Zeit für ideales Hören ?

Ganong (06.09.2006, 18:51):
Liebe Freunde im Forum ,

es beschäftigt mich aus sehr verschiedenen Blick- und eben gerade auch Hörwinkeln seit langem immer wieder : Gibt es an einem Tag bestimmte Zeiträume , also etwa früh morgens , mittags, abends , nachts , um Klassiche Musik voll konzentriert hören zu können ?

Ich habe mich lange bemüht , dazu einen Aufsatz oder Buchbeiträge zu finden . Das Ergebnis ist ohne auch nur einen Hinweis zu finden .

Wir wissen , dass bestimmt Künstler zu bestimmten Uhrzeiten bevorzugt gespielt haben ( etwa Horowitz nachmittags ) oder ihre Programme zeitlich unter anderem deswegen begrenzt haben , weil sie aufgrund ihrer langen Konzertpraxis wussten , dass selbst der kenntnisreiche Hörer nur sehr begrenzt in der Lage ist , in demselben Mass ein Werk zu hören . Von mehreren Werken ganz zu schweigen .

Persönlich habe ich nicht nur einmal erlebt , dass ich erst nach der Pause eines Konzerets , einer Oper in der Lage war , mich absolut zu konzentrieren und in der Musik "aufzugehen" .

Meistens lag dies in meinem konkreten Fall daran , dass ich nach anstregenden Arbeitstagen eben schnell in ein Konzert gefahren bin .

Welche persönlichen Erfahrungen habt Ihr diesbezüglich gemacht ?

Dank für Euere Antworten und Beiträge im voraus !

Frank

PS.: Kann man "Hörgewohnheiten" irgendwie bezüglich der Konzentration ändern ? F.
Rachmaninov (06.09.2006, 19:29):
Original von Ganong
Gibt es an einem Tag bestimmte Zeiträume , also etwa früh morgens , mittags, abends , nachts , um Klassiche Musik voll konzentriert hören zu können ?


Üblicherweise ist durch den Beruf meine Zeit meist auf den späten Nachmittag begrenzt.
Habe ich dennoch einmal Zeit, wie im Urlaub, morgens zu hören kann ich das durchaus auch in dieser Zeit.


Persönlich habe ich nicht nur einmal erlebt , dass ich erst nach der Pause eines Konzerets , einer Oper in der Lage war , mich absolut zu konzentrieren und in der Musik "aufzugehen" .


Üblicherweise benötige ich nach der Arbeit eine gewisse zeit um mich geistig so weit zu "befreien" um wirklich gezielt eine Aufnahme zu hören. Meist läuft eine andere Aufnahme zuvor um mich "runter zu fahren".
Oft merke ich am Ende, daß ich fast nicht von dieser Aufnahme mit bekommen habe! Also "bewußt"!


PS.: Kann man "Hörgewohnheiten" irgendwie bezüglich der Konzentration ändern ? F.

Weiß ich nicht! Nur das ich für eine intensive Hörsitzung eine bestimmte Stimmung brauche und daher ist es auch begründet, daß ich oft aif Themen erst verspätet eingehe, da ich nicht adhoc schreiben kann / mag / bereit bin! :engel
Holger S. (07.09.2006, 17:32):
Hallo Frank,

grundsätzlich ist bei mir die Bereitschaft zum Musikhören unabhängig von der Tageszeit. Ich kann mich morgens genau so gut auf ein Stück konzentrieren wie abends. Ich muss allerdings sagen, dass ich es meide, sehr spät noch Musik zu hören, in der Regel konzentriere ich mich so auf die Musik und bin damit so stark beschäftigt, dass ich eine Weile brauche, um zur Ruhe zu kommen. Ich meine, dies hier im Forum bei irgendeiner Gelegenheit schon einmal gesagt zu haben: dies hängt natürlich auch davon ab, was man hört. Da ich meist Musik höre, die man nicht "nebenbei" hören kann, sondern welche volle Konzentration erfordert, eignet sich für mich der Musikgenuss eben nicht zum "Einschläfern". Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies bei ruhigerer Musik, vielleicht aus dem Barock, anders ist als bei Werken von Schostakowitsch und Co.

