„Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen“

Heike (22.02.2010, 22:17):
„Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen“ sagte einst Robert Schumann.

"Populär und postmodern: Vor 200 Jahren wurde Frédéric Chopin geboren. Bis heute tut sich die Musikwelt mit seiner Radikalität schwer.", das schreibt heute der Tagesspiegel : Frédéric Chopin: Der ferne Freund

Da er nun heute (oder doch erst nächste Woche?) Geburtstag feiert, wird es wohl Zeit, ihm einen Komponistenthread zu widmen.
Mögt ihr Chopin oder nicht? Ich als Klaviermaniac komme ja nicht an ihm vorbei und habe etliches von ihm im Schrank, was ich immer wieder gern höre.

Meine Favoriten:
- die Preludes, bei denen man in wahnwitzig kurzen Intervallen durch Stimmungen und Tempi rast,
- die virtuosen Balladen und Scherzi, die zu so vielen verschiedenen Interpretationen einladen,
- die b moll Sonate - weil sie einfach genial gruselig ist.

Heike
Fairy Queen (22.02.2010, 22:53):
Liebe Heike, ich habe gerade heute abend im Radio eine Neuentdeckung gemacht: Chopin als Liedkomponist. Es gab in musique 3 ein Konzert mit einem portugiesischen Pianisten, der Etuden von Chopin spielte(Pizzarho oder so ähnlich, ich verstehe leider nciht immer Alles, wenn das Radio läuft, da ich noch andere Dinge daneben tun muss) und dann sang eine Sopranistin in polnisch Lieder von Chopin, wunderschön!!!!! :engel
Ganz allgemein:ich liebe Chopin und habe mich auch im literarischen Umfeld viel mit seiner Geschichte mit George Sand befasst.
Die arme Sopranistin Jenny Lind, die schwedische Nachtigall, war unsterblich und unglücklich verliebt in ihn und der arme Hans Christian Andersen wiederum unsterblich und noch unglücklicher in sie. Das ist Alles genauso melancholisch und poetisch wie seine Musik
In Valdemossa auf Mallorca, dem Domizil von Sand/Chopin war ich auch schon.
Im Moment höre ich Chopin mit Arthur Rubinstein und als Kontrast dann mit Alexandre Tharaud.
Die Klavierkonzerte mag ich nicht so, aber die Klaviersoli überwiegend sehr. Pauline Viardot, die sehr gut mit Chopin befreundet war, hat einige Walzer und Mazurken zu Liedern verarbeitet- man kann also Klaviermusik von Chopin auch singen!
Also was mich angeht: Lieben Sie Chopin? Ja! Er ist der Bellini der Klaviermusik und wer Bellini liebt, muss Chopin auch lieben.

F.Q.
Heike (23.02.2010, 08:00):
Chopin und Lied? Das war mir auch völlig neu.

Übrigens habe ich mir schon immer vorgenommen, irgendwann mal Kurzuralub in Warschau und Valdemossa zu machen und auf Chopins Spuren zu wandeln. Welche Bücher würdest du denn empfehlen, um den Lebens- und rührenden Liebesgeschichten nachzuspüren? Ich tue mich imer schwer mit der Auswahl, wenn es relativ viel gibt.
Heike
ab (23.02.2010, 09:14):
Ich bin jedem ewig dankbar, der mir sagen kann, was ich an meiner Höreinstellung ändern muss, dass sich mir endlich die Musik Chopins erschließt, dass mich seine Werke zu berühren vermögen.

Chopin geben ich wieder und immer wieder eine Chance, es gibt auch einzelne Interpreten, bei denen ich mir seine Musik durchaus auch ohne genervt zu werden anhören kann; aber wirkliche angesprochen werde ich bislang immer noch nicht.

Weil nun alle Welt Chopin liebt, muss ich also irgend etwas falsch machen.
Aber was? ?(

Irgendwie verzweifle ich an Chopin :A
Honoria Lucasta (23.02.2010, 10:35):
@ ab

Ich glaube nicht, daß alle Welt Chopin liebt - ist diese Aussage nicht manchmal einfach ein Reflex, der der nachhaltigen, ehrlichen Prüfung nicht in jedem Fall standhält?

