Falstaff (21.04.2017, 23:38): Wilhelm Mengelberg wurde, als Sohn deutscher Eltern, am 28.03.1871 in Utrecht geboren und verstarb am 22.03.1951 in Zuort in der Schweiz.
Mit 21 Jahren debütierte er als Dirigent am Gürzenich-Orchester, war dann in Luzern engagiert und übernahm 1895 das Concertgebouw Orchester, das er bis 1945 leitete. Von 1922 bis 1928 war er auch Musikdirektor der New York Philharmoniker, zog sich allerdings nach Streitigkeiten mit Arturo Toscanini von diesem Posten zurück.
Am besten auf Tonträger dokumentiert ist seine Zeit in Amsterdam. Dort erfuhr er höchste Ehrungen durch den niederländischen Staat, wurde aber nach 1945 wegen seiner Verstrickungen mit dem NS-Regime auch besonders angefeindet und erhielt 1945 ein 6-jähriges Auftrittsverbot. Kurz vor dessen Ablauf starb er.
Mengelbergs Dirigate zeichnen sich durch einen höchst subjektiven Stil aus. Stets geht er relativ frei, aber mit großer Vehemenz an die Werke heran. Gerade aber in dieser persönlichen Freiheit, in seiner ganz besonderen Sicht, liegt eine große Faszination. Lässt man sich einmal darauf ein, kann seine Werksicht einen immer wieder in Bann schlagen, auch wenn vieles, manchmal sehr vieles ungewohnt klingt.
Mengelberg selber war mit Gustav Mahler befreundet und hat mit diesem eng zusammen gearbeitet. Leider liegt nur eine Mahler-Aufnahme gesamt vor, nämlich die 4. Sinfonie, live aus Amsterdam aus dem Jahr 1939 mit Jo Vincent in der Sopranpartie. Wenn man sie sich anhört, so unterscheidet sie sich schon sehr stark von anderen Versionen. Allerdings scheint sie den Intentionen Mahlers sehr nahe zu stehen, hat Mengelberg doch jede einzelne Sinfonie mit dem Komponisten durchgearbeitet und seine Bemerkungen Takt für Takt in seine Partituren eingetragen.
:hello Falstaff
Falstaff (21.04.2017, 23:42): Einen guten, ersten Überblick bietet diese Edition. Neben dem Mahler finden sich auch Franck, Bartok, Strauss, die gesamten Beethoven-Sinfonien und die Matthäus-Passion, die er jahrelang zur Passionszeit in Amsterdam aufgeführt hat.
:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (22.04.2017, 17:31): Als Beethovens Sinfonien noch zu meinem ständigen Hörrepertoire gehörten, habe ich den Live-Zyklus von 1940 gerne aufgelegt. Gerade die etwas im Schatten der Hits stehenden Nummern 2 & 4 werden hier mit einer dramatischen Intensität aufgeladen, die mich mit aufgestellten Lauschern an die Sesselkante zieht. Subjektiv ist das, klar, so wird es seit Generationen von Experte zu Experte weitergegeben - aber was heißt das eigentlich? Zu der Zeit wurde der Notentext als totes Material, dem durch den Interpreten Leben einzuhauchen ist, verstanden und das bezog sich auf den "Körper" (das was geschrieben steht) und den "Geist" der Komposition. Ist die heute weitestgehend Konsens gewordene Entscheidung, den Geist zugunsten der "Texttreue" außen vor zu lassen, nicht auch eine subjektive? Leider wird Subjektivität schnell mit Willkür gleichgesetzt, aber mir scheint, dass 1940 in Amsterdam die Ausschläge von Tempo und Dynamik und die Beugungen oder Dehnungen von Phrasen wohlüberlegt im Sinne der Dramaturgie und der Verhörlichung der Form eingesetzt wurden. Man kann es ja einfach nach-hören (aber vorher den gespitzten Bleistift wegschmeißen und das Licht ausmachen) und das Resultat für sich musizieren lassen.