Ob ich Musik höre, hängt bei mir eher von anderen Faktoren ab: wie viel Konzentration ich dafür aufbringen kann, wie viel Zeit mir zur Verfügung steht und anderes. Bezeichnenderweise höre ich auch nie Musik, wenn ich am Computer sitze, höchstens, wenn ich mich fürs Forum mit einem Werk beschäftige, dann "prüfe" ich die ein oder andere Passage. Den ganzen Tag ununterbrochen Musik zu hören ist ohnehin nicht meine Sache. Dies geht bei mir oft zu Lasten der Genauigkeit in der Wahrnehmung der einzelnen Werke. Insgesamt höre ich lieber weniger, dafür aber intensiver.

Viele Grüße
Holger
ab (04.10.2006, 16:12):
Natürlich ist der Biorhythmus am Tag verschieden und zu Tiefzeiten bedarf es größerer Konzentration als zu den Hochs. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass die Vorfreude auf intensives, bewusstes Hören zuhause bereits so sehr motiviert, dass die Konzentration dadurch besonders gegeben ist. Wenn ich nun leider kaum mehr zum besussten Hören kommen, dann ist esderzeit einzig wege der Familiensituation, weil die Kindern ihren Teil fordern.

Bei Konzertbesuchen greife ich gerne zu Hilfsmittel: Eine Guaranakapsel voraus und die Konzentration stellt sich wie auch eine geschärfte Optik nach einer halben Stunde ein. Die Konzentration ist dann auch bei einem schlechten Konzert gewährleistet, das sonst dermaßen ermüden würde, dass das Aufbringen der Konzentration eine Qual ist.
cellodil (07.10.2006, 00:37):
It depends...

Wenn mich ein Konzert richtig packt, dann geht alle Müdigkeit eines (häufig auch noch nicht ganz überstandenen) Arbeitstags weg, dann habe ich keine Mühe mit der Konzentration und ich fühle mich hinterher wach und erfrischt. Bei eher flauen Veranstaltungen, bei denen ich keine Chance habe, den Saal zu verlassen, dämmere ich gerne mal weg - egal wie ausgeschlafen ich vorher war.

Beim heimischen Hören könnte ich nicht sagen, dass ich zu bestimmten Zeiten konzentrierter zuhören kann als zu anderen, das hängt eher von anderen Faktoren ab.
Ganong (06.09.2006, 18:51):
Liebe Freunde im Forum ,

es beschäftigt mich aus sehr verschiedenen Blick- und eben gerade auch Hörwinkeln seit langem immer wieder : Gibt es an einem Tag bestimmte Zeiträume , also etwa früh morgens , mittags, abends , nachts , um Klassiche Musik voll konzentriert hören zu können ?

Ich habe mich lange bemüht , dazu einen Aufsatz oder Buchbeiträge zu finden . Das Ergebnis ist ohne auch nur einen Hinweis zu finden .

Wir wissen , dass bestimmt Künstler zu bestimmten Uhrzeiten bevorzugt gespielt haben ( etwa Horowitz nachmittags ) oder ihre Programme zeitlich unter anderem deswegen begrenzt haben , weil sie aufgrund ihrer langen Konzertpraxis wussten , dass selbst der kenntnisreiche Hörer nur sehr begrenzt in der Lage ist , in demselben Mass ein Werk zu hören . Von mehreren Werken ganz zu schweigen .

Persönlich habe ich nicht nur einmal erlebt , dass ich erst nach der Pause eines Konzerets , einer Oper in der Lage war , mich absolut zu konzentrieren und in der Musik "aufzugehen" .

Meistens lag dies in meinem konkreten Fall daran , dass ich nach anstregenden Arbeitstagen eben schnell in ein Konzert gefahren bin .

Welche persönlichen Erfahrungen habt Ihr diesbezüglich gemacht ?

Dank für Euere Antworten und Beiträge im voraus !

Frank

PS.: Kann man "Hörgewohnheiten" irgendwie bezüglich der Konzentration ändern ? F.
Rachmaninov (06.09.2006, 19:29):
Original von Ganong
Gibt es an einem Tag bestimmte Zeiträume , also etwa früh morgens , mittags, abends , nachts , um Klassiche Musik voll konzentriert hören zu können ?


Üblicherweise ist durch den Beruf meine Zeit meist auf den späten Nachmittag begrenzt.
Habe ich dennoch einmal Zeit, wie im Urlaub, morgens zu hören kann ich das durchaus auch in dieser Zeit.


Persönlich habe ich nicht nur einmal erlebt , dass ich erst nach der Pause eines Konzerets , einer Oper in der Lage war , mich absolut zu konzentrieren und in der Musik "aufzugehen" .