Ich jedenfalls mag seine Konzerte für Klavier und Orchester, ich habe seine Lieder (sind ja nicht so viele) ganz gern, wenn auch mit Mühen und nur nach Aussprachetraining durch eine Muttersprachlerin, gesungen und höre ab und an seine Werke für Klavier solo. Je nachdem, welcher Pianist da spielt, beschleicht mich aber bisweilen das Gefühl, daß das gerade gespielte Stück eine sehr vertrauliche Angelegenheit zwischen Komponist und Künstler ist: die daraus entstehende etwas versponnene Atmosphäre erschwert mir jedenfalls oft den Zugang - als ob ich störte...
Beethoven und Schumann erscheinen mir mit ihrer Klaviermusik als dem Hörer grundsätzlich zugewandter. Vielleicht fällt es leichter, sich von Chopins Musik berühren zu lassen, wenn man diesen inneren Vorbehalt kennt, einkalkuliert und vielleicht nicht dasselbe erwartet wie bei Werken von Komponisten, die erkennbar deutlicher in ihren musikalischen Aussagen sind .

Grüße!

Honoria
Fairy Queen (23.02.2010, 10:50):
Liebe Heike, ich wusste, dass es Lieder gibt, hatte sie aber noch nie gehört. Lohnt sich allemale!
Was die Salongeschichten und Lovestories des 19JH angeht habe ich Alles in frz gelesen und kann leider keine deutschen Empehlungen geben. Ich glaube aber " Das Leben der George Sand" von André Maurois hatte ich schon lange vor meiner Exilierung zuerst in deutsch gelesen. Ob es das noch gibt? Eine ausführliche Biographie, i nder Chopin entsprechenden Raum nimmt.
Ich habe mich intensiv mit der Biographie von Pauline Viardot (Musikerin, Sängerin, komponistin, Salon-Betreiberin, mit Allen die Rang und Namen hatten) befasst und da sie sehr gut mit George Sand und Chopin befreundet war, kam er in den Büchern auch öfter vor. Aber leider eben Alles francophon. Im Chopin Jahr gibt es aber sicher viel Neues auf dem deutschen Büchermarkt udn wenn jemand schon etwas empfehlen kann, würde ich mich auch freuen!

Lieber ab, Du bist nciht der Einzige, der mit Chopin nicht zurechtkommt, mach Dir da bloss keine Sorgen!
Ich habe subjektiv den Eindruck, dass eher Männer Probleme mit dieser Musik haben,kann mich da aber irren und will keine Vorurteile schüren.
Die allgegenwärtige Melancholie ist auch nciht jedermanns Sache und kann einem schnell als Masche erscheinen und auf die Nerven gehen.
Ich kann mich da sehr gut reinfallenlassen weil ich sie glaubhaft finde, und da ich in der Musik ohnehin eine Prioritât fürs Melodische, und für die kleine Form habe, passt mir Chopins Solo-Klavierwerk gut. Aber wer Symphonisches, formale Vielfalt und grosse Werke mag, ist bei Chopin schlecht bedient. Ich finde ja schon seine Klavierkonzerte nciht sonderlich ansprechend und Kammermusik o.A. gibt es kaum.
Warum willst du denn Chopin mögen?
Um zum Club zu gehören? :D

F.Q.
ab (23.02.2010, 10:52):
Original von Honoria Lucasta
Je nachdem, welcher Pianist da spielt, beschleicht mich aber bisweilen das Gefühl, daß das gerade gespielte Stück eine sehr vertrauliche Angelegenheit zwischen Komponist und Künstler ist
...
Beethoven und Schumann erscheinen mir mit ihrer Klaviermusik als dem Hörer grundsätzlich zugewandter. Vielleicht fällt es leichter, sich von Chopins Musik berühren zu lassen, wenn man diesen inneren Vorbehalt kennt, einkalkuliert und vielleicht nicht dasselbe erwartet wie bei Werken von Komponisten, die erkennbar deutlicher in ihren musikalischen Aussagen sind .


