschaffung der alten Ordnung einen atolnalen? Sind Moden und Stile als Massenpsychologie von der politischen Geschichte verursacht?
Die Handprobleme der Pianisten kommen mir sehr psychosomatisch vor. Warum mußte Schumann seinen Finger mit der Schlinge ruinieren? Das ist sicher nicht von heute auf morgen passiert und er hätte Verdacht schöpfen können/müssen, daß er sich schadet. Was war mit Fleischers rechter Hand? Es gibt glaube ich sehr viele Beispiele auch bei lebenden Pianisten, nämlich Sehnenscheidenentzündungen. Wenn die Störungen nicht so stark sind, daß sie ein Auftreten verhindern ist möglicherweise mit einer Störung des Rhythmus zu rechnen s.o. knotige Läufe oder Triller. Oder der Schmerz führt zu Störungen des Spiels.
Das Situation eines Bühnenkünstlers ist eben, daß alle Unpäßlichkeiten und privaten Probleme während des Auftritts unsichtbar und unhörbar sein sollen oder müssen, weil sie viel mehr auffallen als bei einem normalen Job.
Man muß sich natürlich auch vor sich selbst in Acht nehmen. Ich gestehe, daß ich Künstler, denen der Erfolg zu Kopf steigt oder Luftikusse ("was kostet die Welt") nicht so mag, denen geb ich dann wohl keinen Vertrauensvorschuß und könnte sie unterschätzen. Rieu schien mir ein reiner Schnulzenheini zu sein, bis ich mal selbst eine seiner Sendungen gesehen habe. Vielleicht hat er wirklich Augenmaß und Geschick um seinem Publikum (die leichteste) klassische Musik näherzubringen. Wenn ich so Violine spielen könnte wie er . . . .
Bei all diesen Beispielen kommt es mir nicht darauf an, in jedem Punkt mit meinen Spekulationen Recht zu haben - vielleich fallen Euch bessere Beispiele ein - sondern davon zu überzeugen, daß in der Musik vielerorts psychologische Faktoren eine Rolle spielen.
Gruß, Leif
P.S. bis zum posten dieses Beitrags hatte ich Deinen noch nicht gelesen Sabine. Aber vielleicht beantwortet er schon einen Teil.
satie (13.06.2008, 17:34): Lieber Leif, ich denke mal, dass es sich jetzt doch allmählich zu weit von der eigentlichen Frage entfernt und in die Richtung geht "wie wichtig ist, die Wichtigkeit einer wichtigtuerischen Interpretation zu interpretieren"... :-) Ob einem der eine oder andere Zugriff gefällt oder nicht wird fraglich bleiben, völlig egal aus welchen Gründen und egal aus welcher Warte. Um zurück zur Ursprungsfrage zu kommen und trotzdem nicht alles stehen und liegen zu lassen: wenn wir jetzt unterschieden haben zwischen einem Interpretieren im Sinne der Ausführung des Notentextes (mehr oder minder genau) und dem Interpretieren im Sinne persönlicher Vorstellungen, scheint mir, dass es Dir lieber wäre, wenn sich die meisten Interpreten bemühen würden, diese persönlichen Vorstellungen beiseite zu lassen. Habe ich das richtig verstanden? Darüber könnte man schon reden, vor allem darüber, ob das nun interessante Interpretationen sind oder nicht, bzw. wer von uns eher zum "neutraleren" oder eher zum "individuelleren" Interpretieren neigt. Nach Deinen Ausführungen müsste zum Beispiel ein Glenn Gould meiner Ansicht nach eher schlecht wegkommen, zumindest sein nun wirklich nicht gerade notentextgetreuer Mozart, oder gar sein Schönberg...man vergleiche mal mit Pollini!. Trotzdem: ich mag manchmal Goulds Schönberg lieber, weil er genau diese expressive, völlig (spät-)romantisch geprägte Seite zeigt. Pollini mag ich manchmal lieber, weil er sich genau an den Notentext hält und alles vollkommen klar spielt. Will ich die Struktur verstehen, wähle ich Pollini, will ich den Ausdruck verstehen, wähle ich Gould. Beide zusammen sind für mich perfekt, aber auch jeder für sich überzeugt musikalisch. Das wäre für mich ein Beispiel, wie wichtig verschiedene Aspekte bei Interpretationen sein können, und wie interessant es sein kann, verschiedene Wege zu gehen.
Herzlich, S A T I E
ab (13.06.2008, 22:09): Original von Leif Erikson Bei all diesen Beispielen kommt es mir nicht darauf an, in jedem Punkt mit meinen Spekulationen Recht zu haben - vielleich fallen Euch bessere Beispiele ein - sondern davon zu überzeugen, daß in der Musik vielerorts psychologische Faktoren eine Rolle spielen.
Gruß, Leif
Hallo Leif,
das, was Du hier schreibst, scheint mir gar nicht bezweifelt zu werden, ja nicht einmal bezweifelt werden zu können.
Langsam aber bekomme ich einen Verdacht, was es sein könnte, worauf Du hinaus wolltest. Um es in der hier verwendeten Terminologie auszudrücken:
Mir scheint, wenn Du eine Interpretation (im Sinne von c) hörst - also das hörst, was raumklanglich zu hören ist -, dann möchtest Du daran unterscheiden zwischen 1) dem, was die Interpretin bei ihrer Interpretation (im Sinne von a) macht, (was sich als ein Teil von der Interpretation im Sinne von c) niederschlägt) auf der einen Seite und 2) dem, was der Interpretin bei ihrer Interpretation im Sinne von a) bloß - sozusage als der Psyche unterworfenen Person - zusätzlich geschieht (was sich dann als anderer Teil von der Interpretation im Sinne von c) hörbar niederschlägt) auf der anderen Seite.
Sehe ich das recht?
:hello
Leif Erikson (13.06.2008, 23:02): Hallo Satie,
ich bedauere, daß mein Eindruck von Staier, Peterson und Koopman nur schwer zu vermitteln ist. Dabei ist die Frage, ob ein Virtuose nur zur Demonstration seines Könnens angetreten ist oder auch zur Aufführung eines Werkes eigentlich ein Gemeinplatz in Kritiken. Lassen wir's dabei bewenden.
Ich habe mir eh schon verkniffen, richtig drastische Beispiele zu bringen, weil ich niemand schaden möchte.
Besser als o.g. Herren finde ich allerdings in denselben Fächern Levin, (ganz besonders) Behringer und Bill Evans. Aber nicht nur aus den fraglichen psychologischen Gründen sondern auch wie Du sagst, weil ich glaube, daß sie fast nur das Werk sprechen lassen.
Richtig, Gould gefällt mir nicht sehr, die legendäre Aufnahme von Beethoven's Klavierkonzert Nr. 3 mit Karajan habe ich noch nicht gehört. Bei Bach gefällt er mir zwar auch nicht, aber ich kenne niemand, der es schafft jede der einzelnen Stimmen strukturell so klar nachzuzeichnen (was Du sonst eher Pollini zuschreibst). Zum ernsten Studium eines Bachwerkes würde ich mir deshalb auf jeden Fall auch eine Aufnahme von ihm kaufen. Pollini gefällt mir besser aber leider auch nicht so besonders. Auch bei ihm hat es wohl persönliche Günde. Ich mag Arrau, den frühen Horowitz aber noch mehr Zimerman, Korstick, Glemser, Klara Würtz, Zacharias und die Grimau (Reihenfolge nicht geordnet).
Gruß, Leif
Leif Erikson (13.06.2008, 23:05): Hallo ab,
in Eile, ich glaube, daß Du meine Absichten in allen Punkten richtig beschreibst, vor allem die Freudschen Fehlleistungen. Interpretation c) müßte ich nochmal nachlesen.
Gruß, Leif
Leif Erikson (14.06.2008, 08:46): Ein Glücksfund.
Im booklet einer neuen CD, die ich in "gerade gehört" vorstellen werde, habe ich ein Gespräch zwischen dem Komponisten, Hans Werner Henze und dem Dirigenten der Aufnahme Peter Ruzicka gefunden, welches die hier besprochene Problematik der Interpretation schlaglichtartig beleuchtet und aufklärt. Ich mache mir die Mühe, es abzuschreiben:
PR: Das zweite Stück, das wir aufgenommen haben , die Quattro Poemi, ist ja ein Jahr früher, 1955, entstanden und wurde schon im Mai desselben Jahres in Frankfurt von Leopold Stokowski uraufgeführt. Wie kam es zur Uraufführung unter Stokowskis Leitung ?
HWH: Ja, da gab es eine Zeit, wo Stokowski Deutschland bereisen und die Orchester und das Publikum instruieren und informieren wollte über die moderne Musik, besonders die deutsche moderne Musik.
PR: Er hat es sich wahrscheinlich leichter vorgestellt, als es dann war; er wusste wohl auch gar nicht, wie man probt mit einem deutschen Orchester.
HWH: Das deutsche Orchester übt bekanntlich auf der Probe und muß dort alles lernen, Ab- und Aufstriche usw. Das Ganze war wohl eine sehr seltsame Erfahrung für Stokowski, aber auch für mich. Ich habe übrigens Stokowski garnicht kennengelernt bei dieser Gelegenheit.
PR: Wie das?
HWH: Weil ich damals wegen der Ferienkurse in Darmstadt hauste und unterrichtete, zusammen mit Boulez und Maderna, und von dort ein paar Minuten zu spät nach Frankfurt zur Generalprobe kam - bei den früheren Proben war ich gar nicht zugelassen -, und nach Anordnung des Gastdirigenten durfte man nach Beginn der Generalprobe den Saal nicht mehr betreten. Es wurde nicht probiert, nichts korrigiert. Auf jeden Fall bin ich dann zu seinem Hotel gegangen, und habe mich melden lassen, aber der Maestro hat mich nicht empfangen. Sein Agent kam herunter, plauderte ein bisschen - aber Stokowski selbst hat wohl keinen Kontakt gesucht. Später habe ich den Tonbandmitschnitt gehört. Völlig absurd, absurd ! Einfach nur so heruntergespielt. Er hatte nichts verstanden. Und damit war das Stück praktisch weg.
Narürlich wäre ein Kontakt zwischen Komponist und Dirigent bei dieser Uraufführung besonders wichtig gewesen, da noch keine Aufführungstradition existiert hat. Man sieht exemplarisch, wohin die Arroganz von Interpreten führen kann. Bei Stücken toter Komponisten besteht dieselbe Gefahr, wenn das eigene Interpretationskonzept sich zu weit vom Werk entfernt. Mir fällt ein sehr gutes Beispiel ein. Ich besitze zwei Aufnahmen von Buxtehudes "Membra Jesu Nostri". Die werktreue ist von Diego Fasolis. Sie begreift die Intention dieses Stückes. Es ist eine mystische innig-religiöse liebevolle Betrachtung der Gliedmaßen des Gekreuzigten und sollte deshalb u.a. ziemlich langsam vorgetragen werden, wie ein Gebet. René Jacobs macht daraus eine Barockoper mit flotten tempi und bravourösen Arien. Ein völlig verfehlter Ansatz à la "ich kann ja Oper nur und sonst garnichts".
Gruß Leif
cellodil (14.06.2008, 19:50): Ich bedauere, dass ich gerade nicht dazu in der Lage bin, hier kontinuierlich mitzudiskutieren und meine Beiträge deshalb möglicherweise so ein bisschen was von "Querschlägerei" haben....
Mir scheint auch, dass ab auf der richtigen Fährte, was möglicherweise gemeint sein könnte, zu sein scheint. Zumindest kann ich damit eher etwas anfangen.
Trotzdem muss ich hier
Original von Leif Erikson ich glaube, daß Du meine Absichten in allen Punkten richtig beschreibst, vor allem die Freudschen Fehlleistungen.
doch noch einmal nachfragen, was Du, Leif, hier denn konkret mit Freudschen Fehlleistungen meinst...
