Heike (28.05.2009, 08:36): Ist zwar schon 2 Jahre her, aber ich fände es interessant, es hier zu diskutieren:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/141/404919/text/ http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/04/04/AR2007040401721.html (hier gibts ein kl. Video) per Google findet man weitere Artikel
Zusammenfassung: Ein Mann saß in einer U-Bahn-Station in Washington D.C. spielte Geige. Es war ein kalter Januarmorgen. Er spielte 43 Minuten lang sechs Stücke von Bach. Während dieser Zeit der Rush Hour eilten über 1000 Menschen durch die Station eilten - die meisten von ihnen auf dem Weg zur Arbeit.
Ganze 3 Minuten vergingen, als ein Mann mittleren Alters bemerkte, dass ein Musiker spielt. Er verlangsamte seinen Schritt und hielt für einige Sekunden an - bevor er davoneilte, um seinen Zeitplan einzuhalten. Ein paar Minuten später erhielt der Geiger seine erste Dollarspende: eine Frau warf das Geld in die Kasse, ohne ihre Schritte zu unterbrechen. Ein paar Minuten später lehnte sich jemand gegen die Mauer, um ihm zuzuhören. Aber der Mann schaute auf seine Uhr und begann, seinen Weg fortzusetzen. Eindeutig war er für seine Arbeit spät dran.
Die größte Aufmerksamkeit schenkte dem Geiger ein drei Jahre alter Junge. Seine Mutter zog ihn eilig weiter, doch der Junge hielt an und beschaute sich den Geiger. Letztendlich stieß ihn die Mutter kräftig und das Kind setzte seinen Lauf fort, drehte jedoch ständig seinen Kopf. Dieses Verhalten wiederholte sich bei mehreren anderen Kindern. Alle Eltern zwangen sie ohne Ausnahme, sich weiter zu bewegen.
Es hielten nur sechs Personen an und blieben für eine Weile stehen. Ungefähr 20 Leute gaben ihm Geld, setzten jedoch ihren Lauf in normaler Geschwindigkeit fort. Er verdiente $32,17. Als er das Spielen beendete und wieder Ruhe einkehrte, nahm keiner Notiz von ihm. Keiner spendete Beifall, noch gab es Anerkennung.
Keiner wusste, dass dieser Geiger Joshua Bell war. Er spielte einige der schwierigsten Musikstücke, die jemals komponiert wurden – auf einer Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar.
Zwei Tage vor dem Spielen in der U-Bahn verkaufte Joshua Bell im Theater in Boston bei einem Konzert den Sitzplatz für durchschnittlich $100.
Das Spiel von Joshua Bell in der Metro wurde von der Washington Post organisiert als Teil eines Sozial-Experiments über Wahrnehmung, Geschmack und Vorrangigkeiten von Menschen.
ab (28.05.2009, 09:44): Was daran interessierte Dich denn, zu diskutieren? :hello
Heike (28.05.2009, 16:50): Hallo ab, ich wundere mich schon sehr, dass von über 1000 Menschen keiner dabei gewesen sein soll, der bemerkt hat, dass da kein 0-8-15 Straßenmusiker spielt. Außerdem finde ich die Frage ganz allgemein interessant, inwieweit die Umgebung und die Vorurteile unseren (musikalischen) Eindruck bestimmen. Heike
Jürgen (28.05.2009, 17:22): Original von Hebre Keiner wusste, dass dieser Geiger Joshua Bell war. Er spielte einige der schwierigsten Musikstücke, die jemals komponiert wurden – auf einer Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar.
Die schwierigsten Solo-Violinstücke sind nicht unbedingt diejenigen, die Passanten zum Verweilen einladen.
Den Wert dieser Geige hätte ich im Vorbeigehen auch nicht schätzen können.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich Herrn Bell vom optischen Erscheinungsbild her erkannt hätte. Ich kenne ihn eigentlich nur von einem Cover, das hier mal diskutiert wurde. Moment, wurde damals nicht darüber hergezogen, dass er so schlampig gekleidet sei? Vielleicht blieb ja deswegen keiner stehen? Ach hier ist der Link.
Aber Spaß beiseite, ich finde das Ergebnis auch mager. Andererseits, wenn ich in Eile gewesen wäre, wäre ich wohl auch weitergelaufen.
