Joe Dvorak (09.05.2022, 05:08): Nachdem ich letztens viel von meiner Zeit mit Zeitkratzer verbracht habe, fuehle ich mich bemuessigt, ein paar Zeilen zu diesem Ensemble loszuwerden. Zeitkratzer ist ein selbstfinanziertes Solistenensemble aus neun Stamm-Musikern plus Licht- und Tontechnikern, die sich der Genre transzendierenden Neuen Musik und deren Pflege ausserhalb der akademischen Institutionen verschrieben haben.
1999 von Musikern aus verschiedenen Teilen der Welt gegruendet, machten sie sich rasch einen Namen durch Konzertprogramme mit der Integration der unterschiedlichsten Stile und kompositorischen Formate. Zeitgenössische Musik, Geraeuschkunst, freie Improvisation, experimentelle Rockmusik, Ambient, Volksmusik, Industrial und Alte Musik werden gegenuebergestellt oder gehen eine Synthese zu etwas Neuem ein. Die Resonanz ist ueberwiegend positiv bis begeistert. Dass sie sich sich der akademischen Kategorisierung entziehen, schadet dabei kaum. Wenn sie eine experimentelle Geraeuschcollage des Rockmusikers Lou Reed fuer ihr Ensemble transkribieren und einspielen, dann wird das nicht mit dem Aufkleber 'Crossover' weggewischt, sondern -im Gegenteil- es wird auch von den Letzten der (Avantgarde-)Klassiker-Status des Originals erkannt. Aber auch wer ausschliesslich 'reine' zeitgenoessische Klassik honoriert, kommt nicht an diesem Ensemble vorbei. Ihre Serie, mit der sie sich Altvordere wie Stockhausen, Cage, Tenney und Lucier vorgenommen haben, ist herausragend. Sie lassen den esoterischen Flaum um diese Persoenlichkeiten weg und kuemmenrn sich ausschliesslich um hoechste Genauigkeit und Spielqualitaet. Zeitkratzer haben mehrere Komponisten in ihreren Reihen und legten Alben mit von Mitgliedern geschaffenen Werken zeitgenoessischer Klassik vor.
Wer kennt Zeitkratzer? Was halten die Komponisten, Musiker und Liebhaber im Forum von ihren Einspielungen auf dem Feld der 'ernsten' zeitgenoessischen Musik und von denjenigen, die dieses Feld grenzenlos erweitern?
Ich werde hier nach und nach einige des Bemerkens werten und des Merkens wuerdigen Aufnahmen in bewaehrter Knappheit besprechen.
Joe Dvorak (11.05.2022, 04:06): Die Erinnerung, wann und warum es meine Erstbegegnung mit Zeitkratzer gab, finde ich in meinen Hirnregionen nicht mehr, aber dafuer es gibt das Forengedaechtnis. Demnach habe ich vor fast genau 6 Jahren als erstes die Aufnahme von Stockhausens Aus den Sieben Tagen gehoert. Nur wieso? Weiteres Bemuehen der Suchfunktion verraet, dass ich zuvor dasselbe Werk mit dem Salt Lake Electric Ensemble gehoert habe. Und da fiel der Groschen. Das war waehrend einer In C Phase, die bei mir alle Schaltjahre mal vorkommt - wobei ich mir jedesmal vornehme, einen Beitrag zu Rileys Klassiker zu schreiben und dies dann zugunsten des mehr Hoerens verwerfe. Die Salzsee-Elektriker haben mich beeindruckt, ich wollte mehr hoeren, fand die Sieben Tage, war vom Werk beeindruckt, wollte mehr hoeren und fand die Protagonisten dieses Threads.
Aus den Sieben Tagen ist eine Sammlung von insgesamt 15 Texten, die meist aus knappen und zum Teil vagen Anweisungen zu den auszufuehrenden musikalischen (und selten szenischen) Prozessen bestehen. Mit dieser Kompositionsweise sollen die Interpreten angeleitet werden, innerhalb eines abgesteckten Rahmens neue Klanghorizonte zu erschliessen ohne -im Gegensatz zur freien Improvisation- auf gespeicherte Formeln und Formate zurueckzugreifen. Inwieweit es legitim ist, das noch als 'Komposition' durchgehen zu lassen, kann gerne im Komponisten-Faden diskutiert werden - hier geht es um das klingende Resultat. Und das ist beeindruckend und fuer Neutoenerischem gegenueber aufgeschlossenen Hoerern des Hoerens wert. Die Deutung und Darbietung von fuenf ausgewahlten Texten durch die Chronos-Schrabber ist warm, rund und zwingend und koennte ueber weite Strecken fast meditativ anmuten, waere da nicht diese mal lauernde, mal brodelende Angespanntheit im Untergrund, die nie ganz wegzugehen scheint (und -ich spekuliere haltlos- wohl dem Fehlen eines verbindlichen Notentextes geschuldet ist).