Herzliche Grüße und Sorry wegen der Penetranz meiner Nachfragerei
Sabine
ab (15.06.2008, 21:08): Original von Leif Erikson
Es wurde nicht probiert, nichts korrigiert. Auf jeden Fall bin ich dann zu seinem Hotel gegangen, und habe mich melden lassen, aber der Maestro hat mich nicht empfangen. Sein Agent kam herunter, plauderte ein bisschen - aber Stokowski selbst hat wohl keinen Kontakt gesucht. Später habe ich den Tonbandmitschnitt gehört. Völlig absurd, absurd ! Einfach nur so heruntergespielt. Er hatte nichts verstanden. Und damit war das Stück praktisch weg.
Narürlich wäre ein Kontakt zwischen Komponist und Dirigent bei dieser Uraufführung besonders wichtig gewesen, da noch keine Aufführungstradition existiert hat. Man sieht exemplarisch, wohin die Arroganz von Interpreten führen kann. Bei Stücken toter Komponisten besteht dieselbe Gefahr, wenn das eigene Interpretationskonzept sich zu weit vom Werk entfernt.
Hallo Leif,
ich denke im Falle Stokowski ist das Problem im Satz "Es wurde nicht probiert, nichts korrigiert" zu sehen.
aber: Wer sich ernsthaft mit einem Werk auseinandersetzt und gut probt und das verwirklicht, was im Notentext steht, braucht nicht unbedingt dabei die Ratschläge des Komponisten.
Was heißt es schon: "sich zu weit vom Werk entfernt"? Weit weg vom Werk ist man, wenn man das (sofern überhaupt möglich), was im Notentext steht, ignorierend nicht realisiert. Ob es nun auch den Intentionen des Komponisten mehr oder weniger entspricht, scheint mir irrelevant. Denn das, was Komponisten schaffen, ist eine Werk - und Werke sind nihct durch Gedanken zugänglich (die sind privat), sondern durch einen fixierten Notentext (der ist öffentlich zugänglich).
Buxtehudes "Membra Jesu Nostri" betreffend ist insofern ein Sonderfall, weil es um Musik mit unterlegtem Text geht. Der Text hat einen Gehalt, den man treffen kann oder nicht. Aber auch hier: Texte kann man verschieden interpretieren. Den Worten per se kann man nicht entnehmen, wie sie beim Vortragen auszusprechen sind.
Aber auch hier, scheint mir, ist bei beiden genannten Dirigenten der Notetext umgesetzt und der Text wird gesungen - wie dies gemacht wird, obliegt der Auffassung der Interpreten. Das Werk ist auch dann realisiert, wenn die Intention des Komponisten nicht getroffen wurde. Es ist dann halt womöglich keine authentische Interpretation des Werks von Jacobs, aber dennoch ist das Werk realisiert. Jacobs hat sich nicht vom Werk zu weit entfernt, sondern allenfalls von Buxtehude.
(Eines der Argumente dafür könnte womöglich im folgenden Beispiel gefunden werden: Schubert hat bei seiner Vertonung der Winterreise wohl eine höcht existenziell tragische Interpretation im Sinn gehabt. Müller, der Textdichter, hingegen dachte die Verse ehrer ironisch. Welche Interpretation ist nun diejenige, die sich nicht "zu weit vom Werk entfernt"? Eine existenzielle oder aber eine ironische? Die einzige Antwort kann, so scheint mir, nur sein: Das liegt nicht am Werk, sondern obliegt den Interpreten.)
Das gegen Jacobs vorgebrachte: "Ein völlig verfehlter Ansatz à la "ich kann ja Oper nur und sonst garnichts" scheint mir eins zu eins auf alle Interpreten umgelegt werden zu können: à la Celibidache kann nur Musik aus der Ruhe; à la Karajan kann nur nur Strahleklang; à la Harnoncourt kann nur Ernst usw.usf. Das kann doch kein Argument dafür liefern, dass sich "ein Interpretationskonzept zu weit vom Werk entfernt". Oder?
:hello
Leif Erikson (15.06.2008, 23:01): Hallo Sabine,
Freud war in den 20er/30er Jahren mindestens einmal auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis. Seine eigenen Beschreibungen der Fehlleistungen sind köstlich zu lesen. Fehlleistungen sind z.B. versprechen, verhören, verlesen, verschreiben, stolpern (am besten in die Arme des Geliebten), sich verschlucken usw. und bei Musikern wohl auch verspielen, allerdings habe ich speziell zu Fehlleistungen der Musiker bei Freud keine Beispiele gefunden.
Aus seinen Vorlesungen zu Einführung in die Psychoanalyse (Bd. I der GA, S. 59 ff.):
Eine als energisch bekannte Dame erzählt: "Mein Mann hat den Doktor gefragt, welche Diät er einhalten soll. Der Doktor hat aber gesagt, er braucht keine Diät, er kann essen und trinken was ICH will". Offensichtlich ein Versprecher, da der Arzt gesagt haben muß, er kann essen und trinken was ER will. Seine Frau denkt aber nicht daran ihm hinzustellen, was ER will sondern was SIE will. Das heißt, daß durch das Versprechen nicht etwas Richtiges durch irgendetwas Falsches ersetzt wird, sondern durch das eigentlich Richtige nach Ansicht des (Ver-)Sprechers.
Ein neuernannter Chef möchte bei der Verabschiedung seines Vorgängers dessen Verdienste loben und sagt: "Ich bin nicht geneigt, die Verdienste meines Vorgängers angemessen zu würdigen." Das ist ganz offenbar seine ehrliche Meinung, sagen aber wollte er: "Ich bin nicht geeignet die Verdienste meines Vorgängers angemessen zu würdigen."
Bei Musikern könnte ich mir vorstellen, daß sie bei einem Tonartwechsel in einer Partitur, der Ihnen unplausibel vorkommt, (als Fehlleistung) die Tonart spielen, die ihrer Meinung nach kommen müßte und nicht irgendeine beliebige falsche. (Bitte bestätigen, wenn diese Idee von mir richtig ist.)
Beim Verhören wird ebenfalls das Gewünschte gehört anstelle des Gesagten. Oder bei Musikern des Gespielten. (Letzteres ist auch nur meine Vermutung, wenn jemand Beispiele kennt, bitte posten.)
Alle diese Fehlleistungen haben eine bestimmte Form sozusagen eine Grammatik, die man leicht erkennen kann. Deshalb ist es fast unmöglich sie mit einer absichtlichen Handlung, bei Musikern also einer Interpretationsabsicht zu verwechseln. Es sei denn auf den Verspieler folgt beim Hörer ein Verhörer. Dann hat er eventuell gar nichts mitbekommen.
Solche Fehlleistungen haben nicht notwendig mit einer Neurose zu tun sondern kommen auch bei völlig gesunden Leuten vor.
ab (15.06.2008, 23:50): Original von Leif Erikson
Beim Verhören wird ebenfalls das Gewünschte gehört anstelle des Gesagten. Oder bei Musikern des Gespielten. (Letzteres ist auch nur meine Vermutung, wenn jemand Beispiele kennt, bitte posten.)
Ich spreche in diesem Zusammenhang immer gerne vom "mitvollziehenden Hören". Das ist immer dann der Fall, wenn zB eine Person die Musik nicht so hört, wie sie tatsächlich erklingt, sondern sozusagen innerlich mitmusiziert und mithin das Hörbare nur als quasi Leitfaden verwendet, um seine eigene Interpretation darüberzulegen.
Hier "hört" man dann das Gewünscht anstelle des tatsächlich Gespielten.(Wohl besser: Man konstruiert es in seiner Vorstellung) Dieses Beispiel einer von verschiedenen Rezeptionsweisen von Musik ist aber sicher keine Fehlleistung im eigentlichen Sinne, sondern ein Akt einer Form des besonders aktiven "Rezipierens". (Ein Kriterium, dass jemand ein mitvollziehender Hörertyp ist, scheint mir zu sein, dass er angibt, ihm sei die Interpretation völlig gleichgültig, ihnen käme es nur auf die Komposition an.)
Ein Verhörer in Deinem Sinne ist wohl eher so etwas, dass Fehler ausgeblendet werden. Das scheint mir kein Akt von aktivem Rezipieren zu sein, sondern eher etwas, das einem unwillkürlich widerfährt. Eine solche Fehlleistung ist aber wohl nur bei bester Kenntnis des Werks möglich - oder?
:hello
satie (15.06.2008, 23:54): Original von Leif Erikson
Bei Musikern könnte ich mir vorstellen, daß sie bei einem Tonartwechsel in einer Partitur, der Ihnen unplausibel vorkommt, (als Fehlleistung) die Tonart spielen, die ihrer Meinung nach kommen müßte und nicht irgendeine beliebige falsche. (Bitte bestätigen, wenn diese Idee von mir richtig ist.)
Beim Verhören wird ebenfalls das Gewünschte gehört anstelle des Gesagten. Oder bei Musikern des Gespielten. (Letzteres ist auch nur meine Vermutung, wenn jemand Beispiele kennt, bitte posten.)
Zum Beispiel 1): Bei Musikern: definitiv nein. Allerdings kann es bei lernenden und Laien passieren. Wenn allerdings wirklich die Tonart gemeint ist, würde ich behaupten, dass es nicht passieren kann, daein Tonartenwechsel durch neue Generalvorzeichen angezeigt wird, sofern es sich nicht um einen ganz kurzen Abstecher handelt, den man aber dennoch an der Änderung der Vorzeichen sehen müsste. Erfahrungsgemäß lesen allerdings die meisten Musiker eher einfach die Noten, bzw. sehen die Akkorde und denken nicht über die Tonart nach bzw. über deren Plausibilität. Es gibt aber durchaus Fälle, wo man prima vista sicher falsch spielen kann, weil man eigentlich etwas anderes erwartet. Aber das würde ich eher bei einem nicht ausgebildeten Musiker vermuten, durch die Erfahrung würde ein Profi so etwas nicht mehr tun.
zu 2): Das Zurechthören ist etwas was jeder jederzeit betreibt. Allerdings gilt das eher für den Mikrokosmos der Musik, besonders für die Intonation, die bei kaum einem Musiker (zumindest ab einem gewissen Tempo) völlig rein (das müsste man je nach Stimmung und Zusammenhang dann wieder definieren, was "rein" ist) ist. Hier hört man es sich immer so zurecht, dass es in ein Raster aus Intervallen passt: ein Intervall wie die große Terz kann in diversen Schattierungen intoniert werden, als temperierte Terz, als reine etc. bereits bei den reinen Intervallen könnte eine große Terz z.B. als 4:5 oder aber auch als 7:9 oder gar als 9:11 intoniert werden, und trotz absolut hörbarer Abweichungen sind es immer große Terzen und sie sind als solche erkennbar. Allerdings ist es bei einer gröberen Ebene nicht so, dass man etwas zurechthört. Wenn c statt cis gespielt wird in einem tonalen Zusammenhang wird das sofort erkannt (zumindest von einem Musiker), egal wie sehr man sich bemühen möchte, das als etwas anderes zu hören. In gewissen Bereichen ist es denkbar, etwa in der Dynamik und der Klangfarbe, allerdings nur, wenn es sich in einen sehr kleinen Rahmen fassen lässt. So kann man etwa, wenn jemand (theoretisch) alles dynamisch genau gleich spielt, sich durchaus einbilden, es gäbe ein kleines crescendo oder ein An- un Abschwellen oder auch umgekehrt. Nicht möglich ist aber, ein Crescendo als Decrescendo zu hören. Ich bezweifle generell, dass solcherlei Zurechthören stattfindet, wie es etwa bei einem Wort stattfindet, das durch ein anderes ersetzt wird, gerade weil die Bedeutungsträchtigkeit in Musik einfach nicht auf dieser Ebene gegeben ist. Aber vielleicht verstehe ich hier auch nicht, worum es genau geht...
So, jetzt eine Zigarre, die nur eine Zigarre ist...