Grüße Jürgen
Gamaheh (28.05.2009, 19:32): Schade, daß ich gerade so wenig Zeit habe - ich finde das sehr interessant und würde es gerne diskutieren. Das ist eine Frage, die mich schon sehr lange beschäftigt (und natürlich nicht nur mich): ob es uns gegeben ist, künstlerische oder ästhetische Qualität unabhängig von der Situation und der eigenen Vorbildung und womöglich noch anderen Einflüssen (Kritiker, Werbung) zu erkennen; mit anderen Worten: ob es hier irgend etwas gibt, was sich der Objektivität nähert (was schlecht ausgedrückt ist - ich meine eigentlich etwas anderes).
Allerdings finde ich den "Versuchsaufbau" etwas unehrlich und manipulativ. Die meisten von uns verfügen nicht frei über ihre Zeit und setzen ihre Prioritäten zumindest zu gewissen Tageszeiten nicht selbst. So ein Experiment in der U-Bahn in der rush hour zu machen, heißt für mich, daß ein bestimmtes Ergebnis gewollt war.
Viel interessanter wäre es, Joshua Bell (oder jeden anderen) vor einem eigenen Konzert in Verkleidung vor dem Konzersaal spielen zu lassen, während die "Luxusgefangenen" in ihre "musikalische Zwangsanstalt" laufen (wie es Debussy ausdrückt). Und dann anzusagen, daß das Konzert leider mit Verspätung beginnen muß, da sich Herr Bell, der bis eben noch auf der Straße gespielt hat, erst noch frischmachen muß.
Grüße, Gamaheh
Heike (29.05.2009, 08:51): Hallo Gamaheh, du hast recht, die von dir beschriebene Versuchsanordnung wäre noch weitaus interessanter gewesen! Im allgemeinen empfinde ich die ungefragte Berieselung mit Musik (egal ob in U-Bahn oder Kaufhaus oder nocn schlimmer in Straßen-Cafes) als Belästigung wie sicher viele andere auch; insoweit haben sie sich schon einen Platz ausgesucht, der nicht zum Zuhören einlädt und wo man morgens vielleicht in Eile oder halb unausgeschlafen vorbeidriftet.
Wenn ich mir das kleine Video ansehe, dann frage ich mich aber doch, wie achtlos wir oft an den kleinen unerwartet schönen Dingen im Alltag vorübergehen. Wenn ich so sehe, wie komplett ohne aufzusehen die meisten Leute an dem Geiger vorbeihasten, da stellt sich mir doch die Frage, ob gute Musik für so viele Menschen so weit weg ist, dass es nicht mal die unwillkürliche Aufmerksamkeit erregt, wenn etwas offensichtlich anderes passiert. Ich hätte Mr. Bell als Person auch nicht erkannt, aber ich meine doch, dass ich aufgehorcht hätte bei diesen Klängen und mich sehr gewundert hätte, sowas in der U-Bahn zu hören.
Interessant finde ich auch, dass ausgerechnet die Kinder aufmerksam wurden. Heike
Cetay (inaktiv) (29.05.2009, 11:10): Mit geht es ähnlich wie ab, ich sehe in diesem Experiment so viele unterschiedliche Botschaften, dass ich gar nicht weiß, wo ich das diskutieren anfangen soll. Wer wäre stehen geblieben? 53% fallen schon mal weg, weil sie Klassik nicht leiden können -> bleiben 470 Davon fallen 70% weg, weil sie die U-Bahn nicht aus Jux und Dollerei aufsuchen, sondern zu einem Termin unterwegs sind. -> bleiben 141 Davon fühlen sich 30% von ungefragter Musikberieselung belästigt -> bleiben 96 Davon kann die Hälfte nicht unterscheiden, ob das Welt- oder Strassenklasse ist -> bleiben 48 Davon steht die Hälfte unter Alkohol oder Drogen -> bleiben 24 Davon ist die Hälfte geistesabwesend, weil sie Ängste und Sorgen in ihren Köpfen wälzen -> bleiben 12 Davon ist ist die Hälfte :ignore -> bleiben 6 Davon kann einer Joshua Bell nicht leiden, weil der nicht weiß, wie man eine Krawatte bindet und ein anderer mag das Stück nicht -> bleiben 4 Davon ist einer nur da, um auszukundschaften, wie man die Nation mal wieder etwas aufschrecken könnte -> bleiben 3 Für die darf sich jeder selbst etwas ausdenken.
