'Abscheulicher, wo eilst du hin...' - eine Arie und ihre Interpretinnen

Falstaff (10.04.2017, 22:47):
Die große Szene der Leonore aus Beethovens Fidelio. Auch hier wieder das klassische Arienschema: Rezitativ, Arie, Stretta. Hier nun zunächst der Abscheu über die gegenwärtige Situation und dann, anders als bei Florestan, in Arie und Stretta die sich steigernde Vision.

Und so ist mir bei den Interpretinnen besonders wichtig, dass sie diese Verzückung, diesen Glauben an die bessere Zukunft in Arie und Stretta ausdrücken können. Aber auch die möglichen Zweifel und Ängste.

Für mich gibt es vier wirklich grandiose Vertreterinnen dieser Arie. Ich beginne einfach einmal chronologisch.



Einmal die vollständige Version unter Toscanini in einer unterirdischen Tonqualität (Salzburg 1936) und dann die berühmte 1927iger Aufnahme der Arie und Stretta.

Die Lehmann einmal mehr, weil ich wenige Sängerinnen kenne, die mit solch einer Ehrlichkeit und Schlichtheit tiefste Emotion und zugleich eine humane Vision mit ihrer Stimme 'rüberbringen' konnten.

Das ist einerseits so unaufgeregt und anderseits ergreifend. Das ist schlichtweg eine Sternstunde.

:hello Falstaff
Falstaff (10.04.2017, 22:58):


Meine 2. Favoritin mit dieser Arie. Kirsten Flagstad kann man einmal 1941 unter Bruno Walter und auch 1950 unter Furtwängler erleben. Will man sie aber in vokalen Hochzeit erleben, sollte man unbedingt zur '41iger-Aufnahme greifen.

Es ist immer wieder erstaunlich wie diese Hochdramatische mit dieser Riesenstimme das Volumen zurücknehmen konnte, wie sie einfache, schlichte Linien präsentieren konnte, voller Gefühl, geradezu voller Anmut. Jedenfalls aber voller Erschütterung. Natürlich gelingt ihr die Stretta in dieser Szene am besten. Da kann sie ihre Stärken wunderbar ausspielen, wobei ich interessant finde, dass sie das abschließende 'C' nicht mit voller Bruststimme nimmt.

:hello Falstaff
Falstaff (10.04.2017, 23:07):


Nummer 3, chronologisch betrachtet, ist für mich eindeutig Martha Mödl. Hier in der Studioaufnahme unter Wilhelm Furtwängler 1953.
Das ist für mich ganz, ganz große Passion, sicherlich bedingt auch durch das Dirigat von Furtwängler. Das ist aber mit der Mödl jemand, die sich mit allem in diese Arie, in dieses Leben, in diese verzehrende Lebensaufgabe hineinwirft. Das ist Emotion pur bis hin zum strahlenden 'C'.
Dazu ein Timbre, aber das ist mein eigenes Ding ;) , das mich wirklich immer wieder zutiefst erschüttert und begeistert, nach dem ich geradezu süchtig bin.

:hello Falstaff
Falstaff (10.04.2017, 23:12):


Und dann natürlich als Nummer 4 die legendäre Christa Ludwig in einer Partie, die sie nicht lange gesungen hat. Aber wäre es auch nur dieses eine Mal unter Klemperer im Studio gewesen, sie hätte für alle Leonoren-Zeiten ihre Spur hinterlassen. Das ist so klangschön, so ausdrucksvoll, so hingebend, so leuchtend, so groß!

:hello Falstaff
Hosenrolle1 (10.04.2017, 23:32):
Gerade die Partitur angesehen; wenn ich das richtig sehe, hat das Stück 3 Tonarten, in dieser Reihenfolge:

g-moll / c-dur / e-dur / c-dur

g-Moll ist "Abscheulicher, wo eilst du hin".
C-Dur ist "Doch toben auch wie Meereswogen"
E-Dur ist "neu besänftigt wallt mein Blut"
C-Dur für zwei Takte nach "die Liebe wird´s erreichen"
E-Dur bei "Ich folg dem innern Triebe"


Auch hier passen die Beschreibungen der Tonarten ganz gut!

g-Moll: Missvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einemverunglückten Plane; missmutiges Nagen am Gebiss; mit einem Worte, Grollund Unlust.

C-Dur: ist ganz rein. Sein Charakter heißt: Unschuld, Einfalt, Naivität,Kindersprache. ("leuchtet mir ein Farbenbogen")

E-Dur: Lautes Aufjauchzen, lachende Freude, und noch nicht ganzer,voller Genuss liegt in E dur.




LG,
Hosenrolle1
Cavaradossi (11.04.2017, 11:10):
Lieber Falstaff,

nach der großen Florestan-Arie jetzt die der Leonore, das macht Sinn.