Herzlich, S A T I E
cellodil (16.06.2008, 00:43): Lieber Leif,
Danke für Deine Erläuterungen. Der Begriff der Freudschen Fehlleistung an und für sich ist mir durchaus vertraut. Ich stimme Dir übrigens von ganzem Herzen zu, dass Freuds Werke wirklich vergnüglich zu lesen sind (insofern ist es auch - fast - konsequent, dass er den Literaturnobelpreis doch nicht bekommen hat). Ein Wiener Professor von mir meinte mal: "Lesen's Freud, meine Herrschaften, Freud ist die wahre Poesie!"
Original von Leif Erikson Solche Fehlleistungen haben nicht notwendig mit einer Neurose zu tun sondern kommen auch bei völlig gesunden Leuten vor.
Den Betrachtungen über die verschiedenen Ausprägungen der Fehlleistungen kommt vor allem eine Bedeutung in Hinblick auf die Argumentation für die Existenz des Unbewussten zu. Mit Neurose hat das zunächst einmal gar nichts zu tun.
Mir ging es aber weniger um eine grundsätzliche Erörterung psychoanalytischer Terminololgie oder Freudscher Gedanken, sondern vielmehr darum, herauszufinden, was Du denn in diesem besonderen Kontext musikalischer Interpretation unter diesem Begriff verstehst (das war mir nämlich nicht wirklich klar).
Original von Leif Erikson ... bei Musikern wohl auch verspielen, allerdings habe ich speziell zu Fehlleistungen der Musiker bei Freud keine Beispiele gefunden.
... vielleicht kein Zufall...
Original von Leif Erikson Bei Musikern könnte ich mir vorstellen, daß sie bei einem Tonartwechsel in einer Partitur, der Ihnen unplausibel vorkommt, (als Fehlleistung) die Tonart spielen, die ihrer Meinung nach kommen müßte und nicht irgendeine beliebige falsche. (Bitte bestätigen, wenn diese Idee von mir richtig ist.)
Mir scheint, dass Du hier etwas, was bei Freud doch wesentlich zur Definition dazugehört, vernachlässigst: Nämlich die unbewussten Motive. Das, was Du beschreibst, das ist doch eher etwas, was mit einer bewussten Vorstellung (die "richtige Tonart" oder etwas, wie Du schreibst, was ihnen "unplausibel vorkommt") zu tun hat und wenig oder gar nichts mit irgendwelchen unbewussten Vorgängen oder Vorstellungen, Wünschen oder Ängsten.
Original von Leif Erikson Alle diese Fehlleistungen haben eine bestimmte Form sozusagen eine Grammatik, die man leicht erkennen kann. Deshalb ist es fast unmöglich sie mit einer absichtlichen Handlung, bei Musikern also einer Interpretationsabsicht zu verwechseln.
Sicherlich spielt in Deinem Beispiel der Musiker nicht absichtsvoll etwas anderes als das, was im Notentext steht, das ist keine bewusste Entscheidung. Aber das, was dahintersteht, das kommt nicht aus dem Unbewussten. Insofern scheint mir der Begriff der "Freudschen Fehlleistung" in diesem Kontext doch etwas unangebracht.
Immerhin wird mir jetzt aber ein bisschen klarer, worum es Dir geht, was Du gemeint hattest.
Danke und liebe Grüße
Sabine
cellodil (16.06.2008, 00:47): Original von ab Ich spreche in diesem Zusammenhang immer gerne vom "mitvollziehenden Hören". Das ist immer dann der Fall, wenn zB eine Person die Musik nicht so hört, wie sie tatsächlich erklingt, sondern sozusagen innerlich mitmusiziert und mithin das Hörbare nur als quasi Leitfaden verwendet, um seine eigene Interpretation darüberzulegen.
Hier "hört" man dann das Gewünscht anstelle des tatsächlich Gespielten.(Wohl besser: Man konstruiert es in seiner Vorstellung) Dieses Beispiel einer von verschiedenen Rezeptionsweisen von Musik ist aber sicher keine Fehlleistung im eigentlichen Sinne, sondern ein Akt einer Form des besonders aktiven "Rezipierens". (Ein Kriterium, dass jemand ein mitvollziehender Hörertyp ist, scheint mir zu sein, dass er angibt, ihm sei die Interpretation völlig gleichgültig, ihnen käme es nur auf die Komposition an.)
Lieber ab,
wolltest Du nicht mal einen Thread zum Thema "Woher wissen wir, dass wir hören, was wir hören?" eröffnen? :hello
Ich finde diesen Aspekt nämlich ungemein spannend.
Herzliche Grüße
Sabine
cellodil (16.06.2008, 00:49): Original von Satie So, jetzt eine Zigarre, die nur eine Zigarre ist...
Kicher!
Und: grinsig-herzliche Grüße
Sabine
Leif Erikson (16.06.2008, 01:44): Lieber ab,
ich denke im Falle Stokowski ist das Problem im Satz "Es wurde nicht probiert, nichts korrigiert" zu sehen.
Ja, er hatte wohl keine Lust und hat das Debakel schon kommen sehen oder wollte Henze sogar reinreiten. Allerdings hätte er selbst auch besser ausgesehen, wenn Henze ihm ein paar Tips hätte geben dürfen.
aber: Wer sich ernsthaft mit einem Werk auseinandersetzt und gut probt und das verwirklicht, was im Notentext steht, braucht nicht unbedingt dabei die Ratschläge des Komponisten.
Du scheinst wirklich ernsthaft zu sein, deshalb möchte ich Dir das glauben. Zumindest was gängiges Repertoir betrifft. Vielleicht hatte Stokowski mit dem neuen Stück von Henze keine Chance, da es ein komplett neuer Stil für ihn war oder die Zeit nicht gereicht hat.
Was heißt es schon: "sich zu weit vom Werk entfernt"? Weit weg vom Werk ist man, wenn man das (sofern überhaupt möglich), was im Notentext steht, ignorierend nicht realisiert.
Hier muß ich widersprechen. Henze sagt ja, er habe "alles nur so heruntergespielt". Das heißt wohl, daß er den Notentext als solchen nicht verändert hat. Dabei fällt mir ein, daß wir früher gesagt haben, daß die freien Parameter der Interpretation gerade nicht den Notentext betreffen. Das heißt er kann bei der Interpretation alles falsch gemacht haben, nur eben nicht den Notentext. War das dann etwa nicht "zu weit vom Werk entfernt"? Die Aufführung war auf jeden Fall ein kompletter Mißerfolg. Aufgrund der uns bekannten Umstände ist nicht damit zu rechnen, daß Stokowski überhaupt einen seriösen Versuch zur Interpretation gemacht hat.
Ob es nun auch den Intentionen des Komponisten mehr oder weniger entspricht, scheint mir irrelevant. Denn das, was Komponisten schaffen, ist ein Werk - und Werke sind nicht durch Gedanken zugänglich (die sind privat), sondern durch einen fixierten Notentext (der ist öffentlich zugänglich).
Ich sage ja nicht, daß das bei einem Werk aus dem gängigen Repertoir falsch sein muß. Im vorliegenden Fall müssen wir aber Henze glauben, daß eben keine gründliche Auseinandersetzung mit dem Werk stattgefunden hat, eben kein ernsthaftes Interpretationskonzept bestanden hat und deswegen die Aufführung schiefgegangen ist. Der Mißerfolg gibt Stokowski nicht recht sondern zeigt, daß er falsch lag.
Buxtehudes "Membra Jesu Nostri" betreffend ist insofern ein Sonderfall, weil es um Musik mit unterlegtem Text geht. Der Text hat einen Gehalt, den man treffen kann oder nicht. Aber auch hier: Texte kann man verschieden interpretieren. Den Worten per se kann man nicht entnehmen, wie sie beim Vortragen auszusprechen sind.
Möchtest Du wirklich behaupten, daß man ein vertontes mystisches Gebet wie eine virtuose Oper aufführen kann ? Kennst Du den Text ? Ich bin mir sehr sicher, daß die Aufführung nur durch Unkenntnis des Textes und/oder extremen Mangel an Sensibilität zustande kommen konnte.
Es ist dann halt womöglich keine authentische Interpretation des Werks von Jacobs, aber dennoch ist das Werk realisiert. Jacobs hat sich nicht vom Werk zu weit entfernt, sondern allenfalls von Buxtehude.
Ich weiß, Du hast das weiter oben schon mal ähnlich erklärt, aber es leuchtet mir nicht ein. Was soll der Hörer dieses Stückes mit einer Interpretation fern jeder Authentizität ? Ich möchte annehmen, daß dies bedeuten würde , daß die Konventionen bei der Erstellung des Interpretationskonzeptes von denen Satie gesprochen hat nicht berücksichtigt wurden.
(Eines der Argumente dafür könnte womöglich im folgenden Beispiel gefunden werden: Schubert hat bei seiner Vertonung der Winterreise wohl eine höcht existenziell tragische Interpretation im Sinn gehabt. Müller, der Textdichter, hingegen dachte die Verse ehrer ironisch. Welche Interpretation ist nun diejenige, die sich nicht "zu weit vom Werk entfernt"? Eine existenzielle oder aber eine ironische? Die einzige Antwort kann, so scheint mir, nur sein: Das liegt nicht am Werk, sondern obliegt den Interpreten.)
Ich selbst habe die Texte der Winterreise auch immer als existentiell bzw. todtraurig empfunden. Wenn das stimmt, daß Müller sie (stellenweise ?) ironisch gemeint hat ist das Beispiel natürlich gut. Aber dann hat Schubert wohl die falsche Musik zu diesen ironischen Texten geschrieben ? Und Schuberts Musik so wie sie ist auf ironisch zu trimmen, geht doch auch nicht ? Ich habe die Texte in einem booklet vorliegen und wäre sehr an Beispielen für ironische Stellen interessiert.
Gruß, Leif
Leif Erikson (16.06.2008, 02:01): Liebe Leut,
ich komm so schnell nicht mehr nach mit antworten. Und ab nächsten Dienstag bin ich auswärts.
Laßt es Euch gutgehen,
Leif
ab (16.06.2008, 09:07): Original von cellodil wolltest Du nicht mal einen Thread zum Thema "Woher wissen wir, dass wir hören, was wir hören?" eröffnen? :hello
nur zu! :hello
cellodil (16.06.2008, 09:17): Original von ab Original von cellodil wolltest Du nicht mal einen Thread zum Thema "Woher wissen wir, dass wir hören, was wir hören?" eröffnen? :hello
nur zu! :hello
War ich das? Ich dachte, die Idee käme von Dir...
Vergesslichkeit, Dein Name ist... ?( cellodilzchen.
Also gut, dann mach' ich das as soon as...
Herzliche Grüße
Sabine
ab (16.06.2008, 09:20): Original von Satie
Das Zurechthören ist etwas was jeder jederzeit betreibt.
dazu fallen mir noch zwei etwas anders gelagerte Fälle ein.
Der eine betrifft das Ausblenden: Hören wir etwa eine Streichquartettformation, dann hören wir in der Regel nur die Musik, obwohl gleichzeitig stets die Bogenstrichgeräusche zu hören sind. Die sind zwar vorhanden, werden aber von uns so ausgebendet, dass sie unser Bewusstsein gar nicht erreichen. (Ich erinnere mich noch bestens an das fast 7 Stunden Maraton-Konzert mit Morton Feldmanns wohl längstem Streichquartett der Gattungsgeschichte, wo man, ob der Komplexitätslosigkeit des Materials, bald anfängt, solch gewöhnlich Ausgeblendetes bewusst wahrzunehmen: Bogengeräusche, wie klingt der Raum etc. Sehr spannend, was man da so alles über sich und seine Hörweisen in Erfahrung bringen kann!)
