Amadé (03.08.2009, 12:03): Im Forum ist es niemand aufgefallen, oder hat niemand daran gedacht, oder hielt es nicht für erwähnenswert, das der bedeutende deutsche Pianist Wilhelm Backhaus in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden wäre, außerdem jährte sich sein Todestag zum 50. mal. Auch seine ehemalige Plattenfirma Decca, bei der er nach dem 2. Weltkrieg bis zu seinem Tode unter Vertrag stand, hielt es nicht für angebracht, mit einer Edition, oder nur einer kleinen CD-Box an ihn zu erinnern, also tot!? Backhaus wurde am 26.03.1884 in Leipzig geboren, dort ausgebildet und erhielt seinen letzten Schliff noch von Eugen d’Albert. Ab 1900 begann er zu konzertieren, 1905 gewann er in Paris den Anton-Rubinstein-Preis. In seinen jungen Jahren war er als Pianist berühmt, der nicht nur Beethoven, sondern auch das virtuose Repertoire pflegte: Rachmaninoff, Liszt, Weber, Grieg, Seeling, Schumann, Smetana, Scarlatti, Delibes / Dohnanyi, Moszkowski, Mendelssohn / Hutcheson, Albeniz, Paganini / Liszt. Zurecht berühmt waren seine Einspielung der beiden Etüden-Zyklen von Chopin, die auch heute noch Bestand haben. Chopin-Etüden finden sich auch noch nach dem 2.Weltkrieg in seinen Konzertprogrammen. Außerdem widmete er sich früh der Klaviermusik von Brahms, von der einiges von EMI aufgezeichnet und heute noch greifbar ist. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt er vor allem als Beethoven-Interpret weltweite Anerkennung. Er hat alle 32 Klaviersonaten einspielen können, ab 1951 in mono, später noch einmal in stereo, ausgenommen die Hammerklaviersonate. Auch die Diabelli-Variationen wurden aufgezeichnet. Orfeo hat einige Sonaten, mitgeschnitten bei den Salzburger Festspielen, herausgebracht. Von den Konzerten gibt es eine Gesamtaufnahme mit den Wiener Philharmonikern unter Leitung von Hans Schmidt-Isserstedt, die aber nie so die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen konnte, wie die etwa gleichzeitig entstandene Berliner Aufnahme mit Wilhelm Kempff und Ferdinand Leitner. Backhaus verfügte zwar über die zuverlässigere Klaviertechnik, Kempffs Aufnahmen, auch die der Sonaten, besitzen mehr Individualität und Atmosphäre. In mono-Zeiten wurden das 2. 4. und 5. Konzert mit Clemens Kraus, das 3. mit Böhm aufgezeichnet, immer mit den WPh. Sehr überzeugen konnte Backhaus mit den Klavierkonzerten von Brahms. Das 2. in B-dur hat er zeitlebens dreimal aufzeichnen können, zweimal mit Karl Böhm als Dirigenten (Dresden, Wien), einmal mit Carl Schuricht. Diese Aufnahme ziehe ich den anderen vor, sie ist großformatig, besitzt Feuer, die aufnahmetechnischen Unzulänglichkeiten (1952) fallen da nicht ins Gewicht. Vom ersten Konzert kenne ich die Aufnahme wiederum mit Karl Böhm und den WPh aus dem Jahr 1957, sowie eine frühe Aufnahme mit dem BBC Symphony Orchestra unter Adrian Boult von 1932. Nur weniges hat Decca von Haydn, Mozart, Schubert (keine einzige Sonate) und Schumann (u.a. Klavierkonzert mit Günter Wand, dieser hielt die Aufnahme jedoch nicht für überzeugend,) aufgezeichnet. Wilhelm Backhaus erlitt am 28.06.1969 während eines Konzerts in Oissiach einen Schwächeanfall, von dem er sich nicht mehr erholte, er starb am 05.07.1969 in Villach. Leider habe ich Backhaus nie im Konzert erleben können.
Meine Lieblingsaufnahmen von ihm: Chopin: Etüden op.10 und 25 Brahms: 2.Klavierkonzert mit Schuricht, Wiener Philh. Beethoven: Waldstein-Sonate, Diabelli-Variationen
Grüße Amadé
Gamaheh (03.08.2009, 13:26): Lieber Amadé,
das ist nicht ganz gerecht, denn mir ist es nicht nur aufgefallen, ich habe auch daran gedacht (zumal ich am gleichen Tag Geburtstag habe), und ich habe es (ich meine sogar mehrfach) erwähnt in Fäden wie "Achtung, nicht verpassen", "Was höre ich gerade" oder dergleichen.