Karlheinz Stockhausen - Aus den sieben Tagen Unbegrenzt Verbindung Nachtmusik Intensität Setz die Segel zur Sonne
Joe Dvorak (12.05.2022, 02:52):
Bildquelle: Kompositionskunst.de - Netzseite des Komponisten Burkard Schlothauer
Xtensions (Werke von Burkhard Schlothauer, Radu Malfatti, Ulrich Krieger, Melvyn Poore & Axel Dörner)
Schwierig. Das ist das Attribut, das mir zum kurze Zeit nach der Gruendung des Ensembles herausgebrachten Debut-Album zuerst einfaellt. Schwierig zu hoeren, schwierig zu beschreiben, schwierig -soweit moeglich objektiv- zu beurteilen, schwierig -subjektiv- zu bewerten.
Die Schwierigkeit des Hoerens ruehrt daher, dass sich diese Kompositionen allesamt zumindest ueber weite Strecken am Rande der Unhoerbarkeit bewegen. Selbst in einer absolut ruhigen Umgebung muss man den Lautstaerkeregeler weit hochziehen, um das zu verfolgen und lebt dann -beim ersten Hoeren- immer in der Furcht, dass es auf einmal knallt. Malfattis treffend betiteltes Werk Sprachlos besteht fast nur aus Atemgeraueschen des Trompeters und des Tubisten und einigen wenigen leisen Perkussions-Effekten. Dass man im Grenzbereich von Stille und Ton wirkungsvolle Musik machen kann, wissen wir seit Cage und Sciarrino, aber um das zu goutieren braucht es den entsprechenden inneren und aeusseren Rahmen (und Kopfhoerer). Alle anderen Kompositionen stammen von Mitgliedern des Ensembles. Herausragend finde ich Kriegers Rote Erde, wobei das in dieser Umgebung schon alleine durch ein mehr an Dynamik und Aktion herrausragt. Die Atmosphaere erinnert mich an das Spaetwerk von Cage, den Krieger viel gespielt hat. Dörners Komposition für Acht Instrumente gefaellt durch die Steigerung ins bald Kakophonische kurz vor Schluss. Nach soviel beinahe-Stille ist man dafuer am Ende der einstuendigen Laufzeit des Albums dankbar.
Die Musik zu beschreiben, faellt mir wie immer bei Neuer Musik schwer, weil oft die Bezugpunkte fehlen. Ich kann berichten, dass bei Poores After Durations II -soweit ich das beim ersten Hoeren erfassen konnte- jeder Musiker immer nur einen Ton spielt, wenn er dran ist und dass man mir das als eine Einspielung von Cages Atlas Eclipticalis andrehen koennte. Gefaellt mir das? Ich weiss es noch nicht. Es steht auf Wiederhoeren, insbesondere Schlothauers Tromper hat sehr eindringliche Momente - aber dann eher am Abend mit Kopfhoerer und mit einer Flasche MacAllen 12 years Sherry Oak in Griffweite. Das ist keine Doppel- oder Dreifachfass-Reifung, bei der nur die letzten Monate im zuvor zur Sherry-Reifung genutzten Fass zugebracht werden, sondern der Single Malt verbringt die vollen 12 Jahre im Sherry-Fass und zwar nicht in irgendeinem, sondern es muss vorher spanischer Sherry einer ganz bestimmten Sorte aus einer ganz bestimmten Lage darin gereift sein und zwar als 'First-Fill' in Faessern von ganz bestimmter Eiche, die von McAllen selbst ausgewaehlt und an den Sherry-Hersteller verschickt werden. Ich glaube, die Gefuehle von Exlusivitaet und Kennerschaft beim Trinken und beim Hoeren dieser Musik gehen gut zusammen.