Verstehe ich Dich richtig? Du meinst, Chopins Musik ist eigentlich nicht wirklich zum Zuhören gemacht, sondern gilt der Intimität des einzelnen Interpreten. Diese sei eigentlich etwas sehr Privates, und in Achtsamkeit auf diese Intimität könne sich womöglich ein Zugang erschließen, mehr, als wenn man sich auf das Werk konzentriert. Ist etwas in dies Richtung gemeint?
Honoria Lucasta (23.02.2010, 10:58):
Ja, so habe ich es gemeint. Du kannst es ja besser erklären als ich: was mühe ich mich dann so ab :wink?

Grüße!

Honoria
ab (23.02.2010, 11:00):
Original von Fairy Queen
Warum willst du denn Chopin mögen?
Um zum Club zu gehören? :D


Nein, darum geht es mir sicher nicht.
Ich liebe insbesondere Kammermusik und das Klavier. Chopin hat eine Unzahl von Werken komponiert - und wer viel kennt, möchte noch mehr kennen lernen. Er gilt ja als Klavierkomponist par excellence und die meisten Klaviespieler spielen seine Werke auch sehr gerne (Männer womöglich noch mehr als Frauen ("kann mich da aber irren und will keine Vorurteile schüren"); also vermute ich, dass da etwas dahinter ist, was mir einfach (noch) verschlossen ist. Und genau diese wollte ich gerne entdecken. Solches kann nämlich das Leben reicher machen.
:hello
ab (23.02.2010, 11:03):
Original von Honoria Lucasta
Ja, so habe ich es gemeint.

Danke! Ich werde das nächste Mal versuchen, ob ich damit etwas anfangen kann und womöglich Erfolg einfahren kann.

:hello
Fairy Queen (23.02.2010, 12:26):
Lieber ab, zu der Tatsache, dass Männer lieber Chopin spielen hätte ich eine diskussionsfähigeTheorie anzubieten: die Männer müssen einfach irgendwo ihre weiblichen Anteile ausleben und in der Kunst ist das leichter als im Leben. :wink
Hast Du es mal mit der Kammermusik von Chopin probiert? Wenn ja, ist das genauso wie mit dem Klavier? Da muss es zumindest etwas für Cello geben, denn iene sonate habe ich mal in einem Konzert gehört.

Ich kann übrigens gut nachvollziehen, dass man Musik die einen nciht so anspricht, näher erforschen will und verstehen, was daran nicht gefällt. ich habe mal versucht, mich für Beethoven symphonien zu begeistern, weil alle Welt das für den Gipfel der Musik hielt. Der Erfolg war sehr mâssig und das Procedere zeitraubend und anstrengend. Aber zumindest weiss ich nun, was ich nicht mag und was mir immerhin stückweise gefällt.

Da Musikrezeption nicht überwiegend über die rationalen Mechanismen des Gehirn läuft sind da auch viele psychische und sogar achaische Mechanismen involviert und wenn Dich die Stimmung der Chopin-Musik einfach nciht erreicht oder eher negative Assoziationen in Gang setzt, kannst du wenig machen.
Man kann zwar der Ratio befehlen, dass es sich um grossartige Werke handelt die man gefälligst zu respektieren hat und das geht bis zu einem gewissen Grade auch auf aber eben nur bis zu einem gewissen Grade.
Siehe Beethoven und ich.


Übrigens wurde gegen 11Uhr im Radio eine Musikveranstaltung zu Chopin am Samstag in Brussel angekündigt: "Lettre à Chopin" mit Ursula Krieger Mezzo und Claire Chevalier Klavier, ausserdem ein Schauspieler. Es gibt Lieder, Klaviermusik, lesungen aus dem serh reichen Briefschatz Chopins und seinem Umfeld. Es wurden einige Ausschnitte prâsentiert und das klang superinteressant. In einem Brief erzählte Chopin, dass drei Ärzte bei ihm waren, die sienen Auswurf untersuchten. Der erste sagte, er habe noch etwas Zeit zum Leben, der Zweite, er sei kurz vor dem Sterben, der Dritte, er sei eigentlich schon tot.
So makaber das auch ist, Chopin hatte viel Humor solche Situationen zu beschreiben und man sollte seine schwere Krankheit immer mitdenken, wenn man die Musik hört.

