Zum Begriff des Virtuosen im 19. Jahrhundert

Peter Brixius (17.01.2010, 23:18):
Als ich mich mit Heines Mein Herz, mein Herz ist traurig beschäftigte, bin ich auf Adornos Aufsatz Die Wunde Heine“(GS 11, 95-100) gestoßen. Hier geht es um eine Virtuosität, die von der kommunikativen Sprache erborgte Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit (98), die einer Tiefe entgegensteht:

Nur der verfügt über die Sprache wie ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist. Wäre es ganz die seine, er trüge die Dialektik zwischen dem eigenen Wort und dem bereits vorgegebenen aus, und das glatte sprachliche Gefüge zerginge ihm. (98)

Adorno hat diese Leichtigkeit der Produktion mit der Annektion des Alltagslebens durch die kapitalistische Warengesellschaft zu erklären versucht. Das Leben, von dem sie ohne viel Umstände zeugten, war ihnen verkäuflich; ihre Spontaneität eins mit der Verdinglichung. Ware und Tausch bemächtigten sich in Heine des Lauts, der zuvor sein Wesen hatte an der Negation des Treibens.

Symptomatisch tauchen in dieser Argumentation die Nähe von virtuoser Geläufigkeit, kapitalistischer Produktionsweise, mangelnder Tiefe und Judentum auf.

In der Studie von Daniel Jütte: Juden als Virtuosen. Eine Studie zur Sozialgeschichte der Musik sowie zur Wirkmächtigkeit einer Denkfigur des 19. Jahrhunderts (Archiv für Musikwissenschaft, Jg.66, Heft 2, 2009) steht als Reizwort am Anfang eine lapidare Notiz von Friedrich Nietzsche Virtuosen (Juden) (Nietzsche, KGW Abt. VIII, Bd. 1, S.120). Jütte stellt sich die Frage nach Quantität und Qualität im Anteil der Juden unter den musikalischen Virtuosen des 19. Jahrhunderts.

Der Begriff des „Virtuosen“ hat seit dem 16. Jahrhundert mehrfache Bedeutungswechsel erlebt. War es zunächst ein Prädikat für hervorragende Künstler und Gelehrte (Brockhaus Riemann Musiklexikon, BRM Bd. 4, S. 316), so hat er im Bereich des deutschen Musikschrifttums des 18. Jahrhunderts sich durch außerordentliche theoretische, kompositorische und praktische Leistungen sich auszeichnende Musiker bezeichnet. Dabei gab es keine Abwertung des Komponisten als Virtuosen (Bach, Händel, Mozart und Beethoven wurden als Virtuosen gerühmt), noch die des Virtuosen als Komponisten.(Kozeluch und Spohr wurden als Komponisten hoch geachtet). Erst die Spezialisierung auf den „Nur-Virtuosen“ und den „Nur-Komponisten“ veränderte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Begrifflichkeit. Bei Brockhaus Riemann wird dies ein wenig kryptisch notiert: Gleichzeitig erhielt das Wort V durch häufigen Missbrauch auch einen abschätzigen Sinn, so dass man die Wortbedeutung jeweils durch positiv oder negativ wertende Beiwörter spezifizierte. (316) Was war wohl der Missbrauch, der zu der Bedeutungsspaltung führte?

Da hilft uns nun Jütte weiter, der darauf hinweist, dass der Beruf des Virtuosen eine spezifische Attraktion für Juden hatte. Diese Anziehungskraft bezog sich nicht zuletzt auf die hohe Achtung, die das Virtuosentum (nicht nur) im frühen deutsch-jüdischen Bürgertum hatte. Virtuosität galt als „Sinnbild selbstloser Perfektionierung“ (135). Als Beispiel führt Jütte neben einer Anzahl von Zitaten aus Predigten u.ä. die Geschichte Raschelchen aus Mosenthals Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben an, in der die Heldin durch ein Vorspiel im Hause Spohr bekannt und bewundert wird. Vor allem ihre Mutter widersetzt sich aus religiösen Gründen der Karriere ihrer Tochter, doch durch jüdische Mäzentinnen wird ihr ihre weitere Ausbildung ermöglicht. Das virtuose Musizieren ist dadurch, dass es die Ehre der ganzen Gemeinschaft darstellt, legitimiert. Jütte kommentiert: Diese emphatische Einstellung zur Virtuosität, die in Mosenthals Erzählung mit den progressiven Kräften im Judentum in Verbindung gebracht wird, war nicht ohne Vorbild in der Realität. (135). So findet man etwa in den Lebenserinnerungen von Louis Spohr die Erinnerung an ein Konzert des 13jährigen Meyerbeer in dem elterlichen Hause Spohrs, bei dem der talentvolle Knabe durch seine Virtuosität auf dem Pianoforte solches Aufsehen , dass seine Verwandten und Glaubensgenossen nur mit Stolz auf ihn blickten. (Spohr: Lebenserinnerungen, Bd. 1, S. 84).