Üblicherweise benötige ich nach der Arbeit eine gewisse zeit um mich geistig so weit zu "befreien" um wirklich gezielt eine Aufnahme zu hören. Meist läuft eine andere Aufnahme zuvor um mich "runter zu fahren".
Oft merke ich am Ende, daß ich fast nicht von dieser Aufnahme mit bekommen habe! Also "bewußt"!


PS.: Kann man "Hörgewohnheiten" irgendwie bezüglich der Konzentration ändern ? F.

Weiß ich nicht! Nur das ich für eine intensive Hörsitzung eine bestimmte Stimmung brauche und daher ist es auch begründet, daß ich oft aif Themen erst verspätet eingehe, da ich nicht adhoc schreiben kann / mag / bereit bin! :engel
Holger S. (07.09.2006, 17:32):
Hallo Frank,

grundsätzlich ist bei mir die Bereitschaft zum Musikhören unabhängig von der Tageszeit. Ich kann mich morgens genau so gut auf ein Stück konzentrieren wie abends. Ich muss allerdings sagen, dass ich es meide, sehr spät noch Musik zu hören, in der Regel konzentriere ich mich so auf die Musik und bin damit so stark beschäftigt, dass ich eine Weile brauche, um zur Ruhe zu kommen. Ich meine, dies hier im Forum bei irgendeiner Gelegenheit schon einmal gesagt zu haben: dies hängt natürlich auch davon ab, was man hört. Da ich meist Musik höre, die man nicht "nebenbei" hören kann, sondern welche volle Konzentration erfordert, eignet sich für mich der Musikgenuss eben nicht zum "Einschläfern". Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies bei ruhigerer Musik, vielleicht aus dem Barock, anders ist als bei Werken von Schostakowitsch und Co.

Ob ich Musik höre, hängt bei mir eher von anderen Faktoren ab: wie viel Konzentration ich dafür aufbringen kann, wie viel Zeit mir zur Verfügung steht und anderes. Bezeichnenderweise höre ich auch nie Musik, wenn ich am Computer sitze, höchstens, wenn ich mich fürs Forum mit einem Werk beschäftige, dann "prüfe" ich die ein oder andere Passage. Den ganzen Tag ununterbrochen Musik zu hören ist ohnehin nicht meine Sache. Dies geht bei mir oft zu Lasten der Genauigkeit in der Wahrnehmung der einzelnen Werke. Insgesamt höre ich lieber weniger, dafür aber intensiver.

Viele Grüße
Holger
ab (04.10.2006, 16:12):
Natürlich ist der Biorhythmus am Tag verschieden und zu Tiefzeiten bedarf es größerer Konzentration als zu den Hochs. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass die Vorfreude auf intensives, bewusstes Hören zuhause bereits so sehr motiviert, dass die Konzentration dadurch besonders gegeben ist. Wenn ich nun leider kaum mehr zum besussten Hören kommen, dann ist esderzeit einzig wege der Familiensituation, weil die Kindern ihren Teil fordern.

Bei Konzertbesuchen greife ich gerne zu Hilfsmittel: Eine Guaranakapsel voraus und die Konzentration stellt sich wie auch eine geschärfte Optik nach einer halben Stunde ein. Die Konzentration ist dann auch bei einem schlechten Konzert gewährleistet, das sonst dermaßen ermüden würde, dass das Aufbringen der Konzentration eine Qual ist.
cellodil (07.10.2006, 00:37):
It depends...

Wenn mich ein Konzert richtig packt, dann geht alle Müdigkeit eines (häufig auch noch nicht ganz überstandenen) Arbeitstags weg, dann habe ich keine Mühe mit der Konzentration und ich fühle mich hinterher wach und erfrischt. Bei eher flauen Veranstaltungen, bei denen ich keine Chance habe, den Saal zu verlassen, dämmere ich gerne mal weg - egal wie ausgeschlafen ich vorher war.