F.Q.
Wooster (23.02.2010, 13:13):
Chopin mag im Leben ein "weiblicher" Typ gewesen sein. Auf die Musik trifft das m.E. überhaupt nicht zu, jedenfalls nicht in toto. Natürlich umfasst sie wie bei jedem Großen ein weites Ausdrucksspektrum, auch "Weibliches", aber nicht als dominierenden Aspekt.

Was soll an der As-Dur-Polonaise oder der "Revolutionsetüde" "sanft" oder "soft" sein, von "Höllenritten" wie dem 1. oder 3. Scherzo gar nicht anzufangen... die scheinen mir auch nicht morbide, sondern eine unbändige Kraft auszustrahlen, die sich mit der Schwindsucht höchsten als Kontrast in Verbindung bringen lässt...

@ab:
Ch. Rosens Buch zur Musik der Romantik ist anscheinend endlich in dt. Übersetzung erhältlich. Dort findet sich eine ausführliche "Verteidigung" Chopins: 3 sehr umfangreiche Kapitel, mit vielen anspruchsvollen Analysen, aber die wesentlichen Punkte kriegt man auch mit, ohne diese nachzuvollziehen.

Zum Hören: Sokolov mit den Etudes op.25

:hello

Wooster
ab (23.02.2010, 16:50):
Original von Wooster
@ab:
Ch. Rosens Buch zur Musik der Romantik ist anscheinend endlich in dt. Übersetzung erhältlich.

?(
Ich finde nichts als die letzte gebundene, längst vergriffene, damals sündteuere Ausgabe des Residenz Verlags von 2000.
Charles Rosen: Musik der Romantik

woher stammt Deine Information? :thanks
Wooster (23.02.2010, 17:41):
Original von ab
Original von Wooster
@ab:
Ch. Rosens Buch zur Musik der Romantik ist anscheinend endlich in dt. Übersetzung erhältlich.

?(
Ich finde nichts als die letzte gebundene, längst vergriffene, damals sündteuere Ausgabe des Residenz Verlags von 2000.
Charles Rosen: Musik der Romantik

woher stammt Deine Information? :thanks

Hm. Pech gehabt, sorry für die falsche Fährte, da habe ich wohl konfabuliert...
Ich hatte irgendwie im Hinterkopf, dass es lange gar keine Übersetzung gegeben hatte, bin mir eigentlich sicher, dass ich die englische Ausgabe ca. 2002-03 gekauft habe und nicht nur deshalb englisch, weil die deutsche so teuer gewesen ist, sondern weil es keine gab.
Ich hatte die Erhältlichkeit der dt. Übersetzung daraus geschlossen, dass in einem anderen Forum jemand recht ausführlich zu Chopin daraus referiert hat. Aber das kann auch ein Bibliotheksexemplar gewesen sein. Das ist dann wohl auch die beste Möglichkeit. >90 EUR gebraucht würde ich nicht ausgeben.

Edit: zvab.de hat ein Exemplar ohne CD für EUR 40 + Versand (freilich immer noch teuer, ich habe für die engl. Paperback sicher nicht mehr als 20-25 gezahlt; es ist allerdings ein ziemliches Trumm)

:hello

Wooster
Fairy Queen (23.02.2010, 18:11):
Original von Wooster
Chopin mag im Leben ein "weiblicher" Typ gewesen sein. Auf die Musik trifft das m.E. überhaupt nicht zu, jedenfalls nicht in toto. Natürlich umfasst sie wie bei jedem Großen ein weites Ausdrucksspektrum, auch "Weibliches", aber nicht als dominierenden Aspekt.

Was soll an der As-Dur-Polonaise oder der "Revolutionsetüde" "sanft" oder "soft" sein, von "Höllenritten" wie dem 1. oder 3. Scherzo gar nicht anzufangen... die scheinen mir auch nicht morbide, sondern eine unbändige Kraft auszustrahlen, die sich mit der Schwindsucht höchsten als Kontrast in Verbindung bringen lässt...