Für mich gibt es da zwei absolute Favoriten, und zwar als Nr. 1 diese:

Elisabeth Schwarzkopf, mit dem Philharmonia Orchestra London, Dirigent: Herbert von Karajan (Aufnahme: London 20.9.1954).
Sicher keine "geborene" Leonore, ist das für mich eine Version, die der Erfüllung ganz nahe kommt! :down :down :down :down :down

und Nr. 2 ist diese:

Christa Ludwig in der GA unter Otto Klemperer, mit einem erstklassigen Ambiente (Aufnahme: London Febr./März 1962). :down :down :down :down
Was diese Aufnahme betrifft, so stimmen wir ganz überein. Die Versionen mit Lotte Lehmann und Kirsten Flagstad kenne ich leider nicht.

LG :hello Cavaradossi
Falstaff (11.04.2017, 21:58):
Elisabeth Schwarzkopf, mit dem Philharmonia Orchestra London, Dirigent: Herbert von Karajan (Aufnahme: London 20.9.1954).
Sicher keine "geborene" Leonore, ist das für mich eine Version, die der Erfüllung ganz nahe kommt!
Lieber Cavaradossi, als bekennender Schwarzkopfianer kann ich dir da eigentlich nur zustimmen. Mit zwei Einschränkungen. Ich finde zunächst das Tempo der Arie zu schnell und dann fehlt mir in ihrem Gesang tatsächlich ein wenig die menschliche Wärme.

LG Falstaff
Cavaradossi (12.04.2017, 10:23):
Lieber Falstaff,

da auch ich bekennender Schwarzkopfianer bin, liegen wir in unserem Urteil gar nicht so weit auseinander. Die große Elisabeth war ja bekannt für eine gewisse Kühle, und das macht sich auch hier wieder bemerkbar. Das ändert aber nichts an ihrem herrlichen Gesang. Allein ihr "so leuchtet mir ein Farbenbogen" ist zum Niederknien. Nun war Schwarzkopf von Hause aus eher eine Marzelline als eine Leonore, sie hat die Rolle auch nur wenige Male auf der Bühne verkörpert, so z.B. in Covent Garden (1954, also zum Zeitpunkt der Aufnahme).
Was das Tempo angeht, so ist natürlich der Dirigent verantwortlich. Mir persönlich erscheint Karajans Gangart nicht zu rasch. Ich habe jetzt mal alle mir vorliegenden Versionen verglichen, und das sieht so aus:

Schwarzkopf/Karajan 7.40 min.
Dernesch/Karajan 7.34 min.
Mödl/Furtwängler 7.57 min.
Ch.Ludwig/Klemperer 8.39 min.
Janowitz/Bernstein 8.12 min.
Jones/Böhm 7.20 min.

Erstaunt hat mich, daß sogar Furtwängler nur unwesentlich langsamer ist als Karajan, der bei Dernesch sogar noch flotter unterwegs war. Böhm ist von allen (mir vorliegenden) der schnellste, was mich noch mehr verwundert hat. Allerdings ist Gwyneth Jones als Leonore (für mich) gewöhnungsbedürftig.
Tempomäßig dürfte Dir Christa Ludwig mit Klemperer am nächsten stehen, sie bringt auch die Portion menschliche Wärme mit, die man bei Schwarzkopf vermißt.
Bernstein liegt im Tempo nahe bei Klemperer, aber die von mir sehr verehrte Gundula Janowitz singt zwar mit Verve, doch gerät sie hier an ihre Grenzen, wenn nicht z.T. darüber hinaus. Die Leonore war sicher nicht ihre Paraderolle.

LG :hello Cavaradossi
Cavaradossi (12.04.2017, 10:39):
Eine Aufnahme habe ich total vergessen, deshalb ein Nachtrag:

Leonie Rysanek/Ferenc Fricsay: 7.05 min.

aus der GA von 1957. Das ist neuer Geschwindigkeitsrekord!

Die Doppel-CD ist beim großen Urwaldfluß z.Zt. für € 1,99 (gebraucht) zu ergattern. Eine der ersten Stereo-Aufnahmen der DGG. Sehr empfehlenswert (nicht nur wegen Rysanek).

Gruß, Cavaradossi
Cavaradossi (12.04.2017, 17:35):
Hier noch eine interessante Leonoren-Arie, die mir - halb vergessen - soeben beim Stöbern in die Hände fiel:


Hanne-Lore Kuhse (1925-1999), mit der Dresdner Philharmonie, Dirigent: Kurt Masur (Aufnahme: Dresden 1968).
Auch sie zählt zu den Interpretinnen mit recht flotter Gangart: 7.18 min.
Durch die Zeitumstände bei uns kaum bekannt, war Kuhse eine dramatische Sängerin, die ihr Wirken hauptsächlich auf die damalige DDR beschränkte (Gera, Schwerin, Leipzig, Ost-Berlin). Mir war sie nur in einer GA von Tiefland (als Marta) einmal begegnet und angenehm aufgefallen. Sie singt die Leonoren-Arie eindrucksvoll, mit großer Verve, und braucht sich hinter bekannteren Kolleginnen nicht zu verstecken. Die abgebildete CD bietet ein interessantes Programm.