Der andere betrifft besondere Fähigkeiten wie das Absolute Gehör und das Nachlassen dieser Fähigkeit im Alter. Wie schon im threat über Sviatoslav Richter berichtet, hat ein Klavierprofessor aus Graz erzählt, in den 90ern häufig in Wien das Glück gehabt zu haben, Richter bei seinen Konzerten umblättern zu dürfen. Dabei habe dieser ihm einmal berichtet, dass er deshalb nicht mehr auswendig spielen würden, weil er sich nicht mehr auf sein Absolutes Gehör verlassen könnte: Er würde inzwischen häufig einen Halbton tiefer alles erfassen was bei ihm zu manualen Verwirrungen führen würde....
ab (16.06.2008, 10:02): Lieber Leif,
Original von Leif Erikson
Dabei fällt mir ein, daß wir früher gesagt haben, daß die freien Parameter der Interpretation gerade nicht den Notentext betreffen. Das heißt er kann bei der Interpretation alles falsch gemacht haben, nur eben nicht den Notentext. War das dann etwa nicht "zu weit vom Werk entfernt"?
Wenn ich Dich hier recht verstehe, meinst Du, es liegt bei einer Komposition so etwas wie a) der Notentext vor, sozusagen eine Notenvorschrift, aber auch so etwas wie b) eine zwischen den Noten stehender Interpretationsvorschrift.
Genau da scheinen mir unsere Auffassungsunterschiede zu liegen: Freilich: Es gibt so etwas wie typische Regeln, wie etwas in einer bestimmten Aufführungstradition zu spielen sei. Dies sind aber nichts wie Vorschläge (andernfalls könnte es ja auch keine Weiterentwicklung geben und neue Interpretationsstile, wie etwa die Alte-Musik-Strömung, sich herausentwickeln). Aber: Auch dann, wenn man sich an diesenicht hält, sagt das nichts darüber aus, ob das Werk realisiert wurde oder nicht. Das, was hier passiert, ist, dass man sich von der Konvention "zu weit entfernt", nicht aber vom Werk!
Im vorliegenden Fall müssen wir aber Henze glauben, daß eben keine gründliche Auseinandersetzung mit dem Werk stattgefunden hat, eben kein ernsthaftes Interpretationskonzept bestanden hat und deswegen die Aufführung schiefgegangen ist. Der Mißerfolg gibt Stokowski nicht recht sondern zeigt, daß er falsch lag.
Auch wenn ich Dir mit allem rechtgeben mag: Misserfolge sagen nichts darüber aus, ob ein Werk trefflich oder völlig verfehlt zu Gehör gebracht worden ist - denke nur an manche Haydn- oder Beethoven-, ja sogar Schubert Vorträge durch die Komponisten selbst... Es hätte ja ein Bombenerfolg sei können, und Henze dennoch mit allen seinen Einwänden Recht haben mögen. (Meine eigene Erfahrung zeigt, bei zeitgenössischen Kompositionen ist dieser Fall - gelinde gesagt - nicht gerade selten: Publikum angetan - Komponist entsetzt).
Möchtest Du wirklich behaupten, daß man ein vertontes mystisches Gebet wie eine virtuose Oper aufführen kann ? Kennst Du den Text ? Ich bin mir sehr sicher, daß die Aufführung nur durch Unkenntnis des Textes und/oder extremen Mangel an Sensibilität zustande kommen konnte.
Beides mag der Fall sein; muss aber nicht: Ja, ich behaupte das vollen ernstes: Wer sein eigenes Konzept verfolgt, mag dies mit größter Senisibilität tun und sich bestens mit dem Text auseinandersetzten. Es kann aber völlig den herrschenden Konventionen widerstreiten. Oftmals macht so etwas gerade große Kunst aus: Andere Aspekte dem Werk zu entlocken, die bislang brach gelegen sind. Große Kunst ist immer reichhaltiger als es sich der Künstler vorgestellt hat. Wichtig ist, dass die Interpretation in sich "funktioniert" (ein Thema wohl für sich :I ).
Was soll der Hörer dieses Stückes mit einer Interpretation fern jeder Authentizität ?
Er soll - beispielsweise - etwas durch die Kunst lernen. (Hier muss halt der Interpret "authentisch" sein!)
Ich selbst liebe es, verschiedenen Interpretation gegeneinaner zu vergelichen. Unterschiede bereichern mein Leben. Wenn alle so spielen würden, wie es sich die Komponistin vorgestellt hatte, wäre meine Leben deutlich ärmer! Ja die Musikkunst wäre wohl äußerst armselig!
Wenn das stimmt, daß Müller sie (stellenweise ?) ironisch gemeint hat ist das Beispiel natürlich gut. Aber dann hat Schubert wohl die falsche Musik zu diesen ironischen Texten geschrieben ?
Müller habe das Gedicht als Gesamtes ironisch gemeint (sozusagen romantischen Schnulz aufs Korn genommen).
Schubert hat, so meine ich, nicht "die falsche Musik zu diesen ironischen Texten" geschrieben, sondern die Worte anders interpretiert und daraus große Kunst geschaffen! (Er hat ja auch nicht alles vertont, sondern Strophen weggealssen.)
:hello
ab (16.06.2008, 10:13): Original von cellodil Original von ab nur zu! :hello
War ich das? Ich dachte, die Idee käme von Dir...
Vergesslichkeit, Dein Name ist... ?( cellodilzchen.
Ganz sicher von Dir, ich hätte dies nicht so "praktisch" formuliert, woher wie es "wissen" - denn solche epistemischen Fragen lassen sich eher empirisch, nicht aber durch Nachdenken entscheiden. Ich hätte eher so in der Richtung formuliert wie "Was heiße es denn, ..." oder "Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ..."
( Tröstlich (?) aber zu lesen, dass ich nicht der einzige in puncto Vergesslichkeit bin :A )
Carola (16.06.2008, 10:45): Wie wäre es, wenn wir uns einmal selber in den Blick nähmen und fragten: Wie wichtig ist die Kenntnis eines Werkes für die Beurteilung einer Interpretation?
Ich meine diese Frage erstens ein wenig provokativ, weil mir allgemein in Klassikforen auffällt, dass sehr viel mehr über die unterschiedlichen Interpretationen als über das Werk selbst geschrieben wird. Ich finde das schade, verhalte mich trotz guter Vorsätze aber selber meistens ebenso.
Zweitens meine ich die Frage aber auch ganz sachlich und stelle sie mir oft selbst. Um mal einen Extremfall zu formulieren: Ich höre ein Werk zum ersten Mal: Kann ich dann überhaupt schon irgend etwas über die Interpretation sagen? Ich hatte so etwas mal bei einer Rameau-Aufnahme, die ich grässlich fand. Dabei hatte ich dieses Klavierstücke noch nie zuvor gehört. Trotzdem konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass Rameau so klingen sollte.
Anderes Extrem: Ich bilde mir erst eine Meinung zu einer bestimmten Interpretation, wenn ich das Werk strukturell verstehe, die Partitur kenne etc. Dann könnte ich nur äußerst selten etwas beitragen. Oder kann ich vielleicht dann eine Interpretation am besten beurteilen (mit Leidenschaft nämlich), wenn ich das Werk, um das es geht, sehr liebe?
Fragen über Fragen...
Es grüßt Euch Carola
Leif Erikson (16.06.2008, 15:13): Lieber ab,
jetzt hast Du mich richtig neugierig auf eine ganz unkonventionelle Interpretation gemacht, die mir als Alternative zu einer bisherigen Lieblingsaufnahme gefällt. Nur leider kann ich mich nicht an einen solchen spektakulären Fall erinnern obwohl mir in der Regel neue HIP Aufnahmen besser gefallen.
Gruß Leif
ab (16.06.2008, 16:42): Original von Leif Erikson Lieber ab,
jetzt hast Du mich richtig neugierig auf eine ganz unkonventionelle Interpretation gemacht, die mir als Alternative zu einer bisherigen Lieblingsaufnahme gefällt. Nur leider kann ich mich nicht an einen solchen spektakulären Fall erinnern obwohl mir in der Regel neue HIP Aufnahmen besser gefallen.
Gruß Leif
Lieber Life,
unter uns gesagt, ich kenne leider keine einzige Einspielung der Winterreise, bei der versucht werden würde, den Text ironisch aufzufassen (anders als zB bei Schumanns Dichterliebe, bei der immerhin von Peter Schreier anssatzweise die Heinesche Ironie getroffen wird.) Auch wäre die vermutlich kaum HIP. Ein Aha-Erlebnis hatte ich aber mit Christa Ludwigs DG-Interpretation, passend begleitet von James Levine: Anders als ich die Winterreise immer lyrisch zu hören gewohnt war - ein sich immer mehr von seinen eigenen Gefühlen entfernender Neurotiker -, ist diese ganz entgegengesetzt extrem dramatisch gehalten, gleichsam wie ein auf Rache sinnendes, sich hineinsteigerndes Weib, die es dem sie Verlassenden heimzahlen will, weil sie von ihm geschmäht worden ist.
:hello
nikolaus (16.06.2008, 23:53): Original von Carola Wie wäre es, wenn wir uns einmal selber in den Blick nähmen und fragten: Wie wichtig ist die Kenntnis eines Werkes für die Beurteilung einer Interpretation?
Oh ja, ein wichtiger Punkt, wie ich finde.
Letzlich ist das auch ein Grund, weshalb ich mich eher selten an Diskussionen über Interpretationen, eben weil ich die Werke u. deren Hintergünde nicht genug kenne. Bei mir läuft die "Beurteilung einer Interpretation" dann auf einer "Gefühlsbasis"; einfaches Beispiel: bekomme ich eine Gänsehaut oder einen Schauer über den Rücken, ist es eine für meine persönlichen Begriffe gute Interpretation (sei sie nun werkgetreu oder nicht, das weiss ich ja eben nicht).
Und da ich gerade merke, dass ich eigentlich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, vertage ich weitere Äusserungen...
Nikolaus.
cellodil (17.06.2008, 00:43): Original von ab Original von cellodil Original von ab nur zu! :hello
War ich das? Ich dachte, die Idee käme von Dir...
Vergesslichkeit, Dein Name ist... ?( cellodilzchen.
Ganz sicher von Dir, ich hätte dies nicht so "praktisch" formuliert, woher wie es "wissen" - denn solche epistemischen Fragen lassen sich eher empirisch, nicht aber durch Nachdenken entscheiden. Ich hätte eher so in der Richtung formuliert wie "Was heiße es denn, ..." oder "Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ..."
... vielleicht sollten wir erst einmal einen Thread für Vorabdiskussion zur Themenfindung einrichten... :D
... oder das ganz einfach als Einstieg in die Diskussion nutzen...
Original von ab ( Tröstlich (?) aber zu lesen, dass ich nicht der einzige in puncto Vergesslichkeit bin :A )
... ist mir noch gar nicht aufgefallen (oder ich habe es schon wieder vergessen :D )
Herzliche Grüße
Sabine
Leif Erikson (18.06.2008, 20:37): Hallo ab,
ich glaube nicht, daß man die Texte der Winterreise ironisch interpretieren kann. Da wolltest Du mich wohl aufs Glatteis führen. Schubert mit seiner grausligen Biographie hat sie in seinem letzten Lebensjahr vertont, als er schon krank war (Syphilis Spätstadium). Das Ende war absehbar, seine Hoffnungslosigkeit dürfte den Texten 1:1 entsprochen haben.
Nichtsdestotrotz habe ich eine sehr gute moderne Interpretation gefunden, eigentlich eine Bearbeitung für Kammerorchester, es wird öfter col legno gespielt :
Blochwitz, Ensemble Modern, Zender
Gruß, Leif
ab (18.06.2008, 21:48): Original von Leif Erikson ich glaube nicht, daß man die Texte der Winterreise ironisch interpretieren kann. Da wolltest Du mich wohl aufs Glatteis führen.
Nein wollte ich ehrlich nicht! Ich denke, es müsste auch das machbar sein, sogar überzeugend. Ich bin mir sicher, ein selbstironische Ton à la Genration x, der eh schon alles völlig gleichgültig ist, müsste auch hier ausdrückbar sein. Ich fürchte nur, ein Interpret dazu wird nicht so leicht zu finden sein (Musiker sind eher sensible Leute, denen solche eigene Erfahrungen abgehen dürften)...
