Wiederholung in der Musik

satie (17.04.2020, 22:30):
Sfantu hat im Haydn-Faden folgendes geschrieben:


Apropos Wiederholungsvorschriften: Es wäre noch mal ein interessantes Thema für sich: sind dies Vorschriften oder Vorschläge? Wie kommt es, daß wir es so häufig mit Nichtbeachtung gerade von Wiederholungen zu tun haben?

Das ist meiner Meinung nach ein Thema, welches Vertiefung verdient! Es ist eine komplexe Angelegenheit mit teilweise krassen Auswirkungen auf die Musik.

Hierzu einige Überlegungen:

1. Ich habe den Verdacht, dass Wiederholungen v.a. wegen Kapazitätsproblemen bei Tonträgern weggelassen wurden und werden und sich dieses irgendwann auf die Live-Praxis übertragen hat.

2. Wiederholungen, die weggelassen werden, halbieren im Extremfall die Dauer eines Stücks. Das ist eine extreme Auswirkung, die meiner Ansicht nach auf keinen Fall im Sinne des Komponisten sein kann. Man vergleiche hierzu die sehr langen und mit vielen ausgeschriebenen (!) Wiederholungen versehenen Kopfsätze etwa der englischen Suiten von J.S.Bach (die Ausdehnung muss dort gewollt sein).

3. Wiederholung wird mit Langeweile assoziiert in unserer Kultur, je kleingliedriger die wiederholten Elemente, desto mehr. Dass aber Wiederholungen großer Teile erst ein rechtes Erfassen einer musikalischen Struktur ermöglicht, sollte bedacht werden.

4. Wiederholungen bieten Raum für eine zweite Lesart, Varianten, kleine Improvisationen. V.a. Barockmusik und die der Wiener Klassik erlauben einen in gewissem Rahmen freien Umgang in dieser Hinsicht. Interpreten der alten Schule haben dies oft nicht gewusst, heute ist bekannt, dass Liszt z.B. noch Stücke von Chopin mit improvisatorischen Elementen versah.

Diese 4 Gedanken einmal vorweg geschickt, wird es interessant sein, Beispiele zu sammeln, die sie illustrieren.

Herzliche Grüße
Satie
Maurice inaktiv (17.04.2020, 23:35):
Ich versuche es mal anders zu beantworten. Die erste, und sicher für jedem am ehesten nachvollziehbare Variante ist, dass es MIT Wiederholung in der Partitur steht. Die zweite Variante ist, dass es keine genauen Angaben gibt, also fast schon "offen für alles" ist, die dritte Variante ist, dass zwar eine Wiederholung notiert ist, aber man da ganze Stück wiederholen soll, was für MICH in 99 % meiner musikalischen Laufbahn die völlig schwachsinnigste Variante war und immer noch ist. Meist wiederholt man mit "Da Capo - Kopf-Kopf - Ende", doch es gibt auch "Da Capo con rep. oder sin rep." also Wiederholung mit/oder ohne Wiederholung.


Bei den kurzen Sinfonien wird vermutlich jede Wiederholung automatisch ein Ungleichgewicht nach sich ziehen, also weitaus weniger passen, während bei Werken ab ca. 30 Minuten ein Weglassen der Wiederholung trotzdem noch "stimmig" zum Gesamtwerk passen könnte. Etwa so wie bei Schuberts Neunter, wie man hier schon gelesen hat:





Weiter im Text :
satie (18.04.2020, 00:53):
Lieber Maurice,
ich habe mir erlaubt, den Teil, der nicht zum Thema Wiederholung passt, herauszunehmen. Hoffe, das ist ok.

Deine dritte Variante...nur zum Verständnis: Du meinst Stücke, die innerhalb Wiederholungen haben und dann noch zusätzlich da capo gespielt werden sollen, richtig? Ich kenne kaum Beispiele, wo man beim da capo die Binnenwiederholungen spielt. Das ist meines Wissens auch nie üblich gewesen. Wo kommt das vor? Würde mich mal interessieren. Fände ich grundsätzlich nämlich auch fragwürdig.
Maurice inaktiv (18.04.2020, 07:59):
Lieber Maurice,
ich habe mir erlaubt, den Teil, der nicht zum Thema Wiederholung passt, herauszunehmen. Hoffe, das ist ok.
Klar doch.


Deine dritte Variante...nur zum Verständnis: Du meinst Stücke, die innerhalb Wiederholungen haben und dann noch zusätzlich da capo gespielt werden sollen, richtig? Ich kenne kaum Beispiele, wo man beim da capo die Binnenwiederholungen spielt. Das ist meines Wissens auch nie üblich gewesen. Wo kommt das vor? Würde mich mal interessieren. Fände ich grundsätzlich nämlich auch fragwürdig.
Das gibt (oder gab) es recht häufig in der Militärmusik, um mal eine Ecke zu nennen, die um 1750 noch in den Kinderschuhen steckte, aber doch bereits vorhanden war.