Es gab immerhin auf B4 - ich glaube drei - Ausgaben von Pour le piano mit/über Backhaus, und auch eine längere Sendung auf mindestens einem anderen Programm (kann NDR "Prisma Musik" gewesen sein).
Meine Lieblingsaufnahmen sind die seines letzten Konzerts in Ossiach, in dem angesagt wird, daß Professor Backhaus sich nicht wohl fühle und daher das Programm ändern und schließlich abbrechen mußte; es endet mit Schumanns Fantasiestücken "Warum" und "Am Abend"; und eine tolle live-Aufnahme aus der Carnegie Hall mit u.a. Beethovens Hammerklavier- und Mondschein-Sonaten.
Er soll einmal, als er vor einem Konzert (in London?) feststellte, daß der Flügel einen Halbton zu tief (oder hoch, weiß ich nicht mehr) gestimmt war, das Konzert, das er spielte (Schumanns?) einfach um einen Halbton entsprechend transponiert gespielt haben.
Gibt es nicht eine Decca-Box mit den Beethoven-Sonaten und mit den Konzerten (oder ich müßte mich irren)?
Grüße, Gamaheh
Wooster (03.08.2009, 14:02): Original von Gamaheh Er soll einmal, als er vor einem Konzert (in London?) feststellte, daß der Flügel einen Halbton zu tief (oder hoch, weiß ich nicht mehr) gestimmt war, das Konzert, das er spielte (Schumanns?) einfach um einen Halbton entsprechend transponiert gespielt haben.
Eine ähnliche Anekdote wird von Brahms berichtet, nur mit Beethovens letzter Klaviersonate, die er entsprechend in cis-moll gespielt haben soll...
Gibt es nicht eine Decca-Box mit den Beethoven-Sonaten und mit den Konzerten (oder ich müßte mich irren)?
Gab es jedenfalls mal. Ich besitze ein Duo mit bekannten Klaviersonaten (Decca eloquence), sowie zwei Konzerte mit Schuricht (Brahms 2 u. Beethoven 5) Muß ehrlich zugeben, daß ich den Ruf dieses Pianisten kaum nachvollziehen kann (dito bei Kempff). Die Beethovensonaten sind nüchtern bis zur Trockenheit, gewiß nicht uninteressant, aber m.E. kaum eine Spur von Leidenschaft oder Überschwang. Auch Humor ist eher Mangelware. Die Konzerte habe ich jetzt nicht präsent, die habe ich allerdings vage als etwas interessanter in Erinnerung. Mir konnte bisher auch nie jemand so recht erklären, was an Backhaus (etwa bei Beethoven) so toll sein soll.... ?(
Wooster
Amadé (03.08.2009, 14:33): Die Beethoven Klaviersonaten in Stereo (außer op.106) sind augenblicklich noch lieferbar:
5. Klavierkonzert mit Solti, Waldsteinsonate, Chopin 7 Etüden
Grüße Amadé
ab (15.08.2009, 09:53): Irgendwie habe ich diesen Faden übersehen, und muss mich als bekennder Backhaus-Beethoven Fan dazu äußern. (Und nicht nur dazu, völlig überrascht zu sein, dass er vor bereits so langer Zeit geboren wurde!)
Der Mitschnitt aus Salzburg von 1968 kann ich jedem ans Herz legen, dem Backhaus' Studioeinspielungen "zu nüchtern" vorkommen. Backhaus hat hier einen Klang, weich wie die Wiener Philharmoniker, spielt ganz beseelt in seiner individuellen Art, mittles eigenwilliger Agogik zu gestalten: Herrlich!
Der Ossiacher Mischnitt wurde bereits genannt, dort auch jene Waldsteinsonate, die Amadé wohl gemeint haben dürfte, wie ich annehme. Diese Orf-Aufnahmen gabs bei der Decca und auch einmal als Aura-Lizenz in Italien.
A propos Aura: Da gibts auch einen Mitschnitt mit Haydn, Klaviersonate H16 Nr. 52 / Beethoven, Klaviersonate Nr. 17 / Chopin, Etüden Nr. 1, 2, 3, 5, 6, 8, 9; Nocturne Nr. 8; Walzer Nr. 1. Das gibts auch in der Box bei Documents. http://www.jpc.de/image/w183/front/0/4011222240958.jpg
Was ich aber vor allem ans Herz legen möchte ist seine Aufnahme des op. 111, die er in Italien gemacht (am 18.5.1960) und bei Ermitage auf einer CD hinterlassen hat, auf der auch noch dasselbe Werke von Arrau (am 20.5.1963)(vorzüglich!) und von Badura-Skoda (am 23.3.1987)(lässlich) erklingt. Ich glaube, dies ist meine Lieblingseinspielung dieser Sonate, (zu der ich noch in Vergleich zu meinen über 20 Einspielungen mehr an der richtigen Stelle auszuführen hoffe).