:hello
Leif Erikson (19.06.2008, 08:07): Hallo ab,
oh je, entschuldige die Unterstellung.
Gruß, Leif
ab (19.06.2008, 10:06): Original von Leif Erikson Hallo ab,
oh je, entschuldige die Unterstellung.
Gruß, Leif
Keine Ursache! Ich kann das gut verstehen, meine Ansicht liegt ja wirklich nicht gerade nahe am Interpretationsmainstream.
(Ich bin eher ein ernsthafter Mensch, und kein spielerischer: Ironie verwende ich eigentlich nur zur Übertreibung - womöglich typisch österreichisch - , um damit verdeultichend etwas überspitzt auf den Punkt zu bringen.)
In einem anderen Forum habe ich unter meiner Unterschrift die Zeilen: "Ich sage, was ich denke! Begründeter Widerspruch ist daher stets willkommen!" Dafür bin ich auch hier bei uns stets dankbar! Also: Nur kein Blatt vor'm Mund!
Leif Erikson (19.06.2008, 18:39): Hallo ab,
Österreicher, Interesse an Widerspruch . . . ?
Bist Du vielleicht Popperianer, (Sir Karl Popper, I mean) ?
Ich wäre wirklich sehr gespannt darauf, was Du zu der Zenderschen Bearbeitung der Winterreise sagst (gute Kritik und viel mp3 bei jpc), ich bin kurz vorm Kaufen. Sie ist wirklich so eine weit vom Schuß liegende Interpretation. Und der Bariton ist wunderbar.
Gruß, Leif
ab (19.06.2008, 21:08): Original von Leif Erikson Hallo ab,
Österreicher, Interesse an Widerspruch . . . ?
Bist Du vielleicht Popperianer, (Sir Karl Popper, I mean) ?
Nein, schulisches Denken mag ich nicht. Denn es geht nicht darum, an Gedanken andere anzuschließen und darauf aufzubauen, sondern vielmehr höchstens darum, deren grundlegenden Voraussetzungen zu hinterfragen. By the way: Fast passend dazu bin ich erst gestern in einem anderen Forum auf folgendes Zitat von Nitzsche gestoßen: ""Erziehung ist im Wesentlichen das Mittel, die Ausnahme zu ruinieren zu Gunsten der Regel."
Ich wäre wirklich sehr gespannt darauf, was Du zu der Zenderschen Bearbeitung der Winterreise sagst (gute Kritik und viel mp3 bei jpc), ich bin kurz vorm Kaufen. Sie ist wirklich so eine weit vom Schuß liegende Interpretation. Und der Bariton ist wunderbar.
Bevor Du Dir Blochwitz zulegst, solltest Du unbedingt in die selbe Komposition aber in der Einspeilung von Pregardien dem Klangforum Wien unter Cambreling reinhören (Kairos)!
Es gibt auch von der Winterreise eine Bearbeitung für Streichquartett im Arrangement von Jens Josef.
Hermann Prey hat einmal mit dem Orchestra Ensemble Kanazawa, Iwaki eine Orchesterfassung eingesungen.
Ganz hoch gelobt worden ist auch die Fassung für Tenor, Akkordeon & Bläserquintett. Hier singt ebenfalls Christoph Pregardien, begleitet von Joseph Petric und dem Pentaedre Ensemble.
:hello
Cetay (inaktiv) (20.08.2008, 12:00): Original von ab Original von Dox Orkh
Eine sehr treffende Feststellung, die sämtliche Diskussionen um die "Richtigkeit" einer Interpretation ad absurdum führt. Selbst wenn man genau wüßte, wie es zu Beethovens Zeiten gespielt wurde, so wäre doch die Wirkung heute eine andere als damals.
Dies aber höchstens nur dann, wenn man Deine stillschweigende Präsupposition mit unterschreibt, dass Teil der Interpretation es sei, wie die Wirkung auf die Hörerin und den Hörer ist. Mir hingegen scheint, Interpretation und Rezeption sind zweierlei Dinge, die man nicht miteiannder vermengen sollte.
Was spricht denn - Deiner Auffasssung nach - dafür, die Rezeption als Teil der Interpretation aufzufassen? (Eine Antwort womöglich im entsprechendn thread?)
:hello
Ich sehe es anders herum. Die Interpretation macht einen Teil der Wirkung auf den Hörer aus, aber eben nur einen Teil, der Rest hängt von der Vorgeschichte und den Überzeugungen/Glaubenssätzen (die sich oft als "Vorlieben" und "Geschmack" tarnen) des Hörers ab.
Ich denke aber auch, dass die Interpretation "nur" eine Vermittlung zwischen dem abstrakten Werk und dem Hörer darstellt und deswegen ohne Rezeption keine eigenständige Bedeutung hat.
ab (20.08.2008, 12:17): Original von Dox Orkh Ich denke aber auch, dass die Interpretation "nur" eine Vermittlung zwischen dem abstrakten Werk und dem Hörer darstellt und deswegen ohne Rezeption keine eigenständige Bedeutung hat.
Ich hingegen bin davon überzeugt, dass wir über die Interpretation gültige Aussgen treffen können, die völlig unabhängig sind von der "Vermittlung des Werks". Ich kann nämlich eine Interpretation genießen, ohne irgend etwas vom Werk selbst zu erfassen. Nämlich dann, wenn ich mich auf das rein Hörbare und dessen Nuancen und Aspekte einlasse, ohne dabei die - lax gesprochen - formalen Eigenschaften zu erfassen.
:hello
satie (07.11.2008, 11:25): Eine Checkliste für das Schreiben von Rezensionen und natürlich zunächst als Hörkontrolle hat mir bisher gefehlt. Angeregt vom Bewertungsschema LIRAS, habe ich ein eigenes entworfen und vorläufig KLAFOR getauft:
Die Gewichtung der einzelnen Punkte ist problematisch, da für mein Empfinden auch ein weniger wichtiger Parameter, wenn er extrem schlecht ausfällt den Genuß in Verdruß verwandelt. Wenn man dagegen zur Darstellung der Bewertung ein Balkendiagramm verwendet, ist auch eine solche Situation sofort verständlich. Dann müßten wir aber einen Weg finden um das Bewertungsdiagramm ohne Kopfstände im Forum posten zu können. Ein Ausweg wäre die multiplikative Verknüpfung der einzelnen Parameter, wenn diese mit 0 beginnen und bis 9 gehen, da dann die Vergabe einer Null die Gesamtwertung sehr stark beeinflussen kann.
Gruß, Leif.
P.S._1: bei Interpretation sollten noch Agogik, Rubato und Spielfehler als jeweils eigene Punkte aufgeführt werden. P.S_2.: wenn Interesse besteht, könnte man die Diskussion des Bewertungsschemas in einem eigenen thread weiterführen.
Ich habe mir erlaubt, dieses von Leif erstellte Schema hierhin zu kopieren. Zwar gibt es noch einige eventuell genauer zu klärende Punkte in diesem Schema, generell aber finde ich es durchaus hilfreich zur persönlichen Beurteilung von Aufnahmen und Kompositionen.
Wichtig scheint mir festzuhalten, dass es kein Schema gibt, mit dessen Hilfe man ohne weiteres Werke und deren Aufnahmen objektiv beurteilen kann (zumindest nicht endgültig), daher müssen auch die obigen Beurteilungspunkte sicherlich klug und kompromissbereit angewandt werden. Einen guten Wegweiser stellen sie allemal dar! Danke, Leif!
Herzlich, S A T I E
ab (07.11.2008, 11:36): Original von Satie Ich habe mir erlaubt, dieses von Leif erstellte Schema hierhin zu kopieren.
woher stammt das? :hello
satie (07.11.2008, 11:40): Aus diesem Thread: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1101&threadview=0&hilight=&hilightuser=0&page=4
Cetay (inaktiv) (14.11.2008, 17:50): Original von Leif Erikson Mir ist allerdings nicht ganz klar, wie man im konkreten Fall eine Interpretation in ästhetisch hoher Qualität machen kann ohne die "Randbedingung" eines Notentextes. Ich scheue mich etwas, schon wieder mit dem Wörterbuch zu kommen und interpretare als auslegen bzw. dolmetschen zu übersetzen. Man kann als Interpret nur einen (Noten-) Text auslegen. .
Dieser Einstellung begegnet man sehr häufig; vereinfacht: Die Beachtung des Notentextes ist Voraussetzung für jede Interpretation. Für mein Verständnis ist das zu "materialistisch" gedacht. Ein Musikstück ist für mich wie ein Lebewesen, es besteht eben nicht nur aus einem Körper (dem Notentext),, sondern auch aus einem Geist (dem, was der Komponist ausdrücken wollte) und einer Seele (der Inspiration und dem Transzendeten).
Natürlich ist es höchst wünschenswert, dass alle drei Bereiche korrekt beachtet werden, aber wenn einer ausgeklammert wird, dann schadet es beim Notentext meiner Meinung nach am wenigsten. Oder anders herum: wer den Notentext beachtet, aber den Rest nicht, ist kaum anzuhören. Nehmen wir als Beispiel den Pianisten Jenö Jando, dessen Beethoven-Sonaten mit als die Notentreuesten gelten: Etwas Sterileres ist mir selten zu Ohren gekommen.
Für mich ist die genaue Beachtung der Feinheiten des Notentextes nicht Vorausetzung für eine Interpretation. Für genau so wichtig halte ich, dass Geist und Seele "beachtet" werden. Das ist natürlich viel schwieriger zu verifizieren. Beim Geist geht das noch eingermaßen anhand von Quellenstudien, Zeitgeschichte, Lebensumständen, musikwissenschaftlichen Erkentnissen, etc. Bei der Seele wird es unmöglich, hier muss sich der Hörer ganz auf sich selbst verlassen, aber das macht diesen Aspekt nicht unwichtiger. Im Gegenteil, wenn die Seele eines Musikstücks -auf welchem Weg auch immer- erfasst ist und zum Hörer transportiert wird, dann sollte die Werktreue nicht mehr scheren. Es sei denn, man ist so fanatisch darauf fixiert, dass man "dicht" macht und die Seele gar nicht erst durchkommen läßt.
Leif Erikson (15.11.2008, 00:41): Dox,
wahrscheinlich hast Du meine etwas satirische Formulierung glatt überlesen "Notentext als Randbedingung". Natürlich ist der Notentext mehr als eine Randbedingung. Ich kann nicht fassen, daß Du die Interpretationsfreiheit immer noch bedroht siehst, selbst wenn der Notentext nur noch eine "Randbedingung" wäre. Vor allem, da ich ausführlich berichtet habe, daß wohl bei komplexer nach-romantischer Musik der wichtigste Teil der Interpretation, die Phrasierung nur dann eindeutig ist, wenn zusätzliche Phrasierungszeichen vorgegeben werden, d.h. die Interpreten erhebliche Freiheiten genießen dadurch daß sie die Phrasen nach ihrem Gutdünken festlegen können. In der Form war mir das neu und ich glaube auch eher, daß diese Freiheit von Stück zu Stück variiert. Wahrscheinlich läßt sich der Grad der Interpretationsfreiheit durch eine aufwändige Analyse des Stücks z.B. durch den Dirigenten vor den Proben klären.
Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht warum die Komponisten der neuen Stücke ihren Gestaltungswillen in dieser Form einschränken. Man könnte denken, daß sie die Arbeit den Interpreten überlassen wollen oder glauben nur so das Interesse von Interpreten an Aufführungen gewinnen zu können. Offenbar eignet diesen neuen Stücken ein hohes Maß an Beliebigkeit. Sollte mir entgangen sein, daß es neuerdings nur noch politisch korrekt ist Gemeinschaftsproduktionen zu erzeugen? Der wahre Grund würde mich mehr interessieren als meine aus der Unwissenheit geborenen Spekulationen.