Joe Dvorak (17.05.2022, 04:17):
James Tenney Critical Band Harmonium #2 Koan: Having Never Witten a Note for Percussion Tenney komponierte die ersten beiden Werke auf diesem Album mit reiner obertoeniger Stimmung und ausgehaltenen an- und abschwellenden Einzeltoenen der Instrumente. Ganz grobe Referenzpunkte fuer das klangliche Resultat sind die Spektralisten und der statische Minimalismus eines Phill Niblock. Die Herausforderung an den Hoerer lautet hier, die Vorstellung, Musik muesse Melodie und Rhythmus enthalten, ueber Bord zu werfen. Wer das nicht kann oder will, klickt das jetzt weg. Die ungleich groessere -und von Zeitkratzer souveraen gemeistere- Herausforderung an die Musiker lautet hier, Mikrointervalle so praziese zu spielen und auszuhalten, dass das psychoakustische Phaenomen der Wahrnehmung von Differenztoenen als Puls zum Vorschein kommt oder dass sich durch Verschiebungen in der Obertonreihe der Grundton sprunghaft zu aendern scheint (mehr dazu hier). Das klingt reichlich experimentell und akademisch, solange man die Musik nicht hoert, es klingt strahlend und (mindestens den Raum) erleuchtend, wenn man sich auf das Abenteuer einlaesst. Play Loud!
Joe Dvorak (25.05.2022, 04:25):
Reinhold Friedl - Grand Orchestra (fuer gemischtes Orchester und Dudelsaecke) Berlin Pipe Company, Zeitkratzer & Gaeste
Die Schoepfer von extremer Musik abseits jeglicher Konventionen werden gerne mit dem Argument 'verteidigt', sie wuerden uns herausfordern, eingefahrene Hoergewohnheiten zu hinterfragen. Ich bin da skeptisch. Sie beabsichtigen das vielleicht, aber sie tun es nicht, weil sie damit ins Leere laufen. Entweder sie treffen auf die (-ich spekuliere- groessere) Hoerergruppe, die nicht von ihren Gewohnheiten lassen will und die Herausforderung erst gar nicht annimmt oder sie treffen auf die Hoerergruppe, die offen fuer Neues ist und sich davon nicht herausgefordet fuehlt, sondern -im Gegenteil- dankbar ist, wenn etwas wirklich Neues geboten wird. Und das ist eine Herausforderung fuer die Kuenstler, denn was soll es noch geben, das so oder so aehnlich nicht schon dagewesen ist? Wenn ich in eine zufaellig ausgewahlte Neuerscheinung eines der auf Zeitgenoessische Musik spezialisierten Labels hineinhoere, dann klicke ich das meist nach ein paar Minuten gelangweilt weg. Mir geht es da wie Homer Simpson (hiermit oute ich mich als Ex-Fernsehiker, bin aber schon seit 10 Jahren trocken) beim Durchzappen der Kabelprogramme: "seen... seen... seen...".
Reinhold Friedl, dem Gruender, Meistergeist und Leiter von Zeitkratzer, scheint das keine Ruhe zu lassen und er nimmt den Fehdehandschuh auf. Eine Idee, die zwar nicht neu ist, aber noch nicht ganz ausgewrungen scheint, ist die Einbeziehung von Laien oder absichtlicher Dillentantismus, z. B. indem man Profis andere als ihre eigenen Instrumente spielen laesst. Sun Ra hat in 60ern seine Jazz-Bigband mit Streichinstrumenten ausgeruestet und dann ging es ohne Proben ins Studio um Strange Strings aufzunehmen. Mauricio Kagel besetze die Singstimmen seiner Kantrimusik mit "mindestens Sopran, Alt, Tenor und nach Belieben weitere, auch Kinder und Laien" oder er trieb fuer Exotica Instrumente auf, die meist von den Ausfuehrenden noch nie zuvor gesehen, geschweige denn gespielt wurden. Das Konzept von Grand Orchestra besteht darin, dass den (auf ihren eigenen Instrumenten spielenden) Profis jeweils eine Gruppe ("Musiker, Laien, Alte, Kinder, Jugendliche, alle, die gerne mitmachen wollen") unterstellt und von ihnen durch die Auffuehrung gleitet wird. Im Begleittext spricht Friedl von "Einzigartige Klänge mit komplexem Charakter, die kein professionelles Orchester wiedergeben könnte" (mehr dazu hier) als Resultat. Ziel erreicht.
Ich finde diese Musik hochgradig spannend und Neu genug, um dran zu bleiben. Es passiert lange nicht viel, aber es herrscht eine beunruhigende Grundspannung, die verspricht, dass bald etwas ganz Gewaltiges passieren wird. Wenn es schliesslich zu den Entladungen kommt, dann passiert das mit einer Intensitaet, deren euphorisch-aufpeitschende Wirkung kaum auszuhalten ist. Und ich meine, das nimmt mit jedem weiteren Hoerdurchgang noch zu. Das Werk besteht aus 2 Teilen und dauert ca. 45 Minuten. Viel Spass!
