Young Euro Classic Berlin

Heike (17.08.2011, 15:13):
Ich war in den letzten 2 Wochen mehrmals bei diesem Festival Young Euro Classic, das noch bis Sonntag andauert. Es gibt täglich im Konzerthaus Berlin ein Konzert mit einem Jugendorchester, mitunter mit prominenten Dirigenten (z.B. V. Ashkenazy - kommt noch am Freitag) oder Solisten (z.B: Albrecht Mayer und Stefan Dohr von den Berliner Philharmonikern). Die Eintrittspreise sind (dank Sponsoren) sehr günstig (15 Euro auf allen Plätzen), das Niveau ist meist gut. Es gibt fast immer eine Mischung aus Neuer Musik (auch etliche Auftragswerke) und etablierten Klassikwerken.

http://www.young-euro-classic.de/

Am Eröffnungsabend spielte die geniale M. J. Pires am Klavier mit dem brasilianischen Orchester, das war ein super stimmungsvoller Beginn. Besonders positiv aufgefallen sind mir bisher das "Orchester Norden" - va. mit einem tollen zeitgenössischen Stück: von Jan Erik Mikalsen: "Parts for orchestra" (2009). Noch beeeindruckender spielte das "Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus", die auch ein superinteresssantes Programm hatten (Hindemith/ Szymanowsky/ Berlioz). Überraschend gut fand ich auch das "Auckland Symphony Orchestra" aus Neuseeland, u.a. mit einer sehr guten Uraufführung (Alex Taylor - between für Orchester). Gut gefallen hat mir auch der Klaviertag.

Enttäuschend bisher das "NJO Orchestra of the 19.Century" (Niederlande) unter R. Egarr, die die Rossini-Oper "Il Signor Bruschino" (die wirklich nett inszeniert war) auf die gefühlt doppelte Länge verzerrten und so unerträglich lahm spielte, dass ich zweimal fast einschlief. Grauslig!

Sehr merkwürdig auch das Konzert der "Jungen Philharmonie Russland" (St. Petersburg). Da schien die Chemie zwischen dem (kurzfristig eingesprungenen) Dirigenten A. Polishchuk und den Musikern rein gar nicht zu stimmen. Es sah fast so aus, als wenn die alle keine Lust hatten, so blutleer spielten die, sahen sich immer wieder komisch untereinander an, lümmelten auf den Sitzen rum und - das Schlimmste - waren mitunter völlig aus dem Takt. Sehr irritierende Sache, zumal der Dirigent sich sehr abmühte, da Leben reinzubringen. Sehr irritierend auch, dass die Mehrzahl des Publikums an dem Drama offensichtlich große Freude hatte - mit Bravo und großem Applaus wurde das bedacht. Nun, Tschaikowskys 5. Sinfonie lädt natürlich zum Jubeln ein, aber da gab es wirklich null Grund zum Freuen. Komische Sache.

Unter meinen Erwartungen blieb auch das dt. Bundesjugendorchester: Beethovens Pastorale spielten sie eher uninspiriert und dann gab es noch ein ausgesprochen kitschiges neues Stück namens "Skizzen zu Aqua" von A. und G Grau (Auftragswerk für das Musikfest Stuttgart 2011). Ich fand das ganz schrecklich, urwaldmäßig anmutende, oratorienartige Sologesänge (Mann, Frau,. Knabe - erstere gekleidet wie aus dem Busch). Dazu das Orchester, ein Sprecher sowie Naturklänge vom Synthesizer. Kitsch pur, oder Erbauungsmusik, oder ich weiß nicht, wofür ich das halten soll. Den Abend konnte mir auch der von mir sehr verehrte Stefan Dohr mit dem Hornkonzert von R. Strauss nicht mehr retten.

War noch jemand dort und will über das eine oder andere Konzert berichten?
Ich mache mal einen Thread dazu auf, weil es das Festival jedes Jahr gibt.
Heike
Heike (20.08.2011, 23:53):
Das Konzert mit dem European Union Youth Orchestra und V. Ashkenazy am Freitag war übrigens ganz großartig. U.a. gab es Mahlers 1. Sinfonie, die habe ich lange nicht so gut gehört. Die einsame Bass-moll- Melodie (und deren Fortsetzungen) am Beginn des dritten Satzes ist eines der mich in seiner Schlichtheit immer wieder sehr berührendes Stück Musik. Und es ist faszinierend, dass im selben Werk die ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit vom Mahlers Spätwerk schon mit voller Wucht auftaucht. Toll, wie präzise und wechselvoll so ein junges Orchester das interpretiert hat.
Heike
Heike (25.08.2011, 09:47):
Ein Nachtrag, zu lesen auf der website http://www.young-euro-classic.de/:

"Der Venezolaner Gonzalo Grau erhält für sein Wasser-Oratorium AQUA den diesjährigen Europäischen Komponistenpreis. Für die Publikumsjury besitzen die AQUA-Skizzen "eine packende, fesselnde Kraft. Sie bezauberten und mystifizierten, sie erzählten von kaum hörbaren Naturgeräuschen und grausamen Begegnungen mit dem Tod. AQUA liess die Jury" ihre Aufgabe als Schiedsrichter vergessen und verwandelte sie in verzauberte Zuhörer und Zuschauer," so Marc de Mauny, der Vorsitzende der Jury."

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Ich fand es ganz furchtbar (siehe unten), aber zum Glück sind ja die Geschmäcker verschieden.

Heike
Nordolf (25.08.2011, 18:12):
Zu dem von Heike nicht gemochten Auftragswerk und Oratorium "Aqua" von Gonzalo Grau gibt es auf dieser Seite eine kleine Audio-Einführung:

hier klicken

Desweiteren findet sich eine interessante Einführung in die Musik des chinesischen Avantgarde-Klassik-Komponisten Tan Dun, der ebenfalls eine enge Bindung zum Thema Wasser hat und die Musik zum Film "Tiger & Dragon" komponierte.

Jörg
Heike (25.08.2011, 18:33):
Lieber Nordolf, danke für den Link. Für mich rangiert dieses Aqua-Oratorium unter der Rubrik "Eco-Trash". Zwei bunt gekleidete Solisten, quasi wie frisch aus dem Urwald aussehend, sangen leider genauso miserabel wie in dem Ausschnitt ansatzweise zu hören. Dazu ein unschuldig weiß gekleideter Knabe. Am Chor wurde in Berlin gespart, wir hörten (zum Glück) nur Teile der Komposition, aber es genügte mir. Auf Mischungen von Synthesizer-Sound mit urwaldähnlichen Gesängen reagiere ich fast immer allergisch, der Orchesterpart war für meine Ohren arg schmalzig und ansonsten Füllwerk ohne Substanz.
Im übrigen ist mir auch völlig unklar, wie die Jury ein Werk prämieren konnte, das sie gar nicht komplett gehört hat.

Die Filmmusik zu "Tiger & Dragon" ist mir da schon um einiges sympathischer!
Heike