Beim heimischen Hören könnte ich nicht sagen, dass ich zu bestimmten Zeiten konzentrierter zuhören kann als zu anderen, das hängt eher von anderen Faktoren ab.
Sfantu (16.02.2024, 08:40):
Die Zeit zum idealen Hören.
Die ideale Zeit zum Hören.
Kann man beides gleichsetzen?

cellodils Schilderung, nach geschafftem Arbeitstag durch ein Konzerterlebnis "erfrischt" zu werden, habe ich zwar auch schon erlebt. Dennoch würde ich immer Konzertbesuche an arbeitsfreien Tagen bevorzugen. Und doch finde ich keine stichhaltige Begründung dafür - es ist wohl mehr ein psychologisches Phänomen.
Meistens aber höre ich Musik per Konserve.
An Tagen, an denen ich den Ablauf weitgehend selbst gestalten kann, bilde ich mir ein - und vielleicht ist es nicht nur Einbildung - daß Vor-und Nachmittage bevorzugte Hörzeiten sind. In den letzten ca. 1 1/2 Jahren verliert das Fernsehen bei mir zusehends an Bedeutung. Aktuell hatte ich das TV zuletzt vor gut 14 Tagen in Betrieb. Passend zu diesem Bedeutungsverlust hat der Bildschirm seinen festen Platz auf einem Sideboard eingebüßt und steht jetzt auf einem Rollbrett. So kann er hübsch platzsparend in einer Ecke geparkt werden um die wichtigere Aussicht aufs CD-Regal nicht zu stören. Daher werden bei mir nun auch mehr und mehr Abende zu Zeitkorridoren für das Hören.

Sind solche Gedanken unerheblich?
Ist es nicht völlig egal, wann wir Musik konsumieren?
Sollte sie uns nicht zu jeder Zeit erreichen / berühren?

Losgelöst von Fragen der momentanen Stimmung und Empfänglichkeit:
Wenn ich mehrere unverplante Tage zur Verfügung habe, genieße ich zwar dieses dolce far niente. Dann bemerke ich aber auch mit der Zeit eine Tendenz zum Verlottern, zu einer Art "Strukturschwäche".
Dann kristallisieren sich eben die genannten Zeiten heraus.

Jetzt, da noch 10 Jahre bis zum Ruhestand vor der Brust sind, kommt mir wiederholt der Gedanke an zwei inzwischen verstorbene Bekannte. Beide pensionierte Lehrer.
Sie lebten (einer etwas strikter als der andere), orientiert am Vorbild Thomas Manns, nach einem festen Tages-Stundenplan. Die darin vorgesehenen Zeiten für Lesen und Hören begriffen sie immer als Ereignis, dem sie mit freudiger Erwartung begegneten. Kann es sein, daß dies etwas mit der Einstellung und dem bewußten Hören macht?
Anders als wenn wir nach Lust und Laune konsumieren?

Es käme wohl auf den Versuch an.
Maurice inaktiv (16.02.2024, 09:40):
Ich höre Musik, wenn ich Zeit und Lust habe dazu, sonst nicht. Ich möchte aber Musik nicht sezieren und etwa mit den Noten oder gar einer Partitur hören, sondern mir mein eigenes Hörbild schaffen. Ob dann der Dirigent und das Orchester oder der Solist mich mitreißen, liegt nicht daran, wie genau er sich in den geschriebenen Notentext hält, sondern wie dieser Text zelebriert wird.

Daher verzichte ich auch grundsätzlich auf detaillierte Beschreibungen von den Musikstücken die ich höre. Jeder Hörer hat oder macht sich sein eigenes Hörbild. Am Ende ist doch nur entscheidend, ob man selbst mit dem Gehörten zufrieden ist oder nicht. Einer legt mehr Wert auf die Tempi, ein Anderer auf die Homogenität des Orchesters, wiederum jemand Anderes vermag dazu keine Meinung haben, weil er/sie mit der Aufnahmetechnik hadert, weil ihm so diverse Stellen nicht gut rüber kamen.

Wer selbst schon mal in einem Orchester oder in einer kleinen Besetzung gespielt hat oder noch spielt, wird vermutlich sich ein völlig anderes Bild machen (können) als der reine Hörer. Zeitgenössische Musik kann ich nicht hören, weil mir der Zugang und direkte Beteiligung fehlt. Da müsste ich selbst mitspielen, dann hätte ich ein bestimmt besseres Verständnis für diese Musik, weil ich am Entstehungsprozess direkt beteiligt bin, aber auch die Proben dazu hatte.