:hello

Wooster

Lieber Wooster, ich hatte meine "Theorie eher als etwas provokante Anregung zur Diskussion gemeint und gebe Dir Recht: Chopins Musik ist weder weiblich noch männlich. Der domnierende Aspekt bleibt fûr mich aber die melancholische Grundstimmung und dazu muss man einen Zugang finden, um ihn zu mögen.
F.Q.
ab (23.02.2010, 18:39):
Original von Wooster
Hm. Pech gehabt, sorry für die falsche Fährte
:I
Gamaheh (24.02.2010, 02:07):
Liebe Chopin-Freunde oder die, die es werden wollen,

ich glaube, Erwägungen über das Männliche oder das Weibliche bringen uns hier nicht wirklich weit. Ich wäre übrigens nie auf die Idee gekommen, daß Chopin weiblich war, genauso wenig, wie Brahms, der nach einer seinerzeit von Satie kolportierten angeblichen Studie in einer englischen Fachzeitschrift in Wirklichkeit eine Frau war. Aber davon abgesehen finde ich einen effeminierten, seichten und siechen Chopin (wie er leider zu oft dargestellt wird) abscheulich, genauso wie einen im Morast des Trübsinns watenden Brahms oder einen kindlich-heiteren oder gar kindischen Mozart.

Gerade bei Chopin ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, daß der Interpret ihn ernst nimmt und in ihm die Schönheit, die Eleganz, die Würde und die Noblesse findet, die es in seinen Werken zu finden gibt. Nicht umsonst wurde Chopin von vielen bedeutenden Musikern und Musikliebhabern wie Friedrich Nietzsche und André Gide – um nur zwei zu nennen – bewundert und hatte großen Einfluß auf nachfolgende Generationen von Pianisten und Komponisten (hier ist besonders Debussy zu nennen, der – wie Brahms in Deutschland – eine Ausgabe seiner Werke besorgte und seine eigenen Etüden dem „verehrten Meister“ widmete). Chopin hatte viele Schüler(insbesondere -innen) und begründete praktisch die französische Schule des Klavierspiels (s. Timbrell, Eigeldinger). Artikel wie der im Tagesspiegel fördern meiner Meinung nach übrigens nicht unbedingt das Verständnis.

Chopin legte in seinen Klavierkompositionen besonderen Wert auf Kantabilität und empfahl seinen Schülern, auch Gesang zu studieren. Er hatte größte Bewunderung für Bellini und später Rossini. Die große, lärmende Form der zeitgenössischen Orchestermusik (Berlioz) war ihm zuwider – was er wohl zu Wagner gesagt hätte? (Wahrscheinlich ähnliches wie Gide.) „Ich deute an“, sagte Chopin; „es obliegt dem Zuhörer, das Bild zu vervollständigen.“

Chopin hat eine sehr schöne Cello-Sonate geschrieben, die ein spätes Werk ist (1845/6) und relativ häufig aufgeführt wird. Es gibt auch ein frühes Werk für Cello und Klavier und ein Klavier-Trio (ebenfalls ein Jugendwerk), die ich aber nicht kenne, sowie ein paar weitere frühe (kürzere) Werke für Klavier und Orchester. Von den Liedern weiß ich nur, daß sie existieren. In der Rowohlt-Monographie von Camille Bourniquel heißt es darüber, sie seien „begleitete Melodien, strophisch gebaut, von einer oft naiven und reichlich eng gehaltenen Folkloristik, die man ohne Schaden aus dem Katalog seiner wirklich bedeutenden Werke ausscheiden könnte. Diese Lieder eignen sich sehr wenig für die Singstimme.“ (S. 164 f.) Ich kann das, wie gesagt, nicht beurteilen.

ab, Dir kann ich leider gar nichts empfehlen, da wir ja erfahrungsgemäß ganz unterschiedliche Vorlieben und Kriterien haben, aber glücklicherweise ist ja eine Abneigung gegen Chopin kein wirklich schmerzhaftes Krankheitsbild, und Du kannst wahrscheinlich gut damit umgehen, wie viele mit ihren Allergien: Entweder Du meidest ihn oder Du versuchst Dich zu desensibilisieren (so heißt es, glaube ich) und wartest darauf, daß irgendwann der Funke doch noch überspringt; ein Akt des Willens hilft hier, glaube ich, nicht. Was Honoria sagt, kann ich allerdings auch nicht nachvollziehen: Ich weiß wohl, daß es hermetische Musiker gibt (etwa Pogorelich), aber grundsätzlich sind für mich Beethoven, Schumann oder sonst jemand nicht „deutlicher in ihren musikalischen Aussagen“ als Chopin.