Im übrigen freue ich mich, daß meine umfangreiche Opernsammlung durch die neuen Threads noch einmal zu ungeahnten Ehren kommt. Jahrelang hat sie ein Schattendasein neben meinen Konzertaufnahmen geführt. Die Beschäftigung mit einzelnen Stücken ist eine Herausforderung, nach den alten Schätzen zu kramen. Da kommt richtig Freude auf!

LG, Cavaradossi
palestrina (12.04.2017, 18:05):
Eine Aufnahme habe ich total vergessen, deshalb ein Nachtrag:

Leonie Rysanek/Ferenc Fricsay: 7.05 min.

aus der GA von 1957. Das ist neuer Geschwindigkeitsrekord!

Die Doppel-CD ist beim großen Urwaldfluß z.Zt. für € 1,99 (gebraucht) zu ergattern. Eine der ersten Stereo-Aufnahmen der DGG. Sehr empfehlenswert (nicht nur wegen Rysanek).

Gruß, Cavaradossi
Hallo Cavaradossi, irgendwie ist das aber nicht die Rysanek wie wir sie kennen und lieben, es liegt vielleicht an der ganzen Anlage dieser GA, die nicht so ganz glücklich macht ? Oder?

LG palestrina

Oh ja, die Kuhse höre ich mir jetzt auch mal an ! :)
Cavaradossi (12.04.2017, 18:43):
irgendwie ist das aber nicht die Rysanek wie wir sie kennen und lieben
Hallo palestrina,

da bin ich jetzt ein bißchen überrascht. Mir gefällt die Rysanek als Leonore ganz ausgezeichnet, habe soeben ihre große Arie zweimal hintereinander angehört, und dann noch das Duett "O namenlose Freude" mit Ernst Haefliger. Selbst das rasche Tempo beeinträchtigt m.E. ihren Gesang, in dem Jürgen Kesting allerdings "farbliche Valeurs" vermißt. Ich kann das nicht nachempfinden. Hingegen meint Karl Schumann zu ihrer Leonore: ".... eine edle Nervosität lag in ihrer Diktion und verdeutlichte die geradezu übermenschliche Anspannung, .... das Äußerste für die Rettung Florestans zu wagen". So ähnlich ist auch mein Eindruck.

Nun kenne ich von Rysanek wenig aus ihren Domänen Wagner und R. Strauss, lediglich der "Rosenkavalier"-Querschnitt unter Schüchter (1956) mit Grümmer u. Köth liegt mir vor. Da singt sie die Marschallin. Und was Wagner anbelangt, so habe ich den "Holländer" unter Dorati (Decca) und ein altes EMI-Recital:

mit Mono-Aufnahmen von 1952 und 1955. Da finde ich sie ganz großartig als Aida (deutsch gesungen). Außerdem habe ich den MACBETH unter Leinsdorf (RCA), wo sie eine herrliche Lady singt.

Welche Aufnahmen von Rysanek schätzt und liebst Du ganz besonders?

LG, Cavaradossi
palestrina (12.04.2017, 20:28):
irgendwie ist das aber nicht die Rysanek wie wir sie kennen und lieben
Hallo palestrina,
da bin ich jetzt ein bißchen überrascht. Mir gefällt die Rysanek als Leonore ganz ausgezeichnet, habe soeben ihre große Arie zweimal hintereinander angehört, und dann noch das Duett "O namenlose Freude" mit Ernst Haefliger. Selbst das rasche Tempo beeinträchtigt m.E. ihren Gesang, in dem Jürgen Kesting allerdings "farbliche Valeurs" vermißt. Ich kann das nicht nachempfinden. Hingegen meint Karl Schumann zu ihrer Leonore: ".... eine edle Nervosität lag in ihrer Diktion und verdeutlichte die geradezu übermenschliche Anspannung, .... das Äußerste für die Rettung Florestans zu wagen". So ähnlich ist auch mein Eindruck.

Nun kenne ich von Rysanek wenig aus ihren Domänen Wagner und R. Strauss, lediglich der "Rosenkavalier"-Querschnitt unter Schüchter (1956) mit Grümmer u. Köth liegt mir vor. Da singt sie die Marschallin. Und was Wagner anbelangt, so habe ich den "Holländer" unter Dorati (Decca) und ein altes EMI-Recital:

mit Mono-Aufnahmen von 1952 und 1955. Da finde ich sie ganz großartig als Aida (deutsch gesungen). Außerdem habe ich den MACBETH unter Leinsdorf (RCA), wo sie eine herrliche Lady singt.