Falstaff (22.04.2017, 23:13): Leider wird Subjektivität schnell mit Willkür gleichgesetzt, aber mir scheint, dass 1940 in Amsterdam die Ausschläge von Tempo und Dynamik und die Beugungen oder Dehnungen von Phrasen wohlüberlegt im Sinne der Dramaturgie und der Verhörlichung der Form eingesetzt wurden. Man kann es ja einfach nach-hören (aber vorher den gespitzten Bleistift wegschmeißen und das Licht ausmachen) und das Resultat für sich musizieren lassen. :thumbup: :thumbup: :thumbup:
Lieber Cetay, die sich zum Glück immer noch im Repertoire der Hamburgischen Staatsoper befindliche Tristan-Inszenierung von Ruth Berghaus geht sehr frei mit der Dramaturgie der Wagner Oper um. Aber sie ist nie Selbstzweck, sondern liegt genau auf der Musik. Und damit ist dieser freie Umgang, diese 'Subjektivität', voll gerechtfertigt.
Gleiches gilt für Mengelberg oder für andere Dirigenten vor allem älterer Epochen, die sich den heutige Ohren nach doch recht 'frei' dem Notenmaterial nähern. Solange es einen musikalischen Sinn ergibt, solange es hörbar und spürbar um das Werk geht, ist daran, nach meinem Empfinden, nichts auszusetzen. Aber das ist natürlich eine Gradwanderung, das ist eben ein sehr 'subjektives' Empfinden. Genauso wie übrigens bei Theaterinszenierungen, bei denen wir, witzigerweise, heutzutage viel 'toleranter' sind.
LG Falstaff
Falstaff (22.04.2017, 23:31):
Sehr faszinierend auch die Brahms-Aufnahmen mit Mengelberg. Sinfonie 1 und 3 sowie das Deutsche Requiem liegen auch vor. Gerade die 2. habe ich im Moment im Ohr und bin ganz aufgewühlt davon. Das ist nicht der existentielle Aufschrei, den man bei Furtwänglers Aufnahme vom Januar 1945 findet (seinem letzten Konzert auf deutschem Boden vor der Flucht in die Schweiz) sondern eine wunderbare und irgendwie ausgewogene Mischung von norddeutscher Schwere und trotzdem fast tänzerischer Leichtigkeit, von Vorwärtsdrängen und Innehalten. Und dabei immer eine ganz besondere Handschrift, ein fast kämpferischer Wille.
:hello Falstaff
Abendroth (23.04.2017, 17:43): Unbedingt hören sollte man auch Mengelsberg Schubert Aufnahmen. In den Niederlanden erschien vor einiger Zeit ein Buch über das Verfahren gegen ihn nach Kriegsende. Vielleicht hat jemand Interesse meine Zusammenfassung zu lesen:
Frederik Heemskerk: Dossier Willem Mengelberg (2015)
Der zu recht berühmte Dirigent Mengelberg, der das Amsterdamer Concertgebouw Orchester an die Weltspitze geführt hat, macht sich während der deutschen Besatzung der Niederlande durch deutschfreundliche Worte und Taten unbeliebt. Nach dem Krieg wird er mit einem sechsjährigen Dirigierverbot bestraft, dessen Ende er nicht mehr erlebt. Mir ist bekannt, dass es Bemühungen gibt, Mengelberg zu rehabilitieren. Dass es keine Aufnahmen mehr mit Mengelberg aus der Nachkriegszeit gibt, wird jeder bedauern, der seine früheren Aufnahmen kennt.