Joe Dvorak (25.05.2022, 14:39):
Reinhold Friedel - Mort aux Vaches: Random Dilletants
Das ist ein Paradebeispiel fuer den oben genannten absichtlichen Dillentantismus. Mort aux Vaches ist ein Nonett fuer Saxophon, Trompete, Tuba, Violine, Violoncello, Kontrabass, Akkordeon, Perkussion & Stimme und besteht aus 8 Saetzen mit ingesamt 50 Unterabschnitten und einer Gesamtspieldauer von 48 Minuten. Die 9 Musiker wechseln nach jedem Satz das Instrument, bis sie alle durch haben - ausser dem eigenen Stamminstrument. Das kann man entweder als zwanghaft originell ansehen oder als Versuch werten, verborgene Klanglandschaften, die auf andere Weise nicht begehbar sind, zu erkunden. Das Resultat ist ueberraschend ruhig und konzentriert, selten kakophonisch, wenn auch -weniger ueberraschend- stets von experimentellem Charakter. Manche der Miniaturen erreichen (bei mir) eine erstaunliche Tiefenwirkung.
Beim ersten Hoeren bleib ich etwas zwiespaeltig zurueck, weil sich der Effekt bei aller anfaenglichen Begeisterung schnell abnutzte und sich das dann doch arg in die Laenge zog. Aber das Werk meldete sich in meinem Kopf immer wieder zum Wiederhoeren und mittlerweile sind die Bedenken verschwunden. Das laeuft nun auch mal einen viertel Tag lang am Stueck als Dauerschleife im Zufallsmodus - mit Zustimmung des Komponisten: Dilletants im Untertitel versteht sich von selbst, Random kommt daher, dass die 50 Abschnitte nicht in der von Friedl vorgesehenen, sondern ausdruecklich auch in einer vom Hoerer programmierten Reihenfolge oder per Zufallswiedergabe abgespielt werden koennen.
Ich frage mich, wieviele verschiedene Permutationen Spieler/Instrument/Satz es wohl geben mag. Auf dem Album spielt beispielsweise der Geiger im ersten Satz Saxophon, im zweiten Violoncello, usw... Das Ergebnis seines Parts waere sicher anders, wenn er in den ersten beiden Saetzen das ihm naeher und das ihm ferner liegende Instrument in umgekehrter Reihenfolge spielen wuerde. Alleine fuer ihn gibt es -wenn ich nicht ganz falsch denke- 5040 moegliche Reihenfogen durch die acht Saetze zu wechseln, aber das zwingt gleichzeitg auch andere Spieler die Reihenfolge zu aendern - wieviele Freiheitsgrade bleiben da noch? Mathematiker helft! Wenn schon niemand mit mir ueber das Ensemble reden will, kriege ich vielleicht jemanden mit diesem Problem in den Thread. :D
Joe Dvorak (26.05.2022, 03:10): Da hat man ITler, frische Abiturienten und pensionierte Lehrer im Forum und muss es dann doch selbst machen. :P
Oft ist es ein gaengiger Weg, zu vereinfachen und dann auf Basis einer -zu beweisenden- Vermutung eine allgemeine Formel zu finden. Schauen wir uns das Problem also erst mal fuer drei Spieler und drei Saetze an. Spieler 1 hat 6 Moeglichkeiten, die Instrumente (A, B, C) auf die Saetze (I, II, III) zu verteilen.
Spieler 1
A B C
I II III
I III II
II I III
II III I
III I II
III II I
Nehmen wir an Spieler 1 waehlt die erste, dann bleiben Spieler 2 die folgenden Moeglichkeiten:
Spieler 1
A B C
I II III
Spieler 2
A B C
II III I
III I II
Spieler 3 muss jeweils das nehmen, was noch uebrig bleibt. Es gibt also insgesamt 6x2 = 3!x2! = 12 Kombinationen.
