Cetay (inaktiv) (03.07.2008, 12:29):
Gut, dann will ich mich mal den vereinzelt geäußerten Wünschen nach neuen und recherchierten Beiträgen beugen, obwohl auch bei mir Arbeit und Hitze die dominanten Themen sind.
Es soll um Wilhelm Killmayer gehen. Es gibt einige Namen, die auch denjenigen, die um die Musik der Nachkriegszeit einen großen Bogen machen, zumindest vom Hörensagen bekannt sind, aber da dürfte Killmayer eher nicht dabei sein. Selbst viele aufgeschlossene Hörer haben von ihm noch nichts gehört (es sein denn, sie lesen regelmäßig den Geradehörfaden in diesem Forum). Das ist auch kein Wunder, wenn man sich die doch recht schmale Veröffentlichungsliste auf CD anschaut. Ganze 7 Aufnahmen plus einige Einzelstücke auf Samplern findet man unter dem Stichwort Killmayer bei jpc. Das will nicht recht zu einem Komponisten passen, der mit Preisen geradezu überhäuft wurde und in einem renommierten Konzertführer gar als Identifikationsfigur für die jüngere Komponistengeneration bezeichnet wurde.
Killmayer wurde am 21. August 1927 in München geboren und war unter anderem Schüler von Orff. Wahrscheinlich ist so zu erklären, dass er sich zu der Komposition von "Yolimba" hinreißen ließ, die für mich das bislang einzig Erträgliche ist, das unter dem Banner "Operette" firmiert - wobei Killmayer Wert darauf legt, dass es sich dabei um artifizielles Unterhaltungstheater handelt.
Vokal- und Orchestermusik nehmen im Schaffen Killmayers eine zentrale Stellung ein; dass sich 3/7 der CD-Veröffentlichungen mit Klaviermusik beschäftigen, gibt ein etwas verzerrtes Bild wieder. Ich selbst kenne die beiden Aufnahmen mit Orchesterwerken und die besagte Posse "Yolimba". Während letztere ein Episodenstück mit Bezügen zu den verschiedensten Gattungstypen aus der leichteren Muse darstellt, zeigt sich bei den Sinfonischen Dichtungen und Sinfonien ein Personalstil, zu dem ich keinen Vergleich kenne.
Killmayer versteht es, seine Orchestermusik fremdartig aber nicht exotisch klingen zu lassen. Er erreicht dies zum einen durch die manchmal radikale Gegenüberstellung von Vertrautem, um die Kontraste herauszuarbeiten. Zum anderen herrscht bei Killmayer der Reduktionsgedanke vor. In späteren Kompositionen ist der Tonvorrat von vorne herein sparsam angelegt. So arbeitet Killmayer beispielsweise mit 6- oder 7-tönigen Skalen. Er begründet dies unter anderem damit, dass er die Töne viel zu sehr liebe, als dass er eine Suppe daraus machen würde.* Damit nähert sich Killmayer dem östlichen Ideal an, bei dem es mehr auf den einzelnen Ton - seine Entstehung, seine vielfältigen Alterationen und sein Verklingen in der Stille - als auf die Abfolge der Töne ankommt. Dazu kommt, dass sich Killmayer bewusst von der zyklischen Anlage distanziert und auch die Verarbeitung von Themen meidet. Er betont, dass ein wirklicher Weg auch von ständigen Wechseln geprägt wird und anders aufhört als er anfängt. Somit werden seine Stücke zu Wegformen, innerhalb denen man sich von den Tönen überraschen lassen soll. Das alles rückt Killmayer für mich gedanklich in die Nähe von John Cage. Die Ergebnisse lassen sich jedoch kaum miteinander vergleichen, denn Killmayers Musik bleibt immer fasslich und "ästhetisch". Auch wenn er sich keinen Kompositionsprinzipien beugt, so hat er nicht das Ziel sich damit selbst auszuschalten. Im Gegenteil, für Killmayer ist Musik das, was der Schaffende selbst ist.
Ich werde später noch genauer auf einzelne Kompositionen per Hörbericht eingehen. Zunächst möchte ich aber von der Forianerzunft wissen, ob ihr euch schon mit diesem Komponisten beschäftigt habt und wenn ja, wie ihr zu seinen Orchesterwerken steht.
* Nachzuhören ist das unter anderem im 2. Satz der 1. Sinfonie, der minutenlang allein von einer Flöte mit einem einzigen Ton bestritten wird.
Quellen: Musikproduktion Jürgen Höflich mph
Csampai, Attila / Holland, Dietmar (Hg.), Der Konzertführer - Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart; Rohwolt (1990)