Welche Aufnahmen von Rysanek schätzt und liebst Du ganz besonders?

LG, Cavaradossi
Hallo Cavaradossi, mir erscheint sie singt mit gebremsten Schaum, ich möchte nicht sagen daß das nicht gut ist, aber es fehlt das Quetschen Rysanek! ;)
Z.B. von 1950 gibt es eine Aufnahme der Arie vom Saarländischen Rundfunkorchester unter R.Michl, das ist ganz anders und dazu noch 7 Jahre früher, das ist wirklich gut gesungen a la Rysanek!

Toll finde ich ihre Sieglinde und vor allem ihre Kaiserin in der FroSch, die Rezia im Oberon, auch ihre Chrysothemis, Senta, später ihre Herodias und vorallem ihre Küsterin in Jenufa!
Ja die Eröffnungs Aida von '55, und bei der Lady gibt es Live Dokumente die mir etwas besser gefallen! ;)

LG palestrina
palestrina (12.04.2017, 22:34):
Hier noch eine interessante Leonoren-Arie, die mir - halb vergessen - soeben beim Stöbern in die Hände fiel:


Hanne-Lore Kuhse (1925-1999), mit der Dresdner Philharmonie, Dirigent: Kurt Masur (Aufnahme: Dresden 1968).
Auch sie zählt zu den Interpretinnen mit recht flotter Gangart: 7.18 min.
Durch die Zeitumstände bei uns kaum bekannt, war Kuhse eine dramatische Sängerin, die ihr Wirken hauptsächlich auf die damalige DDR beschränkte (Gera, Schwerin, Leipzig, Ost-Berlin). Mir war sie nur in einer GA von Tiefland (als Marta) einmal begegnet und angenehm aufgefallen. Sie singt die Leonoren-Arie eindrucksvoll, mit großer Verve, und braucht sich hinter bekannteren Kolleginnen nicht zu verstecken. Die abgebildete CD bietet ein interessantes Programm.


LG, Cavaradossi
Hallo Cavaradossi, alles stimmt!! :thumbsup: Auch hatte die Kuhse diese jubeln in der Stimme!
Sie fand auch damals im Osten nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit, da gab es schlechtere die aber bevorzugt wurden!
Ich habe die Kuhse über eine Tristan Aufnahme kennen und lieben gelernt, aus Philadelphia vom 25.1.1967
mit Ernst Gruber als Tristan und R.Vinay als Kurwenal, wegen ihm habe ich die Aufnahme damals gekauft.

Ja, auch der Rest auf der CD ist allererste Sahne!!


Ich habe es mit diesem Original Cover!

Noch eine dicke Empfehlung von mir, die Lieder CD mit den VlL von Strauss und den Wesendonck-Liedern!

LG palestrina
Falstaff (12.04.2017, 23:38):
Eine Aufnahme habe ich total vergessen, deshalb ein Nachtrag:

Leonie Rysanek/Ferenc Fricsay: 7.05 min.
Lieber Cavaradossi, Rysanek kenne ich von dieser her:



Da dauert es dann 7:43. Aber letztlich sagen die Zeiten nicht so viel. Mir ging es v.a. um das Tempo der Arie. Schön trotzdem deine Aufstellung, weil sie einmal mehr zeigt, dass Furtwängler (und das wird ihm ja gerne unterstellt) noch längst nicht der Langsamste ist. :)

LG Falstaff
Falstaff (12.04.2017, 23:44):
Hallo Cavaradossi, mir erscheint sie singt mit gebremsten Schaum, ich möchte nicht sagen daß das nicht gut ist, aber es fehlt das Quetschen Rysanek!
Lieber Palestrina, die GA kenne ich nicht, aber in der von mir geposteten Live-Aufnahme von 1957 ist sie ziemlich klasse. Das hat diesen Verve, dieses sich in eine Rolle Hineinschmeißen, das wir ja alle an der Rysanek so lieben. Aber das ist sicherlich auch der Live-Situation zu danken, in der sie immer besonders aufblühte.

LG Falstaff
Cavaradossi (13.04.2017, 10:52):
Lieber Falstaff, die Jochum-Aufnahme kenne ich nicht (Mitschnitte sind nicht so mein Ding). Deshalb kann ich nicht vergleichen.
Mir gefällt die Rysanek in der Fricsay-Aufnahme sehr gut, habe sie heute morgen noch einmal gehört. Aber es ist gut möglich, daß sie in anderen Partien noch mehr Biß zeigen konnte.

LG Cavaradossi