Ich persönlich schätze z.B. Interpretationen von Bolet, Lipatti, Pollini, Bunin oder Bianconi – die Reihenfolge drückt keine Wertung aus, sicher habe ich auch etliche vergessen; die Nocturnes kann ich auch in einer rezenten Einspielung des jungen Ungarn Gergely Bogányi empfehlen.

Habt Ihr Vorlieben bei den Balladen und Scherzi? Ich mag besonders die 3. Ballade und das 2. (oder 4.) Scherzo. Abseits von diesen Gruppen und den Zyklen haben es mir besonders das Prélude op.45, die Fantaisie op.49 (in bestimmten Interpretationen) und natürlich die Barcarolle angetan.

Zu den meisten dieser Werke gibt es übrigens einen eigenen Faden in der Klaviermusik-Abteilung; dort gab es vor längerer Zeit auch schon mal einen Chopin-Faden ...

Nocturne Grüße,
Gamaheh

P.S.:
Bourniquel, Camille. Chopin. Reinbek : Rowohlt, 1959.
Eigeldinger, Jean-Jacques. Chopin vu par ses élèves. Neuchâtel : La Baconnière, 31988.
Gide, André. Aufzeichnungen über Chopin. Frankfurt/M.: Insel-Verlag, 1962.
Timbrell, Charles. French Pianism. White Plains, NY: Pro/Am Music Resources, 1992.

P.P.S.: Der portugiesische Pianist ist wohl Artur Pizarro.
Fairy Queen (24.02.2010, 07:27):
Liebe Gamameh, das ist ein sehr schöner Beitrag.

Das Chopin-Bild eines verweichlichten, schwindsüchtigen und "effeminierten" Musikers hat sicher auch mit der Biographie und deren Rezeptionsgeschichte zu tun.
Die sehr dominante, einflussreiche, gleichzeitig androgyn und mütterlich auftretende Geliebte George Sand hat ihr Übriges dazu getan.

Was die Musikrezption angeht, haben Chopin und Bellini Einiges gemeinsam. Eine ausgesprochene Vorliebe für die Melodie und die Gesangslinie war einfach nicht mehr opportun- Du sagst es ja sehr schön.
Und Bellini wird von seinen Kritiker ebenfalls nicht selten als verweichlicht und unmännlich gesehen. Heine hat ihn sogar "ein Seufzer auf Ballettschuhen" genannt Er ist ebenfalls sehr jung an schwerer, etwas mysteriöser Krankheit gestorben
Soll man daraus nun schliessen, dass der Vorliebe für die Melodie weibliche bzw unmännliche Qualitäten zugeschrieben werden? ?(

F.Q.
Heike (24.02.2010, 08:34):
Lieber ab,
ich mag ganz besonders die Preludes mit Demidenko, die b moll Sonate mit Argerich und die Scherzi mit Pogorelich.

Mich fasziniert es, dass sich bei Chopin oft in ganz kleinen Teilen irre "Kämpfe" abspielen, ich finde das ungeheuer interessant, wie manche Interpreten dem nachspüren und andere nicht.
Heike
Gamaheh (02.03.2010, 16:34):
http://www2.pic-upload.de/thumb/02.03.10/meog7sjqnp.jpg
Gamaheh (04.03.2010, 20:25):
Liebe Chopin-Freunde,

alle Neuerscheinungen und Wiederveröffentlichungen zum Chopin-Jahr bringt qobuz.com hier.