Am diskussionswürdigsten ist für mich, dass sich die Menschen durch das Dikat von Arbeit und Terminen so durchs Leben treiben lassen, daß sie für solche Momente nicht mal mehr unwillkürlich einen Sinn entwickeln können. Das geht dann aber in Richtung Systemkritik, was dann doch zu sehr off-topic wäre.
Solitaire (29.05.2009, 11:16): Original von Hebre
Interessant finde ich auch, dass ausgerechnet die Kinder aufmerksam wurden. Heike Meine Freundin ist Musiklehrerin in einer Grundschule. Als sie die "Zauberflöte" durchgenommen haben, hat sie den Kindern mehrere Versionen der Bildnisarie vorgespielt. ALLE Kinder haben, ohne den Namen oder die Geschichte des Sängers zu kennen, Fritz Wunderlichs Version zur schönsten erklärt.
Zur Frage wer stehen geblieben wäre: ich hoffe ich, aber morgens auf dem Weg zur Arbeit, mit überzogenem Konto und einem drohenden Zahnarzttermin am Nachtmittag etc. kann einem die Freude an der Musik auch schonmal abhanden kommen. :J Obwohl...gerade dann braucht man sie ja eigentlich dringend.
Heike (29.05.2009, 14:26): Hallo, ALLE Kinder haben, ohne den Namen oder die Geschichte des Sängers zu kennen, Fritz Wunderlichs Version zur schönsten erklärt. Interessant! Und welch ein Lichtblick! Aber ... wann wird ihnen der gute Geschmack abtrainiert? Heike
Solitaire (29.05.2009, 18:27): Ich denke, die natürliche Begeisterung für und Neugier auf Musik, Theater, ihr instinktiver guter Geschmack etc. wird Kindern nicht aktiv abtrainiert, sondern verkümmert einfach, wenn Eltern nicht darauf eingehen. Er verkümmert wenn Eltern nicht auf die Begeisterung ihrer Kinder eingehen und sie z.B. von einem geigenden Menschen wegzerren, anstatt sich die Zeit zu nehmen, ihm 10 Minuten lang zuzuhören. :S
EinTon (29.05.2009, 21:22): Original von Hebre Hallo ab, ich wundere mich schon sehr, dass von über 1000 Menschen keiner dabei gewesen sein soll, der bemerkt hat, dass da kein 0-8-15 Straßenmusiker spielt.
Nicht alle Straßenmusiker sind 0815er, das sind zuweilen auch arbeitslose Orchestermusiker, das nur mal zur Klarstellung
Ansonsten ist die U-Bahn halt systembedingt kein Ort zum Verweilen, sondern zum Vorwärtskommen (wie schon Dos Orkh sagte) Und auch den, der nicht zu einem baldigen Termin fahren will, lädt eine solche Athmosphäre nicht unbedingt zu ausgedehntem Zuhören ein (ein Fußgängertunnel ist kein gemütlicher Ort zum lange Verweilen und v. a. stört der Lärm der vielen Passanten den "Musikgenuß")
Außerdem finde ich die Frage ganz allgemein interessant, inwieweit die Umgebung und die Vorurteile unseren (musikalischen) Eindruck bestimmen. Heike
Das stimmt, da spielt natürlich auch der Placebo-Effekt eine große Rolle. Siehe Blindtests von Hifikomponenten, bei denen der vorher "gehörte" unglaubliche Qualititätsunterschied eines 10€ und eines 1000€-Kabels dann in ein Nichts zusammenfiel.
Heike (29.05.2009, 23:13): Hallo EinTon, Nicht alle Straßenmusiker sind 0815er, das sind zuweilen auch arbeitslose Orchestermusiker, das nur mal zur Klarstellung Traurig. Heike
EinTon (29.05.2009, 23:32): Angeblich sollen es inbesondere russische Musiker sein, die arbeitssuchend hierherkommen und dann (jedenfalls fürs erste) "auf der Straße" landen. Habe ich jedenfalls mal gehört...