Kommt jetzt ein vierter Spieler (und ein vierter Satz) hinzu, so kann er das Schema von Spieler 1 uebernehmen und den vierten Satz jeweils 'durchschieben'. Mit I, II, III als Ausgangsreihenfolge etwa:
Spieler 4
A B C D
I II III IV
IV I II III
III IV I II
II III IV I
Mit 6 Ausgangskombinationen ergibt das 24 Moeglichkeiten fuer Spieler 4. Fuer Spieler 1 verbleiben dann wieder 6 Moeglichkeiten fuer jede der 24 Kombinationen, insgesamt gibt es 120. Spieler 2 bleiben fuer jede dieser 120 Kombinationen noch 2 Moeglichkeiten und Spieler 3 nimmt, was noch frei ist. 24x6x2 = 4!x3!x2! = 240
Die Vermutung lautet, dass es fuer n Spieler n! x (n-1)! x (n-2)! x ... Kombinationen gibt, der Beweis durch vollstaendige Induktion ist trivial (wie habe ich diesen Lehrerspruch 'geliebt', da habt ihrs zurueck!).
Damit ergeben sich mit 8* Spielern 8! x 7! x ... x 2! = 5.056.584.744.960.000 Moeglichkeiten - da wird es noch ein Weilchen dauern bis eine Zeitkratzer-Box mit allen Realiserungsmoeglichkeiten von Mort aux Vaches rauskommt.
*Es sind 9, aber da niemand sein eigenes Instrument spielt, laeuft das auf dasselbe hinaus (was noch gesondert zu beweisen waere - aber dazu bin ich jetzt zu faul und gar nicht so sicher, ob das das wirklich eine Aeqivalenz ist - aber ob es 1 Milliarde x 1 Milliarde oder 1 Million x 1 Milliarde oder 1 Million x 1 Million Kombinationen gibt, ist nicht so wichtig. Es sind jedenfalls viele. :D
Joe Dvorak (26.05.2022, 04:51):
Lou Reed - Metal Machine Music (Transkription fuer Kammerorchester) Frank Gratkowski (Klarinette), Matt David (Trompete), Hilary Jeffery (Posaune), Reinhold Friedl (Klavier), Marc Weiser (Gitarre), Maurice de Martin (Perkussion), Burkhard Schlothauer (Violine), Anton Lukoszevieze (Violoncello), Uli Phillipp (Kontrabass)
Das 1975 herausgekommene Original von Lou Reed gilt als das am haeufigsten zurueckgegebene Album der Musikgeschichte, die Plattenfirma nahm es wegen Beschwerden von Haendlern nach zwei Wochen aus dem Programm. Kritiker und Fans hassten es, Reed haette es beinahe die Karriere gekostet. Auch heute noch ist es fuer viele hartgesottene Fans ein Vexierraetsel, was diese melodie- und rhythmusfreie Schall-Attacke aus uebereinandergeschichteten und manipulierten E-Gitarren-Feedbackschleifen sollte und den Verdacht, es handle sich dabei um reine Verhinterteile, konnte (oder wollte) Reed nie ganz ausraeumen. Wenige sahen darin ein Meisterwerk der Avantgarde - der Legende nach soll man Reed geraten haben, das auf einem Klassiklabel zu veroeffentlichen. Der legendaere Rockkritik-Schriftsteller Lester Bangs erklaerte in einem ellenlangen Essay, warum das das beste Album aller Zeiten ist. Und Zeitkratzer? Die sahen offenbar genuegend Wert darin, um die vermeintlich unloesbare Aufgabe anzugehen, diesen Krach in Notation zu uebersetzen und zu instrumentieren. Wer das Original kennt, kann sich ausmalen, was fuer eine Teufelsarbeit das gewesen sein muss. Spaetestens hier sollten jegliche Zweifel daran, dass es sich bei Zeitkratzer um genuine Ueberzeugungstaeter handelt, ausgeraeumt sein.
Es gibt zwei Live-Aufnahmen davon: Die aeltere enthaelt nur die Teile I - III (die urspruenglichen LP-Seiten 1-3), aber dafuer einen Kurzauftritt von Reed gegen Schluss. Die hier vorgestellte juengere Einspielung, fuer welche die Transkription nochmal verfeinert wurde, ist vollstaendig und die Aufnahmequalitaet ist ein Fest fuer Klangfetischisten. Beide mehrten Zeitkratzers Ruhm und das Ansehen des Originals.
Sfantu (26.05.2022, 08:52): Hey Joe,
eine möglicherweise blöde Frage vorweg (meine Spezialität): was ist mit dem Genre "Transzendierende Neue Musik" gemeint?
Habe mir heute eine Stunde reserviert um Zeitkratzer zu youtuben. Aus dem, was Du schreibst, machen mich vor allem die James Tenney-und die Reinhold Friedl-Sachen neugierig.
