Wiener Nachkriegsjahre: Die Geburtsstunde eines Schallplattenstars

Jürgen (24.01.2012, 23:11):
Am 12.Januar 1946 dirigierte Herbert von Karajan sein erstes Konzert im Nachkriegs-Wien. Ein amerikanischer Offizier hatte die Erlaubnis erteilt, allerdings die Rechnung ohne die sowjetische Besatzungsmacht gemacht. Die setzte nämlich ein Auftrittsverbot für HvK durch, so dass ein geplantes zweites Konzert am 19.Januar kurzfristig abgesagt werden musste.

Es begab sich zu dieser Zeit, dass Walter Legge, der Chefproduzent der EMI, in Wien weilte, um Nachwuchskünstler der klassischen Musik zu rekrutieren.
Er traf sich noch am selben Tag (19.Januar=Jänner) mit Karajan, der sich in einer misslichen Lage befand, und handelte eine Zusammenarbeit bezüglich etlicher Schallplattenaufnahmen aus. Diese fielen nämlich nicht unter das Auftrittsverbot.

In den folgenden Jahren entstanden einige wunderbare Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern und weiteren Stars, wie z.B. Elisabeth Schwarzkopf, die Walter Legge gleich mit unter Vertrag nahm. Erst machte er eine Schallplattenvertrag mit ihr und 1953 (weil sie ihm so gut gefiel) einen Ehevertrag.

Das Ergebnis dieser Aufnahmesitzungen wird heute in dieser CD-Box zusammengefasst:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51u-JOetJOL._SL500_AA300_.jpg

Für Karajan bedeutete es eine Überbrückung seines Auftrittverbots (das übrigens 1947 wieder aufgehoben wurde) und es stärkte seine Präsenz im aufstrebenden Medium der Schallplatte. Für die EMI bedeutete es einen weiteren Star unter Vertrag zu haben. Legge verpflichtete in diesen Jahren neben Karajan und Schwarzkopf ausserdem Furtwängler, Sawallisch, Klemperer und Callas. Damit war EMI die Nr.1 unter den Majors.

Walter Legge hatte überdies für die EMI 1945 ein Sinfonieorchester gegründet, nur um Schallplattenaufnahmen zu machen: Das Philharmonia Orchestra.
Als Karajan wieder international tätig wurde, stand ihm dieser Klangkörper für weitere Aufnahmen zur Verfügung.

Die Weichen für eine Tonträgerkarriere waren gestellt.

Grüße
Jürgen
Amadé (26.01.2012, 17:12):
Auch Furtwänglers Schallplattennachkriegskarriere begann damals in Wien, einige Aufnahmen entstanden auch in London mit dem neugegründeten Philharmonia-Orchestra. Legges vermeintlich allzu starke Nähe zu dem "Frisör" schürte WFs Eifersucht, seine letzten Aufnahmen wurden nicht mehr von Legge, sondern von Sir Lawrence Collingwood betreut, der auch als Dirigent in Erscheinung trat (siehe DGG Otto Gerdes, Christian Gansch).

Liebe Grüße
Amadé
Jürgen (27.01.2012, 12:22):
Furtwänglers Schallplattennachkriegskarriere unterscheidet sich von Karajans dahingehend, dass sie schon 1954 (mit seinem Tod) beendet war.

Bei Karajan, der ja 22 Jahre jünger war, ging die Schallplattenkarriere, bedingt durch Labelwechsel und Übernahme der Berliner Philharmoniker, in die nächste (höhere) Phase über.

Bei Karajan würde ich es also als den Beginn einer Schallplattenkarriere bezeichnen, bei Furtwängler ist es eher die letzte Phase gewesen.

Grüße
Jürgen
Amadé (27.01.2012, 16:25):
Kann man bei Furtwängler eigentlich von verschiedenen Aufnahmephasen sprechen? Ich meine nur bedingt, zeitlich gesehen.
Zwar wurden mit den Berliner Philharmonikern Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Reihe von Schellacks für Polydor produziert, die zusammen in eine 3CD-Box passen, alle anderen Studio-Aufnahmen kamen tröpfchenweise, während des Naziregimes lediglich Tschaikowskys Pathetique, einige Auschnitte von Lohengrin aus Bayreuth, Tristan-Vorspiel und Liebestod, Parsifal-Vorspiel und Karfreitagszauber, die Cavatine aus Beethovens Quartett op.130. Danach die Nachkriegsaufnahmen aus Wien, London (Brahms 2.Sinfonie, Tristan, Beethovens 5.KK mit Fischer, Lieder eines fahrenden Gesellen) und Berlin hauptsächlich für die DGG. Die Aufnahmen während der braunen Herrschaft weisen eine ähnliche Intensität auf, die man den späteren Aufnahmen bescheinigt. Furtwängler fühlte sich im Studio nicht gerade wohl, seine besten Leistungen sind auf diversen live-Mitschnitten dokumentiert.

Gruß Amadé
Jürgen (01.02.2012, 12:47):
Ich bin gefragt worden, warum ich noch einen weiteren Karajan-Thread eröffne, obwohl schon einer existiere.

Genau genommen existieren derer zwei:

Karajan hat auch gute Platten gemacht
100. Geburtstag Herbert von Karajan - was bleibt?


In diesen Fäden wurden ausgiebig Aufnahmen Karajans gelistet, die als bedeutend eingestuft wurden. Da diese Einstufung von subjektiver Natur ist, konnte darüber diskutiert werden.

An dieser Stelle will ich das Augenmerk aber auf den Beginn und den Verlauf seiner (Schallplatten/Tonträger-) Karriere lenken. Und vor allem will ich verstehen, warum er dieser Star werden konnte, welche ausschlaggebenden Ereignisse dazu beigetragen haben.

Als Einstiegspunkt habe ich den aus der Not geborenen Schallplattenvertrag mit der EMI schon genannt.

Als zweiten Punkt zitiere ich mal Wikipedia:
1948 wurde Karajan Direktor und Ehrenmitglied, 1949 Mitglied auf Lebenszeit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Mit der Aufnahme bei den Musikfreunden begann seine eigentliche Karriere.

Als Nicht-Wiener kann ich nur mutmaßen, dass ihm die Mitgliedschaft Seilschaften eröffnet hat, welche seiner Karriere förderlich waren.

Aber hoffentlich gibt es dazu hier Besserwisser :D

Grüße
Jürgen