Heike (30.05.2009, 08:39): Hallo, Am diskussionswürdigsten ist für mich, dass sich die Menschen durch das Dikat von Arbeit und Terminen so durchs Leben treiben lassen, daß sie für solche Momente nicht mal mehr unwillkürlich einen Sinn entwickeln können. Diese Frage stellte ich mir auch. Sehen wir noch die kleinen schönen Dinge, die uns jeden Tag begegnen oder sind wir schon so sehr Sklave unsrer Kalender, dass kein Platz für unerwartete Sinnes-Geschenke ist?
Das berührt letztendlich doch auch wieder die Frage: Wieviel Zeit und Ruhe und welche Umgebungsbedingungen brauchen wir eigentlich, um Schönes wie z.B. gute Musik genießen zu können? Geht das auch nebenbei oder wie gelingt es, gezielt Zeit dafür einzuplanen?
Was den von EinTon zitierten Placebo-Effekt angeht: Inwieweit hören wir das, was wir hören wollen oder erwarten zu hören? Ich bin überzeugt, dass Erwartungen einen ganz gewaltigen Teil des Höreindrucks ausmachen. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob das nun eher gut oder eher schlecht ist. Schließlich sagt man ja auch: Vorfreude schönste Freude ..... Heike
Gamaheh (30.05.2009, 12:43): Am diskussionswürdigsten ist für mich, dass sich die Menschen durch das Dikat von Arbeit und Terminen so durchs Leben treiben lassen, daß sie für solche Momente nicht mal mehr unwillkürlich einen Sinn entwickeln können.
Diese Frage stellte ich mir auch. Sehen wir noch die kleinen schönen Dinge, die uns jeden Tag begegnen oder sind wir schon so sehr Sklave unsrer Kalender, dass kein Platz für unerwartete Sinnes-Geschenke ist?
Viele (und immer mehr) Menschen haben existentielle Nöte und Ängste materieller oder anderer Art, die es ihnen gar nicht erlauben, ihre Sinne irgendwoandershin schweifen zu lassen als auf diese.
Im übrigen ist das vermutlich genau das, was dieses Experiment zeigen sollte: Die Menschen haben keinen Sinn mehr für sowas, Verrohung der Sinne, armes Leben, arme Straßenmusiker usw. usw.
Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht: Hier in Hamburg hat die (gute) Straßenmusik in den letzten Jahren leider sehr nachgelassen (vielleicht bin ich auch inzwischen zu abgestumpft, um sie wahrzunehmen?). Wenn die Musik gut ist, bleiben viele Leute für längere Zeit stehen und hören zu (und applaudieren auch). Ich persönlich liebe auch Drehorgelspieler und habe immer ein paar Münzen in der Tasche; nur, daß sie keine Äffchen mehr haben, bedaure ich!
Es gab z.B. eine Gruppe von fünf Blechbläsern des sinfonischen Orchesters (oder so) von Novosibirsk, die jedes Jahr für längere Zeit kamen, und ich bin direkt extra in die Stadt (nicht weit) gegangen, um sie zu hören. Die waren aber nicht arbeitslos, sondern haben sich hier etwas dazuverdient. Zuletzt sagten sie aber, daß den Leuten das Geld nicht mehr so locker sitzt wie einst, daß es sich also nicht mehr lohnt. Die haben ein Repertoire von Bach bis zu den Beatles in eigenen Arrangements gespielt.
Es gab wunderbare (russische) Bandoneon-Spieler, die auf ihren Instrumenten Orgelmusik von Bach gespielt haben - leider auch überwiegend in der Vergangenheit. Zum Teil hat das sicher auch mit der Schikane der Straßenpolizei zu tun, die sie immer weiterschickt, denn es gibt anscheinend ein Gesetz (wofür gibt es keins!), nach dem sie nicht länger als zwanzig Minuten oder so an einem Ort verweilen dürfen.
Ich kannte z.B. einen Straßen-Pianisten, der fuhr sein Instrument in einem Lieferwagen herum, für den er eine Rampe konstruiert hatte. Das war ein verrückter Schotte, der an der Universität Cambridge Verfahrenstechnik oder sowas studiert hatte und dem es gefiel, einige Jahre auf der Straße in Frack und Zylinder Klavier zu spielen. Keine Frage, daß die Leute stehen blieben, ihm Geld gaben und applaudierten!