Joe Dvorak (26.05.2022, 10:01): Nicht bloed, aber witzig. Man nehme eine nicht ganz praezise Formuleirung und einen Verleser:
die sich {der Genre transzendierenden} Neuen Musik (...) nicht: dem Genre {transzendierende Neue Musik}...
Aber klarer waere wohl gewsen: die sich der alle Genres transzendierenden Neuen Musik (...) verschrieben haben.
Sfantu (26.05.2022, 10:33): Ahhh - jetzt, ja! Ich Dummerchen!
Andréjo (26.05.2022, 11:25): Ich will mich hier nicht als Deutschlehrer interessant machen, aber wenn schon, dann sollte bzw. muss man zusammenschreiben:
"der genretranszendierenden Neuen Musik" - oder vielleicht mit Bindestrich.
Es ist ein Adjektiv, ein rechter Rattenschwanz halt.
Insofern ist die dritte Lösung, die Joe anbietet, auf jeden Fall besser.
Wir sind alle Dummerchen. (Melodie?)
:) Wolfgang
PS: Was die deutsche Grammatik allenfalls noch erlaubt, ist der Plural:
"der Genres transzendierenden Neuen Musik".
Aber jetzt ist Schluss, sonst träume ich davon.
Jan Van Karajan (26.05.2022, 13:40): Eine herrliche Formulierung, die würde man bei mir in der 11. Klasse wahrscheinlich selbst im kompliziertesten Aufsatz nicht verwenden :D . Schon allein aufgrund des eher oberflächlichen Unterrichts im Bezug auf klassische Musik :P Grüße Jan :hello
Andréjo (26.05.2022, 15:41): Gar so schön, Jan, ist sie denn doch nicht. ;) Aber ich spüre sie schon, die gehauchte Ironie ...
PS: Zu den Zeitzkratzern habe ich leider noch nichts beizutragen. Mal schauen.
:hello Wolfgang
Jan Van Karajan (26.05.2022, 18:06): So ironisch war das tatsächlich gar nicht gemeint :D . Fachsprache kann sich tatsächlich sehr interessant anhören , gerade wenn man sie nicht auf Anhieb versteht :D
Joe Dvorak (27.05.2022, 03:48): Ich gelobe Besserung und werde versuchen, kuenftig ueberverkomplizierungsvermeidenden Wiewoerteren den Vorzug zu geben, solange das nicht allzu individualformulierungsstilverbiegende Auswirkungen hat. :P
Damit ich nicht als undifferenzierender Lobhudler dastehe, kommt jetzt ein Album, mit dem ich bislang nicht zurecht komme. Haken wir ab: Elliot Sharp ist einer meiner Lieblingskomponisten und wie das Ensemble in allen denkbaren Genres und Stilen unterwegs.✅ Es handelt sich um eine graphische Partitur.✅ Das Sujet (Klartraum) ist faszinierend.✅ Das Werk ist von John Cage inspiriert.✅ Bis zur heutigen Zeit kratzt mich das nicht.❌ Ich meine, ueber die Jahrzehnte ein gutes Gespuer dafuer entwicklelt zu haben, ob ein Album, das nach ein, zwei Hoerdurchgaengen schwierig erscheint, beim speateren Wiederhoeren doch noch zuenden kann - aber bei diesem hier habe ich keinen blassen Schimmer, ob oder ob nicht:
Sfantu (27.05.2022, 11:12): Eine ganze Stunde, wie eigentlich geplant, ist es dann doch nicht geworden. Aber immerhin etwa 40min. Welche Gründe gab es, nicht dranzubleiben?
Zwei. 1.) Momentan eine gewisse innere Unruhe. 2.) Eine Art Überforderung. Überforderung durch Verwirrung. Wodurch verwirrt? Vermutlich durch den Umstand der die Genres transzendierenden Klänge. Es ist eine Vielfalt, die es nicht leicht macht, sich zu orientieren. Mal sind sie in diesem Bereich, mal in jenem unterwegs. Den Schritt von "Ah, jetzt spielen sie Neue Musik" oder "Ah, jetzt spielen sie Lou Reed" hin zu "Ah, das sind doch "Zeitkratzer" kann man sicher erst nach gründlicherer Beschäftigung vollziehen.
Unter den drei Stücken, die ich hörte, Tenney - Critical Band Reed - Metal Machine Music, Part 1 Kraftwerk - Megaherz gefiel mir Letzteres eindeutig am besten. Und dazu noch besser als das Original.