Was um Gotteswillen soll von den Interpreten dazu verwendet werden den Geist eines Stückes zu erfassen, wenn sie von Ravel eben nur die Partitur haben und ein paar CD's mit genauso wenig gesicherten Interpretationen ihrer Vorgänger ? Eine von dritten geschriebene Biographie, eine Photographie oder ein Psychogramm des Komponisten ?
Gruß, Leif.
satie (15.11.2008, 02:13): Lieber Leif, ich verstehe eines nicht: warum behauptest Du, die Phrasierung sei "der wichtigste Teil der Interpretation" ?? Gerade bei neuerer Musik verstehe ich diese Behauptung nicht, denn dort müssen a) Kompositionen teilweise überhaupt keine Phrasen aufweisen b) sind Phrasen oftmals quasi aufgelöst, da sie traditionell grundsätzlich einen Sprachbezug haben, der bei neuerer Musik nicht gegeben sein muss.
Dann gibt es in tonaler Musik verschiedenste Möglichkeiten, wie Phrasen kenntlich gemacht werden. Harmonisch konzipierte Phrasen fallen bei atonaler Musik so ziemlich weg, Abphrasierungen durch fallende Tonhöhen o.ä. können weiterhin vorkommen und sind in aller Regel einem Musiker auch in atonalem Zusammenhang verständlich. Der Hauptgrund für die genaue Notation von Phrasierungen liegt aber sicher darin, dass gängige harmonikale oder sprachähnliche Strukturen so nicht mehr existieren, daher wird Phrasierung in aller Regel sehr genau bezeichnet. Anhand welcher Beispiele hast Du denn zu Deiner Beobachtung gelangen können?
Dann noch etwas zum Notentext: hier will ich Leif schon grundsätzlich Recht geben. Grundlage der Interpretation ist IMMER der Notentext, an allererster Stelle, allerdings gibt es Umstände, die Musiker dazu bringen können, den Notentext nur oberflächlich zu nutzen. Zum einen ist es die Interpretationslinie, der sie entstammen. Simpel gesagt: der Lehrer hat das Stück so und so gespielt und das so und so begründet. Gelingt es dem Schüler nicht, sich irgendwann noch einmal den Notentext genau vorzunehmen und all das zu überdenken, wird er immer noch Crescendi spielen, wo keine notiert sind, nur weil es ihm so beigebracht wurde. Der zweite Umstand ist, dass auch Musiker viele Aufnahmen besitzen und vor allem auch Lieblingsaufnahmen, die ihnen im Ohr festsitzen. Gerade bei jüngeren Musikern kann man das feststellen, dass sie oft wie jemand anderes spielen. Und natürlich gibt es einen dritten Grund: exzentrisch und damit interessant zu sein.
Ich bin schon dafür, den Notentext genau zu nehmen, zunächst. Das ist einfach das Fundament. Der Geist des Stückes vermittelt sich einem Musiker durchaus während er den Notentext selber geistig durchdringt, sich Fragen stellt und für sich eine Erklärung findet, warum Beethoven so undso phrasiert, warum er dort plötzlich in ein anderes klangliches Register geht etc. Für die Interpretation bedeutet das alles aber noch nicht viel. Wie Dox richtig sagte: allein die vollständige Beachtung und genaue Ausführung des Notentextes genügt überhaupt nicht, und eventuell kann man tatsächlich eher eine Fehlerhafte Umsetzung verzeihen als ein unbeseeltes Spiel. Ich gebe ja zu, dass man eben alles andere schlecht objektiv bewerten kann. Aber bitte: wir haben es hier mit einer Kunst der reinen Flüchtigkeit zu tun, einer, bei der letztlich einfach nur Klänge verklingen. Fasslich ist da sowieso nicht wirklich viel, daher muss man wohl einfach damit leben, dass gewisse Dinge objektiv bewertet werden können, andere gar nicht, und vor allem damit, dass beides gleich wichtig ist, ja, eine Einheit bildet.
Herzlich, S A T I E
Leif Erikson (15.11.2008, 16:54): Hallo Satie,
leider bin ich ja kein ausübender Musiker und habe daher keinen Unterricht über Interpretation(stheorie) genossen. Ich hangle mich nur an Lexikonwissen entlang und versuche dabei zu lernen. Hier nochmals das Wikipediazitat:
Phrasierung bezeichnet die Beziehung verschiedener Töne innerhalb einer musikalischen Phrase hinsichtlich Lautstärke, Rhythmik, Artikulation und Pausensetzung und deren Behandlung durch den Interpreten.
Angenommen diese Definition gilt wenigstens für ältere Musik, dann läßt sie kaum etwas aus. Was gibt es denn sonst noch zu beachten außer Lautstärke, Rhythmik, Artikulation und Pausensetzung ? Ich habe ja schon die extreme Breite dieser Definition kritisiert. Falls sie aber gilt scheint sie mir die wichtigsten Parameter zu enthalten. (Da darfst Du gerne widersprechen, ich würde sicher wieder davon lernen.)
Daß moderne Musik keine Phrasen vorgibt steht im selben Wikipedia-Artikel weiter unten:
Da sich die kompositorische Entwicklung zu Beginn des 20.Jahrhunderts deutlich von der klassischen Metrik (Periodenbildung) weg entwickelte und auch rhythmisch wesentlich komplexer wurde, ist eine Phrasierung dieser Musik im Sinne Riemanns nicht mehr möglich.
Dazu habe ich mir gedacht, daß irgendeine Gliederung beim Vortrag doch entstehen müßte, war mir aber nicht darüber klar welche und inwieweit sie von der alten Phrasierung abweicht. Irgendwo habe ich auch gelesen, daß man bei moderner Musik eher von Agogik und Rubato spricht. Vielleicht kannst Du den Unterschied kurz erläutern. Du hast es ja im wesentlichen schon wenn Du schreibst
Harmonisch konzipierte Phrasen fallen bei atonaler Musik so ziemlich weg, Abphrasierungen durch fallende Tonhöhen o.ä. können weiterhin vorkommen und sind in aller Regel einem Musiker auch in atonalem Zusammenhang verständlich. Sind Abphrasierungen das Ende einer Phrase ?
Der Hauptgrund für die genaue Notation von Phrasierungen liegt aber sicher darin, dass gängige harmonikale oder sprachähnliche Strukturen so nicht mehr existieren, daher wird Phrasierung in aller Regel sehr genau bezeichnet. Anhand welcher Beispiele hast Du denn zu Deiner Beobachtung gelangen können ? Leider nicht durch Beispiele sondern eher spekulativ. Daß es die Klangrede in der Barockmusik gibt weiß ich. Die Chromatische Phantasie von Bach z.B. hat sehr gut definierte Phrasierungsbögen, die Walcha beispielhaft deutlich wiedergibt, während die Einspielung von Trevor Pinnock sie ignoriert (leider peinlich imo). Sehr dankbar wäre ich für möglichst einfache und einleuchtende Beispiele von Dir. Deine Bemerkungen über die Interpretationslinien finde ich äußerst hilfreich. So sind viele voneinander abweichende Interpretationen erklärbar und auch das vermehrte Quellenstudium von Leuten, die von ihren Lehrern unabhängig werden wollen.
Gruß, Leif.
Cetay (inaktiv) (15.11.2008, 22:59): Original von Leif Erikson Was um Gotteswillen soll von den Interpreten dazu verwendet werden den Geist eines Stückes zu erfassen, wenn sie von Ravel eben nur die Partitur haben und ein paar CD's mit genauso wenig gesicherten Interpretationen ihrer Vorgänger ? Eine von dritten geschriebene Biographie, eine Photographie oder ein Psychogramm des Komponisten ? Gruß, Leif.
Lieber Leif, diese Frage habe ich fast erwartet, deshalb habe ich im Vorgriff schon mal den auf den Notentext und die Vortragsbezeichnungen fixierten Ansatz als "materialistisch" bezeichnet. Es gibt in der großen Kunst auch eine Komponente, die sich dieser Betrachtungsweise vollkommen entzieht. Ich will hier nicht das naive Bild malen, das den Komponisten als ein Gefäß, in das sich Gott ergießt, ansieht und unten purzeln dann die Noten heraus. Aber es ist was dran, dass sich der große Künstler während des schöpferischen Akts aus einer Bewusstseinquelle außerhalb seiner selbst bedient - ob wir das nun Überseele, All-Bewußtsein, Göttliche Matrix oder wie auch immer nennen, ist einerlei. Und so wie nur große Kunstschöpfer die Gnade dieser Inspiration erfahren, so gilt das im gleichen Maß nur für große Interpreten. Nur Interpreten, die Zugang zu den tiefen Schichten dieser Inspirationsquelle finden, aus denen auch der Komponist "gespeist" wird, können wirklich eine adäquate Interpretation schaffen, weil sie auch das, was jenseits des Notentexts (bzw. davor) steht, erfassen. Leonard Bernstein hat es etwas pathetisch ausgedrückt, indem er vom "heißen Draht nach oben" (Begleittext der LB 25-Edition, DGG) sprach. Und wie Lenny vielfach bewiesen hat, wird Genauigkeit im Bezug auf den Notentext in diesem Falle drittrangig. Dass dieser transzendente Aspekt höchst spekulativ und nicht objektiv nachvollziehbar ist, macht einen Teil der Faszination großer Musik aus.
Leif Erikson (16.11.2008, 10:07): Lieber Dox,
sehr interessant, was Du da schreibst. Um möglichst wenig off topic zu geraten, sage ich zu Gott und Religion nur dies: wenn es einen/mehrere personale(n) Gott/Götter gäbe, würde ich mir wünschen, daß es nicht die katastrophalen Germanischen Götter wären sondern die wunderbaren Griechischen. Wenn es nicht viele sein dürften, müßte es unbedingt wenigstens ein göttliches Paar sein. Institutionalisierte Religionen sind in der Regel des Teufels (den ich hier nicht diskutieren will). Es bleibt noch die beliebte Spiritualität, die in Michael Crichton's Buch "Travel" nach meiner Kenntnis am besten beschrieben ist. Mit anderen Worten ich hoffe auf Gott, "glaube" aber nicht. Trotzdem ist "materialistisch" für mich ziemlich negativ besetzt. Es klingt nach aktiver Ignoranz. Den Schuh möchte ich auch nicht angezogen bekommen. Vielleicht werden wir im Zuge der Evolution noch zu etwas, was frühere Generationen als Götter bezeichnet haben. Die besten Musiker gehen uns auf diesem Weg voran. Aber wenn Du nachliest, wie viele Musiker auf "Vergötterungstendenzen" in ihrem Umfeld reagiert haben, müßte Deine Sichtweise ins Schwanken geraten. J.S. Bach hat sich wohl noch eher als Handwerker denn als Künstler gesehen oder er hat wie es üblich war, die Künstler als besonders begabte Handwerker gesehen.
In der Regel haben nur die Zeitgenossen eines bestimmten Komponisten seine Musik nicht ganz verstanden. Mit Verzögerung ging das dann schon. Und wenn man das Umfeld des großen J.S. kennt, wird sogar er wieder etwas menschlicher. Und wenn Du die besten modernen Werke gehört hast, schrumpfen sämtliche vergangenen Epochen auf menschliches Maß.
Gruß, Leif.
Cetay (inaktiv) (16.11.2008, 12:56): Es scheint äußerst schwierig zu sein, über spirituelle/transzendente Aspekte der Musik zu sprechen, ohne dass das gleich in eine religiöse Ecke geschoben wird. Mir ging es dabei gerade nicht um "Vergötterungstendenzen".
Ich will hier nicht das naive Bild malen, das den Komponisten als ein Gefäß, in das sich Gott ergießt, ansieht und unten purzeln dann die Noten heraus. "Spirituell" ist offenbar (von Religonsgegnern) genau so negativ belegt wie "materiell". Gemeint sind zwei unterschiedilche Weltbilder. Das eine sieht das Bewußtsein als Epiphänomen von zufällig gesetzmäßigen materiellen Prozessen an, während das andere dem Bewußtsein eine unabhängige Existenz zuspricht. Es geht nicht darum, welches richtig ist, sondern darum, dass sich je nachdem, welchem dieser Weltbilder (samt der vielfältigen Mischformen) man anhängt, die Rezeption der Musik ändert.