Wenn die Leute Zeit haben, freuen sie sich daran in genügend großer Zahl, aber nicht, wenn sie Termine haben oder Angst, zu spät zur Arbeit zu kommen - in der U-Bahn in der Stoßzeit. Also keine Sorge: Noch sind die Menschen noch für Musik (und wer weiß für was noch alles!) offen, auch außerhalb der "Zwangsanstalten".
Grüße, Gamaheh
Nicolas_Aine (30.05.2009, 12:53): also ich habe selber mit einem Freund vor einigen Jahren bei uns in der Stadt (~50000 Einwohner) gespielt und erst vor einer Woche wieder angefangen, früher 2 Geigen, jetzt Geige + Kontrabaß. Es bleiben durchaus immer wieder Leute stehen, wenn auch nicht so wahnsinnig, aber rein von den Einnahmen lohnt sich das durchaus, wobei wir als Schüler, die sich etwas dazu verdienen, wohl andere Maßstäbe haben.
Selber bleibe ich eigentlich immer stehen, wenn mich die Instrumentkombination interessiert oder eine Geige dabei ist:D Mich interessiert dann immer, wie gut die "Konkurrenz" ist, und meistens hab ich auch noch ein bisschen Kleingeld übrig.
cellodil (13.07.2009, 18:05): Liebe Heike,
ich hinke hier etwas hinterher, weil in den letzten Wochen nicht nur das Experiment mit Joshua Bell, sondern so ziemlich alles, was mich nicht unmittelbar betroffen hatte, an mir vorbeiging.
Die Idee finde ich zwar ganz hübsch und witzig, aber ich frage mich schon, was für relevante Schlussfolgerungen aus so einem "Experiment" gezogen werden könnten. Mir scheint es auch so, dass die Versuchsanordung (Wahl von Zeit und Ort) doch dazu angetan ist, ein bestimmtes, gewünschtes Ergebnis zu erzielen (andernfalls hätte die Post nämlich gar keine Story gehabt...). Meiner Meinung nach ist so eine Art Versuch albern, unsolide und ohne jede Aussagekraft.
Liebe Grüße
Sabine
Gamaheh (13.07.2009, 20:20): Liebe Sabine!!
Ich freue mich, daß Du aus der Versenkung auftauchst - Du kommst gerade recht!!
Herzliche Grüße, Gamaheh
cellodil (13.07.2009, 22:04): Original von Gamaheh Liebe Sabine!!
Ich freue mich, daß Du aus der Versenkung auftauchst - Du kommst gerade recht!!
Herzliche Grüße, Gamaheh
http://www.smiliegifs.de/SMILIES/Schilder1/137.gif You are so sweet!
Herzliche Grüße
Sabine
cellodil (17.07.2009, 22:06): Wie es der Zufall manchmal so will... Ich habe letzte Woche die Reportage von Radio Bremen, Beethoven, Rap und Träume, gesehen. Darin geht es um ein "Experiment", das ich erheblich seriöser finde und in eine ganz andere (und mir - zugegeben - entschieden sympathischere) Richtung geht...
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen hat vor einiger Zeit einen Probenraum in einer Gesamtschule bezogen. Das Umfeld der Schule ist alles andere als bildungsbürgerlich. Der Film, der übrigens morgen wiederholt wird (Hinweis dazu hier), erzählt, was aus dieser recht ungewöhnlichen Situation räumlicher Nähe zwischen "Problemschule" und Profimusikern bei der täglichen Probenarbeit erwächst. Mich hat das sehr berührt.
Der Unterschied zu dem Experiment mit Joshua Bell liegt für mich darin, dass es hier nicht bloß um eine "gute Story" geht, die vermutlich schon vor dem U-Bahn-Rush-Hour-Versuch feststand (dazu braucht es keine prophetischen Gaben, um den Ausgang unter diesen Bedingungen vorherzusagen), die "kalt" geschrieben wurde (oder hätte geschrieben werden können), sondern dass das in Bremen tatsächlich für alle Seiten ein Abenteuer mit offenem Ausgang war, dass hier ein Raum entstanden ist, der ausgefüllt wird, dass hier ein lebendiger Prozess auf beiden Seiten in Gang gekommen ist.