Joe Dvorak (28.05.2022, 05:06): Es ist immer wieder aufs Neue spannend, festzustellen, wie unterschiedlich jeder hoert, wahrnimmt, einordnet. Wenn ich etwas an dem Ensemble kritisieren muesste, dann waere es, dass sie aus der Distanz betrachtet immer 'das Gleiche' machen, solange sie sich auf klassischem Terrain bewegen. Stockhausen, Tenney, Reed, das noch nicht genannte Cage-Album und die Werke von Friedl sind allesamt 'statische' Musik, bei der es wenig Form und kaum aeussere Bewegung gibt, alles spielt sich innerhalb von -ich nenne es mal- Klangprojektionen ab. Als ich unlaengst Friedls Kore gehoert habe, dachte ich nach ein paar Minuten: schon wieder so was. Davon ausgenommen sind designierte 'Crossover'-Projekte wie The Shape of Jazz to Come, Neue Volksmusik, Kraftwerk und einige, aber nicht alle ihrer Arbeiten mit Elektronikkuenstlern.
Joe Dvorak (29.05.2022, 03:48):
Reinhold Friedl - Kore (fuer neun verstaerkte Instrumente)
Es ist naheliegend, dass ich mir zum 100. Geburtstag von Iannis Xenakis nochmal Friedls Kore vornehme. Das Stueck ist ein Versuch, die elektroakustische Klangwelt von Xenakis' Tonbandkompositionen, wie Persepolis or La Legende d’Eer mit herkoemmlichen Instrumenten wiederzugeben. Das gelingt dem Ensemble zweifelos, viel mehr aber nicht. Vergleiche ich das mit dem gewaltigen Spannungsbogen der kosmischen Handlungslinie, die nicht zuletzt dadurch greifbar wird, dass Xenakis im Verlauf rein elektronische Klaenge, Geraeusche und Instrumente als 'Akteure' einsetzt (so verstehe ich La Legende d’Eer, ohne Belege zu haben, dass es so gedacht war), dann wirkt Kore doch ziemlich eindimensional auf mich. Wir immer bei Zeitkratzer passiert innerhalb dieser Dimension unglaublich viel, gibt es allerhand Ungehoertes zu erhoeren - aber weil das mehrdimensionale Original immer im Ohr mitlaueft, ist mir das in diesem Fall zu wenig.
Joe Dvorak (09.06.2022, 05:33):
Picture Source: Discogs - Music Database and Marketplace
John Duncan - Fresh (2001) Nav-Flex (Transkription fuer Kammerensemble) Trinity (Transkription fuer Kammerensemble) There are artists who open the mind much more than a thousand books (Massimo Ricci)
Transkriptionen von elektroakustischen Installationen aus Files und Kurzwellen. Un-erhoert und daher unbeschreiblich. Daniela Cascella versucht es fuer eines der Originale trotzdem: (...) FLEX fordert uns mit einem Klang heraus, der sich langsam entfaltet, verschiedene Formen annimmt, aber immer folgerichtig zueinander, das gesamte Audiospektrum ausfüllt oder in einer immensen Leere driftet: ein Fluss von Lava, überwältigend in seinem Fortschritt und verheerend in seiner Ruhe.
Und was meint Joe? Audi!
Retrobrain (30.06.2022, 19:42): Hallo.
Du animierst mich immer zu so experimentellen (?) und ungewöhnlichen Aufnahmen. Also, diese zu hören, um Mißverständnissen vorzubeugen.
Ich mache mal Kniebeugen mit Schönberg und kratze dann mal ein wenig Zeit. ^^
Leider muss ich dabei auf den schönen Whiskey verzichten. :I
Ein erster Höreindruck:
Metal Machine Music Part I Welch orgiastische Kakophonie. So klingt es bei anderen ein paar Sekunden vor dem Ende des Stückes. Ein 6 Minuten langes, furioses Ende. Toll. Puuuhh…
Neue Volksmusik Beim ersten Stück lag ich vor Lachen am Boden. Unser Hund wollte mich retten! Danach noch ein paar Stücke der Aufnahme. Hey, so gefällt sogar mir „Volksmusik“. Durchgeknallt, äih…
Oneirika Part I Uih - oder so. Da bin ich nicht sicher. Total ungewohnt. Aber so soll es sein. Weg aus der musikalischen Komfortzone. Da muß ich mit mehr Zeit hören.