Dort auch die "Retrobiographie" Chopins aus der Feder des Cartoonisten Aurel; davon die neueste Folge:

http://www.qobuz.com/blogs/aurel/files/2010/03/Genie-musical.jpg

Beste Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (21.03.2010, 10:02):
Guten Morgen,
nochmal kurz zu den Chopin-Liedern: ich habe gestern bei einer Generalprobe zu einem Konzert zuhören können, in dem auch zwei Chopin-Lieder zu hören sein werden (Nummer 3 und Nummer 9- die polnischenen Titel sind mir leider ein Rätsel...). Ich finde das zum Dahinschmelzen schön und würde mich wirklich mal um dieses Repertoire kümmern, leider kann ich kein polnisch. :(

Die gestern gehörte frz Sängerin singt, zusammen mit einer Polin, am 26.4. in Bratislava ein reines Chopin Konzert mit allen Liedern von Chopin und den frz sprachigen Mazurken und Duetten, die Pauline Viardot bearbeitet hat. Wenn das nciht so furchtbar weit für mich wäre :I
Ein tolles Programm finde ich! :down
F.Q und schönen Sonntag an Alle!
Wooster (22.03.2010, 15:13):
Gibt es eine empfehlenswerte CD mit Liedern?

Die habe ich nämlich, im Gegensatz zu dem ebenfalls oft vernachlässigten Trio und der Cellosonate noch nie gehört... und weiß auch gar nich recht, wo ich da suchen soll, nach welchen Interpretinnen usw.

:hello

Wooster
Armin70 (22.03.2010, 16:05):
Hallo,

es gibt schon einige CD`s mit Liedern von Chopin:









Diese CD`s kenne ich allerdings alle nicht. Am besten mal reinhören. Auf einigen CD`s werden die Lieder auf polnisch und auf anderen CD`s auf deutsch gesungen.
Fairy Queen (22.03.2010, 21:02):
Danke, lieber Armin für diese Supertipps!!!! :thanks
Heike (22.03.2010, 21:25):
In dieser Box ist übrigens auch eine CD mit den Liedern:



Und zwar die Aufnahmen mit Elzbieta Szmytka, Malcolm Matineau.
Zu meiner Schande muss ich gestehen: ich habe sie noch nicht gehört, aber ich nutze die Gelegenheit, um nochmal Werbung für diese gut bestückte und preiswerte Box zu machen.
Heike
nikolaus (05.06.2010, 17:17):
Auf youtube ist ein live-Mitschnitt des 1. Klavierkonzerts von Chopin aufgetaucht, am 16. Mai diesen Jahres in Wien gespielt von Martha Argerich und dem Wiener Kammerorchester unter Erwin Ortner.

Da wäre ich gerne dabei gewesen. Wie ich finde, ist das eine aufregende, im letzten Satz vielleicht zu aufgeregte Interpretation, die vor Vitalität nur so sprüht. Wenn man bedenkt, dass Martha Argerich heute 69 Jahre alt wird, ist das einfach fantastisch!! :down

1. Satz (1)
1. Satz (2)
2. Satz
3. Satz

Nikolaus
Fairy Queen (07.06.2010, 07:20):
Ich lese gerade ein Buch, das vom "Musée de la Vie romantique" Paris herausgegeben ist und "Fréderic Chopin- la note bleue" heisst. Chopin ist in diesem Salon in der rue Chaptal, der heute zum Museum geworden ist, als Künstler und Freund ein- und ausgegangen. Die Ausstellung zum 200. Jahrestag ist noch bis zum 11. Juli in Paris im Musée de la vie romantique, rue Chaptal, zu sehen und dieses Buch ist ein Kompendium aus verschiedenen Aufsätzen von Fachleuten aus Musik, Literatur und Malerei.. Ein Besuch des Museums "des romantischen Lebens" ist schon allein des Ortes wegen ein Vergnügen, man fühlt sich wahrhaftig in eine andere Welt zurückversetzt- fern aller Grossstadthektik.
Zwischen Literatur, Musik und Malerei wird ein grosser Bogen geschlagen und so ensteht ein sehr universelles aber auch ganz privates Bild des Umfelds in dem Chopin verkehrte, komponierte, auftrat, lebte, liebte und starb. Zahllose Abbildungen, Zitate von Zeitgenossen und eine serh schöne Aufmachung - wer der frz. Sprache mächtig ist und sich für Chopin interessiert, investiert mit 30 Euro hier nciht zuviel.
Ich habe das Buch geschenkt bekommen und weiss leider nciht, ob es nur über die Pariser Museen bestellt werden kann oder im Handel lieferbar ist.
Dazu habe ich dann sinnigerweise gestern Chopin, Etüden und Preludes , gespielt von Alfred Cortot, gehört und bin damit aufs Angenehmste total versackt . F.Q.