Liebe Grüße
Sabine
ab (19.07.2009, 13:33): Habe gestern erfahren, dass dem Geiger David Garret in München ähnliches widerfahren ist.
Garret soll sich darüber hinaus auch den "Spaß" gemacht haben, verkleidet für eine Orchesterstelle vorgespielt zu haben und soll dabei desatröse Bewertungen von der Kommission eingesteckt zu haben. Danach, als er sich zu erkennen gegeben hat, soll Betroffenheit geherrscht haben, schließlich war er mit eben diesem Orchester bereits als bejubelter Solist aufgetreten...
:hello
Gamaheh (30.07.2009, 23:01): Gestern mal wieder eine super Russen-Kombo mit Tanzmusik zum Feierabend in der Stadt gehört:
Hier spielen sie gerade "Moon River". Viele bleiben längere Zeit stehen und spendeten Beifall und Kleingeld.
Grüße, Gamaheh
Hosenrolle1 (10.06.2015, 23:32): Ich fand diesen Test von Joshua Bell (der mir absolut nichts sagt) nicht wirklich aussagekräftig.
Die wenigsten Menschen in einer U-Bahnstation können eine Millionen-Dollar-Geige von einer normalen Geige von der Stange unterscheiden, und nicht alle können etwas mit Bach anfangen. Ich zähle mich da dazu.
In dem Bericht steht, dass da viele Menschen schnell vorbeigehen - ja, was erwartet man in einer U-Bahnstation? In ein Konzerthaus gehen die Leute, um sich ein Konzert anzuhören, sie nehmen sich da die Zeit (sofern vorhanden). In einer Station ist das nicht so.
Wäre ich durch diese Station gegangen und hätte man dort irgendeinen Film gezeigt, der mir sehr gut gefällt, wäre ich auch nicht stehen geblieben, weil ich keine Zeit gehabt hätte. Mir ist es nun schon zweimal passiert, dass ich mit der Straßenbahn wo hin musste, und unterwegs eine Blaskapelle spielen sah. Meine Termine erlaubten es da nicht, dass ich aussteige und mir das Konzert anhöre.
Auch ist da die Rede von Kindern, die sich das anschauen wollten. Auch das ist, meiner Meinung nach, nicht wirklich aussagekräftig, denn Kinder haben a) nicht den Stress von Erwachsenen und b) sind sie von vielen Dingen fasziniert. Da braucht nur eine Vogelfeder auf dem Boden liegen, schon bleiben sie stehen und heben sie auf.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (10.06.2015, 23:47): Original von Heike Hallo, ALLE Kinder haben, ohne den Namen oder die Geschichte des Sängers zu kennen, Fritz Wunderlichs Version zur schönsten erklärt. Interessant! Und welch ein Lichtblick! Aber ... wann wird ihnen der gute Geschmack abtrainiert? Heike
Diese Frage bzw. Aussage erinnert mich gerade sehr stark an eine andere Aussage von Joachim Kaiser, der einmal über das Thema "Klassik vs. Popmusik - was ist besser?" redete.
Ich bin froh, dass die meisten hier diesen "Test" kritisch beäugt haben; man darf auch nicht vergessen, Musik ist heute nichts Besonderes mehr, man wird allenthalben davon zugemüllt, von jeder Musik.
Was wir heute oft unangenehm finden ist absolute (und zwar wirklich absolute) Stille - wir sind gewohnt, im Lärm zu leben, obwohl der alles andere als gesund ist.
LG, Hosenrolle1
satie (11.06.2015, 01:59): Zum Bell-Experiment habe ich mal einige aktuelle Statistiken angeschaut. Wenn man davon ausgeht, dass nur um die 16% der Musikhörer klassische Musik hören (in Deutschland), wobei man bedenken muss, dass nur 63% der Bevölkerung überhaupt Musik hören, und dann davon ausgehen muss, dass nur halbwegs geschulte Hörer den guten Geiger erkennen dürften, dann komme ich unter den 1000 auf ca. 4 bis 8 Personen (aufgerundet), je nachdem, ob ich die Hörer nehme, die mehrmals im Monat (7,5%) oder mehrmals in der Woche Klassik hören (3,75%). Selbst zusammengezählt sind es nur 12 von 1000, die sich genügend angesprochen fühlen dürften, um zuzuhören oder gar stehen zu bleiben. Aber das Experiment ist ohnehin wenig aussagekräftig, es müsste zu verschiedenen Tageszeiten an verschiedenen Orten wiederholt werden.