Joe Dvorak (01.07.2022, 06:19): Du animierst mich immer zu so experimentellen (?) und ungewöhnlichen Aufnahmen. Also, diese zu hören, um Mißverständnissen vorzubeugen. :) Schoen, noch einen Komfortzonenkratzer in diesem Faden zu sehen. '
Experimentell' ist so ein Begriff, den es mal zu beleuchten gilt. Konsultieren wir den Duden: (versuchsweise) mit besonderen, neuartigen, ungewöhnlichen, fremd wirkenden künstlerischen Mitteln frei gestaltet, komponiert. Das heisst im Umkehrschluss, wer experimentelle Musik ablehnt, will mit normalen, althergebrachten, gewöhnlichen, vertraut wirkenden künstlerischen Mitteln nach Vorgaben gestaltete, komponierte Musik hoeren. Gut, dass wir darueber gesprochen haben. Jetzt weiss ich zu kontern, wenn mal wieder jemand den Begriff 'experimetell' negativ konnotiert verwendet. :P
Joe Dvorak (01.07.2022, 10:35): @Retrobrain Danke uebrigens fuers Hochholen des Threads. Das hat mich daran erinnert, dass ich noch ein Album auf dem (virtuellen) Ungehoerten-Stapel habe und das wurde gerade wonnegetrunken gehoert:
Picture Source: Discogs® - Music Database and Marketplace
SoundinX (Werke von Daniel Ott, Phill Niblock, Reinhold Friedl, Mario Bertoncini, Ulrich Krieger & Yunkyung Lee)
Das ist das Zweitalbum und geht -wie der Coververgleich vermuten laesst- als Schwesterwerk zum Erstling durch. Es wirkt jedoch deutlich ausgereifter, kompositorisch und klanglich vielfaeltiger und bietet mehr Ueberraschungsmomente. Man koennte sagen (lies: ich meine), dass SoundinX das kompositorische Format des statischen Minimalismus bis an die Grenzen auslotet und deshalb weniger 'extrem' wirkt als das puristische Xtensions.
Retrobrain (01.07.2022, 16:11): Ich höre „James Tenney “ No. 1 Critical Band
Ich werde bei solchen Klängen immer an SF-Filme erinnert. Weißer Raum? Weißer Nebel? Fremdartigkeit - oder doch vertraut? Irgendwie. Eine Art Echo hinter der ersten Klangwand. Einsamkeit. Ja, wohl auch. Aber es wird vertrauter, wenn ich etwas länger zuhöre. Viele würden sagen, es sei nur Gequietsche, nur Soundkulisse. Ist es dann doch nicht. Zum Ende ändert es sich und wird… fast schon freundlich. Fast. Ich könnte es nun nicht jeden Tag hören, aber wenigstens ein Anhören ist es wert.
Es findet eine Fortsetzung in
No. 2 Harmonium #2
Erster Eindruck: gemäßigter. Statt SF jetzt Meer, Schiffe, ein Hafen… Toll, welche Assoziationen eine Klangwolken oder -wand oder -fläche hervorrufen kann. Da bin ich erstaunt- und neugierig. Es ist gefälliger als No. 1, aber noch immer ungewöhnlich genug. Für Neugierde. Hin und wieder braucht es solche Klänge.
No. 3 Koan Never written…
Fast schon gefällig und für mehr Hörer hörbar. Hätte ich dieses Stück als erstes gehört, wäre Spannung und Neugierde geringer gewesen. Aber so, als Abschluß. Warum nicht?
Interessantes Erlebnis. Aber nicht für jeden Tag.
Joe Dvorak (05.02.2024, 02:48):
Reinhold Friedl - Scarlatti
Seit langem wieder etwas Neues von Friedel und seiner Mannschaft. In reduzierter Septettbesetzung (Klarinette/Flöte, Horn, Klavier, Schlagzeug, Violine/Viola, 2 Kontrabässe) werden hier Kompositionen vorgestellt, die lose auf Scarlattis f-Moll-Sonate K 466 basieren. Ich kenne das Vorbild nicht sehr gut und höre die Bezüge nicht heraus - und ohne diese ist es ein weiteres typisches klassisches Zeitkratzerstück geworden, ohne die Originalität von Friedls Grand Orchestra oder Mort aux Vaches und ohne die spirituelle Tiefendimension von Duncans Fresh. Es hat seine Momente, aber irgendwie scheint der Dampf bei mir als Hörer etwas raus zu sein.