Im „Dossier Mengelberg“ werden die Zeugen verhört, die die gegen Mengelberg erhobenen Vorwürfe bestätigen oder entkräften sollen. Er soll am Tag der niederländischen Kapitulation mit einem Glas Champagner auf den Sieg Deutschlands angestoßen haben. Er soll häufig und gerne zu Gast bei Seyss Inquart – dem deutschen Reichskommissar in den Niederlanden – gewesen sein. Er ist in Deutschland, dem Land der Besatzer, aufgetreten. Er soll sich überhaupt bereitwillig für Nazipropaganda zur Verfügung gestellt haben. Sein Rechtsvertreter – Mengelberg selbst lebt in der Schweiz – scheint die Richter durch übertriebene sachfremde Pathetik nicht unbedingt günstig gestimmt zu haben. Das Problem, um das es in diesen Verfahren geht, ist wohlbekannt: Wie der Kunst dienen in Zeiten der Diktatur? In Deutschland wurde Furtwängler von amerikanischen Besatzungssoldaten verhört. Die Angelegenheit wird für Mengelberg – ich weiß es bereits vor der Lektüre – schlecht ablaufen. Die Frage heute lautet, ob ihm Unrecht geschehen ist. Der Autor ist – wenn auch Vorsitzender der Mengelberg Gesellschaft – deutlich um emotionslose Objektivität bemüht.
Obwohl das „Gericht“ (genauer der „zentrale Ehrenrat“) ihm bescheinigt, dass er kein Nazi war und sich für jüdische Orchestermitglieder eingesetzt hat, befindet es, das Mengelberg „ein großes Maß an Schuld auf sich geladen hat ….da er den Eindruck nicht wegwischen konnte, Verständnis für den Feind und seine Handlanger gezeigt zu haben.“ Er hat sich, politisch naiv,“ für propagandistische Zwecke der Nazis ausnutzen lassen“. Das Urteil lautet sechs Jahre Auftrittsverbot (eine frühere Instanz hatte, gleich nach dem Ende der Besatzung, ein lebenslängliches Verbot ausgesprochen). Mengelberg wird diese Zeit nicht überleben, aus einem geplanten Abschiedskonzert in Amsterdam, gleich nach Ablauf des Verbots, wird nichts. Der Autor des Buches kritisiert nicht das Urteil und seine Begründung. Wenn eine künstlerische Persönlichkeit während der deutschen Besatzung sich selbst als „deutschgesinnt“ bezeichnet, muss sie sich nicht wundern, nach dem Krieg verdächtigt zu werden. Es gibt jedoch einen Faktor, der die Strafe für Mengelberg besonders schwer machte. Die Niederländische Regierung hat sich geweigert, ihm einen Pass auszustellen. Sie hat es so unmöglich gemacht, dass Mengelberg sich in den Niederlanden vor seinen Richtern verteidigen konnte (er hatte seinen Wohnsitz in der Schweiz) und sie hat es ihm unmöglich gemacht, außerhalb der Niederlande Engagements anzunehmen. Sie wollte nicht, dass er als eine Art niederländischer 'Kulturbotschafter' im Ausland auftritt. Im Vergleich zu ähnlichen Fällen wurde Mengelberg hart bestraft. In Deutschland hat es ja gewiss nicht an Künstlern gemangelt, die sich von der Nazipropaganda haben ausnutzen lassen, manche recht bereitwillig und nicht aus Not. Sie konnten meist ungehindert, oder nach relativ kurzen Unterbrechungen, ihre Karrieren fortsetzen.
Falstaff (24.04.2017, 22:45): Im Vergleich zu ähnlichen Fällen wurde Mengelberg hart bestraft. In Deutschland hat es ja gewiss nicht an Künstlern gemangelt, die sich von der Nazipropaganda haben ausnutzen lassen, manche recht bereitwillig und nicht aus Not. Sie konnten meist ungehindert, oder nach relativ kurzen Unterbrechungen, ihre Karrieren fortsetzen. Danke, lieber Abendroth, für den aufschlussreichen Text.
Nun ist es sicherlich ein Unterschied, ob Opfer über jemanden zu Gericht sitzen, der (vermeintlich oder nicht vermeintlich) mit Tätern sympathisiert hat oder ob Ähnliches im Land der Täter passiert. Deshalb vielleicht auch das harte Urteil.
Zudem gibt es natürlich immer auch das Phänomen des Sündenbocks.
