Wiegenlieder

Hosenrolle1 (18.01.2016, 08:11):
Vielleicht ist das ein ungewöhnliches Thema, eines, das manch einer "kindisch" finden wird.

Andererseits haben auch Komponisten wie Bach, Mozart oder Brahms Wiegenlieder geschrieben. Leider passt das Thema nicht wirklich definitiv in eine bestimmte Kategorie, weil es instrumentale sowie gesungene Versionen gibt.

Welche Wiegenlieder kennt und/oder mögt ihr gerne, welche weniger? Und warum?


Meine Nummer 1 ist das Wiegenlied von Johannes Brahms.

Ja, es wurde leider in unzähligen Versionen verkitscht und auf den Markt geworfen, und eigentlich jeder kennt es.

Und dennoch: wird es instrumental vorgetragen, und schön gespielt, dann hat es meiner Meinung nach immer noch etwas absolut beruhigendes, einlullendes.
Hier kann man aber m.E. viel falsch machen. Ich habe Versionen für Streichorchester gehört, die sehr viel mit Akzenten gearbeitet haben, und auch der Klang war schon zu breit, zu sinfonisch.

Es ist schwer, es gefühlvoll, dabei aber NICHT kitschig oder süßlich zu spielen, es "einfach" zu halten, ohne den Virtuosen raushängen zu lassen, dabei aber dennoch nicht lieblos oder langweilig zu klingen.
Auch schön, wenn es von einer Spieluhr gespielt wird ...

Ich persönlich mag hier die Version OHNE Gesang, ohne Text.
Meiner Meinung nach ein genialer Wurf von Brahms, so etwas zu schreiben. Eine einfache Melodie, die ins Ohr geht und die gewünschte Stimmung erzeugt.

(Nebenbei, als ich vor wenigen Jahren das Stück hörte, dachte ich mir, wie schön es doch wäre, wenn die Grümmer das gesungen hätte! Also habe ich gesucht, und tatsächlich, sie HAT es gesungen. Ich hörte mir das Stück also an ... und war enttäuscht. Ich dachte, dass sie hier wieder ihre herrlichen Piano-Höhen einsetzen würde, ganz ruhigen, leisen, intimen Gesang , wie sie das auch bei der Agathe so schön demonstriert hat - stattdessen sang sie es recht laut.)


Ein weiteres Wiegenlied, das ich kenne, ist von Mozart: "Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein".

Das gefällt mir aber ehrlich gesagt nicht mehr. Zum einen finde ich es für ein Wiegenlied zu lange, und der Text wird zu ausschweifend, das Schlafengehen wird nur kurz erwähnt, ansonsten geht es um andere Dinge.
Auch die Melodie empfinde ich als zu "munter", nicht einschläfernd, sondern eher kunstvoll, mit diesen Halbtonschritten(?) in der Melodie.


Und noch ein anderes, nämlich "Schlafe, mein Liebster" aus dem Weihnachtsoratorium von Bach.

Dieses Stück hat für mich überhaupt nichts mehr von einem Wiegenlied, auch wenn die auf und ab "schwingenden" Bässe vielleicht als wiegen der Wiege gedeutet werden kann. Alleine die Einleitung ist schon äußerst kunstvoll und viel zu kompliziert, gleichzeitig auch für meine Begriffe zu lebhaft. Der Gesang würde ohne Musik wohl nicht wirklich taugen um ein Kind einzulullen ... "mein Liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeebssteeeeeer".
Andererseits war es wahrscheinlich keine Absicht von Bach, hier ein klassisches Wiegenlied zu schreiben, es ist ja auch Teil eines Gesamtwerkes und steht nicht für sich alleine.


Welche Werke kennt ihr?




LG,
Hosenrolle1
Zefira (18.01.2016, 11:59):
Ich hatte neulich das Glück, die Sendung Bach to the roots auf 3sat zu sehen. Da wurde Musik vorgestellt, die auf die Vermischung der spanischen und lateinamerikanischen Musik im 16. Jhdt. zurückgeht. " ... eine Spurensuche aus der Perspektive von Dirigent und Forscher Rubén Dubrovsky, der die zwei Welten - argentinische Volksmusik und europäische Barockmusik - gegenüberstellt."

Unter anderen sang Bernarda Fink ein Lied mit dem Titel "Pobre mi negra", das laut Ansage des Herrn Dubrovsky ein Wiegenlied der Gottesmutter sein soll. Bernarda Finks Interpretation scheint es online nicht zu geben, einen Eindruck kann man sich zum Beispiel hier verschaffen: https://www.youtube.com/watch?v=kI0-6IWJns8

(Ob der zweite, lebhaftere Teil noch dazugehört, weiß ich nicht.)

Ich mag die Melodie sehr.
Hosenrolle1 (19.01.2016, 11:13):
Hab´s mir grade angehört. Mich hat die Trommel sehr an "Einer flog übers Kuckucksnest" erinnert, fehlt nur noch die singende Säge :D

Die Melodie ... ich fand sie nicht sehr Schlaflied-mäßig, besonders mit diesen immer wiederkehrenden Sprüngen nach oben und unten. Eher etwas düster.




LG,
Hosenrolle1
Jürgen (19.01.2016, 13:28):
Schubert:
D498 Wiegenlied ("Schlafe, schlafe, holder süsser Knabe")
D579 Der Knabe in der Wiege (Wiegenlied)
D304 Wiegenlied (Körner)
D867 Wiegenlied
Die Schöne Müllerin: Des Baches Wiegenlied

Richard Strauss:
Wiegenlied Op.41 Nr.1

Franz Liszt:
Wiegenlied S. 198

Aram Khachaturian:
Gayaneh: Wiegenlied

Und wenn ich meine Sammlung nach dem Stichwort Lullaby durchsuche:

Debussy:
Children's Corner: Jimbo's Lullaby

Gershwin:
Lullaby (for string quartet, 1916)

Grieg:
Peer Gynt: Solvejg's Lullaby

Karayev:
Tropoyu groma (Der Pfad des Donners) Ballett Suite Nr.2: Lullaby

Mussorgsky:
Lieder und Tänze des Todes: Lullaby

Rachmaninoff:
Tchaikovsky Lullaby Op. 16 No. 1 (Transskiption)

Shostakovich:
Aus jüdischer Volkspoesie: Lullaby

Stravinsky:
Der Feuervogel: Lullaby

Vaughan Williams:
Hodle - A Christmas Cantata: Lullaby- Sweet was the song the Virgin sang

Grüße
Jürgen
Zefira (19.01.2016, 17:51):
@ Hosenrolle: Herr Dubrovsky erklärte dazu, es sei ein Wiegenlied der Gottesmutter Maria und im Text wären Vorahnungen der Leidensgeschichte enthalten - daher wohl die Düsterkeit.
Ob es stimmt, weiß ich nicht; der Originaltext ist zwar im Netz zu finden (es scheint ein ziemlich bekanntes Lied zu sein), aber keine Übersetzung.