Ein Konzert nach einem anstrengenden Tag zu erleben, dürfte für mich eher schwierig werden, weil man sich nur eine bestimmte Zeit konzentrieren kann, bzw. der Tag vielleicht völlig konträr zu der aufzuführenden Musik war. Daher plane ich schon lange nicht mehr , mir Karten für ein Konzert zu kaufen, was erst ein paar Wochen oder gar Monate stattfinden wird. Also höre ich gerade klassische Musik zuhause. Das geht am Besten am Abend oder am Vormittag. Allerdings ist am Vormittag konzentriertes Hören hier nicht möglich, dafür ist die Umgebung nicht geschaffen (alleine der Fluglärm ist im Sommer unerträglich geworden. Was sind die Tage so schön, wenn auf dem Flughafen gestreikt wird oder in der Corona-Zeit, als überall eine wunderbare Ruhe herrschte.

Ich finde, dies alles gehört dazu, aber auch hier hat wohl jeder Mensch seinen völlig eigenen Zugang. Daher: Wissenschaftlich wird man bestimmt sagen können, wann der Mensch seine "besten Zeiten" hat, aber nicht jeder Mensch ist gleich. Ich bin und war schon immer ein Nachtmensch. Daher würde ich wohl nur sehr selten morgens um 6 Uhr mir ein so anspruchsvolles Werk wie Mahlers Neunte oder Bruckners Werke anhören können. Da gibts dann den Joseph Haydn oder einen seiner Zeitgenossen, oder einen lockeren Mainstrem-Jazz. Jazz geht fast immer, hier kann ich mir ja den Stil aussuchen und muss keine 45 Minuten mich durch eine Sinfonie quälen. Manchmal gibt es aber auch Tage, da will ich überhaupt keine Musik hören, nicht mal im Auto. Dort höre ich eh nur noch Youtube, dort fliegen keine CDs mehr herum und sperren den Platz zu.
Joe Dvorak (18.02.2024, 06:54):
Zunächst einmal wäre zu definieren, was ideales Hören ist. Ich meine, in diesem Faden einen Grundtenor auszumachen, der besagt, dass ideales Hören gleichbedeutend ist mit konzentriertem Hören. Es wird sogar behauptet, es gibt Musik, die man nicht "nebenbei" hören kann, sondern welche die volle Konzentration erfordert. Das verstehe ich nicht, es ist doch ganz einfach. Abspielgerät anwerfen, ab an den Herd oder an die Spüle und schon hört man nebenbei - auch Shostakovich. Das hat nichts mit Können zu tun, sondern eher mit Wollen. Vielleicht fürchtet der Autor, auf diese Weise die Tiefe und Komplexität nicht erfassen zu können, weil ihm Einzelheiten entgehen. Oder dass diese Musik störend, ja unangenehm wirkt, wenn man ihr nicht die volle Aufmerksamkeit schenkt. Letzteres kenne ich nur allzu gut - vor allem bei experimenteller Musik, die keinen bekannten Schemata folgt und eine starke Geräuschkomponente aufweist.

Es ist nicht so, dass ich mich konzentrieren muss, um ideal zu hören. In Gegenteil, gute Musik bringt mich dazu, mich darauf zu konzentrieren, und ich muss dafür nichts "aufbringen", sondern ich werde hineingezogen. Das kann zu jeder Tages- und Nachtzeit geschehen, und das passiert bei Haydn genauso wie bei Mahler, bei Deep Purple genauso wie bei Merzbow. Am häufigsten tritt es am frühen Morgen zwischen Kaffee und Arbeitsbeginn auf, aber auch am späten Abend, wenn der Hörsinn durch die Zufuhr von moderaten Mengen an hochwertigen alkoholischen Getränken geschärft ist. Dass Guarana, wie oben erwähnt, den gleichen Effekt haben kann, glaube ich sofort.
Sfantu (18.02.2024, 09:11):
Danke für die Gedanken über das Wie.