Seine berühmten Konzertmitschnitte aus New York, einst auf der Great-Pianists-Serie bei Philips droben, gibts inzwischen sowohl bei Urania als auch noch billiger bei Andromeda. Viele scheine diese Konzertmitschnitte für seine besten zu halten. Berühmt ist er auch für seinen Chopin aus der ersten Jahrhunderthälfte und auch seinen Brahms (etwa bei Music&Arts) aus dieser Zeit lieben viele. Aus dieser Zeit gibts auch einige Piano-Rollen-Aufnahmen. Mich konnte das bislang nicht begeistern.
Ich selbst bedauere, das ich kaum Schubert von ihm kenne, der sehr abseits des Mainstream klingt. Gibts da Empfehlungen? Danke!
:hello
Amadé (16.08.2009, 09:51): Original von ab Seine berühmten Konzertmitschnitte aus New York, einst auf der Great-Pianists-Serie bei Philips droben, gibts inzwischen sowohl bei Urania als auch noch billiger bei Andromeda. Viele scheine diese Konzertmitschnitte für seine besten zu halten
Lieber ab, weißt Du Näheres über diese Mitschnitte, d.h. sind sie vor Jahren mal offiziell von Decca auf den Markt gebracht worden? Mir ist da nichts bekannt. Ich kenne auch nur die vier Sonaten aus Bd.1 der Great Pianists Serie.
Gruß Amadé
ab (17.08.2009, 09:53): Original von Amadé Original von ab Seine berühmten Konzertmitschnitte aus New York, einst auf der Great-Pianists-Serie bei Philips droben, gibts inzwischen sowohl bei Urania als auch noch billiger bei Andromeda. Viele scheine diese Konzertmitschnitte für seine besten zu halten
Lieber ab, weißt Du Näheres über diese Mitschnitte, d.h. sind sie vor Jahren mal offiziell von Decca auf den Markt gebracht worden? Mir ist da nichts bekannt. Ich kenne auch nur die vier Sonaten aus Bd.1 der Great Pianists Serie.
Gruß Amadé
Ich habe sie auch nur in der Bd. 1-Ausgabe dieser Serie. Ich weiß nichts näheres, meine mich aber zu entsinnen, dass sie Brendel erstmals auf CD gebracht habe - womöglich narrt mich aber meine Erinnerung (und es handelte sich nur um die Préludes von Debussy bei Gieselking, die er quasi unbedingt wiederentdeckt haben wollte). Von Decca ist mir nichts bekannt. Womöglich gabs da etwas auf Schallplatte?
(Sicherlich aber führt die Andromeda-Ausgabe auch nichts genaueres dazu aus, weil sie deren Booklets auf ein Minimum beschränken.)
Kennst du die Eremitage-Ausgabe?
ab (17.08.2009, 10:14): Gerade entdeckt, dass Hänssler/Profil sein Carnegie-Hall-Konzert veröffentlicht hat mit Mondschein- und Hammerklaviersonate
Gamaheh (06.09.2009, 20:42): Original von ab Gerade entdeckt, dass Hänssler/Profil sein Carnegie-Hall-Konzert veröffentlicht hat mit Mondschein- und Hammerklaviersonate
Tolle Platte - ich habe darüber schon geschrieben ..
In der aktuellen PianoNews eine sehr persönliche und anrührende Hommage an Backhaus - besser spät als gar nicht !
Grüße, Gamaheh
Rachmaninov (23.09.2009, 11:42): hallo,
in der aktuellen Piano News ist Herrn Backhaus ein Artikel gewidmet.
R
sahrapa92 (26.05.2014, 15:26): schubertsonaten waren zu der zeit weitgehend unbekannt und galten als zu lang für den konzertbetrieb. backhaus spiel galt vielen als zu akademisch, ungefühlig, dabei war er einer der wegbereiter für ein strukturbetontes beethovenspiel. erst im hohen alter spielte er mehr "inspiriert" die aufnahem der beethovensonste op 31.1 ein gutes beispiel. sein chopin, naja, mit den damals üblichen dramatischen rückungen. die Etude op 10.3 im mittelteil an der wiederholung in moll im halben tempo aber solche verhunzungen waren damals halt üblich. ja, kempff, der romantische sturm im wasserglas , war mir schon damals näher. ich habe backhaus selbst einmal live erlebt, in seinem hohen alter, schon etwas tütelig, begann ein stück zu spielen, stoppte plötzlich, ach nein, laut dem programm war ein anderes vorgesehen. sein letztes konzert unter unwürdigen umständen, der agent drängte ihn allen ernstes trotz schwächeanfall zum weiterspielen.