Juden bot die Tätigkeit als Virtuose eine vielversprechende Chance zur Verbürgerlichung, eine sinnerfüllte Vervollkommnung ihrer künstlerischen Fähigkeiten und auch die Möglichkeit, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen – sowohl mit ihrer künstlerischen Produktion wie mit der Reproduktion von Kunst. Und waren sie erfolgreich, so zog das Neider auf sich, anonyme wie wohlbekannte, wenn man an das Beispiel Meyerbeer denkt.

(wird fortgesetzt)

Liebe Grüße Peter
Heike (18.01.2010, 20:24):
Das finde ich sehr interessant! Danke, dass du uns daran teilhaben lässt!
Ich werde alle Fortsetzungen mit Interesse lesen.

Gerade gestern im Konzert (Brahms) war der Virtuosenbegriff quasi mal wieder aktuell - hatte man doch Brahms damals vorgeworfen, in seinem 1. Klavierkonzert das Virtuose zu arg vernachlässigt zu haben.
Heike
Peter Brixius (18.01.2010, 20:58):
Original von Hebre
Das finde ich sehr interessant! Danke, dass du uns daran teilhaben lässt!
Ich werde alle Fortsetzungen mit Interesse lesen.

Gerade gestern im Konzert (Brahms) war der Virtuosenbegriff quasi mal wieder aktuell - hatte man doch Brahms damals vorgeworfen, in seinem 1. Klavierkonzert das Virtuose zu arg vernachlässigt zu haben.
Heike

Nicht nur das: Pablo de Sarasate beschwerte sich, dass es nur eine schöne Melodie in dem Konzert gebe - und die spiele die Oboe ...

Vielen Dank für Dein Interesse

Liebe Grüße Peter
Armin70 (18.01.2010, 21:19):
Original von Peter Brixius
Nicht nur das: Pablo de Sarasate beschwerte sich, dass es nur eine schöne Melodie in dem Konzert gebe - und die spiele die Oboe ...



Hallo Peter,

meines Wissens sagte das Sarasate doch über Brahms`Violinkonzert, weil er es unerträglich findet, wie die Oboe zu Beginn des 2. Satzes die einzigste Melodie spiele und sie der Violine vorenthielte und deshalb weigerte sich Sarasate, dieses Konzert zu spielen.

Armin
Peter Brixius (18.01.2010, 21:38):
Lieber Armin,

Du hast sicher Recht, denn ich habe aus dem Gedächtnis zitiert. Bei wikipedia findet man

und der Violinenvirtuose Pablo de Sarasate weigerte sich, es zu spielen mit der Begründung, er finde es unerträglich, mitanhören zu müssen, wie die Oboe am Anfang des 2. Satzes die einzige Melodie des Konzertes der Violine vorenthielt.

Interessant (und wieder zum Thema des Threads zurückführend) ist das, was Christine Krautscheid ins Programmheft der Berliner Philharmoniker 2000 geschrieben hat:

Nicht minder fremd war Brahms der romantische Virtuosenwahn: in seinem Violinkonzert steht kein exzentrischer Teufelsgeiger auf der Bühne, sondern ein Musiker, der sich bescheiden in den Kontext des symphonischen Klanges einfügt und am komplexen motivisch-thematischen Geschehen teilnimmt. Man könnte das Violinkonzert auch als Symphonie mit obligater Violine auffassen: Soloinstrument und Orchester stehen einander nicht kontrastierend gegenüber, sondern beteiligen sich gleichberechtigt am musikalischen Verlauf. Pablo de Sarasate hat es deshalb als "Konzert gegen die Violine" diskreditiert, Claude Debussy meinte gar, das Violinkonzert op. 77 halte das „Monopol der Langeweile“. Die Musikwissenschaft hingegen hat Brahms Gestaltung der Solistenrolle als "bürgerlich-demokratisch" beschrieben und damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

hier

Vielen Dank und liebe Grüße Peter
Gamaheh (18.01.2010, 22:33):
Lieber Peter,

vielen Dank für diesen interessanten Beitrag! Ich würde ihn gerne kommentieren, ich bin nur ein wenig ratlos, wo ich anfangen soll, denn gleich tun sich da diverse Seitenlinien auf ...

Original von Peter Brixius
Als ich mich mit Heines Mein Herz, mein Herz ist traurig beschäftigte, bin ich auf Adornos Aufsatz Die Wunde Heine“(GS 11, 95-100) gestoßen. Hier geht es um eine Virtuosität, die von der kommunikativen Sprache erborgte Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit (98), die einer Tiefe entgegensteht:

Nur der verfügt über die Sprache wie ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist. Wäre es ganz die seine, er trüge die Dialektik zwischen dem eigenen Wort und dem bereits vorgegebenen aus, und das glatte sprachliche Gefüge zerginge ihm. (98)
Ich verstehe hier (wie auch anderswo) Adorno nicht und es drängt sich mir der Gedanke auf, daß er so sehr die Tiefe sucht, daß er eine "kommunikative Sprache" scheut, um nicht Geläufiges und Selbstverständliches zu sagen. Aber entweder ist es mir zu tief, oder es ist - bei allem Respekt - Blödsinn.

Adorno hat diese Leichtigkeit der Produktion mit der Annektion des Alltagslebens durch die kapitalistische Warengesellschaft zu erklären versucht. Das Leben, von dem sie ohne viel Umstände zeugten, war ihnen verkäuflich; ihre Spontaneität eins mit der Verdinglichung. Ware und Tausch bemächtigten sich in Heine des Lauts, der zuvor sein Wesen hatte an der Negation des Treibens.
Leider habe ich nicht die Kenntnis des dialektischen Materialismus, die sich gehörte, und so muß ich das zunächst unkommentiert lassen. Adorno hat sich hier womöglich für die Kunst ein Parallelsystem konstruiert, das durch ersteren alles erklären soll. So wie ich es verstehe, erscheint es mir ein wenig naiv. Wir hatten etwas Ähnliches neulich bereits im Schumann-Faden: Die "Leichtigkeit der Produktion" wage ich zu bezweifeln; ich denke da an einen Kommentar von ich weiß leider nicht mehr wem, der enttäuscht und entsetzt war, als er das Manuskript eines Gedichts von Wordsworth sah ("I wandered lonely as a cloud ..."), das von Streichungen, Verbesserungen usw. nur so wimmelte, wobei sich der Autor die Vorstellung gemacht hatte, daß die Worte dem Dichter gewissermaßen direkt aus dem Herzen in die Feder geflossen waren. Aber darauf will ich hier jetzt nicht eingehen, da es womöglich keine Bedeutung hat. (Aber das wird sich zeigen.)

Symptomatisch tauchen in dieser Argumentation die Nähe von virtuoser Geläufigkeit, kapitalistischer Produktionsweise, mangelnder Tiefe und Judentum auf.
Die Assoziation von Virtuosität und Judentum ist mir neu! Das Zitat von Nietzsche steht ja wirklich als "lapidare" Notiz außerhalb jeden Zusammenhangs, wird aber eine Grundlage haben.

Der Begriff des „Virtuosen“
Dieser Begriff interessiert mich in der Tat sehr. Er ist ja heutzutage meist (aber nicht immer und nicht ausschließlich) negativ konnotiert; dennoch steckt die virtus, die Tugend darin. Ich will aber an dieser Stelle nicht darauf eingehen, denn das würde zu lang, sondern der Gebrüder Grimm Deutsches Wörterbuch (mit Auslassungen) zitieren:

VIRTUOSE , VIRTUOS, m. aus it. virtuoso, seit dem ende des 17. jhs. aufkommend: un virtuoso ein tugendbegabter, wird in Italien von sprach- und exercitienmeistern, poeten, operateurs, alchimisten, musicanten, mahlern, bildhauern und dergl. gesagt; un gran virtuoso, ein groszer, hochbegabter künstler, item ein hochgelehrter KRAMER virtuose musicus qui vix habet parem APINUS gloss. (1728) 545; MATTHESON vollk. capellmstr. (1739) 98; virtuose, eine person, die in einer gewissen kunst und wissenschaft andre übertrifft, und darin excellirt JACOBSSON technol. wb. 4, 546b; KINDERLING dagegen übersetzt virtuose durch tonkünstler (reinigk. d. deutsch. spr. 226, 1795). die verkürzte form ist sehr häufig geworden:

1) das wort hat seinen gebrauch in sehr eigenthümlicher weise verändert. als grundbedeutung gilt jetzt durchaus die musikalische; wenn virtuos auch in freiester weise auf alle möglichen gebiete übertragen wird, so empfindet man doch immer die engere bedeutung mit, und diese wird ohne weiteres angenommen, wenn keine nähere bestimmung dabei steht. ferner kann sich die bedeutung in neuerer sprache leichter verschlechtern. ansätze zur verschlechterung sind von anfang an da, als vom italienischen her die vorstellung des zurschaustellens des könnens sich leicht mit dem worte verbindet. in älterer sprache wird virtuos dem dilettanten als künstler von beruf und nach seiner überragenden leistung gegenübergestellt: ein virtuos unter liebhaber GÖTHE 17, 98 W.; sehr oft wird gerade in neuerer zeit der virtuos dem künstler gegenübergestellt, als der zwar das technische in aller vollkommenheit beherrschende, aber der auffassung und des genius ermangelnde.

(vgl. 9, 70: virtuosen = enthusiasten der tugend s. unten virtuosität). mi ...
3) im engeren sinne vom ausübenden musiker; in älterer sprache weniger leicht als heute mit dem tadelnden nebensinn des äuszerlichen könnens.

Übrigens wird hier ausgerechnet Heine mit diesen Versen zitiert:

das sind keine virtuosen,
die entweiht jemals für lohngunst
die musik, sie blieben stets
die apostel heil'ger tonkunst
Das hat Adorno wohl nicht ernst genommen.

Hier ist übrigens zu bemerken, daß nicht nur das Wort "Virtuose", sondern auch "Dilettant" (einer, der delektiert, also sich oder andere erfreut) eine semantische Verschechterung erfahren hat.

Die negative Konnotation von "Virtuos" gab es übrigens schon zu Anfang des 19. Jh. bei Hoffmann, der in den Kreisleriana den „Milo, ehemals Affe, jetzt privatisierender Künstler und Gelehrter“ in einem Brief an seine Freundin Pipi schreiben läßt:

„Du kennst, meine Süße, die etwas länglichen Finger, welche mir die Natur verliehen; mit denen spanne ich nun Quartdezimen, ja zwei Oktaven, und dies, nebst einer enormen Fertigkeit, die Finger zu bewegen und zu rühren, ist das ganze Geheimnis des Fortepianospiels. In kurzer Zeit habe ich es so weit gebracht, daß ich mit beiden Händen in zweiunddreißig – vierundsechzig – einhundertachtundzwanzig – Teilen ohne Anstoß auf und ab laufe, mit allen Fingern gleich gute Triller schlage, drei, vier Oktaven herauf und herab springe, wie ehemals von einem Baum zum andern, und bin hiernach der größte Virtuos, den es geben kann.“

(wird fortgesetzt)
Darauf hoffe ich !

Beste Grüße,
Gamaheh
Heike (18.01.2010, 23:20):
Hallo,
Nur der verfügt über die Sprache wie ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist. Wäre es ganz die seine, er trüge die Dialektik zwischen dem eigenen Wort und dem bereits vorgegebenen aus, und das glatte sprachliche Gefüge zerginge ihm. (98)
In der Tat wäre es interessant zu wissen, in welchem Kontext dieses Zitat steht. So ganz singulär dahingesagt würde ich das auch nicht unterschreiben.
Heike

P.s. Adorno hat schrecklich anstrengend zu lesende Sachen geschrieben, aber ich mag ihn trotzdem, denn er hat auch sooo schöne und kluge Sätze formuliert .... aber das wäre ein anderes Thema.