Wir sehen also - die Notwendigkeiten des Tagesablaufs geben uns den Rahmen zum Hören vor: der Fluglärm, die Hausarbeit, alle denkbaren alltäglichen Aufgaben. "Mitmenschen" wurden noch garnicht erwähnt - das wäre aber wohl ein zu ausufernder Nebenstrang. Philidor erwähnte einmal (wenn ich das richtig verstand), er habe problemlos die Möglichkeit, während seines PC-Jobs Musik via Kopfhörer zu erleben. Im ersten Moment beneidete ich ihn darum (das Unvermeidliche mit dem Musik-Erleben zu verbinden - besser geht's nicht). Dann kamen mir aber Zweifel: was habe ich noch von der Musik, wenn ich zur selben Zeit formulieren und schreiben muß (in meinem Fall: Abrechnungen, Therapie-Dokumentationen und -Berichte)?
Vielleicht ist es dann so wie mit dem Kochen oder dem Abwasch, wie Joe es erwähnte: wenn ich am Herd oder am Brünneli stehe, dann darf selbstverständlich Musik auch nebenbei laufen. Es sind dann fast immer Sachen, die ich entweder schon kenne oder die einem bekannten Kanon entstammen - mit (überwiegend) vorhersehbaren Verläufen und vorhersehbarem Klangcharakter. Das, was man dabei macht, folgt gewissen Automatismen, erlaubt also geteilte Aufmerksamkeit. Andernorts hatten wir es schonmal mit dem Thema Musikhören beim Autofahren: es sollte nicht zu sehr ablenken und sich in einem mittleren dynamischen Feld bewegen. Hurwitz erwähnt manchmal solche Auto-oder Zugfahrt-Musik - dieser Tage etwa Allan Pettersson für längere Autofahrten: der sanfte Wechsel in sich recht homogener Stimmungsabschnitte eignete sich ideal dazu.

Also - selbst nach diesem gedanklichen Hin und Her, Für und Wider steht bei mir noch keine feste Definition für "ideal".
Möglicherweise liegt es in der idealen Paßform zu dem, was uns neben dem Hören beschäftigt - gewollt oder fremdbestimmt.
Maurice inaktiv (18.02.2024, 11:28):
Also - selbst nach diesem gedanklichen Hin und Her, Für und Wider steht bei mir noch keine feste Definition für "ideal".
Möglicherweise liegt es in der idealen Paßform zu dem, was uns neben dem Hören beschäftigt - gewollt oder fremdbestimmt.
Fangen wir mal ganz von Vorne an. Die Übersetzung des Wortes "ideal" bedeutet "Dem Urbild entsprechend", oder "Gestalt, Urbild, Erscheinung", je nachdem, ob man aus Lateinischen oder Griechischen übersetzen mag. In der Philosophie steht es wohl für "Als ein höchster Wert oder anerkennendes Ziel", wenn ich das richtig verstanden habe.

Da stellt sich vermutlich jeder selbst die Frage, was ER oder Sie darunter versteht. Natürlich kann "man" Musik beim Lesen, Kochen, auf der Arbeit oder der Au/Bahnfahrt hören, doch ist das im engsten Sinne "ideal"? Ich würde es eher mit Nein beantworten, weil man durch andere Tätigkeiten abgelenkt ist. Allan Pettersson beim Autofahren zu hören, würde bei mir eher mit Selbstmord enden als dass ich unfallfrei ans Ziel käme. Ihn höre ich überhaupt nicht mehr, weil er mich völlig depressiv und auch aggressiv gemacht hat. Das ist nur ein Beispiel, eben auf MICH übertragen.

Joseph Haydn sehe ICH als total entspannend an, passt gut zum Aufstehen am Morgen, beim Lesen, oder auch, wenn ich im Netz bin. Selbst ein Konzertprogramm für einen Auftritt könnte ich mit Haydn völlig problemlos erstellen. Das ginge bei mir bis etwa Brahms zu machen. Dann muss man schauen. Auch DAS sind nur Beispiele meinerseits, die jeder Mensch anders fürs sich regeln wird.

Barockmusik kann ich nur selten hören, gerade Bach empfinde ich als überhaupt nicht entspannend, sondern oftmals als "störend". Er braucht mehr Aufmerksamkeit (zumindest bei mir). Auch Jazz muss ich immer direkt entscheiden, da kann ich auch nicht alles immer hören. Monk braucht Aufmerksamkeit und Lust, Ellington manchmal auch, Basie geht fast immer, Johnny Hodges auch. Dixieland kann ich auch nicht immer um mich haben, dazu muss ich Lust haben, New Orleans Jazz ebenfalls. Auf Modern Jazz muss ich Lust haben und dann spontan entscheiden. Das mal so grob beschrieben jetzt.

Wirklich gut Musik hören kann ich am Abend bis in de Nacht hinein, im Sommer nach der 23 Uhr, dann sind die Flugzeuge weitgehend durch. Am offenen Fenster Bruckner zu hören ist dann die Offenbarung überhaupt.