Bei dem Experiment mit den Kindern und Wunderlich frage ich als alter Statistik-Skeptiker natürlich auch gleich: wie sah denn die Versuchsanordnung aus? Und wie die Befragung? Ich weiß, dass Kinder sich nicht lange etwas merken, was sie gerade gehört haben, und wenn Wunderlich der zuletzt gehörte war, dann wäre das schon erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass er genannt wird. War die Aufnahmequalität bei allen Beispielen gleich gut? Wurden Kinder getrennt befragt oder hörten alle die Antwort des zuerst befragten? Oder ging das irgendwie anonym? Die Gefahr diverser übersehener Wahrnehmungsfehler besteht hier auf jeden Fall...
Der Versuch mit Garrett allerdings ist ein klarer Fall. Wenn man die wehende Mähne, die gebleichten Zähne, die haselnussbraunen Augen, den Dreitagebart und die haarlose, trainierte Brust nicht sieht, bleibt da eben nicht mehr viel übrig. Und wer dann endlich auf das miese Geigenspiel achtet, der hört es zum ersten Mal richtig... S.a. hier: http://das-klassikforum.de/thread.php?postid=100740#post100740
Hosenrolle1 (11.06.2015, 15:14): Original von Satie wobei man bedenken muss, dass nur 63% der Bevölkerung überhaupt Musik hören, und dann davon ausgehen muss, dass nur halbwegs geschulte Hörer den guten Geiger erkennen dürften
Genau so ist es.
Ich meine, für jemanden, der ein bestimmtes Instrument nicht spielt und sich auch sonst nicht viel mit dem jeweiligen Instrument beschäftigt, werden schon einfach zu spielende Dinge professionell und toll klingen.
Ich kann mich erinnern, als ich Ende der 90er mit der Gitarre anfing, dachte ich immer, dass das "Thunderstruck"-Intro von AC/DC irrsinnig schwer zu spielen sein muss, so viele Noten, so schnell gespielt.
Tatsächlich ist es aber wahnsinnig einfach zu spielen (obwohl Angus Young es regelmäßig bei Livekonzerten vergeigt), die hohe Geschwindigkeit täuscht, und man hat es ziemlich schnell heraussen.
Nur: für jemanden, der keine Gitarre spielt, ist das wohl etwas hochvirtuoses, etwas bewundernswertes.
Und ich denke, es wird auch Geigenstücke geben, die rein technisch einfach zu bewerkstelligen sind, aber kompliziert und schnell klingen. Da fällt es als Laie sicher auch schwer, unterscheiden zu können zwischen vergleichsweise einfachen Stücken und tatsächlich schwierigen, die schon technische Meisterschaft verlangen.
Und wie du (und andere hier) schon gesagt haben: die Umstände, unter denen so ein Experiment durchgeführt wird, sind nicht aussagekräftig, auch wenn sie gerne zu Glücksratgeber-Sätzen wie "Das Gute liegt oft so nah, aber keiner sieht es" einladen.
Ich kann mich z.B. erinnern, 2006 ging ich über die Kärntner Straße in Wien, und ich hatte KEINEN Termin, sondern habe mir eine CD gekauft. Da war ein Straßenmusikant, ein Klarinettespieler, der gerade den Donauwalzer gespielt hat. Ich vermute mal, dass das ein Student oder so gewesen sein wird, der sich da ein Zubrot verdient hat. Ich bin da stehengeblieben und habe zugehört, und mir auch die nächsten zwei Stücke angehört, bevor ich ihm etwas Kleingeld gegeben habe und wieder gegangen bin. (Sowas unterstütze ich gerne). In dem Moment war ich - wie gesagt - nicht in Eile, hatte keinen Stress und keine Termine.