Vielleicht werden wir im Zuge der Evolution noch zu etwas, was frühere Generationen als Götter bezeichnet haben.
Ist das nicht die "Botschaft", die spirituelle Denker in der Musik von Beethoven hören wollen? Daraus läßt sich ein schönes Beispiel konstruieren: Wenn beim Hören einer Beethoven-Interpretation diese "Erkenntnis" blitzartig in mir erleuchtet, während sie es bei einer anderen Interpretation nicht tut, dann hat der erste Interpert aus der Sicht des spirituellen Hörers offenbar die Seele der Musik "richtig" erfasst - da ist es doch schnurz, ob der Notentext 100% genau wiedergekäut wurde. Wer dagegen "materiell" hört, wird mit dieser Botschaft nichts anfangen können und dann vielleicht darauf rumhacken, dass die Hörner in der 4. Nebenstimme ein ff spielen, wo ein fff notiert ist...
Leif Erikson (16.11.2008, 14:19): Lieber Dox,
jetzt werde ich geschäftsschädigend für Solisten und Orchestermusiker von Oratorienchören. Kirchenmusik ist das Genre, was in mir die größten und religionsnächsten Gefühle weckt: c-moll Messe und Requiem von Mozart, Membra Jesu Nostri von Buxtehude, Bachs Motetten, die Passionen, Schubert und Bruckner-Messen, Verdi-Requiem. All dies läßt mich in Ehrfurcht erschauern. Und wenn ich dann windelweich vor Ergriffenheit in die Cafeteria gehe ist dort niemand mit dem ich meine Gefühle teilen könnte. Als Tonmeister bekommt man den Umgangston ganz gut mit und der ist sowas von profan und zynisch, wenn es z.B. um Verdienstmöglichkeiten für Musiker geht. Dazu kommt noch das dauernde Geflirte dieser jungen Menschen. Manchmal denke ich, daß das Durchlaufen der Musikerausbildung sehr viel vom ursprünglich einmal vorhandenen(?) Faszinosum abtötet oder die eigentliche Qualifikation für eine erfolgreiche Ausbildung und Karriere das manuelle und handwerkliche ist, weniger die Liebe zur Musik. Erscheinungen wie leeres Virtuosentum und völlig uninspririerte Aufführungen kann ich mir anders nicht erklären. So muß es schließlich anfangen, daß das kleine Kind mit Begeisterung bemerkt, daß ihm Klavierspielen leicht(er) fällt (als anderen). Dann bleibt man bei dem, was man gut kann. Ohne großen Hintergrund. Deshalb liest man in vielen Kritiken, daß der Virtuose xy erst mal Chopin spielt, um, wenn er dann"reif" ist, auch Beethoven spielen zu können.
Bei Dirigenten und Komponisten ist es wahrscheinlich eher so, wie man es erwarten würde, zumal letztere sehr häufig Autodidakten sind.
Wenn Du Gelegenheit dazu hast, geh unbedingt einmal in eine Orchester- oder Chorprobe. Das wird schon ernüchternd genug sein.
Wenn Du in Stuttgart einmal in eine Probe von Frieder Bernius kämst, dann würdest Du erfahren, wie musikalische Wunder entstehen. Er hat eine absolut unglaubliche Methode, die ich jetzt nicht verrate, und garantiert auch viel Liebe zur Musik. Es ist Faszination pur auf dem Boden der handwerklichen Realität. Bernius probt meist 2 Stunden bis ca. 30 Minuten vor der Aufführung in der betreffenden Kirche.
Gruß, Leif.
satie (23.11.2008, 23:11): Heute habe ich wieder einmal in einem Buch gelesen, das ich schon lange nicht mehr aus dem Regal genommen hatte:
Hans Saner: Anarchie der Stille (Lenos, 1990)
Hans Saner, ein Schweizer Philosoph und früherer Assistent von Karl Jaspers, hat in diesem Buch einige ganz kurze Texte gesammelt, die er über die Jahre geschrieben hatte. Es ist einiges über Kunst und Musik drin, und dieses hier passt in unser Thema:
"Partitur Die Partitur ist der Kompromiss zweier Künste: Abschrift der vom Komponisten innerlich gehör- ten Musik und Vorschrift für die Interpretation des Werks. Sie ist nicht ohne Konzessionen im Ver- hältnis zur eigentlich gehörten Musik des Kompo- nisten und sie macht Konzessionen im Verhältnis zur Kunst der Interpreten. Die Idee, dass die Parti- tur das vollkommene "Abbild" sei und dass der In- terpret in reiner Werktreue ihr nur genügen müsse, wäre, als Verwirklichung, tödlich."
Ich kann ihm nur zustimmen. Und wer nun einwenden will, dies sei ja nur eine Beobachtung, aber keine Antwort, dem kann Saner im selben Buch entgegnen:
"Frage und Antwort Wer eine Antwort gibt, ohne eine neue Frage zu öffnen, gibt keine Antwort."
Herzlich, S A T I E
der dieses Buch nur wärmstens empfehlen kann
ab (23.11.2008, 23:42): Original von Satie
der dieses Buch nur wärmstens empfehlen kann
Interessant, danke für den Tipp! Aber warum kannst du es empfehlen? Was sind den die Thesen, die verteidigt werden? :hello
satie (23.11.2008, 23:51): Ganz einfach: mir gefällt seine Art, ganz knapp einen Gedanken zu formulieren. Mir wirkt er ein wenig wie ein Montaigne in Kurzform. Zusammenhänge gibt es übrigens nicht unbedingt so viele in diesem Buch (die beiden Abschnitte, die ich hier zitiert habe sind jeweils die gesamten Texte), weil teilweise Jahrzehnte zwischen den Texten liegen, und sie sind auch nur bedingt aufeinander bezogen arrangiert in diesem Buch. Wem diese fragmentartigen Texte nicht so sehr liegen, dem kann ich beispielsweise Saners Buch "Geburt und Phantasie. Von der natürlichen Dissidenz des Kindes" empfehlen. Das war ohnehin das Buch, durch das ich mit Saner in Berührung kam. Es war Pflichtlektüre in unserem Pädagogik-Unterricht. Ansonsten beschreihbt dies hier sehr gut, was ich an diesem Philosophen mag:
"Hans Saner hat nie eine Philosophie "im Elfenbeinturm" betrieben. Die zahlreichen Publikationen zeigen sein Engagement zum Zeitgeschehen und zu grundsätzlichen Fragen des Menschseins. Er versteht es, Dinge, Tatsachen, Zusammenhänge so subtil und präzise zu benennen, dass das Benannte nachprüfbar erscheint und begreifbar wird; seine Denkspuren führen zu klaren Überlegungen, zu einem befreiten Verstehen und in die Zukunft. Er hat einen Denkstil entwickelt, der Inspiration, Systematik und Sprachkunst vereint und die Kommunikation fordert und fördert. Saners Nähe zur Musik verleiht seinen Texten zudem eine luzide Ästhetik, die alle Inhalte durchströmt." Quelle: http://www.raffiniert.ch/ssaner.html
Cetay (inaktiv) (12.12.2008, 13:11):
- der durchschnittliche Klassik-Konsument merkt ohnehin nicht, ob eine Interpretation werkadäquat ist oder nicht. Wenn die Interpreten beispielsweise Michael Korsticks durchaus berechtigte Forderung erfüllen würden, erst einmal genau das zu befolgen, was in den Noten steht, bevor sie anfangen zu interpretieren, wäre auch bei Beethoven die Bandbreite weitaus geringer.
:wink :wink Ich versuche zu verstehen, was eine berechtigte Forderung ist. Die Anwälte im Forum werden sicher etwas dazu sagen können, aber da es meines Wissens keine gesetzlichen Regelungen zur Werktreue gibt, dürfte das hier nicht viel helfen. Weltanschaulich kann man das damit abhandeln, dass a) das Leben als Geschenk kostbar genug ist, als dass man überhaupt etwas zu fordern hätte. Vor diesem Hintergrund wäre jede Forderung unberechtigt. Oder man nimmt b) den Ansatz der schwer angesagten Wünsch-dir-was-vom-Universum Fraktion, das bestmögliche Leben wäre für jeden gerade gut genug, weshalb man alles fordern soll, was einem nach eigener Ansicht zusteht. In diesem Fall wäre jede Forderung berechtigt, wodurch eine "berechtigte Forderung" zum redundanten Begriff würde. Wenn also weder das Gesetz noch die Weltanschauung helfen, dann vielleicht der gesunde Menschenverstand? Kaum, denn der Letzere ist die Tarnung des Wahnsinns, ganz in dem Sinne, dass man etwas am besten versteckt, indem es man es für alle sichtbar macht. (Falls in heutigen Zeiten jemand noch ernsthaft Belege für diese Behauptung verlangt, wäre das in der Plauderecke abzuhandeln.) Bliebe vielleicht noch die "Moral" als Entscheidungskriterium, ob eine Forderung brechtigt ist oder nicht? Etwa in dem Sinne, dass es eine Frage des Respekts ist, dem Komponistenwillen zu gehorchen. Mal abgesehen davon, dass man an dieser Stelle Anekdoten über dirigierende Komponisten, die sich um ihre eigenen Aufschriebe einen Dreck scherten, heranziehen könnte - Warum eigentlich soll dieser Wille so respekteinflößend sein? Ich will auch viel wenn der Tag lang ist und keine Sau schert sich drum. Und was ist mit dem Interpretenwillen? Sind Interpreten Menschen zweiter Klasse? Wenn ein Weltklasseinterpret (der ja irgendwie zu diesem Ruf gekommen sein muss) vom Notentext abweicht, dann hat das vielleicht handfeste Gründe, denen geistig tiefschürfende Entscheidungsprozesse vorausgehen. Wo bleibt der Respekt gegenüber dem Ausführenden, wenn wir einer solchen Interpretation die Qualität absprechen, nur weil sie nicht genau das zu befolgt, was in den Noten steht? Der Qualitätsbegriff funktioniert in diesem Zusammenhang sowieso nicht, denn Qualität ist die Fähigkeit, eine festgelegte Anforderung zu erfüllen. Der durchschnittliche Klassik-Konsument merkt ohnehin nicht, ob eine Interpretation werkadäquat ist oder nicht, also wird er es auch nicht als Qualitätskriterium festlegen. Mancher Kenner merkt es zwar, aber da ich auch Interpreten zu den Kennern zähle und denen das offensichtlich nicht immer so wichtig ist, gibt es auch aus dieser Ecke keine verbindliche Forderung. Fazit: Die Forderung, erst einmal genau das zu befolgen, was in den Noten steht, ist die willkürliche Forderung von Einzelnen und kann damit kaum den Status "berechtigt" haben. Sie ist genau so willkürlich wie die Willkür der werk-untreuen Interpreten und ich als durchschnittlicher Klassikkonsument bin froh, dass mir die heutige Bandbreite bei Beethoven geboten wird. Ich kann mich ja ganz willkürlich dafür entscheiden, eine besonders werkadäquate Aufnahme zu bevorzugen. :wink :wink
Gamaheh (11.01.2009, 23:37): Original von Dox Orkh (Muß ich hier nicht wiederholen, steht ja drüber.)
Dem kann ich kaum noch etwas hinzufügen - erscheint mir schlüssig - wenn nicht dieses, das ich gerade beim Durchhören von im letzten Jahr aufgenommenen und bisher unbeschrifteten MDs fand in einer Sendung von NDR Kultur, "Prisma Musik" über Glenn Gould (von 2007 offenbar):
„... haben nun Interpretationen ihren Maßstab daran, ob Liebe spürbar wird – in der Tat: Liebe muß dabei sein. Nicht allerdings Liebe zum Komponisten, wie Alfred Brendel gefordert hat; auch nicht zum Werk, wie der Komponist es sich vorgestellt hat, aber Liebe zum Werk im Lichte der eigenen – sei es auch verfremdenden – Darstellung. Daß man es mit bestem Gewissen darstellt, lieben kann, ist die Nagelprobe auf das, was in einer Interpretation erklingt."