LG Falstaff
Cantus Arcticus (25.04.2017, 11:06): Nachdem Krieg haben die Länder, die von Deutschland besetzt waren und in denen die SS, Gestapo und SD gewütet haben, Sympathisanten und vermeintliche Kollaborateure unter ihren Landsleuten besonders schwer bestraft oder hingerichtet. Dies war in Frankreich, in den Niederlanden, aber auch im Osten die gängige Art, sich nach der Katastrophe zu rächen für Verrat und Anbiederung an die Besatzer. Gerade die Niederlande war ziemlich "unter die Räder" gekommen, dort hatten vor allem katholische Geistliche sehr viele Verfolgte versteckt oder weggebracht und sich im Widerstand organisiert. Kirchen und religiöse Kreise (damals so genannte Bibelforscher, u.a. die späteren Zeugen Jehovas) waren immer Zielscheibe der Nazis und wurden besonders schwer verfolgt.
Ob Mengelberg, Karajan, Böhm oder Furtwängler: Aus heutiger Sicht erübrigt sich jedes Urteil zu Kollaboration oder Widerstand. Damals gab es nur 2 Möglichkeiten: Überleben oder Vernichtung.
Gruss Stefan
EinTon (25.04.2017, 12:24): Ob Mengelberg, Karajan, Böhm oder Furtwängler: Aus heutiger Sicht erübrigt sich jedes Urteil zu Kollaboration oder Widerstand. Damals gab es nur 2 Möglichkeiten: Überleben oder Vernichtung. Zwischen opportunistischer Anbiederung an das Regime (wie etwa der doppelte NSDAP-Beitritt Karajans oder dem Komponieren von NS-Propagandamusiken) bzw. dem Mitmachen aus voller Überzeugung und offenem Widerstand à la Sophie Scholl gab es auch noch zahlreiche Zwischenstufen.
Cantus Arcticus (25.04.2017, 15:22): Ja klar, das stimmt natürlich.
Gruss Stefan
Falstaff (26.04.2017, 22:34): Dies war in Frankreich, in den Niederlanden, aber auch im Osten die gängige Art, sich nach der Katastrophe zu rächen für Verrat und Anbiederung an die Besatzer. Lieber Cantus Articus, aus keinem der besetzten Länder konnten die Nazis, prozentual gesehen, so viele Juden abtransportieren wie aus den Niederlanden. Unabhängig von dem unbestreitbaren Leiden der absoluten Mehrheit der Bevölkerung scheint es auch eine große Anzahl von Kollaborateuren gegeben zu haben, da diese hohe Zahl an Deportierten sonst wohl nicht möglich gewesen wäre.
Allerdings weiß ich nicht, ob die Niederlande nach dem Krieg in diesem Bereich die in Frage kommenden Landsleute entsprechend verfolgt und bestraft hätte. (Wie es ja wohl z.B. Frankreich gemacht hat.) Deshalb denke ich weiterhin, dass Mengelberg ein entsprechender Sündenbock war, an dem man ein Exempel statuieren und möglicherweise sein eigenes schlechtes Gewissen abarbeiten konnte.
LG Falstaff
Cantus Arcticus (27.04.2017, 07:27): Lieber Falstaff Das Mengelberg ein Sündenbock war, entspricht auch meiner Einschätzung. Wegen des schlechten Gewissens: Deine Vermutung stimmt so, es hat in den BeNeLux-Ländern eine grosse Anzahl an Sympathisanten und Kollaborateuern gegeben: Man denke nur an die zwei niederländischen Divisionen der Waffen-SS. Obwohl viele zum Eintritt gezwungen wurden, waren sie explizit als "Freiwilligen"-Einheiten geführt. Von dieser Beteiligung (wie Belgien und Frankreich auch) wollte man sich nach dem Krieg so schnell wie möglich rehabilitieren. Dieses Thema ist auch heute noch sehr problematisch. Aber das würde den Rahmen der Diskussion sprengen.
LG Stefan :hello
Falstaff (27.04.2017, 22:27): Aber das würde den Rahmen der Diskussion sprengen. Stimmt. ;)