Ich zitiere dies, weil das auch schon lange meine Erkenntnis ist, auch wenn ich es nicht so gut (oder jedenfalls nicht so) hätte ausdrücken können.
Der Rest des Zitats folgt im Gould-Faden.
Grüße, Gamaheh
Cetay (inaktiv) (14.06.2009, 06:41): Aus dem Faden zu Bruckners 9. hierher verschoben.
Original von kreisler Dox, (Darf ich fragen, woher eigentlich der Name stammt?)
Es ist sehr wichtig, auch einmal die Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten, da stimme ich dir zu. Aber ich behaupte, das meine Meinung (z.B. was den Komponistenwillen angeht) sich nicht nur darauf begründet, das es "gang und gäbe" sei, sondern weil ich in diesem Fall von der Vorstellung des musikalischen Werkes ausgehe. Dieses Werk entsteht meiner Meinung nach im Kopf des Komponisten und nicht erst bei der Aufführung. Bei dem, was du über Sachzwänge etc. schreibst, kann ich dir nicht ganz zustimmen, schließlich sind etwa Satzformen und mögliche Besetzung Vorgaben, ohne die das Werk gar nicht geschrieben werden kann. Komponieren ist auch immer eine Lösung von "Aufgaben" die durch Einschränkung entstehen. (sozusagen: Ohne System keine Musik). Deshalb kann ich bsp. "Formzwang" nicht als Kompromiss sehen. Natürlich: Umso mehr "Kompromisse" aufgehoben werden, umso "moderner" erscheint uns die Musik (Rameau, Beethoven...:wink)
Soviel zum komponieren. Ich glaube die Aufführung muss man dann noch mal von dem "Werk" an sich trennen, sie hat nichts mehr wirklich etwas mit der Komposition des Werkes zu tun: Hier kommt eine weitere Komponente ins Spiel: Die Zuhörer. Und ich gebe dir recht, es gibt auch einen Willen dieser Hörerschaft (zu denen die Interpreten ja im Prinzp auch gehören). Und hier, bei der Interpretation müssen nun wohl oder übel Kompromisse gemacht werden, man wird das Werk so spielen, wie es die Zuhörer haben wollen, und das wird zu jeder Zeit etwas anders sein. Man wird mit andern Spielweisen auf andern Instrumenten spielen, was natürlich oben genanntes Werk etwas verändert. Diese Veränderung darf aber nicht soweit gehen, das das Werk gänzlich verändert ist. Ich empfinde solche eine Bearbeitung eben als weitaus größere Abweichung als etwa eine andere Spielweise oder ähnliches: Hier wiege ich ab, zwischen meinen Hörgewohnheiten und dem (von mir angebeteten :wink) "Werk"
Ich sehe aber, dass mein Text gar nicht so viel aussagt, nur, dass wir anscheinend in diesem Punkt: Weil eine Komposition erst "fertig" ist, wenn sie gehört wird - das ist schon wieder so eine These, die zum abschweifen verleitet. ziemlich andere Ansichten haben und, à propos anderes Thema, das ich ein bisschen abgeschweift bin. :hello,
kreisler
:beer Ich finde nicht, dass der Text nicht viel aussagt. Im Gegenteil, das erste mal hat mir jemand verständlich machen können, warum für ihn der Komponistenwille unantastbar ist, statt nur (nach-)zu predigen, dass es halt so ist.
Dass eine Kompositon auch als Problemlösung -eingegrenzt durch ein System- anzusehen ist, ist etwas, auf das jemand, dem die theoretischen Hintergründe fehlen, nicht unbedingt kommt. Aber von dieser Warte aus kann man eine Komposition wirklich als etwas in sich abgeschlossenens betrachten, das keiner Aufführung bedarf. (Ich stelle mir das vor, wie das finden eines eleganten mathematischen Beweises, der den Finder auch dann tief befriedigt, wenn ihn vielleicht nur noch 20 andere Menschen auf der Welt in der Tiefe verstehen.) Und aus diesem Gesichtspunkt, ist es nur allzuverständlich, dass sich der Komponist nicht gerne in sein Kunstwerk pfuschen läßt.
Hier stellt sich die spannende Frage, inwieweit eine Interpretation die "Erklärung" des Lösungswegs beinhaltet und an wen sie sich richtet. Wenn für den Profi, der alles nachvollziehen kann und die Partitur mitliest, interpretiert wird, dann wird der Interpret versuchen, soweit wie möglich alles haarklein so umzusetzen, wie es geschrieben steht. Wenn sich der Interpret bewußt ist, dass auch der ambitionierte Laie mit ein wenig Hilfe in der Lage ist, etwas von der Erklärung zu verstehen, wird er möglicherweise versuchen wollen, ihn darauf zu stossen - z.B. indem er vor formalen Angelpunkten das Tempo drosselt auch wenn es nicht in der Partitur steht. Wenn für den blutigen Laien gespielt wird, dann ist es wichtig, ihn erst mal dazuzubringen überhaupt zuzuhören - und dazu waren im Wien des späten 19 Jhd. auch mal Striche und Uminstrumentierungen notwendig, später reichten dann Glättungen und Klangverschönerungen. Dass die Hörer von der ursprünglichen Problemlösung so nur noch eine verzerrte Skizze mitbekommen, liegt in der Natur der Sache. Aber man muss ich im klaren sein, dass diese Hörerklientel ohnehin nur einen Bruchteil von dem erfasst, was an Kunstfertigkeit in der Komposition steckt. Deswegen "schadet" man dem Komponisten mit einer "volksnahen" Interpretation oder gar Bearbeitung weit weniger, als es uns von der Hardlinerfraktion, die darin gleich den Untergang der Kultur sehen will, weisgemacht wird. Es gibt noch eine weitere Dimension. Neben Kunst und Wissenschaft beinhaltet eine Komposition auch eine ganzheitlich schöpferische und heilsame Komponente. Interpreten, die das in den Mittelpunkt stellen, lassen sich auch von ihrer Intuition leiten - sie zeigen nicht die Problemlösung, sondern das, was die Lösung dem Hörer (!) sagen will. Interpreten dieses Schlages (ich denke an Bernstein und auch an Gould) weichen oft erheblich von der Partitur ab und werden trotzdem auch in weiten Teilen der Fachwelt geschätzt.
Heike (14.06.2009, 09:58): Interpreten, die das in den Mittelpunkt stellen, lassen sich auch von ihrer Intuition leiten - sie zeigen nicht die Problemlösung, sondern das, was die Lösung dem Hörer (!) sagen will. Für Gould würde ich das anzweifeln, ich denke, er hat nur für sich und nicht mit irgendeinem Sendungsbewusstsein für Hörer gespielt. Heike
Cetay (inaktiv) (14.06.2009, 10:19): Original von Hebre Interpreten, die das in den Mittelpunkt stellen, lassen sich auch von ihrer Intuition leiten - sie zeigen nicht die Problemlösung, sondern das, was die Lösung dem Hörer (!) sagen will. Für Gould würde ich das anzweifeln, ich denke, er hat nur für sich und nicht mit irgendeinem Sendungsbewusstsein für Hörer gespielt. Heike
Ich sprach deswegen von Intuition und nicht von Bewußtsein. Lange wurde versucht Bach mit "volksnahen" romantischen Interpretationen beim breiten Publikum anzubringen. Gould wagte es, Alte Musik in all ihren Eigenheiten lebendig und ohne akademische Strenge, sondern stets exakt und überdacht zu spielen (Wiki) und hatte -und hat- damit gerade bei vielen, die Bach nicht "verstehen", großen Erfolg.
kreisler (14.06.2009, 10:44): Danke, das du hier geantwortet hast, ich glaube das passt hier besser als bei Bruckner.
Ich finde deinen Vergleich mit dem "eleganten mathematischen Beweis" ganz treffend zu dem was ich meinte. Noch besser finde ich aber, dass du auch diese weitere Dimension mit einbeziehst. Und ich muss gestehen, so sehr ich an den Kompositionswillen glaube, ich höre sogar häufig lieber solche Interpretationen an, bei denen der Künstler sich mit dem Werk vollkommen indentifiziert. Für mich ist es halt wichtig, dass ich selber ein Bild von der Komposition habe, auf das nur die Komposition selber und meine Einschätzung wirkt, damit ich mich auf etwas festes stützen kann, sonst weiß ich nicht, ob mir ein Bernstein nicht nur irgendetwas vorgaukelt. Und wichtig ist für mich auch noch, dass der Interpret nichts an dem geistlichen Gehalt der Komposition den er Vermitteln will nichts grundlegend verändert. Mit manchen Platten von Gould (Weil es ja auch gerade um den geht) stehe ich deshalb etwas auf Kriegsfuß. Das macht z.B. Bernstein nicht umbedingt (im Gegenteil: sein Mahler scheint immer genau das Auszudrücken, was Mahler ausdrücken wollte, obwohl viel kompositorischen in den Hintergrund gedrängt wird). Ich folge dann doch oft dem Prinzip: "Wenn ich eine Interpretation anhöre will ich auch etwas interpretiert haben, wie es ist weiß ich schon selber" Ich hab aber übrigens auch die Erfahrung gemacht - und zwar bei Günter Wand - das auch die andere Seite ganz spannend sein kann, wenn sie so perfekt ausgeführt wird. Denn anscheinend weiß ich dann doch noch nicht so viel selber :D
kreisler
Heike (14.06.2009, 22:13): Was ich (nachdem ich öfter darüber nachgedacht habe) heute mit Bestimmtheit sagen kann:
Ich habe mich schon immer in gewissem Maße für klassische Musik interessiert und gern auch hier und da Klassik gehört. Liebhaberin bzw. begeisterte und berührte ZUHÖRERIN wurde ich aber genau in dem Moment, als ich anfing, von einem Werk verschiedene Interpretationen bewusst zu registrieren und zu vergleichen.
Heike
Gamaheh (15.06.2009, 22:53): Hinweis: Die Franzosen nennen die Erstaufführung eines musikalischen Werkes "création" - ohne Interpretation keine Musik.
Grüße, Gamaheh
ab (16.06.2009, 00:19): Original von Gamaheh Hinweis: Die Franzosen nennen die Erstaufführung eines musikalischen Werkes "création" - ohne Interpretation keine Musik.
Grüße, Gamaheh
oh! Interessant! Das wusste ich gar nicht!
Steht dieses Wort dann neben dem Titel, so wie bei uns "Uraufführung"? :thanks
Gamaheh (16.06.2009, 11:34): Original von ab Original von Gamaheh Hinweis: Die Franzosen nennen die Erstaufführung eines musikalischen Werkes "création" - ohne Interpretation keine Musik.
Grüße, Gamaheh
oh! Interessant! Das wusste ich gar nicht!
Steht dieses Wort dann neben dem Titel, so wie bei uns "Uraufführung"? :thanks
Ja, soweit ich es präsent habe - man liest sowas ja nicht alle Tage - steht das dann in Klammern: "création mondiale" oder so, oder es heißt von einem Werk "créée en France par " etc.
Grüße, Gamaheh
ab (16.06.2009, 13:52): Original von Gamaheh Original von ab Original von Gamaheh Hinweis: Die Franzosen nennen die Erstaufführung eines musikalischen Werkes "création" - ohne Interpretation keine Musik.
Grüße, Gamaheh
oh! Interessant! Das wusste ich gar nicht!
Steht dieses Wort dann neben dem Titel, so wie bei uns "Uraufführung"? :thanks
Ja, soweit ich es präsent habe - man liest sowas ja nicht alle Tage - steht das dann in Klammern: "création mondiale" oder so, oder es heißt von einem Werk "créée en France par " etc.